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Am Abgrund

von Jaderegen
KurzgeschichteDrama, Übernatürlich / P16
04.01.2013
04.01.2013
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Sehr geehrte Lyra,

hiermit senden wir Ihnen die für den nächsten Auftrag benötigten Daten zu.

Gemäß des Protokolls müssen wir Sie erneut auf die Verschwiegenheitsklausel hinweisen.

Das angeforderte Material dürften Sie bereits erhalten haben. Wir bitten um mehr Sorgfalt als das letzte Mal.

Ein ausführlicher Bericht ist erwünscht.

Wir verbleiben mit freundlichen Grüßen und wünschen Ihnen viel Erfolg.


„Alter! Ryoshi, hör dir das an! Schlimmer geht’s echt nicht mehr!“ Mit übertriebener Stimme lese ich den soeben im Briefkasten entdeckten Brief vor, während ich mit der anderen Hand an dem kleinen Holzkästchen herumspiele, das ebenfalls heute angekommen ist. Ich brauche nicht nachzusehen, was sich darin befindet: längliche, 3x10 formatige Bannzettel. Die letzten habe ich zum Missfallen meiner Arbeitgeber verloren. Sowas kommt vor, wenn man vor einem schießwütigen alten Kauz flüchten muss, der nicht wahrhaben will, dass man nur Gutes im Sinn hat. Gut, ist vielleicht etwas unglaubwürdig, wenn man dabei in seinem Haus herumschleicht. Mit der Wahrheit habe ich es gar nicht erst versucht. Hätte auch nichts weiter gebracht.

„Also Ryo? Lassen wir diesmal mehr Sorgfalt walten?“
Ein Winseln mit schief gelegtem Kopf ist die Antwort.
„Seh ich genau so.“ Lächelnd kraule ich den Kopf des kleinen Australian Shepherds, der neben meinen Knien sitzt.

Ryoshi ist so ziemlich das einzige, das mir von meinem alten Leben noch geblieben ist. Und gleichzeitig auch das einzige Lebewesen, das mir in meiner jetzigen Lage beistehen kann. Ich habe ihn als Welpe von meinen Eltern geschenkt bekommen, als ich 15 geworden bin, ihm einen Namen gegeben, den ich damals extrem cool gefunden habe. Seitdem sind wir unzertrennlich. Ich liebe seine Treue zu mir (die sich für mich nach wie vor besonders anfühlt, auch wenn viele sagen, dass sich jeder gut erzogene Hund so verhält), sein weiches, grau-braun-weißes Fell und die beiden verschiedenfarbenen Augen - blau und grau -, mit denen er mir direkt in die Seele zu blicken scheint. Ich möchte mir gar nicht vorstellen, was passiert, wenn er eines Tages seine natürliche Altersgrenze erreicht hat.

Mein Blick fällt wieder auf den Brief. Eine Ortschaft in Bayern also diesmal. Ich komme ganz schön herum. Das Ausland haben sie mir bisher glücklicherweise nicht angetan. Ich frage mich, ob das auch noch irgendwann kommt. Oder ob ich vorher bei irgendeinem Unterfangen abkratze.

„Na dann hopp. Die Pflicht ruft und Zeug will gepackt werden.“ Pseudomotiviert stehe ich vom Bett auf, um die nötigen Sachen aus dem Kleiderschrank zu holen.

*-*-*-*-*

Eins ist ja lustig, sinniere ich, während ich aus dem Fenster des Zuges starre. Ich kann Geld verplempern, wie ich nur möchte. Bei jeder neuen Aufgabenbeschreibung trifft auch ein guter Batzen Kohle auf meinem Konto ein. So viel, dass ich sogar total luxuriös die erste Klasse wähle, ohne lange im Voraus zu buchen. Gut, das würde auch gar nicht gehen, denn meist habe ich nicht viel Zeit, bis ich an den jeweiligen Ort muss.

Ryoshi winselt leise. Er mag Leine und Maulkorb überhaupt nicht. Das ist bei ihm auch absolut nicht nötig, aber Vorschriften sind eben Vorschriften und auf Ärger wegen sowas kann ich gut und gerne verzichten. Sorgt nämlich nur dafür, den Rest der Strecke mit dem Taxi zurück zu legen.

*-*-*-*-*

Nach einigen Stunden und mehrmaligem Umsteigen habe ich mein Ziel erreicht. Ich weiß nicht so recht, ob dieses Kaff jetzt Stadt oder Dorf sein möchte, es hat Elemente von beidem. Mich soll's nicht stören. Ich mache mich auf den Weg in meine Pension. Dort soll ich auch Maya treffen. Irgendetwas in meinem Bauch krampft sich zusammen. Das wird unschön werden. Wie immer. Wobei, nein. Wie immer kann man nicht sagen. Es hat eine Zeit gegeben, in der unsere Treffen mehr als schön gewesen sind. In der wir uns jeden Tag gesehen haben. Und abends noch ewig telefoniert, bevor wir schlafen gegangen sind. In Konferenzschaltung mit unseren Jungs. Tobias und Carsten. Die beiden haben wir auch jeden Tag gesehen. Bis zu diesem Erlebnis.

Ein Auto hupt laut und ich zucke zusammen. Gleichzeitig zerrt Ryoshi an der Leine. Mitten auf der Straße stehen bleiben ist keine gute Idee. Ich gestikuliere wütend in die Richtung des Autofahrers, obwohl der nichts falsch gemacht hat. Ist mir egal. Soll er sich doch ärgern. Tue ich auch. So gut wie ununterbrochen. Wenn ich nicht gerade Todesangst ausstehe, weil ich wieder Dinge machen muss, für die ein Normalsterblicher keinerlei Energie aufzubringen hat. Schon gar nicht, wenn er eigentlich studieren will und momentan in seinem Studentenwohnheim sitzen und für die morgige Klausur lernen sollte. Die ich wieder verpassen werde. Schon das zweite Mal in diesem Kurs. Es wäre sinnvoll, die Illusion von einem echten Leben endlich aufzugeben.

In meiner Bleibe angekommen, steht Maya bereits im Foyer. Bunte, fröhliche Kleidung, ein seriöses Lächeln. Sie ist mindestens genauso gut wie ich darin, unserem Umfeld etwas vorzuspielen. Wir schütteln uns die Hände, nicht in der Lage, uns länger als einen kurzen Moment anzusehen.
„Maya.“
„Larissa.“

Früher habe ich es immer toll gefunden, dass ihr Name nicht so gewöhnlich klingt. Was mich dazu bewogen hat, mir ebenfalls etwas Cooles einfallen zu lassen. Jetzt ist sie diejenige, die keinen Gebrauch mehr von meinem Spitznamen macht. Dafür meine ominösen Arbeitgeber.

„Hast du alles beisammen?“
Ich zucke mit den Schultern. Natürlich. Ist ja nicht so viel, an das ich denken muss. Und dieser Smalltalkversuch bringt mich jetzt schon auf die Palme. Wir wissen beide, dass wir nichts mehr miteinander zu tun haben wollen. Das wir das nervlich einfach nicht fertig bringen. Also kann ich das hier auch abkürzen.
„Ja. Lass uns morgen den Bauernhof und die Felder anschauen. Das können wir getrennt erledigen. Dann überlegen wir am Abend, wie wir am besten vorgehen. Lässt sich alles schnell regeln.“

Maya bejaht und ohne weitere Worte zu verlieren, gehe ich zur Rezeption, um mir meine Schlüssel geben zu lassen.

Was bin ich froh, als ich endlich auf meinem Zimmer ankomme. Das eben hat mich völlig geschlaucht. Ich lasse mich auf einen Stuhl fallen und spiele meinen Gedanken nachhängend an dem braunen Lederarmband meines linken Armes herum. Bei der Begrüßung vorhin habe ich bemerkt, dass Maya es ebenfalls noch trägt. Wahrscheinlich weiß sie genauso wenig wie ich, warum sie es nicht endlich ablegt. Ich musterte die Holz- Keramik- und Metallpaletten, die in das Hauptmaterial eingearbeitet sind. Ob Tobias es auch noch umhat? Kurz überlege ich, ob ich ihn nicht einfach fragen soll. Immerhin ist inzwischen wirklich jeder bei Facebook angemeldet und es wäre ein Leichtes, ihn darüber zu erreichen. Ich verwerfe die Idee schnell wieder. Als ob er ernsthaft interessiert an so einer Frage wäre. Er befindet sich in Holland, macht dort irgendeine spezielle Psychotherapie. Die ich weiß nicht wievielte inzwischen.

„Ich muss raus!“ Schon bin ich wieder an der Tür, Ryoshi folgt mir. Das einzige, was in Verbindung mit Haustieren wirklich nervig ist, ist das Raussuchen von einer Pension, die sie gestattet. Und die Zusatzkosten bei der Bahn, aber zumindest das kann mir ja egal sein.

Auf dem Weg nach unten ins Foyer begegnet mir eine ältere Dame, die Ryoshi und mich missbilligend beäugt. Ich habe vergessen, die Hundeleine mitzunehmen und ignoriere die sprachlose Mitteilung. Er wird auf niemanden losgehen, da bin ich mir sicher. So etwas ist noch nie vorgekommen.

Zwischendurch vor mich hinseufzend spaziere ich durch die bereits hereingebrochene Dämmerung.

*-*-*-*-*

Etliche Stunden später laufe ich erneut durch den Ort, schaue mich diesmal genauer um. Gehe in ein Lokal mit rustikal anmutendem Einrichtungsstil und nehme mein Mittagessen zu mir, das ich wirklich ausgesprochen lecker finde. Ein Blick auf die Nachbartische zeigt mir, dass offenbar alle Speisen hier appetitlich angerichtet werden. Ryoshi habe ich draußen gelassen, um keinen Ärger mit den Besitzern zu riskieren. Der Tag wird noch unangenehm genug werden.

Draußen wartet mein vierbeiniger Freund bereits auf mich und trottet nun neben mir her in Richtung der Felder. Hier liegt der besagte Bauernhof, um den Maya und ich uns kümmern sollen. Ich hoffe, dass sie nicht auch gerade jetzt auf die Idee gekommen ist, hier hoch zu spazieren.

Glücklicherweise begegne ich niemandem, außer zwei Spaziergängern, die sich aneinander festhaltend langsam vorwärts bewegen. Vor einem Zaun bleiben sie stehen, um ein paar Bilder zu schießen. Und lachend ein Video zu drehen. So sieht es zumindest aus. Ich halte Abstand und warte, bis sie fertig sind. Die müssen mir ja schließlich nicht bei meiner Arbeit zusehen.

Als sie endlich von dannen ziehen, richte ich meine Aufmerksamkeit auf die große Wiese mit vielen Rindern und Kühen, ein paar Kälbchen zwischendurch, Tränken, Futterstellen und einer Hütte. Ryoshi neben mir steht stocksteif da und knurrt mit alarmiert aufgerichtetem Schwanz. Hier bin ich definitiv richtig. Ich fixiere die Tiere nacheinander, bis sich eine gehörnte Kuh plötzlich ruckartig herumdreht und mir direkt ins Gesicht starrt. Mit leuchtenden Augen und definitiv angriffslustig.

„Na hoppla, Kollege. Ich hoff, das hast du bei den armen Wanderern nicht gemacht. Sonst dürften die interessante Fotos auf ihrer Kamera haben.“
Natürlich bekomme ich keine Antwort. Nur einen weiteren Schwall mehr oder weniger unterbewusst wahrgenommene Aggression. Ryoshi bellt los und ich greife schnell nach seinem Halsband. „Schsch … darum kümmern wir uns heute Abend.“ Ich ziehe ihn weg, schlage wieder den Weg zurück ein, spüre den Zorn der besessenen Kuh im Rücken. „Ryo, aus!“ Es braucht noch mehrere scharfe Worte, bis er endlich gehorcht.

Geister bringen ihn völlig aus dem Konzept. Verständlicherweise. Mir wird auch jedes Mal Angst und Bange. Am liebsten würde ich mich verstecken, diesen Mist hier sein lassen. Aber so zu tun als ob es sie nicht gibt, führt nur noch schneller zum Tod. Wir alle haben es probiert.

Carsten hat diesen Versuch mit dem Leben bezahlt. Diese immateriellen Wesen mögen es gar nicht, ignoriert zu werden. Dann laufen sie zur Höchstform auf. Wenn sie einmal auf einen Sterblichen aufmerksam geworden sind, werden sie ihn bis zum Ende drangsalieren. Oder von ihm vernichtet. Was selbstverständlich weitere Artgenossen auf den Plan ruft. Ein Teufelskreis. Tobias und Carsten haben sie im Auto erwischt. Nach der Abiturfeier. Sie sind auf dem Nachhauseweg gewesen und haben den Wagen mit einem Mal voller körperloser Viecher gehabt - das ist zumindest meine Theorie. Durch diese Ablenkung (vermutlich haben sie Zeug schweben lassen, komische Geräusche gemacht; eben Dinge, die einen beim Fahren um jede Aufmerksamkeit bringen) ist Tobias von der Straße abgekommen. Später hat es dann geheißen, dass Alkoholkonsum die Ursache gewesen ist. Natürlich glaubt einem niemand, was wirklich geschehen ist. Was auch die ganzen Therapien nach dem dreiwöchigen Krankenhausaufenthalt nach wie vor nutzlos macht.

*-*-*-*-*

In der Pension treffe ich mich wieder mit Maya. Wie wir vorgehen werden, ist schnell geklärt. Ich habe die Bannzettel, mit denen es möglich ist, besessene Lebewesen zu lähmen. Und Maya das nötige Knowhow, um die Geister zu vernichten. Was uns zum perfekten Team macht, das ständig gemeinsam eingesetzt wird. Zu unserem Leidwesen.

Wir haben nie darüber geredet, woher sie diese Fähigkeit hat. Ich vermute, dass es etwas mit ihrer Mutter zu tun hat. Die Frau war sowohl heilpraktisch als auch esoterisch veranlagt, seit ich sie kenne. Wenn einer von uns krank war, hat sie uns zu sich eingeladen - sofern wir noch halbwegs draußen herumlaufen haben können - und uns Silberkolloid zubereitet. Die Erklärung, dass das Gesöff Viren im Körper binden und mit ausscheiden lassen soll, habe ich ihr abgekauft. Zumal es uns danach meist schnell besser gegangen ist. Ihre Aussage, dass man sich damit zugleich einen gewissen Schutz gegen Vampire und Werwölfe aneignet, weil das Blut für sie dann extrem scharf und unangenehm schmeckt, ist hingegen immer lachend abgetan worden. Ich weiß nicht, ob da was Wahres dran ist. Oder ob es andere übernatürliche Wesen überhaupt gibt. Und ich will es auch nicht herausfinden, mir reichen diese dämlichen Geister völlig!

Maya und ich haben auch nie darüber geredet, woher ich die Bannzettel bekomme. Ich bin früher einmal verzweifelt über einen Jahrmarkt gelaufen und habe mich dazu hinreißen lassen, in das Zelt einer sogenannten Wahrsagerin zu stolpern. Das war kurz nach dem verhängnisvollen Unfall. Die rothaarige, nette, junge Frau hat sich mir ins Gedächtnis gebrannt. Hat damals gemeint, ich wäre ein besonderer Mensch und dazu geschaffen, mich dem Bösen entgegen zu stellen. Und dass ich dafür Hilfsmittel bräuchte. Dann hat sie mir dieses Holzkästchen gegeben. „Was soll ich mit diesen dämlichen Runen-Pergament-Schrottdingern?“, habe ich sie wütend gefragt, woraufhin sie nur kurz eine Hand auf meinen Arm gelegt und geantwortet hat: „Ich weiß, wie schrecklich das ist. Tröste dich mit dem Gedanken, dass es an anderen Orten und in anderen Welten auch nicht leichter für Auserwählte ist.“ Bei dieser Ansage habe ich das Zelt schnell verlassen.

Ich konzentriere mich wieder auf meine Gesprächspartnerin. Auch wenn es schwer ist, bei ihrem Anblick nicht an früher zu denken. An die Zeit, in der noch alles funktioniert hat. Als wir und Ryoshi - die einzig wahren fünf Freunde laut Carsten - durch die Stadt gestreift sind und lauter Blödsinn angestellt haben. Sachen gemacht haben, auf die nur Jugendliche kommen können. Und Dinge nicht gemacht haben, die uns viele angedichtet haben. So sind wir niemals, nie während unserer langen Viererfreundschaft in irgendwelche romantischen Verhältnisse zueinander verwickelt gewesen. Etwas, was uns wirklich stolz gemacht hat. Und geklaut haben wir auch nie, obwohl wir schon aus ziemlich vielen Geschäftslagern oder Baustellen rausgeschmissen worden sind.

Genug jetzt! Ich hasse es, wenn meine Gedanken immer und immer wieder abdriften. Das tun sie ständig! Vergraben sich in der Vergangenheit, im Damals, in dem alles besser gewesen ist. In dem ich Freunde gehabt habe, ein Ziel vor Augen, und Vorstellungen für den Rest meines Lebens. Eigentlich will ich Tierärztin werden. Passend zu meiner Begeisterung für Tiere und entscheidend für die Wahl meines Studiums. Stattdessen jage ich Geister und erscheine nur zu jeder zweiten Klausur - wenn überhaupt.

„Also dann bis später.“
Verdammt, wieder habe ich Mayas letzten Worten kaum folgen können.
„Denk nicht so viel an früher“, ermahnt sie mich in diesem Augenblick mit einem traurigen Lächeln. „Wir wissen beide, dass das nichts bringt und nichts mehr davon je wieder Bestand haben wird.“

Ich nicke nur. Sie hat ja recht. In der Schule hat alles angefangen und spätestens bei dem Autounfall ist es dann irreversibel in die Brüche gegangen.

*-*-*-*-*

„Überlass mir das Reden“, bittet mich Maya auf dem Weg zum Landwirt. Sie hält sich wohl für diplomatischer. Gut, damit mag sie nicht ganz falsch liegen.

Denn zumindest der erste Teil des Gesprächs läuft relativ problemlos. Der Bauer steht sichtlich panisch neben seiner Frau, die uns erklärt, dass ihnen nicht klar ist, was eigentlich passiert. Dass sie ein Rind hatten, das die ganze Zeit merkwürdig gewesen war: Es hatte Artgenossen auf dem Feld angegriffen, Futterstellen und Tränken demoliert, war auf Passanten zustürmt, die zu nahe an der Abgrenzung entlang gegangen waren. Mir fallen die beiden Spaziergänger vom Nachmittag wieder ein. Die haben echt Schwein gehabt! Der Mann hatte das merkwürdige Tier erschossen und eine Weile war Ruhe gewesen. Bis eine Kuh auf einmal dieselben Verhaltensmuster an den Tag gelegt hat. Die Eheleute haben im Internet Hilfe gesucht und plötzlich eine E-Mail mit seltsamer Telefonnummer in ihrem Postfach vorgefunden.

Ja, so geht das immer. Unsere Arbeitgeber schalten sich irgendwann ein, schicken Betroffenen und eigenen Angestellten (wenn man das so nennen mag) ominöse Nachrichten, weisen auf Dinge hin, die sie tun sollen, stellen in meinem Fall Material zur Verfügung und bleiben ansonsten absolut im Hintergrund. Ich weiß nichts über sie zu sagen, habe noch nie einen von ihnen getroffen und finde lediglich Botschaften und Geldüberweisungen vor. Ich habe mir aber auch nie die Mühe gemacht, die Kontodaten überprüfen zu lassen. In einer Welt voller skurriler Erscheinungen hat man solche Dinge hinzunehmen, wenn man sich nicht noch mehr Probleme aufhalsen will.

Völlig aufgelöst hat die Gattin schließlich dort angerufen und versichert bekommen, dass Hilfe geschickt werden würde. Ich vergrabe die Hände in den Taschen meines blauen Jeansoveralls. Jaha, hier sind sie, die zwei glorreichen Geisterjäger. Ihr seid gerettet. Frohlocket und preiset uns! Ich verstehe schon, dass Maya diese Unterhaltungen lieber selbst führen möchte. Denn solche zynischen Kommentare könnten die Hilfebedürftigen noch mehr verwirren. Was ich nicht als mein Problem ansehe. Meine ehemals beste Freundin schon.

„Begreifen Sie das doch! Wir möchten nur, dass wieder alles so wird wie früher.“
An dieser Stelle lässt sich ein freudloses Auflachen nicht mehr unterdrücken. Maya wirft mir einen warnenden Blick zu. Die Irritation der Betroffenen steigt.
„Was ist daran so komisch? Dafür sind Sie doch hier! Machen Sie, dass das alles ein Ende findet!“, schreit der Mann mich an.

Da kann ich mich nicht mehr zurückhalten.
„Dass das alles ein Ende findet?! Dann müssen Sie sich umbringen! Wir sind hier, um ein konkretes Problem zu lösen. Aber die haben nun Freude daran gefunden, Sie zu belagern. Werden immer wieder kommen und Sie in den Wahnsinn treiben! Sie können nur beten, dass Sie früh genug bei uns anrufen! Oder uninteressant werden! Was ziemlich unwahrscheinlich ist! Willkommen in der Wirklichkeit, in der scheiß grausamen Wirklichkeit!“

Meine Stimme ist immer lauter geworden, die letzten Worte habe ich dem Bauern ins Gesicht gebrüllt. Soll er sich lieber gleich von dem Gedanken verabschieden, irgendwann wieder ein geordnetes Leben zu führen. Das gelingt in den seltensten Fällen. Und wenn ich ehrlich bin, ist mir das auch total egal. Ich tu, was ich kann, habe diese Aufgabe angenommen, um nicht noch mehr den Verstand zu verlieren, aber was danach passiert, kümmert mich nicht. Ich kann es ohnehin nicht beeinflussen.

Mayas Finger krallen sich in den Stoff über meiner Schulter. Wovon ich nicht viel mitkriege, ich habe die Stellen, unter denen die Gelenke liegen, irgendwann mal mit braunem Leder verstärkt, um bei Stürzen wenigstens eine kleine Chance auf etwas weniger schlimme Verletzungen zu haben.
„Vielen Dank für dieses äußerst hilfreiche Statement“, knirscht sie zwischen den Zähnen hervor. Vermutlich würde sie mir ihre Faust gerade am liebsten mitten ins Gesicht rammen. Ich habe alles ungleich beschissener gemacht. Nun bricht auch die Frau zusammen, klammert sich an ihrem Mann fest und beide schluchzen.
„Geh und tu deinen Job!“, pfeift Maya mich an und stößt mich in Richtung der Weide.

Sie ist definitiv an der Grenze zum Ausflippen, wenn sie mich ohne ihre Rückendeckung zum Ort des Eingemachten schickt. Nicht, dass sie mir bei dem, was ich zu tun habe, praktisch helfen könnte. Aber theoretischer Beistand ist an sich schon üblich - trotz dem kalten Verhältnis, das wir inzwischen zueinander haben.

Ryoshi läuft neben mir her. Knurrend, mit gefletschten Zähnen. Bellend vertreibt er die nicht besessenen Tiere. Dass sie dem bereitwillig Folge leisten, zeigt, wie verstört sie sein müssen. Denn normalerweise könnten sie den kleinen Shepherd ohne Weiteres überrennen, sofern er nicht schnell ausweichen würde.

Das betroffene Vieh ist schnell gefunden. Ich ziehe einen Bannzettel hervor, bereit ihn in Richtung des Gegners zu schleudern. Dieser Teil ist im Grunde überraschend leicht. Ich muss nur ungefähr in die richtige Richtung werfen, dann flattert das Papier ganz alleine zum Ziel. Wie das geht, gehört ebenfalls zu den Dingen, die ich nicht hinterfragen möchte. Wird irgendetwas Magisches sein und mit den Runen zu tun haben, die auf dem Pergament sind.

Schwierig ist es, wenn es nicht gelingt, sich anzuschleichen. Körperlose sind nicht dumm und spätestens nach meinem Gekeife hat dieses Exemplar hier ohnehin geschnallt, was sich abspielt. Außerdem ist da ja auch noch Ryoshis laute Freiraumschaffaktion gerade gewesen.

Wieder werde ich mit dem zornigen Blick konfrontiert. Nur, dass der Geist diesmal nicht bereit ist, diese Auseinandersetzung auf einen späteren Zeitpunkt zu vertagen. Er fesselt meine Aufmerksamkeit, lässt mich die Augen nicht abwenden, bohrt sich geradezu in mein ganzes Sein. Katapultiert meine Gedanken in eine glücklichere Zeit.

„Mädels! Heute Abend! Bloß nicht vergessen!“, erinnerte mich Carsten mit schelmischem Gesichtsausdruck. Er schüttelte seine braunen Haare aus dem Gesicht und zwinkerte uns verschwörerisch zu.

Maya und ich grinsten erst uns und dann ihn breit an. Als ob wir das vergessen würden! Immerhin planten wir schon seit Wochen, uns abends in die Schule zu schleichen und einsperren zu lassen. Mit dem Ziel, das gesamte Gebäude nach liegen gelassenem Geld und anderen Kleinigkeiten zu durchsuchen. Seit Carsten unter einem Heizungskörper einen Fünfeuroschein gefunden hatte, waren wir ganz begeistert von der Idee, so viel zusammenzusuchen, dass wir uns einen Urlaub zum Loch Ness leisten konnten. Sehr unrealistisch, aber man brauchte eben Träume!

„Carsten! Maya! Larissa! Tobias! Ich glaube, ich muss euch vier doch noch in verschiedene Ecken des Klassenzimmers setzen! Ihr wisst doch genau, dass dieser Stoff abschlussprüfungsrelevant ist. Wollt ihr etwa an der mittleren Reife scheitern?“
„Frau Müller! Ich habe doch gar nichts gemacht!“, beschwerte sich Tobias lautstark.
„Aber du hättest dich jeden Moment eingemischt.“
Das konnte er nicht abstreiten und ich musste ein Loskichern mit Gewalt zurückhalten. Ich war mir sicher, dass es den anderen ähnlich erging.

Oh nein. Das ist nicht gut. Ich versuche meinen Blick abzuwenden, diesen mentalen Kontakt irgendwie zu unterbinden. Ich weiß, was er tut. Was er mich nun durchleben lässt. Was im Laufe der Erinnerung geschehen wird. Ich habe nicht aufgepasst, bin zu abgelenkt gewesen. Habe mich in seinen Bann ziehen lassen. Ein verfluchter Fehler, der mir viel zu oft passiert.

„Bist du sicher, dass jetzt alle draußen sind?“, flüsterte Tobias.
„Wir haben nach zehn. Selbst die aus der Oberstufe müssten jetzt mit allem fertig sein“, erwiderte Maya leise.
„Wirklich?“
„Meine Güte, Kleiner!“, prustete sie los und fuhr mit der Hand durch seine kurzen, schwarzen Locken. „Hast du Schiss oder was?“
„Pff, von wegen, Hexe!“ Mit übertrieben verärgerter Stimme zupfte er kurz an Mayas Batikrock herum, bevor er sich unter der Bühne hervor schob, unter der wir uns versteckt hatten.

Es war seit geraumer Zeit nichts mehr zu hören gewesen und die Hausmeister hatten bereits ihre letzte Runde gedreht. Wenn die Luft jetzt nicht rein war, würde das auch später nichts mehr geben. Also rutschte ich ebenfalls aus dem Versteck und drehte mich ein paar Mal im Kreis. Ich liebte es, wenn meine kastanienbraunen Haare bei solchen Bewegungen um mich herumflogen. Vielleicht gehörte tanzen ja unter anderem deshalb seit jeher zu meinen Hobbys.

„Wie lang willst du die jetzt eigentlich wachsen lassen? Wie M?“
„Gott bewahre, C!“ Irgendwann, ein paar Monate, nachdem ich mir Lyra als Spitznamen überlegt hatte, hatte es sich eingeschlichen, dass wir uns nur noch mit unseren Anfangsbuchstaben ansprachen. Wie sich das für eine richtig gute Gruppe eben gehörte. Wir waren ‚die Wilden’, streunten überall herum, konnten die Finger nicht von verbotenen Orten lassen und waren überhaupt so ziemlich die Coolsten. In unserer Vorstellung jedenfalls. Wir hatten sogar unser ganz eigenes Cliquenarmband, das Mayas Mutter vor einiger Zeit für uns angefertigt hatte. Extra so, dass es auch die Jungs anziehen konnten, ohne sich unwohl zu fühlen. Laut der Herstellerin sollte es Glück bringen und uns noch enger zusammenschweißen. Gefiel mir, diese Bedeutung.
„ Bei Ms Mähne muss ich ja fünf Stunden bürsten! Ich verbringe lieber fünf Stunden damit, sie durcheinander zu bringen.“ Um meine Behauptung zu untermauern, schüttelte ich ein paar Mal wild den Kopf, um die schulterlange Frisur noch mehr zu verwuscheln. Arschlang, im wahrsten Sinne des Wortes, würde mir gerade noch fehlen.

„Wow, wenn man hier so völlig unerlaubt ist, sieht die Aula gleich viel einladender aus!“, stellte Maya begeistert fest und stieg auf die Bühne. „Sehr geehrte Damen und Herren, begrüßen Sie die diesjährige Abschlussklasse! Mit einem Notendurchschnitt von 1.2 ist das die beste, die diese Schule je mit Abitur verlassen hat.“

Ich lachte laut auf und stellte mich neben sie. „Erstens dauert das noch drei Jahre und zweitens träum weiter!“ Ich versuchte ihr das imaginäre Mikrofon aus der Hand zu reißen und es entbrannte eine kleine Kabbelei.

„Ey, Herzchens! Könnt ihr nicht über ernste, reale Fragen debattieren? So wie T und ich?“

Es war unnötig, nachzufragen, worum es gerade ging. Eishockey oder Fußball - die ewige Diskussion. Beide waren in einem Verein und wurden nicht müde zu beteuern, dass ihre Sportart die einzig wahre sei.

„Tobi, unser Fubbes-Champ und Cici, die Eiskönigin“, spottete ich und sah mich sogleich von zwei Jungs belagert, die mich zu Boden rangen und kräftig durchkitzelten, während Maya lauthals lachte.
„Ich hätte Ryo doch mitnehmen sollen! Der hätte euch gezeigt, was passiert, wenn man mich angreift“, keuchte ich zwischen Kreischen und um Gnade winseln.

Ich spüre, wie mir Tränen über die Wangen laufen. Ich würde alles - wirklich alles - dafür geben, um die Zeit zurückdrehen zu können. Um die Chance zu haben, diese Unternehmung von damals zu verhindern. Oder wenigstens jetzt diese fremd heraufbeschworene Erinnerung zu unterbinden. Aber das, was man am dringendsten begehrt, ist nun einmal das, was einem am wenigsten zuteil wird.

Einige Zeit später hatten wir uns wieder gefangen und traten unsere eigentliche Aktion an. Das Durchkämmen der Schule. Höchst konzentriert schlichen wir durch die Gänge, leuchteten mit Taschenlampen unter alles, was herumstand. Fanden Schals, Handschuhe, Geldmünzen und jede Menge Müll.

„Hättest Ryo mitnehmen sollen. Der hätte sicher noch mehr gefunden“, meinte Carsten irgendwann.
„Wäre nur blöd gewesen, dann noch zu erzählen, dass ich bei Maya schlafe.“ Ihre Mutter hatte eine Hundehaarallergie und einen der anderen als Argument vorzuschieben, wäre möglicherweise heikel geworden. Wir bewegten uns mit der Behauptung, bei jeweils einem anderen aus unserer Gruppe zu übernachten, ohnehin schon auf dünnem Eis und hofften, dass kein Elternteil auf die Idee kam, sich bei einem der anderen Haushalte zu erkundigen, was die Kinder so machten.

Dein Köter hätte auch uns gefunden. Diese Stimme gehört nicht in die Erinnerung. Es ist der böse Geist, der Äußerungen in mein Hirn projiziert. Tatsachen und Überlegungen präsentiert, die ich so gerne verdränge. Ihr hättet nicht so enden müssen. Er hätte so lange herumgekläfft, bis ihr das Gebäude verlassen hättet. Dann wärt ihr uninteressant gewesen. Oh, ihr armen, kleinen Kinder. Wie schnell ein Spaß als Verderben endet.

Wir amüsierten uns prächtig. Hatten jede Menge Spaß und am Ende eine nicht zu verachtende Ausbeute. Es reichte zwar nicht für einen Urlaub, aber für einen Kinobesuch definitiv. Wir überlegten gerade, wo wir uns zum Übernachten und auf den nächsten Schultag warten niederlassen wollten, als es plötzlich begann.

Erst ganz harmlos. Ein Windhauch. Wahrscheinlich war irgendwo ein offenes Fenster. Beim Heruntergehen der Treppe stolperte Maya plötzlich und konnte sich gerade noch so am Geländer festhalten. Mein Rucksack, in den wir die Beute gesteckt hatten, riss an der Unterseite kaputt und alles kollerte über den Boden.

Alles in mir krampft sich zusammen. Ich will das nicht sehen! Ich weiß, was passiert! Ich ertrage das nicht! Jedes Mal, wenn so etwas passiert, kann ich nächtelang nicht schlafen, klammere mich nur an Ryoshi und heule quasi durchgehend. Ich will diesen Bastard vor mir unschädlich machen. Ihm den Bannzettel gegen die Stirn klatschen, so dass Maya ihn danach vertreiben kann. Und doch bringe ich es nicht fertig, den meine Seele vergiftenden Blickkontakt zu unterbrechen.

Armes, schwaches Menschlein. Deine Art ist nicht geschaffen für Auseinandersetzungen mit uns. Du kannst dem so einfach ein Ende bereiten. Den Qualen entgehen, deine Freunde wieder sehen. Ich sorge dafür, dass Maya dir bereitwillig folgt. Und Tobias natürlich. Es ist ja schon grausam, ihm ständig zu erklären, dass es uns nicht gibt. Wo wir ihn doch so gerne aufsuchen und alles tun, um ihn vom Gegenteil zu überzeugen. Letztens hat er verzweifelt versucht, an Rasierklingen zu kommen.

Ich keuche auf. Weitere Tränen rinnen über mein Gesicht. Wenn sie diese Dinge sagen, ist es so verlockend. Ich weiß nicht, was davon der Wahrheit entspricht. Ob sie wirklich wissen, wie es um Tobias steht. Ob sie untereinander Kontakt haben. Oder ob einzelne Exemplare einfach meine Gedanken lesen und sich darauf bezogen das zusammenreimen, was mich wohl am meisten quält. Jedenfalls wünsche ich mir, dass er mich einfach ins Himmelsreich - oder wo auch immer ich landen werde - schickt. Den Tierkörper dazu benutzt, mich zu Fall zu bringen, um den Rest mit den gefährlichen Hufen zu erledigen.

Nein, meine Süße. Das musst du schon selbst erledigen. Sonst macht es mir nur halb so viel Spaß. Ich werde lediglich aufpassen, dass du es auch wirklich durchziehst.

Du verfluchtes Arschloch!, schreie ich in Gedanken. Zu mehr bin ich nicht fähig.

Es dauerte nicht allzu lang, bis uns das Ganze sehr seltsam vorkam. Spätestens bei den Getränkeautomaten, die plötzlich ihren Inhalt ausspuckten, war uns klar, dass hier etwas gewaltig nicht stimmte. Plötzlich riss es den Aushang, in dem sich die Vertretungspläne befanden, aus der Wand. Glas splitterte. Türen schlugen auf und zu. Stühle und Bänke in der Cafeteria wurden umgeschmissen. Irrationalerweise war meine erste Sorge in dem Moment, dass man sicher uns für die Schuldigen halten würde. Lichter flackerten. Eine Lampe stürzte von der Decke und verfehlte Carsten nur knapp. Schreiend rannten wir auf das Jungenklo und schlossen uns zu viert in einer Kabine ein. Aneinander geklammert lauschten wir den Wasserspülungen, die immer wieder von alleine losgingen. Erst nach Stunden kam uns der Gedanke, dass man eine Tür des Gebäudes von innen öffnen konnte, weil etwas mit dem Schloss nicht stimmte. Irgendwann hatte Maya das zusammen mit einer Aufsichtsperson der Schülerzeitungs-AG herausgefunden. Panisch verließen wir die Schule auf diesem Wege, verbarrikadierten uns in unserem Baumhaus, das wir in der Nähe von Tobias’ Wohnung gebaut hatten und beteten, dass wir so etwas nie wieder erleben würden.

Was völlig umsonst gewesen war. Seit diesem Abend sahen wir immer wieder übernatürliche Dinge. Die Geister waren auf uns aufmerksam geworden. Wir hatten sie in ihrem Revier gestört. Tagsüber begnügten sie sich wohl damit, dem Schulbetrieb zuzuschauen. Aber nachts war das ihr Reich, in das wir eingedrungen sind.

Es haute Maya und mich vom Fahrrad, stellte Tobias auf dem Rasen Stolperfallen, schlug Carsten den Hockeyschläger aus der Hand. Veränderte Mayas Schülerzeitungstexte, mischte Gewürze unter Ryoshis Essen, von denen er Durchfall bekam. Menschliche Wesen konnten sie wohl nicht berühren. Aber das brauchten sie auch nicht, um uns fertig zu machen.

Unsere Freundschaft zerbrach nach und nach. Wir taten alles, um dagegen zu steuern, aber es funktionierte einfach nicht. Alleine daheim, getrennt vom Rest der Gruppe, schienen sie uns weniger zu bedrängen. Da reichte es ihnen wohl, dass wir den Fragen der Eltern ausgesetzt waren. Dass wir in der Schule gewesen waren, hatten sie übrigens nie erfahren.

Der Psychoterror gipfelte in dem Unfall, der die beiden Jungs für immer aus meinem Leben riss. Und mich vor die Wahl stellte, einem von ihnen zu folgen, oder dem Unheil den Kampf anzusagen. Ich entschied mich für Letzteres, weiß der Geier, woher dieser Überlebenswille stammte. Auf dem Jahrmarkt bekam ich jedenfalls meine Waffen in die Hand und wenig später begannen diese Nachrichten, was ich wo zu erledigen hätte. Ich stieg darauf ein. Was dafür sorgte, allgemein weniger behelligt zu werden. Kriegserklärungen verstehen sie offensichtlich. Ich meldete mich trotzdem bei der Uni an, zog ins Studentenwohnheim und versuchte ein halbwegs normales Leben auf die Reihe zu kriegen.

Ich traf bei einem Auftrag auf Maya, die ich Monate nicht mehr gesehen hatte. Sie hatte ihre Aufgabe ebenfalls bekommen, ziemlich sicher sogar von denselben Leuten.

Nette Geschichte, nicht wahr? Hast dich ja ganz schön gemacht. Bist erwachsen geworden. Eingepflanzter Hohn durchzieht meine benebelten Gefühle. Ich frage mich, wann du endlich zerbrichst.

Ein unglaublich starker Schmerz in meiner linken Wade reißt mich aus dem mentalen Gefängnis. Ich schreie auf. Ryoshi knurrt und setzt dazu an, auch meine rechte Wade zu malträtieren, falls meine Aufmerksamkeit noch einmal gefesselt wird.

Jetzt heule ich vor Schmerz, besinne mich auf meine momentane Situation und versuche den gerade durchlebten Schrecken gewaltsam zur Seite zu schieben. Ich darf später zusammenklappen. Wenn ich hier fertig bin. Wenn ich den Opfern ihre Gnadenfrist gewährt habe.

Ich höre das Schnauben vor mir. Weigere mich, dem Tier in die Augen zu blicken. Erkenne dennoch den Schaum vor seinem Maul. Jetzt ist der Geist richtig wütend. Wenn ich mich nicht beeile, kommt das Tottrampeln früher als gedacht. Also hebe ich die rechte Hand zum Wurf, ziele in die ungefähre Richtung und stolpere zurück. Der durch meinen festen Griff und Schweiß zerknitterte Bannzettel fliegt auf den Geist zu. Erwischt ihn, gerade noch so. Ich gebe dem Schmerz nach, stürze zu Boden. Ryoshi springt vor mich, gewillt, mich zu beschützen. Aber das ist nicht mehr nötig. Die Kuh bricht durch die Lähmung endlich zusammen.

Hinter mir höre ich Mayas schnelle Schritte. Sie tritt neben mich und beginnt mit seltsamem Händegefuchtel und Gemurmel. Ich frage mich, ob sie das von ihrer Mutter hat, während ich mich an Ryoshi klammere. Vielleicht hat sie mit ihr darüber gesprochen. Mein Hund jault auf, offenbar habe ich zu fest zugepackt.

„Entschuldige“, murmele ich und lasse mich komplett zur Seite fallen. Ryoshi beginnt, mir übers Gesicht zu lecken. Meine Sicht verschwimmt. Aus dem Augenwinkel sehe ich, wie mein Bannzettel zu Boden segelt. Der Geist ist fürs Erste verbannt. Maya macht sich an meinem Bein zu schaffen, behandelt den Biss.

Nach einer gefühlten Ewigkeit zerrt sie mich auf die Beine. „Egal, wie verlockend dir das erscheint, du weißt, dass keiner von uns das gewollt hätte.“
„Mh“, ist meine einzige Reaktion darauf.
„Mit den Landwirten ist alles geklärt. Sie wissen, dass sie sich melden sollen, sobald ihnen etwas merkwürdig erscheint. Ich bringe dich jetzt zurück.“

*-*-*-*-*

Ein paar Tage später stehe ich kurz vor der Abreise. Ich habe die Zeit gebraucht. Musste mich erholen. Von körperlichen Schmerzen und seelischer Tortur. Habe mir Essen aufs Zimmer bringen lassen und annähernd durchgehend geheult. Beruhigungstabletten genommen. Auf natürlicher Basis. Die finde ich auch regelmäßig im Briefkasten. Ich argwöhne, dass Mayas Mutter dafür verantwortlich ist. Maya habe ich nicht mehr gesehen, sie hat die Pension wohl gleich verlassen, nachdem sie mich hingebracht hat.

Ich humpele durch den Ort, drehe noch eine kleine Runde, bevor ich zum Bahnhof gehe. Spüre die Sonnenstrahlen auf meiner Haut. Den lauernden Abgrund in meinem Herzen. Die nächste Zeit wird das Verlangen, dem Ganzen ein Ende zu setzen, sehr stark sein. Bis der Überlebensinstinkt wieder die Oberhand gewinnt. Mich den nächsten Auftrag annehmen lässt. Und das ganze Prozedere so oder in ähnlicher Ausführung von vorne beginnt.

Ryoshi jault leise auf. Ich schaue durch die Gegend, was seine Aufmerksamkeit erregt hat und erkenne die beiden Spaziergänger, die ich beim Fotografieren beobachtet habe. Diesmal sind noch drei andere bei ihnen. Die Gruppe sieht sympathisch aus. Erinnert mich irgendwie an einen Haufen Schriftsteller.
„Guten Appetit“, murmele ich, als ich ihnen nachschaue, wie sie das Lokal betreten, in dem ich auch gegessen habe.

Dann lache ich auf. Keine Ahnung, wo diese Anwandlung plötzlich hergekommen ist! Ich habe nichts mit Schreiberei am Hut. Was weiß ich denn, wie Schriftsteller aussehen? Ich bin krass neben der Spur und es wird Zeit, zur Bahn zu kommen. Um mich danach im Wohnheim zu verkriechen, bis die nächste Runde beginnt.


--- Ende ---



Das ist sie, meine inzwischen dritte Puzzlegeschichte. Deren Figuren ich schon im Kopf hatte, bevor überhaupt klar war, was für Vorgaben es geben würde. Sorry für diejenigen unter euch, die sich einen weiteren Oneshot zu Kithra erhofft haben - aber 'die Wilden' haben die Gestaltwandlerin einfach zur Seite gedrängt.

Der Text ist mitten in der Nacht entstanden. So einen Schreibflash hatte ich schon lang nicht mehr und es hat irrsinnig viel Spaß gemacht. Bis auf ein paar Anfangssätze, die ich vorher getippt hatte, ist's in einem Rutsch durchgegangen.

Ich hoffe, dass ihr genauso viel Freude beim Lesen hattet, auch wenn der Allgemeinton des Oneshots diesmal ja eher niedergeschlagen war. Über Rückmeldung (sehr gerne auch Kritik oder Fehlerhinweise, gerade bei ungebetaten Sachen bin ich immer sehr dankbar darum) würde ich mich freuen und verspreche baldige Antwort.

Die meisten haben es vermutlich ohnehin schon gesehen, aber ich erwähne es sicherheitshalber noch einmal: Die Überschrift ist gleichzeitig der Link zum Cover, welches das Vorgabenbild zeigt; ich war so frei, die Schrift einzufügen.

Liebe Grüße an meine Leser und Mitpuzzler. Diese Runde war wieder sehr schick! ;)
Jade
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