Die Bruderschaft des Geheimen Feuers

von aruakar
GeschichteAbenteuer, Fantasy / P16
09.01.2013
16.07.2015
14
35066
 
Alle Kapitel
18 Reviews
Dieses Kapitel
noch keine Reviews
 
 Datenschutzinfo
 
 
Ein Sturm kündigte sich an. Finstere Wolken zogen heran, und ein kalter Wind vertrieb die wenigen, denen es zum Baden noch nicht zu kalt war, vom Strand. Ein letztes Mal war die untergehende Sonne durch eine Lücke in den Wolken zu sehen, ein letztes Mal schien der Himmel über der Stadt in Flammen zu stehen, als wäre Ancalagon selbst zurückgekehrt, um die Lande Mittelerdes in eine Aschewüste zu verwandeln. Nur eine einzige Person schien dem Sturm trotzen zu wollen, eine einsame Gestalt inmitten der Felsen, die diesem Landstrich und der Stadt ihren Namen gegeben hatten. Es war ein Junge von etwa 17 Jahren, mit alten, allzu oft geflickten und überaus schmutzigen Klamotten, dem das dunkle Haar bis auf die Schultern reichte.  Sein Name war Jálerh, Sohn von Nérra, dem Bogner, und was er an dem Strand suchte, war weder der Bernstein, der hier ab und an angeschwemmt wurde, noch die wundersamen, blau schillernden Muscheln, die auf dem Markt für gutes Geld verkauft werden konnten. Was er zu finden hoffte, und zumeist auch fand, war Einsamkeit. Einsamkeit und Ruhe vor den Leuten. Er hatte sich schon oft gefragt, wie es alle anderen in dem Gedränge der Stadt nur aushielten. Der Gestank nach altem Fisch und noch älterem Unrat, der durch die engen Straßen zog, der Lärm der Handwerker und das Geschrei der Kinder schien den meisten nichts auszumachen, doch ihm bereitete es Kopfschmerzen. Hier, am Meer, oder im Bergland, das westlich der Stadt lag, fühlte er sich wohl.
Er holte tief Luft, und genoss die frische Luft, die das heranziehende Sturmtief mit sich brachte.
Stürme waren am Meer von Rhûn, besonders zu dieser Jahreszeit, keine Besonderheit. Folglich waren die Häuser der Stadt robust und wetterfest gebaut. Auch war die Stadt auf einer Anhöhe gebaut, damit eine Sturmflut keinen Schaden anrichten konnte.

Ein in dem Wind kaum hörbarer Ruf riss ihn aus seinen Gedanken. Das war eindeutig die Stimme seines Vaters: „Jaaaalerh!“.  Jalerh seufzte, und verließ seinen Platz zwischen den beinahe schwarzen Felsbrocken, und folgte dem Ruf. Als er um einen besonders großen Stein herumlief, stieß er beinahe mit seinem Vater zusammen. Sein Haar war ebenfalls schwarz und schulterlang, aber seine Kleidung (und sein Gesicht) waren sauber, und er war wesentlich kräftiger gebaut als sein Sohn.  Er wirkte besorgt oder erbost, Jalerh war sich nicht ganz sicher. Seiner Stimme nach war er aber eher froh, ihn so schnell gefunden zu haben: „Da bist du ja! Und ich dachte, ich müsste erst den ganzen Strand absuchen, um dich ausfindig zu machen. Deine Mutter wünscht, dass du nach Hause kommst.“  - „Warum? Ist etwas passiert? Ist Ménad mal wieder weggelaufen?“ – „Sie mag es nicht, wenn du bei Stürmen draußen am Felsenstrand bist, das weißt du doch. Sie hat wohl Angst, dir könnte ein Unglück widerfahren. Auch wenn ich nicht so recht weiß, was hier am Strand schon groß geschehen könnte. Und außerdem gibt es…  ach, das siehst du dann schon.“   Sein Vater lächelte ihn an, und Jálerh folgte ihm auf dem sandigen Weg zur Stadt hinauf, wo sich die spitzen Türme der Stadtmauer schwarz vor dem nun dunklen Rot der Abenddämmerung abzeichneten.  

Sie durchquerten das Stadttor in der etwa vier Meter hohen Steinmauer, auf die man noch einen Wehrgang und eine Palisade aus teils angespitzten Pfählen, alles aus dunklem Holz, gesetzt hatte.  Dûleng Suûrtan, „steiniger Strand“, so nannte man die Stadt. Während sie durch die schmalen Gassen gingen, die nur von dem schwachen Licht aus den trüben Fenstern erleuchtet wurden, lauschten sie dem Wind, der mit unheimlichen Geräuschen durch so manch ein Fenster fuhr. Vor ihnen erhob sich ein großer Schatten, der alle anderen überragte. Der schwarze Tempel, indem alle 11 Tage ein Kreis aus ausgewählten Personen (überwiegend Adlige oder anderweitig zu Geld Gekommene) irgendwelche Rituale abhielt. Wer oder was dort angebetet wurde, war unbekannt. Auch diesen Abend würden sie sich versammeln, denn die große Glocke im Turm des Tempels rief ihre Jünger mit tiefen, misstönenden Lauten zu sich.

Ein kalter Regen setzte ein. Ab und zu eilte nun eine in einen schwarzen Mantel oder eine Robe gehüllte Gestalt an ihnen vorbei, in Richtung des Tempels.
Sonst schien kaum jemand zu dieser Zeit und bei diesem Wetter noch auf den Straßen unterwegs zu sein, selbst die zahlreichen Bettler hatten sich verkrochen.

Nach kurzer Zeit kamen sie an ihrem Haus an. Es war ein schmales, langes Haus, dessen Außenwände ebenso wie das Mansardendach mit Schieferplatten bedeckt waren.  Jálerhs Vater klopfte an die Tür:
„Ich bin‘s!“. Die Tür wurde von innen entriegelt. Das vom Kochen am heißen Herd leicht gerötete Gesicht seiner Mutter blickte Jálerh und seinem Vater entgegen: „ Ach, da seid ihr ja! Kommt rein, es ist gleich soweit.“ Als sie den Raum betraten, schlug ihnen ein umwerfend guter Duft entgegen, der in krassem Gegensatz zu dem Mief der Stadt stand. „Was ist das?“, wollte Jálerh fragen, doch bevor er dazu kam, sagte seine Mutter bereits: „Eintopf mit Bohnen und Schweinefleisch. Dazu gibt es noch etwas Brot, und…“- sie sah ihren Ehemann an –„…Bier!“.  Sie setzten sich an den Tisch aus grobem Holz, wo sich bereits Jálerhs drei Jahre jüngere Schwester Tani und sein Bruder Ménad, acht Jahre alt, niedergelassen hatten. Kurz darauf wurde das dampfende Essen serviert. Dem an karge Kost gewöhnten Jungen erschien das Essen wie ein Festmahl, auch wenn die Reichen und Mächtigen der Stadt darüber die Nase gerümpft und es nicht angerührt hätten. Auch Bier wurde reichlich in die irdenen Becher eingeschenkt, und nur auf Bitten seines Vaters hin, der bereits einige Becher geleert hatte, trank auch er einen Schluck. Seine Abneigung gegen Bier hatte ihm bereits viel Spott eingebracht. Er war wohl der einzige in ganz Dûleng Suûrtan, der dieses Getränk nicht mochte.
Überhaupt gab es so einiges, was ihn von den meisten hier unterschied. Er mochte weder die oft tödlich ausgehenden Kämpfe, die allwöchentlich mehrere tausend Zuschauer in die Arena lockten, noch die Hinrichtungen der zum Tode verurteilten Verbrecher, die man dort wilden Hunden zum Fraß vorwirft (bei der Verbrechensrate der Stadt ist deren hohe Zahl leicht zu erklären, aber man munkelt auch, die Richter seien von der Arena-Verwaltung gekauft). Auch die häufigen Saufgelage, die schon zu manch einer tödlich endenden Raufereien geführt hatten, reizten ihn gar nicht, teils, weil er (wie bereits gesagt) Bier nicht leiden konnte, teils, weil er sein teuer erspartes Geld lieber in sinnvollere Dinge als Alkohol, Brechreiz und Kopfschmerzen investierte.  Nachdem das köstliche Mahl restlos verspeist war und sein Vater sich dreimal versichert hatte, das kein Bier mehr in der großen Kanne war, erhob Jálerh, ging nach hinten, warf sich auf sein Bett und dachte an die waldigen Hügel und Berge, die sich westlich der Stadt erhoben. Er verspürte den Wunsch nach weiten Wanderungen durch einsame Täler, über schmale Pfade hinauf zu den Hochebenen, zu kristallklaren Wasserfällen in vergessenen Schluchten, ohne jede Spur menschlichen Einflusses. Wenn sich das Wetter bis zum morgigen Tage bessern sollte, würde er seine Sachen packen und für einige unterwegs sein. Er dachte an die wunderbare Landschaft, die kaum ein anderer hier zu schätzen wusste, und er war sich sicher: Morgen würde er in die Berge gehen.


- - -

Ein Hinweis noch, den ich bisher vergessen habe - die Ausprache des Namens Jálerh: [jaˑlɛ̆ʜ]
Review schreiben
 
'