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Menschlichkeit

KurzgeschichteDrama, Horror / P16 / Gen
08.01.2013
08.01.2013
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Wie üblich, fand das Treffen des Zentralkomitees wieder in der großen, kostspielig  eingerichteten Villa in Atlanta statt.
Um den großen Tisch aus echtem Tropenholz saßen ein Dutzend Männer, allesamt Norms, die teure Anzüge trugen.
Nur die Gestalt an der Stirnseite des Tisches war in einer weißen Kapuzenrobe gekleidet, welche stark an die Aufmachung des Ku-Klux-Klans aus dem 19. und 20. Jahrhundert erinnerte. Aus Gründen der Öffentlichkeitsarbeit trugen die Mitglieder des  Humanis Policlub diese Kleidung kaum noch, aber der Vorsitzende war bekannt für seine konservative Haltung. Welche man besser nicht offen in Zweifel zog, besonders wenn er in einer solch schlechten Stimmung war.
„Erst die Zauberer“, sagte der Vorsitzende mit nur mühsam beherrschter Wut. „Dann die Metas. Und jetzt tauchen plötzlich überall diese mutierten Changelings auf. Was kommt als nächstes? Kleine grüne Männchen vom Mars?“
Die anderen Anwesenden schwiegen betroffen. Was sollte man darauf auch antworten?
„Angeblich ist es das steigende Mananiveau, Vorsitzender“, begann einer der Komiteemitglieder schließlich vorsichtig. „Wissenschaftler glauben, dass die Ankunft des Halleyschen Kometen…“
„Ich will nichts davon hören!“ unterbrach ihn der Vorsitzende scharf. „Die verunsicherten Massen müssen wissen, dass dieses SURGE eine Seuche ist! Eine Seuche, bei welcher der Satan seine Finger im Spiel hat! Der einzige richtige Umgang mit den Changelings ist zusammentreiben und isoliert halten! Roberts, Sie sind dafür verantwortlich, dass eine entsprechende Erklärung erstellt und spätestens übermorgen in allen nordamerikanischen Niederlassungen herausgegeben wird! Die Lage gerät langsam außer Kontrolle, meine Herren!“
Der Vorsitzende zog einen kleinen Gegenstand aus der Tasche und warf ihn auf den Tisch, als wäre es ein Stück Abfall. Die Männer am Tisch beugten sich alle ein wenig vor und erkannten, dass es sich bei dem Gegenstand um ein billiges Taschenbuch handelte. Der Titel des Buches lautete “Die Tagebücher des Tamir Grey“.
„Sie alle haben schon davon gehört, nehme ich an“, sagte der Vorsitzende angewidert. „In den UCAS und selbst hier in der Confederation ist dieser Schund ein Bestseller. Überall reden die Leute plötzlich davon, dass die Guhle Mitleid verdienen und nicht mehr bei Sichtung abgeknallt werden sollen. Mitleid für Guhle! Wie weit ist es nur gekommen, meine Herren?“
„Sie nehmen diese Sache zu ernst, Vorsitzender“, widersprach ein bärtiger Anzugträger mit starkem französischem Akzent. „Sobald die Leichenfresser wieder ein paar Gräueltaten begehen, werden ihre Sympathisanten sich zerstreuen.“
„Interessant, dass Sie so etwas sagen,  Leclerc“, erwiderte der Vorsitzende spöttisch. „Ist es wahr, dass bei Ihnen in  Québec gerade darüber diskutiert wird, Sasquatchs als intelligente Geschöpfe einzustufen?“
„ Dazu wird es nicht kommen, wir werden in der Sasquatch-Frage all unseren Einfluss bei der Regierung der Republik geltend machen“, versicherte Leclerc hastig.
„Das will ich auch hoffen. Wäre ja noch schöner, wenn jetzt auch im zivilisierten Amerika Tiere Bürgerrechte zugesprochen bekämen, wie in den Indianergebieten.“
Der Vorsitzende stützte sich mit den Händen auf der Tischplatte und ließ seinen drohenden Blick über die Gesellschaft schweifen.
„Wir sind träge und zaghaft geworden, meine Herren. Nur deshalb  konnte es so weit kommen. Humanis muss wieder entschlossen und aktiv vorgehen, wie in den alten Zeiten. Besonders an der Westküste. Jackson, Sie müssen die Rekrutierungsbemühungen im Elfen-Regime Tír Tairngire verstärken! Es wird Zeit, dass die Menschen sich dort gegen die Baumkuschler wehren. Und Sie, Brackhaven, räumen endlich in Seattle auf! Dieses Trog-Nest verseucht schon viel zulange die U-Bahntunnel.“
„Der Ork-Untergrund gilt bei vielen Bürgern mittlerweile als normaler Stadtteil von Seattle“, gab  Brackhaven zu bedenken. „In den letzten Jahren ist er sogar eine Art Touristenattraktion geworden. Die Öffentlichkeit wird es nicht hinnehmen wenn wir…“
„Seit wann interessiert uns die Meinung von Meta-Freunden und Rasseverrätern? Fluten Sie die Tunnel, wenn es sein muss! Und da wir gerade bei dem Thema sind, dieses Community Center in Oakland, oder besser gesagt Orkland, muss auch weg! Von dort verbreiten die Hauerträger ihre Ork-Pride-Propaganda, von wegen eigener Kultur und Sprache. Adams, Ihre Leute in Kalifornien müssen dagegen aktiv mit General Saitos Militärpolizei zusammenarbeiten!“
„Das kann nicht Ihr Ernst sein!“, rief Adams entsetzt aus. „Die Bevölkerung hasst Saito, selbst in den japanischen Gemeinden! Wenn ich meinen Leuten befehle, mit diesem Schlächter zu kooperieren, jagen die mich zum Teufel!“
„Ich höre immer nur Gewäsch von öffentlich Meinung und politischer Rücksichtsname!“, brüllte der Vorsitzende und hieb mit der Faust auf den Tisch, dass sich ein Riss in der Platte bildete. „Wo ist der alte Tatendrang geblieben? Bin ich hier der Einzige, der noch Mut in den Knochen hat? Humanis ist die Bastion der Menschheit gegen den Meta-Abschaum, vergessen Sie das nicht!“

XXX


Der Vorsitzende war erleichtert, als das Treffen vorbei war und er sich in seine Privaträume zurückziehen konnte.
Was war nur aus dem Zentralkomitee geworden?
Keine Kämpfer mehr, bloß noch Politiker, die um ihre Posten bangten.
Und diese falsche, unterwürfige Höflichkeit, mit der sie ihm begegneten.
Er wusste sehr wohl, was sie alle über ihn dachten, und was sie hinter seinem Rücken über ihn tuschelten.
Dass sie bloß auch die Gelegenheit warteten, ihn absägen zu können.
Aber es war doch nicht seine Schuld!
Er war als Mensch geboren worden, in einer der reichsten und angesehensten Familien der Südstaaten.
Anstatt sich in dieser verdammen Villa zu verstecken, hätte er jetzt Senator sein sollen, vielleicht sogar Präsident!
Wenn doch nur die verdammte Goblinisierung nicht gewesen wäre!
Der Vorsitzende ging langsam zu dem großen Spiegel und riss sich die weiße Kapuze vom Kopf.  
Beim Anblick seines Spiegelbildes konnte er sich ein gequältes Wimmern nicht verkneifen.
Er hatte alles versucht, um diese verdammte Trollgestalt los und wieder ein Mensch zu werden.
Hatte Hunderttausende von Nuyen für alle möglichen Behandlungen, Kuren und Eingriffe ausgegeben.
Hatte sich ebenso Experten und Spezialisten anvertraut, wie Quacksalbern und Scharlatanen.
Das Ergebnis sah er jedes Mal, wenn er in den Spiegel schaute.

Seine natürliche dunkle, rauhe Trollhaut war vollkommen durch ein glattes, unnatürliche bleiches Material aus den Zuchtbottichen ersetzt wurden.
Seine Ohrmuscheln hatte man, wie bei einem Hund, zurechtgestutzt, um die markanten Spitzen zu beseitigen.
Seine Hörner hatte man abgesägt, die Wurzeln aus dem Schädel gegraben und nur noch zwei kreisrunde Narben erinnerten an das, worauf jeder andere Troll so stolz war.
Seine scharfen Hauern und Zähne hatte man alle gezogen und stattdessen ein Kunstgebiss mit weißen, perlartigen Zähnen eingesetzt.
Seine Nase wirkte nach der Operation zu klein für das breite Gesicht und konnte kaum noch genug Luft für seine großen Lungen einfangen.
Sein Kiefer und Kehlkopf waren, wie auch die Stimmbänder, ebenfalls chirurgischen Eingriffen unterzogen worden, um den rauhen, tiefen Klang seiner Stimme zu mildern.
Seine Gliedmaßen hatte man operativ verkürzt, jetzt wirkte die Länge seiner Arme und Beine unpassend zum Torso.
Seine natürlichen gelben Augen waren entfernt und durch stahlblaue Cyberaugen ersetzt worden.    
Der Vorsitzende des Humanis Policlubs sah nicht mehr aus, wie ein Troll.
Aber er sah auch definitiv nicht aus, wie ein Mensch.
Wer immer ihn ansah, egal ob Mensch oder Meta, sah ein Monster vor sich.
Und ob dieser Erkenntnis brach der Vorsitzende schluchzend vor dem Spiegel zusammen.
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