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Schreckliche Kinder

GeschichteAbenteuer, Familie / P12
31.12.2012
05.01.2013
2
9.725
 
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31.12.2012 5.157
 
Hallo!

Dies ist mein Beitrag zur zwölften Runde der Puzzlegeschichten.
Ich habe mich an Jaderegens Bild orientiert: http://img10.imageshack.us/img10/390/puge12.jpg

Tja, ich wollte eigentlich eine Komödie schreiben, bei der jeder jeden verwechselt und es zum Brüllen komisch wird (so wie bei den Meistern...Monty Python...) - raus kam diese Geschichte. Bisschen wie ein Film, mit scharfen Schnitten, aber, wie ich denke, dennoch unterhaltsam.
Ich wünsche allen ganz viel Spaß beim Lesen. Der zweite Teil folgt demnächst! :)





Schreckliche Kinder


Teil I


Gregor war nicht gut in Mathe, doch selbst er konnte sich ausrechnen, dass wenn Diebesware durch zwei Diebe geteilt wurde, für den einzelnen Dieb mehr übrig blieb, als wenn man unter dreien oder vieren aufteilen musste. Deshalb hatte er Wilma zugestimmt, als sie meinte, es sei am besten, nur zu zweit in die Fünfstücker Villa einzusteigen.
Jetzt aber, an diesem bitterkalten Oktobertag, als der Wind durch seine dünne Kleidung drang und es ihm kaum möglich machte, eine Kippe anzuzünden, jetzt dachte er mit Unbehagen an den vorbestehenden Einstieg.
"Und du bist dir sicher, Wilma?", fragte er die große, dürre Frau neben sich, die mit verschränkten Armen neben ihm im Gras hinter einer Brombeerhecke hockte und auf dem fast abgekauten Glimmstängel kaute.
"Ich zwing' dich nich'", antwortete Wilma und ihr Blick streifte ihn nur. "Ein Coup is' nie sicher. Sicher ist für mich das Sterben. Aber-", sie legte den Kopf schief, "wenn wir heute Abend nich' einsteigen, werden wir morgen Hunger haben. Und übermorgen - und wahrscheinlich die ganze nächste Woche. Solange", sie starrte düster in den dunklen, Wolken verhangenen Nachthimmel, "solange bis wir vor Hunger Mist bauen, und sie und erwischen und getrennt ins Armenhaus stecken. Das", sie warf ihre billige Kippe in das kalte Gras und trat sie vollends aus, "das ist fast so sicher wie Sterben."
Gregor seufzte und nickte. Wilma war einfach klug.
"Also gut." Er schluckte, nickte und zupfte Halstuch und Mütze zurecht.
"Tod oder frei", knurrte er in einem Anflug des Nervenkitzels, der ihn vor einem Einbruch immer befiel. Wilma grinste: "Tod oder frei!"

Das Tor zu überwinden war eine lächerliche Kleinigkeit. Niemand würde sie beobachten, und selbst wenn jemand zufällig aus den breiten Doppelfenster in den Garten blickte (was um diese Uhrzeit, es war halb ein Uhr nachts, äußerst unwahrscheinlich war), so würde er sie nicht sehen; zwischen ihnen und dem Fenstern standen alte Platanen, welche - noch in vollem Laub - die Sicht versperrten. Von der anderen Seite des Tores Richtung Dorf hatten sie alles gründlich überprüft. Das Land war weithin einzusehen, sodass sie herannahende Menschen würden erblicken können, bevor diese das schmiedeeisernen Tor erreichten. Bis dahin hatten sie sich entweder verdrückt oder stünden bereits auf Fünfstücker Rasen.
Wie zwei Katzen huschten Gregor und Wilma zwischen den Baumstämmen der Allee über den erstaunlich gepflegten Rasen, welcher einen Großteil des Grundstücks bedeckte. Dafür, dass der Gärtner inzwischen fast die gesamte Arbeit allein zu erledigen hatte und nur dreimal die Woche von einem jungen Mann aus dem Dorf unterstützt wurden, war die Parkanlage in ziemlich gutem Zustand.
Wilma riss sich die linke Hand an der Rinde auf, als sie ins Stolpern geriet und sie im letzten Moment Halt suchte. Ansonsten verlief das Wurzelstraucheln entlang des Platanenspaliers im Dunkeln glimpflich ab. Schließlich erreichten sie die niedrige Buchsbaumhecke, welche den Kies gestreuten Platz vor der Freitreppe, sowie einen fünf Meter breiten Streifen, der das gesamte Gebäude von der Rasenfläche abgrenzte, umgab. Die beiden Gauner duckten sich und krochen auf Hände und Knien eine gefühlte Ewigkeit entlang getrimmter Zweige über den kalten Boden und wünschten sich das Ende herbei.
"Sind wir bald da?", murmelte Wilma mürrisch, nachdem sie einen schmerzhaften kleinen Stein aus ihrer Schürfwunde am Handballen gezogen hatte. Gregor grunzte und nickte dann.
"Noch etwa zehn Meter, dann haben wir den Dienstboteneingang erreicht."
Als sie endlich davor standen, stupste Gregor die Tür vorsichtig an. Sie rührte sich nicht. Er fluchte.
"Das waren also deine umwerfenden Verführungskünste, hm, Schwerenöter?", spottete Wilma leise. Ihr Kumpane verdrehte bloß die Augen und packte sein Lederetui aus, in dem sich das wertvollste befand, das er besaß - seine Dietriche. Mit der Zungenspitze an der Oberlippe beugte er sich vor und betastete das Schloss.
"Ganz leicht. Das kann ich auch im Dunkeln", murmelte er einen Augenblick später zu seiner Gefährtin, der die Kälte inzwischen durch sämtliche ihrer dünnen Kleiderlagen gedrungen war.
"Wollen wir's hoffen", war die einzige mürrische Antwort, die er erhielt.
Gregor atmete einmal tief ein und aus und wieder ein und machte sich ans Werk. Keine zwei Minuten später drückte er die Türklinke herunter und die Tür schwang - glücklicherweise lautlos - nach innen auf.
"Siehste", murmelte Gregor.
"Schh!", zischte Wilma und lehnte die Tür hinter sich wieder an. Gemeinsam betraten sie die dunkle, kühle Küche.
"Also?", murmelte Wilma zu ihrem Kumpan. "Wo hat Anna gemeint, is' die Statue versteckt?"
"Im Arbeitszimmer Karl Fünfstückers hinter dem Ölschinken. Dort befindet sich der Tresor. Die Zahlenkombination lautet 19021867 wie sein Geburtsdatum", ratterte der junge Mann die Daten herunter.
"Dann übernimmst du jetzt die Führung. Los!" Wilma nickte und ihre Kopfsilhouette zeichnete sich dunkel vor dem schmalen Küchenfenster ab.
In diesem Moment hörten sie das Ratschen eines Zündholzes. Grauen erfüllt beobachteten die beiden Ganoven, wie am anderen Ende des Raumes, direkt bei dem Treppenaufgang in den Herrschaftsbereich, eine Kerze aufflackerte.
"Das werdet ihr nicht tun", erklärte ihnen eine kultivierte, fast amüsiert klingende Männerstimme.
"Mit Langfingern wird in diesem Hause kurzer Prozess gemacht. Darf ich Sie deshalb bitten, sich von diesem Grundstück im Allgemeinen und aus der Küche im Besonderen zu entfernen?"
Die orange-gelbe Flamme flackerte auf und warf tanzende, verzerrende Schatten auf das Gesicht des Mannes, der im Türrahmen stand. Er war fast einen Kopf größer als Wilma und überragte den etwas klein geratenen Gregor um etwa zwei Haupteslängen. Dennoch, so schnell ließen sich die beiden Kleinganoven nicht einschüchtern. Unmerklich zupfte Wilma ihren Kumpanen am Jackenärmel und deutete unauffällig auf seine Hand, bevor sie ihre eigene zur Faust ballte. Gleichzeitig trat sie vor Gregor, wobei sie allerdings darauf achtete, kein Kerzenlicht auf ihr Gesicht fallen zu lassen, und zog ihre Ballonmütze tiefer ins Gesicht. Wenn sie Glück hatte, war ihrem Gegenüber noch nicht aufgegangen, dass er es nicht mit zwei Kerlen zu tun hatte.
"Ach, das bitten Se uns, ja?" Sie lachte rau und, wie sie hoffte, männlich. "Und wenn wir das nicht vorhaben?"
"Dann...", der Mann wirkte mit einem Mal nicht mehr so selbstsicher. "Dann werde ich Gerhard und Johann rufen lassen..." Wilmas geballte Faust traf ihn vollkommen unvorbereitet. Er stolperte zurück, prallte gegen den Türrahmen und ließ dabei die Kerze fallen, die auf den Boden fiel und erlosch.
"Jetzt!", zischte sie Gregor zu und sprang zurück, um ihn - einen echten Kerl - den Rest erledigen zu lassen. Nicht dass sie sich in einer Rauferei noch enttarnte. Wenn der Fünfstücker-Sohn später Anzeige erstattete, würde er hoffentlich nach zwei Kerlen fahnden lassen. Musste sie eben in nächster Zeit ein paar Kleider anziehen, wenn ihnen das das Zuchthaus ersparte.
Gregor stürzte sich auf ihn, bevor der Fünfstücker-Sohn zur Gegenwehr ansetzten konnte. Mit einem gezielten Schlag gegen die Schläfe schickte ihn der junge Mann in das Reich der Träume.
"Verdammt! Der is' von der SS!", schimpfte Gregor, als er aufstand und dabei seine Rechte schüttelte. "Sieh dir bloß die Uniform an! - Dieser Einstieg steht unter keinem guten Stern, Wilhelmina." Er schaute erst auf den Bewusstlosen, dann wieder auf seine Kumpanin. "Vielleicht sollten wir ihn verschnüren und dann machen, das wir wegkommen?"
Wilma schnaubte und blickte ihn böse an, da er es gewagt hatte, sie mit ihrem verhassten Vornamen anzusprechen. "Vergiss es! Wir werden doch jetzt nich' aufhören! Dafür isses zu spät!" Gregor blickte sie lange an, doch Wilma erwiderte seinen Blick ohne mit der Wimper zu zucken. Schließlich sah der junge Mann weg und seufzte.
"Auf deine Kappe."
"Auf meine Kappe." Sie nickte und tippte sich an die Mütze.
Gregor seufzte und kratzte sich am Kopf.
"Und was machen wir jetz' mit dem da?" Wilma grinste nur.

Was?!" Karl-Albert Fünfstück richtete sich ruckartig in seinem Bett auf, was einen fürchterlichen Hustenanfall zur Folge hatte.
"Gnädiger Herr!" Gerhard Kolb, das Faktotum des Hauses Fünfstück, eilte zum Bett seines Herrn und entkorkte die Flasche mit der Hustenmedizin.
"Sie dürfen sich nicht aufregen!"
"Leichter gesagt als getan, Gerhard!", knurrte der alte Mann und wedelte mit der Hand. Er wollte jetzt keinen Hustensaft, er wollte seinem Sohn die Leviten lesen! Da kam dieser vagabundierende, aus der Art geschlagene Nichtsnutz nach Hause, und das zu einer gottlosen Stunde, und das erste, was er tat, war schamlose Forderungen stellen. Der würde etwas zu hören bekommen!
Karl erhob sich, stützte sich am Bettpfosten ab und bedeutete Gerhard, ihm in den Morgenmantel zu helfen. Er schlüpfte in seine Puschen und stieß mit der linken Hand die Tür auf, die sein Schlafzimmer von seinem Arbeitszimmer trennte. Mit der rechten stützte er sich auf seinen Stock.
"Taugenichts!", fauchte er aufgebracht. Sein Sohn sah ihn bloß neugierig an, wie man einen Zwerg oder Schlangenmenschen im Zirkus betrachtete. So wie sein alter Herr vor ihm stand, das gestärkte Nachthemd, die Wollunterhose, die unter dem Morgenrock hervorblitzte, mit wirrem, fast weißen Haar und rotfleckigen Wangen, könnte er Dickens' Weihnachtsgeschichte entsprungen sein. Fehlte nur noch die Schlafmütze und er wäre ein Ebenbild Ebenezer Scrooges.
Bei diesem Gedanken hätte Karl Alois Fünfstück fast geschmunzelt, doch er verkniff sich das Lächeln, denn er wollte seinen Vater nicht noch mehr gegen sich aufbringen - falls das überhaupt noch möglich war.
"Guten Abend, Herr Vater."
"Guten Abend?", krächzte Karl erzürnt ob dieser Dreistigkeit. "Es ist mitten in der Nacht, du dummer Junge! Kannst du die Uhr nicht lesen? Hast du nichts gelernt in deinem sinnlosen Leben?"
Alois biss sich in die Wange, um eine patzige Antwort seinerseits zu verhindern. Stattdessen antwortete er in ruhigem Tonfall: "Es tut mir Leid, dass ich Sie heute so spät aufsuchen muss, aber mein Zug kam nicht eher an."
"Es sollte dir auch Leid tun!", spuckte sein Vater giftig. Dann schnaufte er tief durch und fügte hinzu: "Du kannst vom Glück reden, dass das Personal dir wohler gesonnen ist, als ich es bin. Ich weiß nicht, weshalb ich dich anhören sollte. Ich habe dir sicherlich nichts zu sagen!" Mit diesen Worten wollte er sich eigentlich umdrehen, doch Alois machte einen Schritt auf ihn zu und rezitierte: "Der Vater aber sprach zu seinen Knechten: „Schnell, holt das beste Gewand heraus und zieht es ihm an und gebt ihm einen Ring an seine Hand und Sandalen an die Füße...Lukas Kapitel fünfzehn -" "- Vers elf bis zweiunddreißig. Ich kenne das Gleichnis vom Verlorenen Sohn!", unterbrach ihn sein Vater unwirsch und reckte das Kinn.
"Und? Was willst du mir damit sagen, Tunichtgut? Dass du bereust und nach Hause zurückkehrst wie der reuige Sohn zum Vater?"
Nun lächelte Alois, oder vielmehr seine Mundwinkel zuckten.
"Nicht ganz. Aber ich, der Verlorene Sohn bin zurückgekehrt, um Ihnen ein Angebot zu machen."
Karl schnaubte und lachte zugleich, was dann in einen Hustenanfall überging. Als er sich endlich beruhigt hatte, fragte er höhnisch: "Ein Angebot? Soso. Was kannst du abgerissener Tagelöhner, den ich am liebsten Hurensohn nennen würde, wäre meine Frau nicht so eine ehrbare Dame gewesen, was kannst du mir schon bieten, dass es mich verlockte, hm?" Er lachte kurz und bellend. "Nur zu, mache mir dein unwiderstehliches Angebot."
"Vielleicht ist es nicht unwiderstehlich", erwiderte Alois ungerührt. "Wenn in Ihnen noch ein Funke Menschlichkeit ist, dann werden Sie es nicht annehmen."
"Junge, verschwende nicht meine Zeit!", knurrte sein Vater.
"Ich verschwinde aus Ihrem Leben. Für immer. Sie können mich aus der Familienchronik tilgen, Ihren schleimigen Schwiegersohn als Ihren Erben einsetzen oder sein Balg, das meine Schwester, die Unglückliche, eines Tages in die Welt setzten wird - kurz, Sie werden sich über Mutters letzten Willen hinwegsetzen können, denn ich bin damit einverstanden." Alois schaffte es immer noch, dabei zu lächeln.
Karl vergaß einen Moment seinen Spott und starrte seinen Sohn ungläubig an. Dann verdüsterten sich seine Züge wieder und er fragte lauernd: "Und was willst du dafür?"
"Dass Sie mich auszahlen."
"Auszahlen?", brüllte Karl und stieß Gerhard beiseite, der dem Kammerspiel bislang stumm beigewohnt hatte. Fuchsteufelswild stürmte er auf Alois zu und rammte ihm den Stock gegen die Brust, sodass dieser zurück stolperte und sich erst an der Vitrine schräg hinter ihm festhalten konnte.
"Was bin ich denn, eine Hure? Ein schmieriger Hehler? Ein Pfandleiher? Was glaubst du eigentlich? Deine Dreistigkeit hat jetzt ein Ende, du Nichtsnutz. Du bist schon lange nicht mehr mein Sohn, jeden Tag verfluche ich die Stunde deiner Geburt! Raus aus meinem Haus, sofort!"
Alois rührte sich nicht von der Stelle, vielmehr vertiefte sich das Lächeln auf seinen Zügen.
"Es freut mich zu hören, dass Sie jeden Tag an mich denken, Herr Vater."
"Was?" Zum zweiten Mal verschlug es Karl die Sprache. "Nie denke ich an dich, nicht eine Sekunde meiner mir noch verbleibenden Zeit verschwende ich mit dem Gedanken an dich, du heilloser Narr! Und-", er holte tief Luft und krächzte die letzten Worte mehr als dass er sie brüllte: "Und niemals werde ich dir dein Erbe auszahlen. Du hast dein Erbe verwirkt, als du deiner armen Mutter weggelaufen bist, die nichts Anderes wollte als dir helfen! Diese Kur hätte deine Gesundheit retten können, ich hätte alles dafür bezahlt, aber du - du versetzt deiner armen, lieben Mutter den Todesstoß, indem du sie so schändlich hintergehst und dich in die Büsche schlägst und dann nie wieder von dir hören lässt! Nein-", was auch immer er sagen wollte, es ging in dem nächsten Hustenanfall unter.
Gerhard trat vorsichtig an seinen Herrn heran und als dieser keine Anstalten machte, ihn wieder zu verscheuchen, legte er behutsam seinen Arm um den gebrechlichen Mann. Er suchte Alois' Blick und sah ihn mit einer Mischung aus Trauer, Fassungslosigkeit und Abscheu an.
"Herr Alois", meinte er leise und die Furchen in seinem Gesicht schienen sich mit jeder verstreichenden Minute zu vertiefen, "bitte gehen Sie jetzt. Sie sehen, der gnädige Herr ist schon lange von Krankheit gezeichnet und verträgt nicht viel Aufregung. Bitte machen Sie es ihm nicht noch schwere als es ist."
"Ich bin kein Invalide!", herrschte Karl seinen Diener an.
"Verzeihung, gnädiger Herr", murmelte Gerhard mit niedergeschlagenen Augen.
Alois lächelte immer noch und seufzte dann tief, ein Seufzer von demonstrativer Schwere.
"Es tut mir sehr Leid, aber das kann ich nicht. In diesem Moment durchsucht Herr Friedrich Klopstock von der Kommission zur Abwicklung der entarteten Kunst bereits das Erdgeschoss - Herr Klopstock ist übrigens ein guter Freund von mir, den ich in Berlin kennen gelernt habe..." Alois lächelte immer noch. Gerhard starrte ihn an, doch jetzt überwog die Abscheu.
"Das würden Sie doch nicht tun."
"Ich habe es getan, Gerhard. Weil ich wusste, dass mein Vater sofort seine Hunde auf mich hetzen würde, hätte er noch welche." Er wurde etwas leiser. "Der Zweck heiligt die Mittel, Gerhard."
"Welcher Zweck kann dieses Mittel heiligen?", stieß dieser bitter hervor
Alois schloss die Augen. "Wahrscheinlich ein sehr Egoistisches."
"Na dann!" Gerhard zog seinen Herrn, der inzwischen vollkommen in sich zusammen gesunken war, hinter sich her in das Schlafzimmer und rief noch zum Abschluss: "Sie wissen ja, wo Sie alles finden, Alois Fünfstück! Und wo der Ausgang ist, wissen Sie ja auch, immerhin haben Sie hineingefunden!" Dann knallte er die Schlafzimmertür hinter sich zu.

Geschafft!" Gregor atmete erleichtert auf und schloss die Tür zum Besenschrank, in den sie den mit Bindfaden (der eigentlich für Rouladen und Braten gedacht war) verschnürten Fünfstücker-Sohn gesperrt hatten.
Wilma schlug ihm auf die Schulter und nickte ihm zu.
"Und jetzt auf in das Arbeitszimmer."
Plötzlich waren trappelnden Schritte wie die Schüsse eines Maschinengewehrs auf der Treppe zu hören. Entsetzt sahen sich die beiden Ganoven an. Was war bloß heute los im Hause Fünfstück? Zwei Wochen lang hatten sie das Anwesen ausspioniert und nie war das Licht später ausgegangen als um halb elf!
Kurz entschlossen packte Wilma den erstarrten Gregor, öffnete die Schranktür ein weiteres Mal und zog ihren Kumpanen hinter sich her. Die Tür schloss sich hinter ihnen mit einen Klicken.
"Ariel!", hörten die beiden Freunde eine flüsternde Stimme hinter der Tür, dann einen gemurmelten Fluch und schließlich: "Friedrich, wo zur Hölle steckst du?" Die Schritte entfernten sich, als ohne Vorwarnung eine zweite, schneidende, höhnische Stimme die Eingangshalle durchschnitt.
"Was tun Sie noch hier? Vater hat Sie doch hinausgeworfen."
"Bruno", die Antwort kam sehr leise, doch noch stand der Mann in Wilmas und Gregors Hörweite.
Weitere Schritte kamen die Treppe herunter.
"Darf ich Sie zur Tür begleiten, Alois?"
"Sie dürfen mich so Einiges, Bruno."
Einer der beiden Männer schnaubte.
"Immer noch so anmaßend und frech, hm? Vater tut gut daran, Sie nun für immer in die Wüste zu schicken."
"Er ist nicht Ihr Vater. Obwohl...so widerwärtig wie Sie bist, passen Sie wirklich gut zu ihm."
Der Mann namens Bruno lachte falsch auf.
"Oh, wie können Sie bloß der Bruder meiner geliebten Alma sein? Sie ist alles das was Sie nicht sind. In den Tugenden, versteht sich", fügte er hinzu.
"Ich zweifle nicht daran, dass Sie sie entsprechend konditioniert haben."
"Werden Sie nicht frech!", donnerte Bruno. "Und jetzt raus aus meinem Haus."
"Wir werden ja sehen, wie das Herrn Klopstock von der Kommission zur Abwicklung von entarteter Kunst gefällt!", knurrte Alois und drehte sich um.
"Ach ja, Herrn Klopstock", höhnte Bruno. "Das war ein guter Schachzug, eine gute Finte. Fast wären wir darauf hereingefallen. Ich habe alles mitangehört, aber wissen Sie, ich wusste gleich, dass Sie ihn nur belügen. So ein Halunke wie Sie schreckt ja bekanntlich vor nichts zurück!"
"Sie wissen wohl, wovon Sie sprechen?" Alois klang amüsiert, doch darunter steckte kaum verhüllter Ärger.
"Guten Abend, Alois!" Brunos Stimme klang endgültig.
In diesem Moment drang zu Wilma die Erkenntnis durch, dass derjenige, den sie bislang für den Fünfstücker-Sohn gehalten hatte und der wie ein Weihnachtsbraten verschnürt zu ihren Füßen lag, in Wirklichkeit besagter nicht auffindbarer Herr Klopstock sein musste. Sie schluckte.
"Wilhelmina!", zischte Gregor ihr ins Ohr. "Wir haben einen Typen von einer Kommission zu Boden geschlagen! Was machen wir denn jetzt?"
Sie knurrte. "Is' mir auch aufgefallen! Lass' mich denken, ja?" Sie schnaufte, "und nenn' mich nich' mehr Wilhelmina kapiert?"
"Tschuldige, Wilma."

Friedrich?", "Friedrich?"
Jemand rief ihm und diese Stimme wollte ihn einfach nicht in Ruhe schlafen lassen. Also hob er flatternd seine Lider und seufzte auf, doch es klang vielmehr wie ein Stöhnen.
"Friedrich? Bist du hier irgendwo?" Die Stimme klang nun lauter, näher bei ihm und noch eindringlicher.
Der junge Mann setzte mehrfach zum Sprechen an, doch sein Mund war wie ausgedörrt. Er räusperte sich einige Male, dann erwiderte er ein heiseres: "Alois?" Seine Zunge stieß gegen ein Stück Stoff und er musste würgen. Sofort stieg Panik in im auf. Wenn er jetzt erbrach, würde er ersticken!
Hastig atmete der junge Mann durch die Nase und drängte entschlossen den Würgereflex zurück. Seine Gedanken rasten.
Wenn er nicht rufen konnte, so musste er sich etwas Anderes überlegen, damit Alois auf ihn aufmerksam wurde. Er wollte seine Hände nehmen und sich den Knebel aus dem Mund reißen, doch diese waren hinter seinem Rücken festgezurrt. Friedrich fluchte innerlich. Diese zwei Schweinehunde, hatten ihn einfach so übertölpelt und zusammengeschlagen. Sein Kopf pochte immer noch, aber das war im Moment seine geringste Sorge. Er versuchte, seine Füße zu bewegen, doch auch diese waren verschnürt. Dennoch, wenn er seinen Körper so drehte, dass er mit den Füßen gegen die Tür trommelte...
Krachend trafen sein Knie und seine Hüfte gegen die Tür und vor Schreck und Schmerz stieß Friedrich einen gedämpften Schrei aus. Sekundenbruchteile später riss Alois die Schrankdoppeltür auseinander - und fiel fast rückwärts um, da sein Kumpan nach vorne über das Bord rollte.
"A-Friedrich!", rief Alois lauter aus als beabsichtigt und verfluchte sich im selben Augenblick. Wenn Bruno ihn hörte!
"Hmhmhm!", kam es von dem Gefesselten zurück und rasch machte sich der junge Mann daran, seinen Freund von den Fesseln zu befreien.
"Gottseidank habe ich dich gefunden!", flüsterte er als er den Knebel entfernt und den Knoten im Bindfaden gelöst hatte. "Aber wie siehst du denn aus? Hat dir Bruno das angetan? Dieser Mistkerl, hätte ich ja denken können, erst sperrt er dich weg und dann tut er so als-"
"Es war nicht dein Schwager." Friedrich stöhnte und rieb sich die Schläfen mit den Handballen. Mühsam hatte er sich aufgesetzt und betrachtete nun seinen Körper, den Alois bereits entsetzt musterte. Die Röte stieg ihm ins Gesicht, als er erkannte, dass er nur in seinen weißen Leinenunterhosen und Strümpfen in der Eingangshalle saß.
"Diese Hunde!", knurrte er bitter und zog sich an Alois Arm hoch, "diese dreckigen Hunde!"
"Wer?", fragte sein Kumpan überrascht. "Wen meinst du?"
"Du hast Diebe im Haus, Alois", murmelte Friedrich. "Zwei Kerle, die sich die heutige Nacht für ihren Einstieg ausgesucht haben. Und so wie es aussieht, haben sie jetzt meine Uniform."
Alois fluchte laut und unflätig.

Wilma!", zischte Gregor und sofort hielt die junge Frau inne und sah ihn entsetzt an. Hatte sie jemand entdeckt?
Lautlos deutete ihr Kumpel die Tür, vor der er stand, die drittletzte vor dem Ende des Ganges im dritten Stock. 'Arbeitszimmer' formten seine Lippen. Wilma atmete erleichtert auf, nickte und schlich zu ihm zurück. Währenddessen tippte Gregor die Tür vorsichtig an - dieses Mal schwang diese auch ohne Klagen und ohne verräterische Geräusche nach innen.
"Ob das Anna geschuldet ist, bleibt abzuwarten", konnte Wilma sich nicht verkneifen. Gregor brummte nur und trat ein, wobei er energisch versuchte, dass Bild von Annas kleinen, biegsamen gertenschlanken Körper aus seinem Kopf zu verdrängen. Die Luft im Zimmer war rein. Er bedeutete Wilma, dass sie eintreten konnte.
"Das Ölbild über dem Schreibtisch", wiederholte er und nickte seiner Freundin zu, bevor er sich bei der Tür postierte.
"Neunzehnter Februar 1867?" Gregor ruckte mit dem Kinn.
Die junge Frau zog ein Taschentuch aus ihrer Weste und umrundete den Schreibtisch. Hoffentlich war die Wand hinter dem Bild nicht völlig ausgebleicht. Kurz nahm sie sich Zeit einen Blick auf das Gemälde zu werfen und war überrascht zu sehen, dass anstelle des üblichen Vater- oder Selbstporträts das Bildnis einer Frau in dem Rahmen hing. Eine dünne Frau, selbst in der geschönten Version des Malers - diese Maler schönten immer, dafür wurden sie ja schließlich bezahlt - sah sie krank und, ja, hohl aus, dennoch, mit ein paar Pfund mehr wäre sie eine schöne Frau gewesen.
Die dunklen, tief in den Höhlen liegenden Augen und der dünne Mund waren ungeschminkt. Die nussbraunen Haare waren hochgesteckt wie von Wilmas Mutter früher und sie trug eine helle Jahrhundertwendenbluse mit breiten Ärmeln und hohem Kragen, dazu einen dunklen Rock. Das Bild war wohl in ihrem eigenen Zimmer gemalt worden, denn man sah im Hintergrund einen schlanken Sekretär aus rötlichem Holz, viel zu weiblich für einen Mann, und - da war sie. Die Figur, die "Helouise". Seltsamerweise stand auch sie im Mittelpunkt, die filigranen mit Gold überzogenen Bronzeärmchen gen Himmel; Kleid und Körper sahen aus wie eins bis der schwingende Charlestonrock sich auch der einen Seite nach unten neigte und auf der anderen sich in luftige Höhen schwang fast bis zur Haarspitze der ebenso schwingenden Kleopatrafrisur. Die schlanken, bloßen Füße waren bis in die Zehen gespannt und berührten nur mit den Spitzen den schmalen runden Sockel der Plastik.
"Wilma! Was hälste Maulaffen feil? Jeden Moment kann einer der Fünfstücker nachsehen kommen, ob der Rumtreiber von Sohn nicht über das Efeu ins Arbeitszimmer kraxelt!"
"Ja, ja, ich mach' schon!" Sie war zusammengezuckt und schalt sich einen Narren. Darüber, dass sich das Objekt, das sie stehlen wollten, auf einem Bild direkt vor dem Tresor befand, konnte sie sich auch noch später Gedanken machen. Vielleicht hatte der Typ, dieser Herr Wie-auch-immer Alexander, der die Plastik geschaffen hatte, auch die Fünfstücker-Frau gemalt, wer wusste das schon.
Wilma beugte sich vor, bis ihre Nasenspitze fast an das kühle, silbern glänzende Metall des Tresors stieß. Sie packte das Rad, um die Zahlenkombination einzustellen, atmete tief ein und aus und hielt dann die Luft an, lauschte nur noch dem Einrasten der Zahnräder hinter der Metallwand.

Verstimmt schloss Bruno die Tür zum Ankleidezimmer seiner Schwiegervaters. Da hatte er diese Kröte Alois endlich des Hauses verwiesen und jetzt erhielt er nicht einmal ein Lob dafür! Karl hatte bloß geknurrt, genickt und es zugelassen, dass Gerhard, der Diener, ihn hinauswarf! Ja, es war mitten in der Nacht und der alte Mann wollte wahrscheinlich endlich zu Bett gehen, aber dennoch: ein bisschen Dankbarkeit wäre angebracht gewesen. Bruno knurrte und tappte den Gang entlang bis zu dem Schlafzimmer, das er sich mit Alma teilte. Sie hatten kein eigenes Ankleidezimmer - aber lange würde der Alte es hoffentlich auch nicht mehr machen. Dann hätten sie das Haus endlich für sich...und für ihre Kinder. Er hoffte, dass Alma bald schwanger würde und einen Sohn in die Welt setzen würde; erst dann sah er die Gefahr der feindlichen Übernahme durch Alois gebannt. Ein männlicher Erbe würde Karl hoffentlich so wohlgesinnt stimmen, dass er in Frieden ihm alles vermachte, um dann in Frieden zu verscheiden.
Brunos Hand ruhte auf den Türklinke. Es war verlockend, seiner Angetrauten nun davon zu berichten, wie er das Haus verteidigt hatte, doch irgendetwas sagte ihm, dass er dieses Mal nicht wie sonst den bewundernden Blick ernten würde. Alma sprach nie über ihren Bruder; es gab auch nie einen Anlass dazu. Aber seine Frau hatte eine Art ihr Missfallen zu bekunden, ohne es tatsächlich bekundet zu haben. Er spürte es nur, dass sie litt, und ihr Leiden konnte er nicht ertragen. Er war machtlos gegen die Hilflosigkeit der Frauen, wenn sie nicht gegen manifeste Plagen wie Spinnen gerichtet waren. Diese stumme Art machte ihn krank, und nach dem mangelnden Aufmunterung durch seinen Schwiegervater wäre dies mehr als er zu ertragen bereit war.
Was sollte er also tun? Sich eine heiße Milch oder ein Glas Portwein gönnen? Oder -  nur so zum Spaß - in Karls Arbeitszimmer nachsehen, ob es wirklich bloß vor sich hin staubte, weil sich kaum noch jemand dort aufhielt, kurz, ob dort alles seinen rechten Gang ging, oder ob...die Kröte es doch geschafft hatte, sich an ihm vorbei zu schleichen? Bruno lächelte. Ja, genau das würde er tun. Danach konnte er sich immer noch ein Glas Portwein zu Gemüte führen.

Gregor!" Wilma drohte an ihrer eigenen Stimme zu ersticken. "Gregor! Komm schnell her!" Sofort war er an ihrer Seite und gemeinsam starrten sie in die gähnende Leere des Tresorinnenraums.
"Ich glaube mein Schwein 'feift!", stammelte der junge Mann, als er seine Sprache wiedergefunden hatte, "das, das darf jetzt einfach nicht wahr sein!"
"So ein Dreck!", knurrte Wilma und riss sich die Mütze vom Kopf. "Heute ist einfach nicht unser Tag!"
Dann hörten sie beide die Schritte auf dem Flur, die sich nicht die Mühe gaben, leise zu sein. Entsetzt starrten sich die beiden Diebe an.

Das passt vorne und hinten nicht!", murrte Friedrich mit Blick auf die fadenscheinige Jacke, die er jetzt trug und knurrte Alois, der sich das Kichern kaum noch verkneifen konnte, böse an.
"Tut mir Leid, aber das ist alles, was wir haben", erwiderte er mit unüberhörbarem Grinsen in der Stimme.
"Dann leih' mir doch deins, wenn's dir so Leid tut!", giftete Friedrich, worauf sein Kumpan erneut leise auflachte. "Sehr witzig!"
"Dafür haben wir jetzt einfach keine Zeit, mein Freund, das wirst du wohl einsehen." Friedrich knurrte und schloss die Schranktür. Wenigstens, dachte er, hatten sie überhaupt Kleider zurückgelassen. So konnte er sich immerhin noch in der Öffentlichkeit zeigen und musste nicht im Schrank darauf warten, dass Alois die Welt im Alleingang rettete.
"Und was machen wir jetzt?", fragte er mürrisch. Alois verdrehte die Augen und schlug ihm auf die Schultern.
"Das fragst du noch? Dank deines heldenhaften Einsatzes in der Küche wissen wir immerhin, was die wollen - dasselbe wie wir, unglücklicherweise. Und wir wissen, genau wie sie, wo sich die "Helouise" befindet, ergo wissen wir auch, wohin die Kerle wollen. Was tun wir also, Watson?"
"Ich hasse es, wenn du das sagst!", knurrte Friedrich und brummte dann: "Rauf in den dritten Stock, Moriarty, auf sie mit Gebrüll und dann her mit der Figur."
"Ja!", Alois grinste, "Das klingt schon eher nach deiner scharfen Zunge, mon cher enfant terrible."
"Enfant terrible?", Friedrich schnaubte. "Das bin ich doch schon lange nicht mehr."
Sein Kumpan sah ihn lange an. "Und wieso nicht? Weil du kein Geld mehr hast? Weil dein Vater nicht mehr für alles einsteht, was du ihm antust? Weil die Kunst gestorben ist in Deutschland?"
Friedrich warf ihm einen bitteren Blick zu.
"Du bist grausam, und du hast keinen Grund dazu."
"Doch, den habe ich." Alois trat an ihn heran und legte ihm die Hand auf die Schulter. "Du musst erkennen, dass uns dieses Mal keine schönen Worte helfen...so gerne ich schöne Worte auch genieße." Er seufzte. "Ein Dandy sein, ist schön und gut - ja, es ist genau das, schön und gut." Er grinste und unwillkürlich zuckten Friedrichs Lippen, "aber ich will und werde nicht dafür sterben, und ich bin mir sicher, dass wir dafür sterben werden, wenn wir uns nicht rechtzeitig in Sicherheit bringen. Dafür bin ich zu jung und aus zu hartem Holz geschnitzt. Und du auch." Kurz verstärkte Alois den Griff auf die Schulter seines Freundes, dann ließ er ihn los.
"Komm! Wir zeigen diesen Amateuren, was eine Harke ist!"
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