Once upon a time in France

von anyrei
GeschichteAbenteuer, Freundschaft / P12 Slash
05.01.2013
01.03.2013
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Kapitel 6: Ein Tag am Strand
(Anmerkung: Erst mal tausend Dank für eure Reviews. Dieses Kapitel widme ich besonders alien83, Ligeia, Skylover, NiniFee96 und Salmandria. Danke, dass ihr so treu Kommentare schreibt! Ihr motiviert mich wirklich sehr! <3. Wenn ich schreibe, recherchiere ich immer viel und bastle mir ein paar visuelle Hilfsmittel.
Auf dieser Seite könnt ihr sehen, was alles zu dieser Story beigetragen hat: http://www.anyrei.de/once.html. Und nun viel Spaß beim Lesen!)

Mycroft war wütend. Eigentlich hatte er sich auf den Urlaub gefreut. Sherlock und er stritten sich sehr häufig, aber trotzdem sorgte Mycroft sich ständig um ihn. Sherlock war nur zu stur um das einzusehen. Mycroft dachte der Urlaub wäre perfekt geeignet um mehr Zeit mit seinem Bruder zu verbringen, der ihm in letzter Zeit immer mehr aus dem Weg ging. Da Sherlock ein Einzelgänger war, hatte Mycroft nicht damit gerechnet, dass er hier einen Freund finden würde.

Der Gedanke machte ihn wirklich sauer. Dieser John stahl Mycroft einfach die Zeit, die er mit Sherlock verplant hatte. Während Mycroft finster in seinem Hotelzimmer brodelte, schmiedete er hinterhältige Rachepläne.

~~~~~~


Eigentlich war Sherlock kein begeisterter Strandgänger. Strand stand für ihn für langweilige Sonnenanbeter, die Anwesenheit von viel zu vielen Kindern mit bunten Strandspielzeug und albernen Teenagern, die Volleyball spielten und dabei zu laut „Musik“ (ja, Sherlock benutzte in seinen Gedanken wirklich Anführungszeichen) hörten und schrien.

Der Strand war allerdings um diese Uhrzeit nicht mehr ganz so voll, wie er befürchtet hatte. John legte sein Handtuch und seine Tasche in den Sand unweit vom Meer.

„Siehst du die kleine Felsengruppe dort hinten?“

Sherlock nickte und John grinste: „Lass uns da hin schwimmen. Ich zeig dir da was Tolles.“

Sherlock legte seine Sachen neben Johns Handtuch und beobachte wie John sein T-Shirt auszog. Der Anblick von Johns nacktem Oberkörper löste ihn Sherlock verschiedene Emotionen aus, die ihn zuerst sehr verwirrten. Es ärgerte Sherlock ein wenig, dass er seinen eigenen Körper automatisch mit Johns sportlichen und trainierten Körper verglich. Sherlock machte zwar auch Sport, allerdings nicht so viel, dass es Auswirkungen auf seinen sehr schmalen Körperbau hatte. Während Sherlock diese Emotion des Neids schnell durchschaut hatte, konnte er mit dem anderen wenig anfangen. Es war eine seltsame Mischung zwischen einer Art Aufregung und Angst, einem Geborgenheitsgefühl und dem Wunsch John nahe zu sein. Sherlock zog grimmig sein eigenes T-Shirt aus und versuchte dieses widersprüchliche Gefühl abzuschütteln.

John stand in seinen dunkelblauen Badeshorts schon mit den Füßen im Wasser und blickte sich nach Sherlock um. Sein Freund stand etwas unschlüssig an seinem Platz. Er trug eine dunkelgrüne Badehose und John fragte sich nicht zum ersten Mal, wie Sherlock es schaffte bei diesem Wetter mit seiner elfenbeinfarbenen Haut weder Sonnenbrand zu kriegen noch braun zu werden.

„Alles klar?“, fragte John.

Sherlock nickte und ging zu ihm. „Wer passt auf unsere Sachen auf, wenn wir weg sind?“

„Da sind genug Leute, da klaut schon keiner was. Kannst du gut schwimmen?“

„Ja, warum?“

„Nur so. Mach dir keine Sorgen um die Sachen. So weit schwimmen wir auch nicht raus, das kriegen wir schon mit, wenn da jemand dran geht.“

John lief so weit es ging ins Wasser und schwamm dann kraftvoll los. Auch wenn Sherlock sehr gut im Schwimmen war, schaffte er es nur schwer mit John mitzuhalten. Nach ein paar Minuten waren sie an dem kleinen Felsen angekommen.

„Sei vorsichtig, wenn du dich hochziehst. Hier sind überall Seeigel“, meinte John, der Sherlock kurz an der Schulter anfasste und dann mit dem Finger nach unten zeigte.

Tatsächlich war der Felsen unter Wasser Heimat einer kleinen Seeigel Kolonie. Der Fels war übersät mit kleinen schwarzen Stacheln. An einer Stelle konnte man aber bequem auf den Felsen klettern. Sherlock folgte John und ließ sich von ihm das letzte Stück auf den Felsen ziehen.

Etwas außer Atem schaute sich Sherlock um. Wenn man zum Horizont blickte sah man nur das offene Meer. Vom Strand hinter ihnen war nichts mehr zu hören. Es war ein schöner ruhiger Platz.

„Schau mal“, meinte John, der sich über den Felsrand gebeugt hatte. Sherlock kniete sich neben ihn und folgte mit seinem Blick Johns ausgestrecktem Arm.

„Siehst du die kleinen silbernen Punkte auf den Seeigeln? Sieht ein bisschen aus wie kleine Augen, oder?“

Sherlock betrachtete die stacheligen kleinen Tiere. „Ich glaube aber nicht, dass es Augen sind.“

John schüttelte den Kopf. „Wohl eher nicht. Sieht mehr aus wie Dekoration.“

„Weißt du, dass die Franzosen hier Seeigel essen?“

John verzog das Gesicht. „Ist ja fies! Aber Schnecken zu essen finde ich noch viel fieser.“

„Warum?“

„Ernsthaft? So ein schleimiges Tier... Bäh! Alleine von dem Gedanken wird mir schlecht. Hast du schon mal Schnecken gegessen?“

„Ich war schon öfter Französisch essen mit meinen Eltern. Einmal habe ich Escargots bestellt. Die habe ich meinem Bruder ins Gesicht geschnipst. Fand ich sehr köstlich.“
John schaute Sherlock ungläubig an und musste über Sherlocks todernstes Gesicht loslachen. Sherlock ließ sich davon anstecken und lachte mit.

„Du bist echt unmöglich, Sherlock!“

„Das war nur fair. Ich wollte nichts essen und mein Bruder sah so hungrig aus.“

John bekam vor Lachen einen Hustenanfall und Sherlock klopfte ihm breit grinsend auf den Rücken.

Als der Lachanfall so langsam ausklang atmete John tief durch und schwieg eine Weile. Dann blickte er Sherlock an, der gedankenverloren, aber glücklich aufs Meer hinaus blickte.

„Wann fährst du genau?“

„Übermorgen, sehr früh.“

John verzog sein Gesicht. „Dann haben wir nur noch einen Tag. Das ist echt schade.“

Sherlock blickte ihn traurig an. „Finde ich auch.“

„Wie lange bist du noch hier?“

„Noch eine Woche. Das wird ziemlich langweilig werden ohne meinen Piraten Kapitän.“

Meinen Piraten Kapitän...

In Sherlock breitete sich ein wohliges Gefühl aus, als John ihn so bezeichnete. Er fragte sich unwillkürlich, wann er sich das letzte Mal so glücklich gefühlt hatte.

„Ich brauche nur noch ein richtiges Boot. Die Pluto fährt ja leider nirgendwo mehr hin.“

„Wie würdest du dein Piratenschiff nennen?“

„Nereide“, antwortete Sherlock ohne nachzudenken.

John schaute Sherlock überrascht an. „Klingt nicht besonders furchterregend.“

„Das Wort kommt aus der griechischen Mythologie. Nereiden sind Nymphen des Meeres, die Schiffbrüchige beschützen und Seeleute mit Spielen unterhalten. Sie leben am Grund des Meeres und sind Begleiterinnen des Meeresgottes Poseidon. Ich finde, es ist ein passender Name.“

„Für ein Schiff, da stimme ich dir zu. Aber ein Piratenschiff? Sollte das nicht irgendwie einen Namen haben, der die Leute erschreckt? Wie „Hades“ oder „Schwarzer Tod“.“

Sherlock blickte John verwirrt an. „John, der schwarze Tod war eine Krankheit und abgesehen davon klingt „der fliegende Holländer“ auch nicht besonders gruselig. Ich glaube die Taten sind das, was ein Piratenschiff und seinen Namen berühmt macht.“

„Der fliegende Holländer war kein Piratenschiff...“

„Aber ein Geisterschiff mit einem nicht gruseligen Namen.“

„Hättest du einen Papagei auf der Schulter?“

„Ja.“

„Ein Holzbein, Augenklappe oder einen Haken als Hand?“

„Ich glaube darauf verzichte ich dann doch. Wobei ein Haken als Hand auch praktisch sein kann. Zum Beispiel um Mycrofts Häkelversuche zunichte zu machen.“

„Dein Bruder häkelt?“

„Oder strickt... Irgendwas mit Wolle. Hat mich nicht interessiert, als er es mir erklären wollte, also hab ich die Information wieder aus meinem Gedächtnis gelöscht.“

„Hast du eigentlich viele Freunde, Sherlock?“

Die Frage überraschte Sherlock ein bisschen, auch der Tonfall, in dem John seine Frage stellte. Es viel ihm schwer den einzuordnen. Aber das war für Sherlock nichts Neues. Er hatte schon immer Schwierigkeiten dabei gehabt, Gefühle von anderen richtig zu interpretieren. Vor allem, weil sie ihn nicht interessierten. Bei John war das anders. John war – nach seiner Mutter – die einzige Person, wo er sich jemals die Mühe gemacht hatte, die Gefühle dieser Person richtig zu interpretieren.

„Ich hab keine Freunde.“

In dieser Feststellung lag keine Emotion und John fragte sich, ob es Sherlock wirklich egal war, oder ob er einfach nur gut im Verstellen seiner Gefühle war.

„Das ist jetzt jedenfalls nicht mehr so ganz richtig...“, murmelte John leise.

Sherlock blickte ihn lächelnd an. Er nahm Johns Hand in seine und blickte zum Horizont. Es war ein seltsames Gefühl für beide in dieser ungewohnten Situation. Aber es war trotzdem ein schönes Gefühl, und John versuchte sich einfach keine Gedanken mehr über das Warum und Wieso zu machen, sondern einfach nur den Moment zu genießen. Sie wussten nicht, wie lange sie dort mitten im Meer auf dem Felsen gesessen hatten. Die Sonne war gerade untergegangen und unendlich viele Sterne waren am Himmel erschienen.

„Schön, oder?“

John nickte. „Ja sehr. Bei mir zu Hause kann man nicht so viele sehen.“

John rappelte sich langsam auf und musste Sherlocks Hand mit Bedauern wieder loslassen. Sherlock blickte ihn fragend an.

„Ich muss nach Hause. Meine Eltern haben es nicht so gerne, wenn ich so spät noch am Strand bin.“

Sherlock nickte und blickte über den Felsrand. „Man kann den Weg ins Wasser und die Seeigel nicht mehr sehen.“

„Wir springen.“

John nahm wieder Sherlocks Hand und beide sprangen gleichzeitig so weit wie sie konnten ins Wasser. Das Wasser war mittlerweile sehr kalt geworden und daher beeilten sich beide an Land zu kommen.

„Siehst du, unsere Sachen sind noch da“, meinte John, als sie endlich am Strand waren. Sherlock zitterte am ganzen Körper und John hüllte ihn in sein großes Badetuch.

Schweigend trockneten sich die Beiden ab, zogen sich um und packten ihre Sachen zusammen.

„Sehen wir uns morgen?“, fragte John.

Sherlock nickte. „Ich hole dich ab. Wir könnten noch mal zu unserem Schiff gehen.“

„Okay“, John lächelte Sherlock glücklich an.

John begleitete Sherlock noch zum Hoteleingang, vor dem sie etwas unschlüssig verweilten. Keiner wusste so genau, was er machen sollte.

„Alsooooo... Ich wünsche dir eine gute Nacht“, meinte John schließlich.

„Ich dir auch.“ Sherlock beugte sich nach vorne und küsste John leicht auf die Wange. Dann drehte er um und lief ins Hotel.

Das alles passierte so schnell und unerwartet, dass John gar nicht reagieren konnte. Er stand einfach nur ein paar Minuten perplex da und starrte Sherlock hinterher. Ihm war aber auch nicht ganz klar, wie er darauf hätte reagieren sollen. John hatte immer gedacht, wenn ihm so etwas passieren würde, würde er es ekelhaft finden. In der Schule machten sie manchmal Witze über Schwule und John war sich ziemlich sicher, dass er auf Mädchen stand. Nicht nur weil er schon in ein Mädchen verliebt gewesen war, sondern auch, weil er Jungs nicht gerade sexy fand.

Aber heute Abend wartete er vergeblich auf ein negatives Gefühl dem Kuss gegenüber. Ganz im Gegenteil.
Verwirrt und in tiefe Gedanken versunken, schlurfte John zurück zum Campingplatz.