Kälte

KurzgeschichteRomanze / P12
Mamori Anezaki Youichi Hiruma
06.01.2013
06.01.2013
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Kondensierter Atem entströmte zwischen ihren Fingern, während Mamori versuchte ihre Hände warm zu pusten. Dankbar für jeden warmen Luftzug, der durch die automatisch öffnenden Türen nach außen strömte, versuchte sie extra dicht an den Geschäften entlang zu gehen. Irgendwo im Hintergrund hörte sie die übermäßig helle Stimme irgend eines Popsternchens White Christmas singen, während um sie herum sich ein Bild aus Hausfrauen mit Tüten voller Spielzeug und Liebespaaren abzeichnete. Es war kurz vor Weihnachten und die Innenstadt wirkte wie der Abklatsch einer schneelosen Weihnachtskarte, überall Lichter, Tannengrün und Mistelzweige, sogar die Stimmung wirkte heiter und harmonisch. Wie zu erwarten von der Zeit der Christmasdates und kleinen Kindern geschenkte Freude zu bereiten.
Sie seufzte laut und steckte ihre kalten Hände in die Manteltaschen. Unter anderen Umständen würde sie es richtig genießen. Unter anderen Umständen würde sie jetzt sicherlich in einem Café sitzen und einen Windbeutel mit Zimt essen. Und vor allem hätte man ihr unter anderen Umständen nicht einfach nur Schal und Mantel zugeworfen und sie mehr oder weniger aus dem Haus gezerrt.

"Ich hätte das alles auch morgen allein besorgen können", erklärte sie mit einem Seitenblick in ein hell erleuchtetes Geschäft. "Du hättest nicht extra mitkommen müssen."
Zeitgleich mit einem leisen Platzen spürte sie einen Lufthauch an ihrer Ohrenspitze.
"Nah", schnarrte ihre Begleitung mit unverkennbarem Desinteresse an all dem hier. "Hab meine Gründe."
Mamori wollte erneut seufzen, entschied sich dann aber doch dafür ihr Gesicht lieber weiter im Schal zu vergraben. Es war die Mühe nicht wert. Vielleicht hatte sie sich in all den Jahren auch seinen Unwillen sie ihn Pläne einzuweihen und ihr etwas mehr zu vertrauen gewöhnt.
Kurz huschte ihr Blick zu ihrer Begleitung. Wie üblich schenkte er seiner Umgebung wenig Aufmerksamkeit und widmete sich lieber seinem Smartphone. Überhaupt interessierte er sich für nichts, was nicht von effektivem Nutzen war. Mamori verspürte den Drang ihm dieses elende Telefon zu entreißen, verdrängte ihn jedoch wieder weit in ihre Gedankenwelt. Es brachte ja doch nichts.

Kurz wurde sie gegen Hiruma gestoßen, als ein Pärchen mehr auf sich, als auf alles andere achtete und sie unachtsam anrempelte.
"Oi!" Endlich hatte sie zumindest etwas Aufmerksamkeit von ihm. Entschuldigend blickte sie hoch, ihre Finger noch immer im Reflex in seinen Ärmel gekrallt. Es fiel ihr schwer zu deuten, was sich in seinen Augen abzeichnete, während sein Gesicht maskenartig blieb. Sie spürte, wie etwas seinen Arm herab auf ihre Fingerspitzen rutschte und bemerkte, wie seine Pupillen sich zusammenzogen.
Mit einem zischenden "Ts", schüttelte er sie ab und rückte sein Gewehr zurück auf seine Schulter. Es war nur eine weitere Geste, die Mamori das Gefühl von Überflüssigkeit gab. Eine Geste von so vielen in letzter Zeit.
Eine Entschuldigung murmelnd rückte sie von ihm ab und versuchte mit ihm Schritt zu halten. Früher hätte sie sich über seine rüde Art beschwert, ihn vielleicht sogar mit dem Besen angegriffen. Und wieder musste sie sich fragen, an welchem Zeitpunkt sie aufgegeben hatte. Für Außenstehende hatte sich ihr Verhältnis wohl in keinster Weise geändert. Noch immer machte sie den Anschein in erster Linie nützlich für ihn zu sein. Sie war ihm sogar nach dem High School Abschluss an die Saikyoudai gefolgt. Das Warum wollte ihr mittlerweile nicht einmal mehr einfallen und rückblickend kam sie sich einfach nur noch dumm und naiv vor.

"Sind wir bald da?" Selbst in ihren eigenen Ohren klang sie übermäßig gereizt. "Mir ist kalt."
Auch wenn es wehleidig klang, so fühlte sie sich doch genötigt eine Erklärung anzuhängen. Sein stechender Seitenblick bestätigte sie nur darin.
Wieder ein leises Platzen und ein leichter Lufthauch, der nach Minze roch. Auch nach Jahren hatte Hiruma die Eigenart mit den Kaugummiblasen nicht abgelegt und Mamori konnte die Bedeutung darin mittlerweile sehr gut lesen. Er hatte keine Lust auf Reden und erst recht nicht auf Diskussionen. Wenigstens war er höflich genug ihr nicht direkt zu sagen, dass sie woanders jammern solle.

Fast schon überraschend blieb er dann doch stehen.  
"Warte hier!" Sein Tonfall duldete keine Widerrede und zur Unterstreichung richtete er sein Gewehr neu. Sie kannte all seine kleinen und großen Drohgebärden, nichts von dem was er tat oder sagte war bedeutungslos, alles diente mehr oder weniger als Einschüchterung.
Die Augen rollend, tat sie, wie ihr befohlen. Früher hätte sie sich gewehrt und Erklärungen verlangt, doch mittlerweile fand sie sich von Anfang an mit dem ergebnislosen Ausgang ab. Es passte auch alles so schön zusammen.

Erst jetzt bemerkte sie, dass er sie an einer Filiale irgendeiner Buchhandelskette zurückgelassen hatte. Reiner Zufall wie sie vermutete oder eine Andeutung, dass er irgendetwas aus diesem Laden brauchte. Ein kleiner rebellischer Teil in ihr zuckte darüber nur die Schultern. Sollte er sich doch selber um eine Belange kümmern.
Mamori lehnte sich gegen ein Stück Mauer direkt neben der Eingangstür. Jedesmal wenn diese sich öffnete konnte sie etwas Wärme erhaschen. Gelangweilt von der Warterei griff sie schließlich an einen der Kartenständer, die am Eingang platziert worden waren. Erst langsam, dann mit mehr Interesse begann sie den ersten Kartenständer zu drehen. Nichts als bunte Bilder Japans für die Touristen. Sie stieß sich von der Mauer ab und wanderte durch den Kartenständerhain. Nur noch mehr bunte Fotos, Glückwunschkarten und schließlich ein ganzer Haufen Weihnachtskarten - Bilder von Schnee, Rentieren, Glitzer, Geschenke. Mamori zog eine Karte heraus, ein großes Ungetüm mit einem Pferdeschlitten und Glitzerschnee. Die Cellophanhülle knisterte unter ihren Fingerspitzen, als sie die Karte herauszog und aufklappte. Eine verzerrte, viel zu helle Version von "Jingle Bells" begann zu spielen. Das war also die Essenz von Weihnachten, ihres Weihnachten. Beschweren konnte sie sich darüber nicht, hatte sie diesen Weg vor Jahren doch freiwillig gewählt. Sie konnte mit Fug und Recht behaupten zu den wenigen Menschen zu gehören, welche von Hiruma nicht mit Drohung und Erpressung manipuliert worden sind. Er hatte ihr die Wahl gelassen und wenn sie nun daran dachte wusste sie nicht einmal mehr, was sie erwartet hatte.

In drei Monaten würde sie ihren Uniabschluss in der Tasche haben - erfolgreich, wie nicht anders zu erwarten - und wenn sie dann auf ihre Studentenzeit zurückblicken würde, könnte man diese mit den Worten Lernen und Footballteam zusammenfassen. Das Gefühl um Erfahrungen betrogen worden zu sein, hatte sich in den letzten Wochen, nein Monaten, immer fester in ihr verbissen. Doch um was sie sich genau betrogen fühlte, darauf konnte sie nicht einmal den Finger legen . In dieser Hinsicht war Hiruma immer ehrlich gewesen. Es gab keine großen Versprechungen von Abenteuer oder gemeinsame Ziele erreichen - er hatte nur einen Weg gesucht, seinen Weg weiterzugehen. Er brauchte einen Manager dafür und sie war schlicht die einzige Wahl gewesen, die seinen hohen Anforderungen entsprechen konnte.
Fast nötigte es sie ein bitteres Lächeln ab. Als nützlich angesehen zu werden, war immerhin auch eine Art der Anerkennung und etwas anderes war nie offen ausgesprochen wurden. Es war ihre eigene aufopferungsvolle Dummheit, die dazu geführt hatte, dass sie an Weihnachten, Valentinstagen und in den Sommern, statt mit Dates, Vergnügen und Feiern, wie alle anderen dies getan hatten, im Clubraum des Footballteams gesessen und Daten aufbereitet hatte. Und schneller als erwartet, war das letzte Weihnachten als Student, als Footballmanager, als jemand, an Hirumas Seite bereits da. Es war, als wäre sie eines morgens aufgewacht mit dem Bewusstsein, dass sie bald nicht mehr gebraucht werden würde. Das nagende Gefühl breitete sich in ihr aus und ließ ihre Finger um die Karte verkrampfen. Irgendwann würde ihre Beziehung wohl wirklich nur noch aus einer Karte zu jedem Weihnachtsfest bestehen.

"Scheißkitschig!"
Mamori zuckte zusammen, trat einen Schritt zurück und bemerkte den Widerstand in ihrem Rücken. An ihrem Körper vorbei griffen lange, schlanke Finger nach der Karte und hielten sie prüfend hoch. Nur wenn sie ihren Kopf seitlich drehte, konnte sie einige Umrisse seines Gesichtes erkennen. Er war so nah, dass sie spüren konnte, wie sein Atem sich in ihren Haaren verfing, untermalt von immer lauter werdendem Rauschen in ihren Ohren.
"Kunstgeschmack war ja eh nie deine Stärke", stellte er fest und stopfte die Karte zurück in den Ständer. "Welche armselige Gestalt wolltest du damit denn foltern?"

Sein Geruch aus Moschusrasierwasser und Minze hing noch etwas nach, als er sich längst entfernt hatte. Mamori wollte sich selber schelten. Für diese Jungmädchenreaktionen und Fantasien fühlte sie sich eigentlich viel zu alt, andererseits wusste sie selber, dass ihre Erfahrung auf diesem Feld derartig gering waren, dass selbst Kleinigkeiten sie aus der Fassung bringen konnten. Ihr fehlte die Abgebrühtheit und er wusste dies genau.
Sorgsam bemüht so gelassen wie möglich zu wirken, drehte sie sich zu ihm um. Er wirkte amüsiert und versuchte nicht einmal das Zucken in seinen Mundwinkeln zu verbergen. Genervt von der Situation strich sie sich durch die Haare. Die Migräne kündigte sich bereits an und forschend suchte ihr Blick seine Hand, in der etwas schimmerte. Vermutlich hatte er sein Handy bereits griffbereit, ein weiteres Foto um sie höchstmöglich zu nerven - immerhin besser als totale Ignoranz, die er ihr in letzter Zeit auch ab und an gezeigt hatte.

"Hier!"
Mit einer raschen Bewegung aus dem Handgelenk warf er das schimmernde Etwas zu ihr. Überrascht fing Mamori es auf und stellte fest, dass es sehr warm war. Ungläubig blickte sie auf eine Dose heißgemachten Tees aus einem Getränkeautomaten hinab.
"Danke", stammelte sie ungläubig und schloss beide kalten Hände um die neue Wärmequelle, nur Handschuhe wären ihr noch lieber gewesen. "Können wir nun die Sachen holen?"
Ihre Geduld war leidlich am Ende und der warme Tee erinnerte sie nur um so mehr daran, dass es kalt war und sie lieber zu Hause geblieben wäre.
"Längst erledigt."
Mamori blinzelte. Immerhin eine gute Nachricht, auch wenn sich etwas in ihr zusammenzog und laut schrie, warum sie denn dann unbedingt mitkommen sollte.
"Hiruma-kun?" Für einen kurzen Moment rollte sie seinen Namen über ihre Zunge. Wenn sie so darüber nachdachte, hatte sie ihn schon länger nicht mehr benutzt. Es war auch nicht nötig gewesen. Nicken, schreiben und den Rest ignorieren, die Mühe nachzuhaken hatte sie sich länger nicht mehr gemacht. Es kam ihr so lang her, dass sie das letzte Mal gegen ihn protestiert hatte. Sie wollte sich gern eingestehen, dass es daran lag, dass sie erwachsener und gelassener geworden war, aber eigentlich wusste sie, dass sie lediglich aufgegeben hatte mit ihm gleichwertig sein zu wollen.
"Hiruma!" Ihre Stimme wurde schärfer und sie bemerkte ein leichtes Zucken seiner spitzen Ohren. Unendlich langsam drehte er seinen Kopf zu ihr. Sein Blick wirkte gelangweilt, deutete ihr aber an auszusprechen, was sie wollte.
"Was meinst du damit?"
Er zuckte mit den Schultern.
"Hab die verdammten Erstlingswürmer gestern schon alles holen lassen."
Ihr Blick musste für ihn Bände sprechen. Es wechselten sich Irritation und Verärgerung darin ab, bis sie selber die deutliche Zornesfalte spürte, die sich in ihre Nasenwurzel grub. Zur Belohnung schenkte er ihr ein kehliges Kichern und ein wölfisches Grinsen. Eine Erklärung blieb er schuldig.

Mamori folgte ihm mit ihrem Bick einige Schritte. Die Veränderungen konnte sie nicht ignorieren. Auch er war erwachsener geworden, die Schultern breiter, das Auftreten weniger aggressiv, dafür um so gefährlicher. Er gehörte zu den Menschen, denen alles offen stand, weil sie intelligent und skrupellos genug waren, sich zu nehmen, was sie wollte und dennoch wusste sie nicht, was seine Zukunft sein würde. Niemals hatte er sie auch nur mit einem Wort darin eingeweiht. Sie konnte nur erkennen, dass er sich längst darauf vorbereitete. Die blonde Färbung seiner Haare war dabei herauszuwachsen, an den Ansätzen und darüber hinaus konnte sie bereits natürliches schwarz erkennen. Dieses Bild hatte sie in den letzten drei Wintern immer wieder bei den Studenten gesehen, die sich auf das Jobhunting vorbereiteten. Ablegen alter, rebellischer Gewohnheiten, um so gut wie möglich in die erwachsene Gesellschaft zu passen. Aber etwas derartiges passte nicht zu ihm - glaubte sie.

Mamori sah zu, wie sich der Abstand zu ihm vergrößerte. Es fröstelte und ihre Hände schlossen sich weiter um die warme Dose. Ein Reflex, eine Überspannungsreaktion, sie konnte es nicht einmal einordnen, was sie dazu bewog ihm endlich zu folgen, mit langen, eiligen Schritten.
"Hiruma-kun, was soll das Ganze?"
Genervt von der Situation bereitete sie sich auf eine Schimpftirade oder etwas ähnliches vor. Dass er noch nie die besten Manieren hatte, war ihr nicht erst seit gestern bekannt, aber auch für ihre Toleranz gab es Grenzen.
Sie hörte ein ungeduldiges Zungeschnalzen.
"Irgendwer hat eine scheiß Zukunftsnagst und nervt seit Wochen mit einer verfickten Lebenskrise wegen nichts." Aggression kratzte an der Unterseite seiner Stimme.
Mamori schluckte jede weitere Frage herunter. Merklich verlangsamten sich seine Schritte, passten sich ihren an.
Unsicher wanderte ihr Blick umher, von den Teedose, über die vielen Pärchen, zu all dem Weihnachtsschmuck in den Geschäften und Cafés, der nur auf eine ganz besondere Stimmung ausgelegt war und schließlich zu ihm, in seiner Kleidung, die zu wohl durchdacht und zu sehr aus gut aussehen ausgelegt war. Wartend, auf was auch immer, schielte er zu ihr herunter, die Braue skeptisch gehoben und quer über allem den Ausdruck 'Hast du wirklich geglaubt?' geschrieben.
Er schien erst zufrieden, als die Erkenntnis die Hitze in ihren Körper und ein scheues Lächeln auf ihre Lippen trieb.
Amüsement zupfte an seinen Mundwinkeln. "Du hast eine verdammt eine lange Leitung."
Kurz war sie gewillt nach seinem Arm zu greifen, diesen Moment noch mehr auszukosten, beließ es aber dabei sich im Gehen kurz gegen ihn zu lehnen. In ihrem Kopf zerplatzte die Trübnis, in die sie sich selber getrieben hatte.
"Du weißt aber schon, dass vor dem Abschluss noch ein Valentinstag kommt?", fragte sie mit einem unverhohlenen Schmunzeln.
Er warf den Kopf in den Nacken und stieß ein markantes Kichern aus, bevor er sich zu ihr drehte. In seinem Gesicht klebte ein Grinsen voller Selbstzufriedenheit und Vergnügen, ein Warnhinweis, dass er jeden Moment wild um sich schießen würde. Doch in seinen Augen blitzte etwas neues, herausforderndes und besitzergreifendes.
"Fucking Anezaki!"
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