Licht ins Dunkel

von stroky
GeschichteAllgemein / P12
Dr. Cal Lightman
06.01.2013
26.10.2013
10
9.587
 
Alle Kapitel
9 Reviews
Dieses Kapitel
3 Reviews
 
 Datenschutzinfo
 
06.01.2013 1.291
 
Zehn Dinge, die er zehn Menschen sagen möchte

Wenn er träumte, dann konnte er so oft die Dinge sagen, die er tief in sich drinnen fühlte. Und wenn er aufwachte, dann fand er das komisch, denn wenn ihn eine Sache schon immer auszeichnete, dann dass die ungefilterte Wahrheit nur allzu oft lose auf seiner Zunge lag und seinen Mund verließ, bevor er wirklich nachgedacht hatte. Es hatte ihm aufgeplatzte Lippen beschert, gebrochene Herzen und vermasselte Geschäfte.

Doch außerhalb seiner Träume war Cal Lightman nicht der, der sein Herz auf der Zunge trug. Er war einer, der es in den passenden Momenten versuchte auszuschütten und manchmal kamen diese Momente einfach nicht. Er wusste, dass die raren Worte in den wichtigen Momenten mehr bedeuteten als die inflationären in den gewöhnlichen.

Und manchmal passten die Gefühle und Worte einfach nicht mit dem zusammen, was er für andere war. Mit dem, was er selbst vielleicht sein wollte.

Von Zeit zu Zeit machte er sich eine Liste. Nur mental, denn einen physischen Gegenstand könnte jemand finden und ihn für den Inhalt verantwortlich halten. In seinem Kopf dagegen war vieles sicher, so wie in seinen Träumen.

Die Liste enthielt Gedanken, oft nur Fragmente und sinnlose Halbsätze, die ihm irgendwie am Herzen lagen. Sie waren bereit für die richtigen Momente, doch er machte sich nichts vor und glaubte, dass die meisten davon nie kommen würden oder ohnehin schon längst verstrichen waren. Wahrscheinlich, weil er sich dafür selbst zu sehr im Weg stand.

"Ich liebe dich."

Er fragte sich, warum er es nie gesagt hatte, als er ein Kind und später ein Teenager war. Er hatte sie abgöttisch geliebt, weil sie es geschafft hatte, ihm inmitten einer zerrissenen, wenig glamourösen Kindheit Geborgenheit zu geben. Und er hatte ohne jedes Training in ihren Augen ablesen können, dass sie sich wünschte, dass er es irgendwann zurücksagen würde. Vielleicht fand er es unangenehm, kitschig oder peinlich—die Worte schafften es einfach nicht über seine Lippen. Wie dumm, dachte er sich heute und musste immer wieder feststellen, dass es einen Großteil zu seinen Schuldgefühlen beitrug, wenn es um seine Mutter ging.

"Sieh mich an. Schau, was aus mir geworden ist."

So simpel waren die Worte und er hatte so oft daran gedacht nach London zu fliegen, an seiner Tür zu klingeln und sie ihm ins überraschte Gesicht zu sagen. Es war etwas aus ihm geworden, was über die bloßen, bitteren Gefühle seiner Kindheit und Jugend hinausging, und er wollte, dass es sein Vater schmerzhaft spürte. Er war nicht perfekt, hatte Fehler gemacht, Dummheiten begangen, aber er wollte, dass er merkte, dass er nicht war wie er. Auch wenn es seine größte Angst war.

"Deine Blicke waren genauso wertend. Nicht nur meine Blicke, meine Wissenschaft haben alles zerstört."

Es gab keinen Menschen in seinem Leben, mit dem er so brutal ehrlich war wie mit Zoe. Einerseits weil er immer fühlte, dass sie es vertragen konnte und andererseits, weil er lange versucht hatte, etwas zu retten, was einfach nicht mehr zu retten war. Für Emily, für sie beide, für sich, um einfach zu beweisen, dass er die Tradition der kaputten Familien nicht fortführen würde. Doch er hatte ihr nie gesagt, dass ihre Blicke, wenn sie ihn abwertend ansah, genauso wehtaten, wie seine es bei ihr wahrscheinlich taten. Sie nahmen sich nicht viel, wenn es darum ging. Wie in so vielen Dingen.

"Wir sollten deinen Namen hier irgendwo mit anbringen. Die Wissenschaft mag meine sein, das Herz der Firma deines."

Er dachte es fast jedes Mal, wenn er unter den übergroßen Buchstaben seines eigenen Namens entlanglief. Es gab keine Zweifel für ihn, dass die Firma seinen—und nur seinen—Namen tragen würde, als sie sie zusammen gegründet hatten. Sie schien es nicht zu stören und ganz nüchtern betrachtet, hatte er nicht wirklich mit irgendeinem anderen Gedanken gespielt. Später sah er das ein bisschen differenzierter und vielleicht würde irgendwann der Moment kommen, um ihr auch symbolisch den Teil zu geben, den er ihr schon lange zugestehen musste.

"Sie müssen sich entscheiden, ob Sie der Welt Ihren Stempel aufdrücken oder in der Bedeutungslosigkeit verschwinden wollen."

Dass ein Talent wie ihres auch mit Opfern kommt, das hatte er Torres schon recht früh klargemacht. Seitdem schien sie es verstanden zu haben, doch sie lebte es nicht. Er wusste warum, weil er auch einmal dieses Kind war, dass sich vor einem Vater und der Welt da draußen verstecken wollte anstatt für sich selbst einzustehen. Damals gab es kaum einen Ausweg, doch später konnte er seinen eigenen Weg entdecken und gehen. Und sie konnte es genauso, auch wenn er ehrlich zugeben musste, dass er es mochte, wenn andere in seinem Schatten liefen. Er glaubte, er hatte es ihr nur noch nicht so deutlich gesagt, weil er hoffte, dass sie irgendwann selbst darauf kommen würde.

"Weißt du was? Ich will sie nicht. Ich habe sie schon. Ich habe sie mehr, als du sie je haben wirst."

Es war das, was er Burns eigentlich hätte sagen wollen, als dieser blutüberströmt vor ihm auf dem Boden lag und ihn provozierte. Weil er nicht so genau wusste, wie viel von all dem ein Spiel um Leben und Tod war, und wie viel einfach nur brutal echt, hatte er es nicht getan. Doch am Ende war es wirklich er, der den längeren Atem hatte, wenn es um sie ging. Und er würde es immer bleiben.

"Ich kann ein paar Momente von mir in Ihnen sehen. Ein paar der guten."

Loker war nicht so schlecht, wie er es ihn manchmal glauben ließ. Wirklich nicht. Er war froh, dass er ihn hatte, auch wenn er es ihm wahrscheinlich nie sagen würde und er sich besser zuerst als treue Seele beweisen sollte, bevor er je wieder ein Kompliment aus seinem Mund hören würde. Aber in den Momenten, in denen er sich zwischen Büchern und Fachartikeln in seinem kaum beleuchteten Labor verschanzte oder fast schon stolz von obskuren Forschungserkenntnissen berichtete, dachte er an eine jüngere Version von sich selbst zurück. Eine, die eine ganz ähnliche Begeisterung an den Tag gelegt hatte, um später die Wissenschaft zumindest ein klein wenig zu revolutionieren.

"Ich würde alles für dich tun. Alles."

Es gab einen Menschen, für den er immer sofort alles stehen und liegen lassen würde. Einen, für den er alles, was er je erreicht hatte, hergeben würde, für den er sich prügeln, hemmungslos lügen und sogar sterben würde. Auf Emily war er stolzer als auf jeden Karriereschritt, der ihm vielleicht Ruhm und Anerkennung eingebracht hatte. Und er liebte es, dass sie sich—intelligent wie sie war—nur die besten Sachen von ihm und ihrer Mutter herausgepickt hatte, um ansonsten ihr ganz eigener, wunderbarer Mensch zu werden. Denn in seiner Vorstellung gab es kaum schlimmere Sachen als eine 1:1-Mischung aus Zoe und ihm.

"Sie behalten Ihre Finger besser bei sich."

Er hatte ganz genau beobachtet, wie Reynolds sie manchmal ansah. Und hoffte darauf, dass er zumindest nonverbal deutlich klargemacht hatte, dass Foster nicht in sein Revier fiel. Aber wenn nötig würde er es gerne auch noch einmal mit klaren Worten wiederholen. (Er hatte die Einladung zum Essen in Gillians E-Mail-Postfach gesehen, die eintrudelte, nachdem Ben schon über drei Monate lang kein Teil der Lightman Group mehr war. Er hatte sie gesehen und war bereit zu handeln, wenn nötig.)

"Du bist furchtbar. Und irgendwie doch ganz okay."

Nun, zugegebenermaßen adressierte er den letzten Gedanken an sich, wenn er in der richtigen Stimmung war. Vielleicht könnte er ihn irgendwann sogar laut aussprechen und darüber herzlich lachen. Es wäre ein Anfang, um vielleicht auch die anderen Dinge eines Tages sagen zu können. Die, für die es noch an der Zeit war.
Review schreiben