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Schlafmütze

GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P16 Slash
08.01.2013
28.07.2013
17
44.417
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#ZWEITENS


In meinem Kopf bildete sich ein Schrei, ein langgezogenes Heulen, das Gänsehaut auf meinen gefrorenen Armen und Beinen verursachte.

Hier war Dunkelheit, schwarze Tinte, die unter meine Haut drang und meine Zähne mitternächtlich färbte.

Meine Finger kämpften, erkannte ich; meine Glieder lösten sich langsam aus panischer Lähmung, als sie blind um sich zu schlagen begannen.

Der Schrei setzte sich fort, bildete Blasen auf meinen Knochen, bleichte meinen Schädel, sodass er sich so zerbrechlich anfühlte wie Glas, und er hörte nie auf, ließ die Zähne in meinem Kiefer klappern.

Etwas berührte mich an meinem Handgelenk und ich kämpfte dagegen an, biss meine Zähne zur Selbstverteidigung zusammen, meine Haut brannte, so heiß, dass sie unter dem Schweiß gefror.

Jetzt waren da Worte, leises Flüstern, das in meine von Schreien gequälte Ohren drang, sich in meinem Kopf festsetzte, meine Augenlieder streifte.

Sanfte Lippen berührten meine Stirn und ich keuchte, als der Schrei aufhörte, meine Kehle blieb rot und wund zurück, mein Atem kam in unkontrollierbaren Stößen, die meine Wirbelsäule schaudern und zittern ließen.

Schwarze Tränen entkamen meinen Augen und ich zuckte zusammen, als ich sie meine Wangen hinunterliefen, die Haut färbten.

"Wenn du ihn willst, musst du an mir vorbei." Das Flüstern war wieder da, ein flüsternder Mund, flüsternde Zähne.

Die Worte waren gegen meinen Schädel gedrückt, nisteten sich fest zwischen meinen Augenliedern und dem Bogen meiner Lippen ein.

Und er war da, und er war weich und warm und real, seine langen Finger hielten meine Handgelenke und als ich meine Augen öffnete lächelte er mich an.

Lange und langsam, sein Haar war zu rot, um natürlich zu sein.

Flüsternde Zähne, flüsternde Füße.

Schlafmütze.

Vielleicht wäre es besser für uns beide gewesen, wenn ich ihn nie getroffen hätte, aber das Leben funktionierte nie wirklich auf die Weise.

Die Party war alles, was versprochen worden war, der Geruch von Schweiß, der in der kalten Nachtluft lag, und Körper bedeckten die Wiese wie gestrandete Wale.

Daves Hand war sicher in meiner Tasche, und seine Finger waren warm, als er sie bewegte, um meine Aufmerksamkeit zu erregen.

"Es tut mir Leid, dass ich dich heute Nacht hergeschleppt habe; ich weiß, dass du bessere Dinge zu tun hast."

Das Ende des Satzes stand unangenehm zwischen uns, der Gedanke an Schlaf zwang uns beide in die Stille, als Julian vorbeistolperte, halb über einen stöhnenden Körper fiel.

Wir kamen immer zu spät, aber dann immer mit Stil.

Die Musik schüttelte mein Herz in seiner Hülle, die eine dicke Strickjacke war und mein Schuh vibrierte mit jedem Schritt den ich machte, Daves Hände glitten so leicht aus meiner Tasche, wie sie sich dorthinein geschlichen hatten.

Als ich ihn anblickte murmelte er etwas und wich zurück, seine Wangen waren ein wenig gerötet und seine schmalen Schultern wirkten zusammengekrümmt.
Zu schmale Schultern, zu jung, um das Gewicht der Welt zu ertragen.

Julian war ebenfalls verschwunden, sein schlaksiger Körper in dem Raum voller Rauch verblasst und ich nieste gereizt, als ich an der Tür vorbeiging.

Ich hatte das Gefühl, dass Dave und ich heute nach wieder einmal seine Würde retten würden.

In meinem Kopf war ein Spiegel voller Bilder, eine Bildergalerie von verschiedenen Vormittagen. Solche, an denen ich allein aufgewacht war, oder von einem weichen Körper umschlungen, oder überhaupt nicht aufwachte, meine Augen waren weit aufgerissen und voll von Abneigung gegen die Nachtschwärmer, die, wie ich wusste, in meinen Schädel kriechen würden, sobald ich sie schloss.

Es lag ein System darin, ein Muster, das ich nicht ganz definieren konnte, und der Gedanke daran schmeckte merkwürdig auf meiner Zunge.

Um die Küchenbank herum befand sich eine Gruppe Mädchen und sie stellten sich anders hin, als ich den Raum betrat, veränderten ihre Postionen, um sich von ihrer besten Seite zu zeigen, ihre spitzen Kinne oder ihre kurvigen Beine.

Ich ging an ihnen vorbei, ignorierte ihre schmollenden Münder oder ihre finsteren Blicke, war zu sehr in meinem eigenen Kopf gefangen, um sie zu bemerken.

In mir war ein benommenes Gefühl, wie ein Gesicht, dass man durch vereistes Glas sah, eine Erinnerung, die ich nicht ganz greifen konnte und ich fühlte wie meine Brauen sich zu zusammenzogen, als ich abwesend den Kühlschrank öffnete.

Ich hatte merkwürdige Träume gehabt, oder zumindest merkwürdigere, einfach aus dem Grund, dass sie sich überhaupt nicht wie Träume angefühlt hatten, die Hände von jemand anderem hatten mich gehalten, die Lippen von jemand anderem hatten sich gegen meine Haut gedrückt.

Jemand, der sich nicht wie ein Mädchen angefühlt hatte.

Ich wünschte mir ein Gesicht, irgendein Schimmer von Identität, nur damit ich mich an etwas klammern konnte, etwas, das ich in meiner Brust verstecken konnte.

Ich blieb dabei Gesichter in der Menge zu suchen; ich hielt Szenen im Fernseher an, in der aussichtslosen Hoffnung, dass ich ihn dort finden könnte, den Jungen, der die Dunkelheit vertrieben hatte.

Er bildete einen Vulkan innerhalb meines Brustkorbs, eine Explosion, die die Welt auslöschen würde, und es machte mir ein wenig Angst, dass jemand, der mich nicht einmal erkannte, so viel Macht über mich haben könnte.

In der Kühlschranktür befand sich eine Apfelsafttüte und ich hob sie zitternd an, ihr Gewicht schmerzte meinem Handgelenk, als ich die Tür schloss, die Tüte auf der Hüfte balancierend.

Der Bund meines Shirts war nach oben gerutscht und der kalte Pappkarton presste sich gegen meine nackte Haut, das Schwitzwasser des Behälters färbte das graue Material meiner Jeans schwarz.

Irgendeine Verbindung vergaß ich, und egal, wie viele tröstende Dinge Dave mir sagte, die Anziehungskraft würde mich nicht loslassen.

Als ich mich umwandte hatten die Mädchen mir verziehen, lächelten mir begrüßend zu und klimperten schüchtern mit den Wimpern.

Ich lehnte mich gegen den Kühlschrank und hob die Tüte langsam an meine Lippen, lächelte matt zurück, als ich den Blick sah, den ein schwarzhaariges Mädchen mir zuwarf.

Es gab eine Menge verschiedene Arten zu lächeln, manchmal fühlte ich mich, als wäre ich die einzige Person, die das je wirklich bemerkte.

Es gibt dieses sanfte Lächeln, wenn man sich entschuldigt, ein verschlafenes Grinsen, das breite Lächeln, das man eine Sekunde zeigt, bevor man zu lachen beginnt.

Es gibt schwaches und helles Lächeln, echtes und falsches Lächeln, und Lächeln, das so zart und zerbrechlich ist, dass es dein Herz bricht.

Es gibt das schüchterne Lächeln, das, das nette Mädchen nach einem Kuss auf den Lippen haben, wenn ihre weichen Wangen sich pink färben. Sie lassen starken Männern die Knie weichwerden, aber sie bewirken nichts bei mir.

Ich liebe das verruchte Lächeln, das ein Mädchen zeigt, wenn sie vor mir steht, so schrecklich brav in ihrer ältesten Unterwäsche, ihren Lippenstift auf ihrem Kinn verschmiert.

Ich liebe den Tanz ihrer Fingerspitzen, wenn sie einen Smiley auf meine Haut zeichnen, wie ihr Mund sich an meinem verzieht.

Das ist das Grinsen, das ich in meinem Badezimmerspiegel nachzumachen versuche, ein weiteres verletztes Herz schlägt in meinem Brustkorb, weil diese Mädchen schön sind, so viel liebenswerter als andere, wenn auch nur für einen kurzen Zeitraum.

Wie der Mond nehmen sie mir unter dem Nachthimmel den Atmen, nur um am Morgen zu verschwinden.

So übe ich mein Lächeln, und es ist wie eine Symphonie in meinem Kopf, jedes Verziehen meiner Lippen wie eine einzelne Note, die meine Gliedern zum zittern und beben bringt.
Es ist kein Lächeln, das ich lächeln sollte, aber ich kann es dennoch, und vielleicht wünsche ich mir jemanden Reales, der mich so ansieht, die Lippen so seltsam zu einer Seite verzogen.

Ich wollte, dass er es war.

Und dann lehnte er im Türrahmen, mit seinen scharf geschnittenen Hüften und dem roten Haar, dass in dem Deckenlicht heiß glühte, der Karton brannte auf einmal hell-heiß.

Er war es.

Das Lächeln des Mädchens vor mir wurde schwächer; ich konnte sehen, wie ihr Gesicht einen verwirrten Ausdruck annahm, als meine Augen wie im Reflex zu ihm glitten und dort blieben.

Eine Sekunde lang war ich mir nicht sicher, ob ich ein oder ausatmete und ich hustete, als die Luft in meiner Kehle hängenblieb, meine Brust zum Beben brachte.

Sein Lächeln war dasselbe; genauso wie ich es in Erinnerung hatte, obwohl ich mich nicht erinnerte, es mir gemerkt zu haben hatten seine Augen denselben Grauton.

Regenwolkenaugen, Sturmaugen.

Meine Schlafmütze.

In meinem Brustkorb stotterte etwas, ein stolpernder Schlag, als mein Herz benommen gegen den Knochen prallte, meine Hand hob den Karton langsam an meine Lippen, meine Augen ließen seine noch immer nicht los.

Das Mädchen sagte etwas, trat nach vorne, um mich auf halbem Weg zu treffen, aber meine Aufmerksamkeit war abgelenkt, als Alex seinen ersten Schritt in die Küche machte.
Der Saft schmeckte kalt in meinem Mund und ich schluckte, als ich ihn musterte, die Neigung seiner Schultern, und den Bogen seines Halses. Ich wollte ihn berühren, nur um sicherzugehen, dass das alles kein Traum war.

Seine Augen lösten sich von meinen, als er den Gang durchquerte, seine Beine trugen ihn an mir vorbei, seine Schulter streifte meine kaum, während er zum Kühlschrank ging.
Jedes Härchen auf meinem Körper hatte sich aufgestellt, meine Ohren gierten nach jedem Geräusch, das er hinter mir machte, mein Kopf wollte sich verzweifelt auf meinem Hals drehen, nur um ihn noch einmal zu sehen.

Ich stellte mir vor, dass ich jeden Zentimeter von ihm auf meiner Haut fühlen konnte, seine Hitze drang durch meine Kleidung, sein Haar strich über meine Stirn.

Ich hatte nie jemanden so gewollt, nicht einmal als hormongebeutelter Fünfzehnjähriger wollte ich jemandem so nahe sein, wie diesem Jungen in dem Moment.

Dieser Fremde.

Ich konnte hören, wie die Kühlschranktür sich schloss, die Dichtungen ein schwaches saugendes Geräusch machten, als sie aufeinandertrafen und dann war er weg, ein Flaschenklirren und ein Schulterklopfen waren die einzigen Zeichen, dass er überhaupt dagewesen war.

Seine Schritte waren groß, ich wusste das, weil ich seine Schritte zählte, und das Mädchen vor mir kreischte kurz, als ich sie hastig an den Schultern zur Seite schob, meine Füße reagierten sofort in dem Versuch ihn einzuholen.

Das Brennen war wieder da, ein Feuer, das direkt unter meinen Augenliedern lag, und meine Bewegungen fühlten sich schwerfällig an, als ich mich durch eine Gruppe von Leuten schob und in die Richtung zurückging, aus der ich gerade erst gekommen war. Ihr Gelächter war laut und wiederhallend in meinen Ohren.

Ich wollte ihn, ich wollte ihn wiedersehen, und ich würde nicht zulassen, dass dies das letzte Mal war.

Ich würde sein Freund sein, ich würde seine Träume aufnehmen, das würde ich.

Das würde ich.

Der Eingangsbereich war dunkler als noch vor ein paar Momenten, von der Safttüte in meiner Hand lief Wasser mein Handgelenk hinab, kalte Tropfen, die meine Finger zuckten ließen.

In den Ecken waren Gestalten, vierbeinige Biester mit verbundenen Mündern und wilden Augen, und ich suchte verzweifelt nach diesem roten Haar, verbiss mir frustrierte Schreie.

Die Musik pulsierte wütend in meinem Schädel, und als ich ins Wohnzimmer trat überwältigte sie mich, ließ mich zurückstolpern, die Safttüte fiel aus meinen eisigen Händen, als ich meine Ohren zuhielt.

Ich fühlte mich, als würde mir schlecht, zu viele schlaflose Nächte zogen mich herunter, zu viele zurückgelassene Emotionen stapelten sich in meinem Hals und ich presste mich gegen das Familienbild, das die verputzte Wand hilflos schmückte.

Der verlassene Raum war kühl als ich durch die Tür hastete; ich sank im Dunkeln auf die Knie und würgte trocken, als der Geschmack von Galle meine Kehle hochstieg.

Die Tabletten waren in meiner Tasche, zwickten mich, aber ich weigerte mich sie zu nehmen.

Ich brauchte sie nicht, ich wollte sie nicht.

Meine Wangen waren feucht, und ich verzog mein Gesicht, als ich die Feuchtigkeit wegwischte, ich zog die Tür zu, um mich dagegen zu lehnen, meine Knie an mein Kinn gezogen.

Ich musste schlafen, ich wollte einfach und kurz dachte ich, dass meine Schreie unbemerkt bleiben würden, wenn die Musik so laut war.

Ich versuchte die Anziehungskraft dieser Idee zu ignorieren, weitete meine trockenen Augen in der Hoffnung, dass es mich irgendwie aufwecken würde, meine Finger krallten sich brutal in die Haut meines Arms, aber es war zu verführerisch. Mein armer Kopf pochte mit jedem lauten Schlag, der durch die Tür drang, meine Besessenheit von den roten Haaren verschwand.

Meine Knie zitterten, als ich aufstand, benommen zum Schatten des Betts hinübertaumelte, das vom schwachen, durch das kleine Fenster scheinenden, Licht erhellt wurde.

Meine Finger krümmten und streckten sich, ich war unsicher wie viel Schaden ich mir selbst zufügen würde, bevor ich aufwachen konnte, nicht mehr ganz wach genug, als dass es mich interessierte.

Meine Jacke kratzte, als ich sie auszog und auf den Boden fallen ließ, während ich mein rechtes Knie in die Matratze drückte, meine Hände legten sich auf weiche Baumwolllaken.
Meine Schuhe machten leise Geräusche, als sie auf dem Boden landeten, die Füße zog ich sofort an meine Oberschenkel, als ich das Ende der Decke suchte.

Und ich fand Haut.

Meine Hand zuckte sofort zurück, und legte sich auf meine Brust, als ich beinahe vor Überraschung wieder vom Bett fiel.

Meine Augen waren komisch geweitet in der Dunkelheit und ich blickte nervös an das Kopfende des Bettes, zögerlich legte ich meine Hand wieder auf die Decke, sodass ich sie wegziehen konnte, um einen besseren Blick zu erhaschen.

Das erste, was ich erkannte, war ein blasser Ellenbogen, fünf sommersprossige Finger lagen auf der weißen Decke, direkt neben meiner Hand.

Meine Augen wanderten langsam nach oben, ich blinzelte in die Dunkelheit, während ich versuchte irgendwelche anderen Formen oder Körperteile zu erkennen.

Die Matratze quietschte, als ich mich hinkniete, mich ein wenig nach vorne beugte, um das Gesicht der Person zu erkennen, ich war mir bewusst, dass jede großen Geräusche oder Bewegungen sie wecken könnte.

Meine Jeans klemmte schmerzhaft in meinen Kniekehlen, harte Falten des Stoffes schnitten in meine Haut und ich hielt ein Keuchen des unerwarteten Gefühls zurück, als ich die Schwingung des schlafenden Mundes erkannte, das hervorstechende Kinn mit Grübchen.

Er schlief wieder, schlief schön, flüsternde Füße.

Ich war über ihn gebeugt, eine meiner Hände hob sich langsam, um die Flasche mit Alkohol aus seinem traumgekühltem Griff zu nehmen, seine Wange war kalt, wo das Glas sie berührte.

Ich konnte nicht sagen, ob ich atmete, oder blinzelte oder mich bewegte, aber plötzlich war es, als wäre ich überhaupt nicht ich.

Sein rotes Haar lag wie ein Fächer auf seiner linken Wange und seine Lippen öffneten sich ein wenig, als ich meine Hand unter seinen Kopf schob, ihn anhob, um ein Kissen darunterlegen zu können.

Er war so nah bei mir, dass ich beinahe seine Träume riechen konnte, die Prinzessinnen und Prinzen lugten durch die Hitze seines dünnen Shirts und erhaschten einen Blick auf mich.

Mein Herz hämmerte, als ich mich langsam hinlegte, den Kopf auf demselben Kissen wie er, tat so, wenn auch nur für eine Sekunde, als wäre ich sein Freund und als dürfte ich ihm so nah sein.

Die Schatten, die seine Schlüsselbeine warfen, waren tief und ich fühlte, wie ich begann zu ertrinken, als meine Augenlieder flackerten, zufielen bevor ich sie aufhalten konnte.

Der Atem eines schlafenden Jungen geisterte über meinen Mund.
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