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Schulden

von Altais
GeschichteFantasy, Übernatürlich / P12
31.12.2012
31.12.2012
1
4.196
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31.12.2012 4.196
 
Diese Puzzlegeschichte gehört zu Jaderegens Bild: http://img10.imageshack.us/img10/390/puge12.jpg

Aber auch BereHipBs Bild hat maßgeblich zur Inspiration dafür beigetragen: http://desktopwallpapers.asia/wp-content/uploads/lg-gallery/forest/Cute%20Forest%20Wallpaper.jpg

Zusätzliche Genres: Horror. Und Romanze (schätze ich).

Endlich konnte ich mal eine meiner Lieblingskreaturen verwursten ;)



Die Sonnenstrahlen fielen durch das Blätterdach der Bäume und hüllten den Weg in goldenes Licht. Der weiche Boden verschluckte ihre Schritte, und der Geruch nach Harz und feuchter Erde stieg in ihre Nase. Irgendwo hinter moosbewachsenen Steinen und knorrigen Wurzeln murmelte ein Bach. Wenn man nicht genau hinhörte, konnte man das Glucksen des Wassers für das Flüstern von Geistern halten. Die Schönheit dieses Ortes, dieser Kathedrale des Waldes war überwältigend, beinahe unreal, die Farben leuchtend wie in einem nachbearbeiteten Foto. Andere Leute in ihrem Alter fanden immer noch Erfüllung im Partyleben oder hüteten bereits das zweite Kind, aber sie selbst bevorzugte die Stille der Einsamkeit.

Anya wollte hier bleiben und den ganzen Tag den sanften Geräuschen der Natur lauschen, aber heute hatte sie sich vorgenommen, die Ruine zu besichtigen. Sie hatte noch die ganze restliche Woche Zeit, in diesem Forst spazieren zu gehen, jeden Tag zweimal, wenn sie wollte. Der freundliche alte Rezeptionist in ihrer niedlichen, kleinen Herberge, Herr Cervenka, hatte sie gewarnt, nicht allzu spät den Rückweg anzutreten, denn auch auf der Straße, die zu der alten Burg führte, waren keinerlei Laternen angebracht. Anya wollte seinen Rat beherzigen, nicht zuletzt weil sie die Mahlzeit abends nicht verpassen wollte. Gestern, am Tag ihrer Ankunft, hatte es leckeren Kartoffel-Lachs-Auflauf gegeben. Der Koch in dieser Unterkunft verstand seine Arbeit meisterhaft, aber es gab nur Essen, solange der Vorrat reichte, und Anya hatte keine Lust, noch in den Ort zu fahren und zu beten, dass eine Pizzeria geöffnet hatte.

Langsam stieg der verschlungene Pfad noch etwas an – die Burg befand sich auf einem leichten Hügel. Anya nahm eine Flasche Eistee aus ihrem Rucksack und trank einen Schluck. Sie sah auf ihre Handyuhr – halb Vier. Weit konnte es nicht mehr sein, denn Herr Cervenka hatte gemeint, dass man, wenn man langsam war, nicht länger als anderthalb Stunden marschierte, und sie war schon zwei Stunden lang unterwegs, da sie bei jedem interessant geformten Felsen und unter jeder größeren Birke und knorrigen Buche fasziniert stehen blieb und an jeder wilden Blüte schnupperte. Das meiste Grün, was sie im Alltag zu sehen bekam, war geschniegelt und gestriegelt und von Asphalt umgeben oder stand in Töpfe gezwängt auf Fenstersimsen.

Tatsächlich wurde der Wald dort vorne dunkler. Zwischen zwei besonders großen, alten Buchen entdeckte Anya Teile der alten Burgmauer. Ihre Schritte beschleunigten sich wie von selbst, bis sie durch das natürliche Tor der zwei Bäume hindurchschritt. Die Ruine selbst stand auf gepflastertem Boden und der Wald hatte den Platz immer noch nicht zurückerobert, aber Moos und Gras wuchs in den Fugen der Steine. Wie ein Teil des Waldes wirkte das Bauwerk, dessen verfallenes Gemäuer schon seit Ewigkeiten nicht mehr über die Bäume hinausragte.

Die beiden elektrischen Lampen, die im Burghof standen, wirkten deplatziert, wie Fremdkörper. Das Gelände war nicht weitläufig, eigentlich standen nur noch Mauerreste und zwei alte Pforten, welche überraschend gut erhalten waren. Früher mochten sie in den großen Saal geführt haben. Mittlerweile sahen sie aus, wie Tore zur Anderswelt, gesäumt von Gestrüpp und einer weiteren mächtigen Buche, deren Äste die Decke ersetzen.

Anya hatte sich von dem Gemäuer mehr erwartet, aber der Wald alleine war die Wanderung wert. Sie setzte sich auf eine Holzbank, die direkt vor einer der beiden Pforten stand, aß ihr Brötchen, das sie mitgebracht hatte, und streckte die erschöpften Beine von sich. Nur für einen Moment. Dann wollte sie den Rückweg antreten. Schließlich wollte sie doch Herrn Cervenkas Rat befolgen und vor allem rechtzeitig zum Abendessen kommen.

Vor ihr stritten zwei Amselmännchen miteinander, irgendwo klopfte ein Specht ein Loch in einen Baum, die Vögel zwitscherten, die Nachmittagssonne wärmte sie, der sanfte Wind raschelte in den Blättern, von weiter Ferne drang das Glucksen des Bächleins immer noch an ihr Ohr. Flüsternd, schmeichelnd. Nur kurz. Ganz kurz wollte sie die Augen schließen und sich ganz den Geräuschen der Natur hingeben.

*

Langsam regte Anya sich und griff nach der buschigen Decke. Sie musste sie abgestreift haben. Der  Schleier des Schlafes lag immer noch über ihr, und sie wollte sich nicht bewegen. Es war kalt, und ihre Glieder fühlten sich steif an. War sie während des Lesens eingeschlafen? Tastend fühlte sie nach dem dicken, schweren Stoff, aber sie erreichte ihn nicht. Die Lampe hatte sie auch brennen lassen! Widerwillig setzte sie sich auf und fiel beinahe vom Bett.

Jäh schreckte sie hoch. Das war nicht ihr Bett! Auch kein anderes. Einen Moment lang schossen ihr tausende Szenarien durch den Kopf, Momente aus Horrorfilmen, Thrillern, Krimis, Albträumen – vielleicht steckte sie in einem fest. Aber nein, als sich ihre Augen an das Licht der Laterne gewöhnt hatte, bemerkte sie, dass sie auf einer Bank vor einer alten … Pforte lag. Träge und zähflüssig kam ihr vom Nickerchen vernebeltes Bewusstsein in die Gänge und versuchte zu rekonstruieren, wie sie hierhergekommen war. Ah, richtig, sie war am Nachmittag hier heraufgegangen, um sich die Ruine anzusehen, durch diesen wunderbaren Wald … wunderbar.

Die Schatten fielen lang und dunkel über den einsamen, stillen Platz, nur die beiden Laternen hüllten die Reste des alten Gemäuers in ein gespenstisches Licht, aber hinter der Pforte lag gähnende Schwärze. Der Wind rauschte, die Äste knisterten und knackten, wie von einer unsichtbaren Macht zum Leben erweckt. Der unheimliche Ruf eines Kauzes zerriss die Stille und hallte von unsichtbaren Wänden wider. Ein Schauer lief über Anyas Rücken. Der Ort, der tagsüber so eine sanfte Ruhe und Schönheit ausgestrahlt hatte, wirkte jetzt bedrohlich. Sie tastete nach ihrem Rucksack, den sie während des Nickerchens auf den Boden hatte fallen lassen, und suchte nach ihrem Handy, um nach der Uhrzeit zu sehen. Es war halb Zwölf. Ein weiterer Schreck fuhr ihr durch die Glieder. Wie hatte sie so lange schlafen können, und so tief, so traumlos? War sie noch überanstrengt von der Reise? Sie musste Herrn Cervenka anrufen, hatte sie ihm doch gesagt, dass sie bis zum Abendessen zurück sei.  Sie glaubte nicht, dass er ihr die Polizei hinterherschickte, sicher dachte er, dass sie die Dorfdisko unsicher machte, aber sie wollte nicht so unhöflich sein und dem alten Herrn Sorgen machen. Aber sie hatte keinen Empfang hier oben, nicht einmal einen Strich, obwohl dieser Wald von dem Dorf gesäumt war und von außen gar nicht so weitläufig wirkte.

Da raschelte etwas in ihrer unmittelbaren Nähe. Ihr Brustkorb zog sich schmerzhaft zusammen, als sie den Kopf hochriss. Ein Schmerz fuhr in ihren Nacken wegen dieser raschen Bewegung, aber das eiskalte Gefühl in ihren Adern ließ sie ihn ignorieren. Nichts. Jedenfalls nicht in ihrer unmittelbaren Nähe. Vorsichtig drehte sie den Kopf, blickte achtsam um sich, und wurde eines großen Tieres gewahr, das direkt in der Pforte stand, mit gelb glühenden Augen. Ihr Herz stolperte und setzte schließlich kurz ganz aus, als es mit geschmeidigen Schritten ganz aus der Dunkelheit trat. Ein Fuchs. Die rostrote Farbe seines Fells und die spitze Schnauze wiesen ihn als solchen aus. Er war groß, vielleicht zu groß für diese Tierspezies, aber sie hatte noch nie einen in der freien Natur gesehen, und ihre Wahrnehmung schien seltsam verzerrt. Leise näherte er sich. Füchse waren scheue Tiere, das wusste sie von zahlreichen Tierdokumentationen und Wanderführern, sie flüchteten eher vor den Menschen, wenn sie sie sahen, hörten oder rochen. Vielleicht war seine Scheu durch die Besucher der Ruine verschwunden, beruhigte sie sich.

Aber selbst Füchse, die in Stadtgebieten lebten und aus Mülltonnen fraßen, näherten sich den Menschen nicht direkt. Es sei denn, sie waren tollwütig oder fühlten sich angegriffen. Ruhig saß Anya da, sie konnte sich nicht bewegen, war wie festgewachsen, während das Tier sich weiter näherte. Kurz hielt es an und schnupperte in der Luft, dann erfassten seine ockerfarbenen, seltsam weisen Augen die ihren, und es kam weiter auf sie zu. Die Sekunden zogen sich hin wie Minuten. Er hatte keinen Schaum vor dem Mund, und er sah gesund aus, sein rotes Fell kräftig und glänzend, sein Körper geschmeidig und muskulös, die Augen klar, aber Anya war keine Tierärztin. Etwas an ihm war seltsam, höchst seltsam, sie kam nicht darauf, was es war.

Als er schließlich so nahe an ihr war, dass sie nur noch die Hand ausstrecken musste, um ihn zu berühren, ergriff sie plötzlich die Panik. Gleich würde er sie beißen und mit allem Möglichen infizieren, vielleicht biss er ihr einen Finger ab oder die Kehle durch, dieses große Tier. Sie lehnte sich weg, kletterte rücklings auf die Bank und darüber hinweg, um sie zwischen sich und den Fuchs zu bringen. Er legte den Kopf schief, öffnete leicht das Maul, um eine Reihe seltsam weißer, gefährlich aussehender Zähne zu entblößen und starrte sie an. Als wäre er verwundert über ihre Reaktion. Sie wich zurück, und er ließ ein Keckern hören, das verdächtig wie ein Lachen klang.

Lauf.

All ihre Sinne sprangen gleichzeitig an, stärker als je zuvor. Der Geruch nach feuchtem Laub, Baumrinde, Nadeln, Hölzern und wildem Tier drang in ihre Nase, das Rauschen der Blätter und das Knacken der Ästchen unter ihren Händen und Füßen betäubte ihre Ohren. Die Bilder, die die Augen an ihr Gehirn schickten, waren so scharf, dass es in ihrem Kopf schmerzte. Die Augen des Fuchses glühten unnatürlich golden, sie spiegelte sich nicht in ihnen. Ein Grollen drang an ihr Trommelfell, tief und dunkel.

Lauf.

Ein samtiger, gesäuselter Befehl, der sämtliche Muskeln in ihrem Körper zum Kontrahieren brachte. Auf dem Boden rutschend brachte sie mehr Abstand zwischen sich und das Tier, bis sie es schließlich schaffte, aufzustehen. Noch regte es sich nicht, aber gleich würde es zum Sprung ansetzen, sobald sie ihm den Rücken zukehrte. Immer schneller ging sie rückwärts, bis sie an einem dicken Baum anstieß. Sie schob sich an seiner uralten, moosbewachsenen Rinde entlang, brachte auch ihn zwischen sich und das Tier und drehte sich schließlich um. Und lief. Ein verzweifelter Schrei fuhr durch ihre Kehle, während ihre Beine wie von selbst alles gaben, was in ihr steckte. Das silberne Lachen, das sie so nahe an ihrem Ohr vernahm, dass die Person, die es ausstieß, in Griffweite sein musste, bildete sie sich gewiss ein.

Wimmernd und keuchend rannte sie, stolperte über Ranken, Wurzeln und Steine, rutschte auf glitschigem, verrottendem Laub und feuchtem Moos aus. Der wunderschöne Wald hatte all seinen Zauber verloren und ein Fluch war an seine Stelle getreten. Nebel stieg vom Boden auf, die Rinden der Bäume hatten bizarre Muster, wie monströse Gesichter, die Schatten der Felsen wurden länger, sobald sie an ihnen vorbeilief, als wollten sie sie einfangen, die bedrohlichen Schritte  vier kräftiger Pfoten wurden von dem Waldboden nicht verschluckt. Ihre Lungen und die Muskeln ihrer Beine brannten, ihr Hals war rau und schmerzte von der kalten Atemluft, die sie seufzend und ächzend bei geöffnetem Mund einforderte. Wie viele Kilometer musste sie laufen, bis sie diesen verfluchten Ort verlassen konnte? Niemals hielt sie durch, bis der Wald den Feldern wich. Ihre Lungen drohten zu zerreißen, sie bekam kaum noch Luft, und ihr war schwindelig. Schließlich rannte sie gegen einen Baum. Gerade noch konnte sie sich mit den Händen abfangen, die Borke drückte sich in die Innenflächen, aber es schmerzte kaum. Ihre Knie gaben nach.

Zitternd blickte sie sich um, aber da war nichts. Vielleicht lauerte er hinter diesem mannshohen Felsen oder hinter dem dicken, toten Baum. Vielleicht war er auch direkt hinter ihr. Dieses Tier war nicht natürlich, konnte nicht natürlich sein. Kein Wildtier, das es auf einen Menschen abgesehen hatte, hielt mit ihm das Tempo, als würde es ihm eine Chance geben. Kein Fuchs jagte Menschen, auch kein tollwütiger, nicht so verschlagen, so spielerisch. Und diese Stimme … alles Einbildung. Es war nur Einbildung. Vielleicht auch der Fuchs selbst, oder dass er sich ihr genähert hatte.

Ein Grollen.

Sie erfror in ihrer Bewegung, drückte sich an die Rinde, rutschte daran entlang. Fieberhaft versuchte sie, die Richtung zu erfassen, aus der dieses grauenvolle Geräusch kam, aber es schien überall zu sein. Hektisch sah sie sich um, aber immer noch konnte sie nichts entdecken, da registrierte sie in den Augenwinkeln eine Bewegung und das Licht zweier Augen.

Sie stürzte los, weg, nur weg von diesen Augen. Möglichst weit weg. Ihre schmerzenden Beine trugen sie noch, aber sie wusste nicht mehr, wohin sie lief. Die Richtung hatte sie völlig verloren, alles in diesem verfluchten Wald sah gleich aus. Jeden Felsen schien es tausendfach zu geben, jeden abgestorbenen Baumstamm, jede Wurzel. Verzweifelt rannte sie weiter, wissend, dass was auch immer hinter ihr her war, nicht natürlich war und sie zweifelsfrei bekommen würde. Es gab kein Entrinnen für sie. Was auch immer sie durch ihre bloße Anwesenheit aufgeschreckt hatte, es hasste Menschen. Aber es durfte sie nicht erwischen, durfte nicht!

Gerade als sie das dachte, fühlte sie einen derben Stoß im Rücken und fiel der Länge nach hin, ungebremst. Das weiche Laub fing sie auf, verhinderte allzu große Schmerzen, aber sie spürte ohnehin nichts außer dem großen Körper, der auf ihr landete und die letzte Luft aus ihren beleidigten Lungen presste. Heißer, nach rohem, blutigem Fleisch riechender Atem fuhr über ihren Nacken, pustete die halblangen, braunen Haare zur Seite. Etwas Raues, Feuchtes fuhr über ihre ungeschützte Haut. Japsend bäumte sie sich auf, ihr Körper mobilisierte übernatürliche Kräfte, um sie am Leben zu erhalten. Ihr Rücken wurde um das Gewicht erleichtert, und sie stolperte einige Schritte vorwärts. Ein unermessliches Grauen packte sie, als ihre Augen erfassten, wo die Beine sie hingetragen hatten:

Die Pforte.

Die Steigung im Boden hatte sie nicht gespürt, ebenso wenig wie sie die beiden kapitalen Buchen wiedererkannt hatte, die den Eingang zum Burghof kennzeichneten.

Es war alles zu spät. Kein Entrinnen. Sie fiel auf die Knie. Ihre Haut platzte auf, als sie mit den harten Pflastersteinen kollidierte, aber auch davon bemerkte sie nichts, als sie zur Seite kippte, nach Atem ringend – ihr Körper hatte den Kampf um ihr Leben noch nicht aufgegeben. Sie wollte auch nicht sterben. Sie wollte nicht. Was hatte sie nur getan, um dies zu verdienen?

Die Schritte auf leisen Sohlen hörte sie wie Donnerschlag, als das schöne Tier sich seiner gefällten Beute näherte. Tier? Nein, das war kein einfaches Tier. Es war eine Ausgeburt … ein übernatürliches Wesen, ein Waldgott, den sie aus irgendeinem ihr unbekannten Grund erzürnt hatte, der jetzt seinen Tribut einfordern wollte. Weitere Schritte näherten sich, kürzere, weniger elegante. Erstaunlich, wie gut ihr Gehör in ihren letzten Momenten funktionierte. Wahrscheinlich wollte das Wesen seine Brut mit ihrem Fleisch nähren.

Wieder drang das Grollen an Anyas Ohr, und hektisch trippelten die anderen Wesen zurück, entfernten sich, und schließlich war es wieder still, bis auf ihr eigenes abgehacktes, stoßweises Atmen und das erregte, tiefe des Fuchses. Sie erhielt einen sanften Stoß an der Schulter, wie eine Aufforderung, sich auf den Rücken zu drehen. Weiches Fell strich über ihre Wange, als sie mit letzter Kraft kooperierte. Dass sie die Augen zugepresst hatte, bemerkte sie erst, als sie sie wieder öffnete und das gespenstische, unnatürliche Licht der Augen des Fuchses erblickte. Ihr Blick wanderte seinen langen Körper hinunter, als er diesem Glühen nicht mehr standhielt. Jetzt wusste sie, was noch seltsam an ihm war. Neun Schweife. Er besaß neun Schweife.

Gut gekämpft. Viele wären mir nicht so lange entkommen.

Wieder diese Stimme in ihrem Kopf.

Aber wieder führt dich dein Weg hierher, statt in die rettende Freiheit.

Sein Blick wirkte beinahe menschlich, ehe er das Haupt herabsenkte, an ihren Hals. Tränen liefen über ihre Wangen, sie schloss die Augen wieder und wartete darauf, dass er ihr die Kehle herausriss. Ihre Gedanken kehrten zu ihren allerersten Erinnerungen zurück und der altbekannte Film ihres Lebens lief hinter ihren Lidern ab, aber nichts geschah.

Er nahm einen tiefen Atemzug an ihrer Haut, die er zuvor abgeleckt hatte, und sie fühlte seine Pfoten auf ihren Schultern, wie um sie am Boden zu fixieren. Sie vergrößerten, dehnten und streckten sich, und Anya glaubte endgültig, dass der Wahnsinn sie ergriff, und dann ergriffen lange Finger ihre Oberarme, zogen sie hoch, in eine sitzende Position und ließen sie schließlich los.

Sie riss die Augen auf. Ein Traum, nur ein Traum, dachte sie, für den Moment erleichtert, aber das ruhige, schmale, so fremde Gesicht direkt vor ihrem, umrahmt von einer Masse an langen, fuchsroten Haaren strafte ihre Gedanken einen Augenblick später Lügen. Diese Gestalt von ihm war ebenso unirdisch schön, wie die andere. Und wieder näherte er sich ihr, bis seine Wange die ihre berührte.

„Hättest du nur weitergeschlafen“, raunte er, sein Atem fuhr über ihr Ohr, „dann hättest du gehen können. Aber jetzt musst du mit uns mitkommen, kleine Menschenfrau.“

Kraftlos versuchte sie sich von ihm zu befreien, aber vergeblich. Hinter seinen mächtigen Schultern hatte sich eine Menge an Tieren angesammelt, die verschiedensten Spezies, mit glühenden Augen, neugierig schnuppernd, aber sie kamen nicht näher. Ein geisterhaftes Licht umgab sie, das künstliche Licht der Laternen war ausgegangen, und dennoch konnte Anya sehen wie am Tag.

„Was bist du?“, entfuhr es Anya.

„Kannst du dir das nicht vorstellen?“

Irritiert schüttelte sie den Kopf und streifte dabei die weiche Haut dieser Kreatur. Sein warmes, silbernes Lachen trieb ihr einen weiteren Schauer über den Rücken.

„Kannst du mich nicht gehen lassen? Ich werde niemandem etwas erzählen. Es würde mir doch sowieso niemand glauben!“ Plötzlich hoffnungsvoll suchte sie den Blick in seine Augen, aber das Glühen in ihnen schmerzte.

„Das kann ich nicht.“ Anya sah keinerlei Bedauern, keinerlei Mitgefühl in seinem Blick, aber auch keine Schadenfreude oder Bosheit. „Aber du wirst es bei uns gut haben, besser als hier. Bei mir. Auf der anderen Seite der Pforte. Für immer.“

Damit ergriff er ihre Hände und zog sie mit einer Leichtigkeit auf die Beine. Jeglicher Schmerz fiel von ihr ab, jegliche Angst verschwand. Tödliche Klauen umschlangen mit unglaublicher Vorsicht ihre eigenen Finger, und sanft aber bestimmt führte er sie in die Richtung der Pforte. Die Tiere wichen zur Seite, machten ihnen Platz, und beugten ehrfürchtig die Köpfe, als sie an ihnen vorbeischritten. Ein einziges Mal sah Anya zurück, auf ihren verlassenen, blauen Rucksack, der am Boden lag, und die Eisteeflasche auf der Bank, und sie erhaschte einen kurzen Blick auf die Rückseite des Wesens. Diese neun buschigen, roten Schweife waren das sichere Zeichen seiner Unmenschlichkeit. Er beschenkte sie mit einem spitze Eckzähne entblößenden Lächeln, als sie es wagte, ihm von der Seite einen Blick zuzuwerfen, und legte besitzergreifend den Arm um ihre Schulter.

Sie hatte nicht das Gefühl, ihre Heimat zu verlassen, als sie unter dem steinernen Tor hindurchschritt.

*

„Danke, verehrter Herr Cervenka, für diese überaus großzügige Gabe. Sie erfüllt voll und ganz meine Ansprüche. Somit sind wir nun endgültig quitt.“

Mit einem gequälten Stöhnen erwachte Georg Cervenka, erstarrt vor Angst. Seine Glieder schmerzten, vor allem beide Hüften, und seine Blase drückte, aber die Muskeln spielten noch nicht mit. Einen Moment lang blieb er liegen und zog die viel zu kühle Nachtluft ein. Das leise Lachen klang immer noch in seinem Ohr, und er wusste, dass es nicht von einem Traum stammte.

Vor fünf Jahren war er mit seinem guten Freund Maurice - wie er ein Jäger aus Leidenschaft - auf Kyushu gewesen, zur Sikahirschjagd. Diese Tiere fehlten ihnen beiden noch, da sie ihr Hobby bisher eher auf europäischen, afrikanischen und amerikanischen Gebieten ausgeübt hatten. Sie waren beide sehr wohlhabende Männer, darum konnten sie sich das teure Spiel auch leisten. Schon damals hatte Georg ein schlechtes Gefühl, sobald sie aus dem Flugzeug gestiegen waren und der freundlichen aber so kühlen, zurückhaltenden Mentalität der Japaner begegnet waren. Sie verstanden natürlich kein Wort Japanisch, und bis auf Toshi, Maurices Freund, der sie zu diesem Abenteuer erst überredet hatte, war auch kaum jemand der englischen oder gar deutschen Sprache Herr.

Nun denn, die Jagd war äußerst erfolgreich und tröstete Georg rasch über seine unerklärlichen Ängste hinweg. Zwei kapitale Hirsche konnte er an einem Tag erlegen, und am Ende der Woche begegneten sie einem riesenhaften Fuchs oder Kitsune, wie sie sie hier nannten. Ein Tier mit einem offensichtlichen Gendefekt, denn Füchse wurden weder beinahe so groß wie ein kleiner Schwarzbär, noch trugen sie neun Schwänze. Eine Abneigung regte sich selbst heute noch in Georg, wenn er daran dachte, diesem außergewöhnlichen Tier mit seiner Flinte Blei in den Leib zu jagen. Aber Maurice war anderer Meinung. Seine Augen erfasste ein gieriges, tödliches Leuchten, und er legte an. Ein Schuss, ein fataler Treffer … Und Georg hatte nichts getan, um ihn aufzuhalten.

Toshi war weniger begeistert von seinem Fang. Im Gegenteil. Richtig verängstigt wirkte er, still und nachdenklich, und am nächsten Tag wurde er krank und bat seine beiden europäischen Besucher, die Jagd abzublasen. Trotzdem, dass SARS sich damals in Japan nicht ausbreitete und in den Spitälern auch gut behandelt werden konnte, bekam Maurice es mit der Angst zu tun und schlug vor, dass sie nach Hause flogen, ohnehin glücklich und zufrieden mit seiner reichen Ausbeute.

Eine unerklärliche Abneigung gegen den Fuchskadaver hatte Georg davon abgehalten, sich ihm zu nähern, selbst als sie zu Hause ankamen.

Es dauerte auch nicht lange, bis das Unglück über Maurice hereinbrach. Der Kadaver lag noch in seinem Kühlhaus, auf die Präparation wartend, als er krank wurde. Zuerst hatten die Ärzte SARS in Verdacht und stellten ihn unter Quarantäne, auch Georg selbst wurde einige Tage lang im Spital gefangen gehalten, aber die Diagnose bestätigte sich nicht. Georg wurde entlassen, Maurice nicht mehr. Er verwitterte bei lebendigem Leib, alle Organe versagten nacheinander, bis er ins Koma fiel. Das Letzte, was er im fiebrigen Delirium von sich gab, war „Der Kitsune … er kommt mich holen …“

Georg sah es als seine Pflicht an, den Trophäenraum auszuräumen, da Waltraud, Maurices Gattin nicht wusste, was sie mit dem Krempel, der sie eigentlich schon immer beängstigt hatte, tun sollte.

Den Fuchskadaver fand er nicht.

Er kam ihn besuchen, höchst lebendig, ein halbes Jahr später. Georg hatte bereits mit der Sache abgeschlossen, und war davon überzeugt, dass die Reise zu anstrengend für seinen an Diabetes erkrankten Freund gewesen war. Mitten in der Nacht stand der Kitsune-Youkai auf seiner Brust, schwer, und erdrückte ihn beinahe. Stahl ihm den Atem mit seiner Schnauze. Er sah ihn an, aus seinen kalten, ruhigen Augen. Nie würde Georg diesen Blick vergessen.„Du hast in meinem Wald gewütet, viel mehr als nötig, ohne dein erbeutetes Fleisch auch nur zu essen.“ Ekel schwang in der seidigen Stimme mit. „Aber du hast mich nicht erschossen. Bring mir ein Opfer, ein Leben für die Sika-Hirsche, die du gestohlen hast, ein Leben für meines, innerhalb von fünf Jahren. Dann darfst du den Rest deines verkommenen Lebens in Frieden verbringen, und ich werde mich auch nicht an deinen Töchtern rächen. Ein Leben. In spätestens fünf Jahren.“ Georg hatte sich nicht einmal gewundert, warum die Kreatur seine Sprache sprach.

Ab diesem Zeitpunkt hatte der Kitsune ihn nie vergessen lassen, dass er ihm etwas schuldete. Das Pech verfolgte ihn in Form von Stolpern über unsichtbare Gegenstände und Vögeln, die ihm auf den Kopf schissen – am Tag mindestens einer -, er ließ keinen Hundekot aus, wenn er spazieren ging, seine Katze lief davon und sein Hund fing an, im Haus zu urinieren, sodass er ihn weggeben musste. Und pünktlich einmal im Monat, immer an einem Vierten, erinnerte der Kitsune ihn persönlich an seine Schuld, in seinen Träumen, und zählte die Monate herunter.Das Jagen gab Georg auf, er vernichtete die vielen Trophäen, verkaufte seine Flinten, seinen Porsche Cayenne und  und sein schönes Haus und erwarb stattdessen diese kleine Pension in der Schönheit des österreichischen Waldviertels. Dem Fuchs gefiel das offenbar (im Gegensatz zu seinen Töchtern, die ihn für verrückt erklärten), denn bis auf die Träume ließ er ihn ab dem Zeitpunkt in Ruhe. Er hatte sich in der alten Burgruine einquartiert, zumindest stand Georg in seinen Träumen immer vor dieser gut erhaltenen Pforte unter dem Buchendach, und er schien sich dort wohl zu fühlen.

Aber Georgs Ängste wurden täglich größer. Um seine eigene Seele bangte er nicht wirklich. Das Spirituelle war ihm nie wichtig gewesen, und auch jetzt noch zu weit entfernt, aber er liebte seine beiden Töchter. Und er wollte auch selbst gerne noch ein bisschen länger leben.

Jemanden zu opfern brachte er aber auch nicht übers Herz. Auch als die hübsche Frau im Alter seiner jüngeren Tochter in die Herberge hineingeschneit kam. Eine Einzelgängerin, ansonsten hätte sie sich nicht hierher zurückgezogen, mutterseelenallein. Vielleicht litt sie auch an einem Trennungsschmerz und versuchte ihn hier in der magischen Wildnis zu überwinden. Er fragte nicht. Georg wollte sie nicht zu dieser Ruine schicken.

„Schick sie mir, dieses schöne, einsame Menschenkind“, flüsterte ihm der Fuchs ein, "Sie wird es gut haben, bei mir", und er tat es, aber nicht ohne sie zu warnen. Ihr zumindest eine Chance zu geben, um sein tonnenschweres Gewissen zu erleichtern.

Offensichtlich hatte sie die Warnung nicht beherzigt.

Bald in der Früh spazierte Georg hinauf in den Wald, zur Burgruine, und fand ihren unberührten Rucksack, von ihr selbst keine Spur. Das Handy lag ein paar Meter weit entfernt, und die Eisteeflasche auf der Bank. Sonnenstrahlen brachen durch das Blätterdach. Vögel zwitscherten und die Farben in diesem Wald waren so klar und scharf.

Er nahm sein eigenes Mobiltelefon und verständigte die Polizei. Nie wieder würde er diesen Wald betreten.

Die darauffolgenden Monate und Jahre blieben traumlos.
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