Abschied?

OneshotSchmerz/Trost / P12
Hershel Layton
30.12.2012
30.12.2012
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Er wusste nicht genau, wieso er hierher gekommen war.
Als er noch zu Hause, in seinem vertrauten Zimmer bei seinen vertrauten Eltern gewesen war, da hatte es nach einer Idee ausgesehen, die er verwirklichen konnte. Mit der er sich mehr oder weniger sogar verabschieden konnte.
Doch jetzt, wo er vor der fremd scheinenden Eingangstür zu Landos Haus stand, kam ihm dieser Einfall schrecklich dumm und naiv und selbstsüchtig vor.
Gerade, als er sich umdrehen und in das schützende Halbdunkel der hereinbrechenden Nacht flüchten wollte, um seinen Gedanken und vielleicht den Tränen, die er den ganzen Tag heruntergeschluckt hatte, um des Anstands Willen, freien Lauf zu lassen, gerade in jenem Moment wurde die Tür geöffnet.
Wärme und Geborgenheit spendendes Licht drang nach draußen und verdrängte die Schatten, die ihre gierigen Klauen nach Kummer und Tristesse ausstreckten, und Lady Ascad stand im Türrahmen.
In der einen Hand hielt sie einen kleinen, silbernen Schlüssel, anscheinend war die Tür verschlossen gewesen, und in der anderen ein hellblau und fliederfarben besticktes Taschentuch. Sie weinte, doch verbarg die Tränen.
Hershel kam sich ertappt vor und murmelte ein unverständliches „Es tut mir leid, dass ich Sie um diese Uhrzeit und unter den gegebenen Umständen noch belästige, aber…“
Weiter kam er nicht, denn da fiel Landos Mutter ihm ins Wort: „Komm herein, Hershel, mein Mann ist noch bei der Arbeit.“
Verwundert folgte Hershel der Mutter seines Freundes in das Wohnzimmer, in dem Lando und er oft genug den allergrößten Unfug veranstaltet hatten. Als er kaum eine Woche in Stansbury gewohnt und Lando ihn zu sich nach Hause eingeladen hatte. Zusammen hatten die Jungen einen großen, sonnengelben Drachen gebaut, der zwar nach einem Flugversuch im Altpapier gelandet war, aber der Kleber in Landos Haaren und Hershel, der sich komplett in der Schnur verheddert hatte, waren es allemal wert gewesen. Denn damit hatten sie den Grundstein für eine unzertrennliche Freundschaft gelegt.
Oder das eine Mal, an dem sie bis spät in der Nacht wach geblieben waren, sich Gruselgeschichten erzählt hatten, weil Landos Eltern ausgegangen waren. Später waren sie auf dem Sofa eingeschlafen, nebeneinander gekuschelt, und Landos Mutter hatte doch tatsächlich am nächsten Morgen ein Foto von ihnen beiden geschossen!

Hershel sah ein aufgeschlagenes Fotoalbum auf dem Sofatisch liegen, als er und Lady Ascad sich setzten. Die aufgeschlagene Seite zeigte zwei Bilder; zum einen ein Bild, an das Hershel sich nur allzu gut erinnerte: Er und Lando saßen auf dem Sofa, der Rotschopf grinste dicht an seinen Freund geschmiegt in die Kamera und Hershels glühende Wangen verrieten, dass er dieses Bild nicht wirklich freiwillig machte. Doch Lando war damals so versessen darauf gewesen, dass sie etwas bekamen, woran sie sich erinnern konnten, dass Hershel ihm diesen Wunsch nicht hatte ausschlagen können.
Jetzt, im Nachhinein, ließ es ihn bedrückt schmunzeln. Es war doch eine ausgezeichnete Zeit gewesen.
Das zweite Foto zeigte Lando, der die Arme um Hershels und Angelas Schultern gelegt hatte und die Drei lachten fröhlich in die Kamera. Das war der erste Schultag der neunten Klasse gewesen, als Lando sich schon in der ersten Stunde beschwert hatte, dass „Archäologie“ kein Unterrichtsfach war.
„Ihr wart wirklich die besten Freunde, die man sich vorstellen kann, du und Lando“, murmelte Lady Ascad auf einmal und deutete auf das erste Bild. Ihre Stimme war leise.
Sie war anders als ihr Mann. Warmherziger, gutmütiger.
Landos Vater mochte Hershel nie; er dachte, der Junge wäre kein guter Umgang für seinen Sohn. Dieser Mann war arrogant, hielt sich für etwas Besseres, nur weil die Ascads mit die reichsten Leute in Stansbury waren.
Lando kam nach seiner Mutter, von seinem Vater hatte er nichts außer der Haarfarbe. Lando hatte so viel von seiner Mutter geerbt, dass Hershel ihn tatsächlich als Vorbild sah. Gesehen hatte.
Er war ein ewiger Optimist gewesen, immer guter Laune und mutig und auch verrückt.
Er war einzigartig und ein besonderer Mensch gewesen, wundervoll.
Und nun war er fort.
Hershel schluckte schwer, bevor er die Worte laut  aussprach, die er sich die ganze Zeit über zurecht gereimt hatte: „Weswegen ich hier bin, Lady Ascad.“
Sofort spürte er einen Schwall Beklommenheit in sich aufsteigen. Seine Absicht kam ihm von Sekunde zu Sekunde überflüssiger vor.
„Ja?“ Lady Ascad sah ihn freundlich aus Augen an, die Landos so ähnlich waren, und damit fasste Hershel sich Mut und sagte: „Ich wollte Sie fragen, ob ich heute hier übernachten darf… In Landos Zimmer, meine ich.“
Er war sich völlig im Klaren darüber, dass er Tränen in den Augen hatte und seine Wangen glühten, aber das interessierte ihn nicht. Lady Ascad lächelte mild.
„Es ist der Abschied, nicht wahr?“, fragte sie. „Es fällt dir nicht leicht, auf Wiedersehen zu sagen. Weder von ihm, noch von der Stadt.“
Hershel fiel ein Stein vom Herzen. Er wusste, dass diese Worte das ersehnte Ja bedeuteten. Und er wusste, dass Landos Mutter vollkommen Recht hatte: Er wollte sich nicht verabschieden, weder von Lando noch von Stansbury, doch er würde umziehen. Nach London ziehen. Auf die Universität gehen und Archäologie studieren. Er würde Lando stolz machen, auch wenn er fort war. Er würde für immer derjenige sein, dem er bis zum Ende hatten glauben und vertrauen können.
Als Lady Ascad bemerkte, wie sehr Hershel in seinen Gedanken versunken war, stand sie auf und fragte ihn: „Möchtest du noch einen Tee? Ich kann ihn dir gerne auf’s Zimmer bringen.“
„Nein, vielen Dank. Ich möchte Ihnen nicht noch mehr Umstände bereiten.“
„Nun dann, schlaf‘ schön. Gute Nacht!“ Damit verschwand Lady Ascad in ihrem eigenen Schlafzimmer. Hershel erhob sich von dem Sofa und ging mit langsamen Schritten die Treppe hinauf. An der Wand links von ihm waren unzählige gerahmte Bilder von Lando, mit seinen Eltern oder alleine. Auf jedem lachte er. Hershel wandte den Blick ab. Es tat weh, zu wissen, dieses Lachen nie wieder hören zu können.
Er blieb vor der verschlossenen Tür zu Landos Zimmer stehen und betrachtete das helle Holz, als hielte es die Antworten auf alle Rätsel, die Lando sich je ausgedacht hatte. Hershel musste ungewollt schmunzeln, als er daran dachte, dass die Tür dafür vermutlich zu klein war.
Er legte die Hand auf die Klinge und öffnete die Tür zögernd. Sofort wehte ihm eisiger Wind entgegen. Natürlich. Seit Lando fortgegangen war, hatte niemand dieses Zimmer betreten. Er hatte das Fenster offengelassen, nachdem er sich durch es hindurch fortgeschlichen hatte. Überall lagen Zettel auf dem Boden, die der Wind vom Schreibtisch oder dem Schrank geweht hatte. Es war das übliche Durcheinander, welches so typisch für Lando war.
Hershel fühlte sich in diesem eigentlich so vertrauten Zimmer fremd und wie ein Eindringling, und am liebsten hätte er alles so gelassen, wie es war, hätte sich umgedreht, um nach Hause zu laufen, doch er tat es nicht.
Vorsichtig hob er einen Zettel nach dem Anderen vom Boden auf und legte sie auf den Schreibtisch. Dort lagen ein Federhalter, ein alt aussehendes Buch, eine Fotografie von Hieroglyphen und ein halb beschriebenes Blatt mit ihrer Übersetzung. Es war, wie es immer gewesen war.
Hershel seufzte.
Er ging zum Bett, kniete sich darauf und schloss das Fenster, bevor er sich hinlegte und mit kraftlosen Fingern zudeckte. Es war einfach alles zu viel, als dass er es ertragen konnte.
Hershel hielt das Kissen fest und vergrub den Kopf darin. Es roch nach Lando. Nach Meerwasser und Zitronen. Das war sein Shampoo gewesen. Er hatte es gehasst, aber Hershel mochte es. Es war eine Konstante, an der er jetzt festhalten konnte.
An der er jetzt festhalten musste.

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Der One-Shot zur Umfrage vom 21.12 bis zum 28.12 zu Lando/Hershel.
Hundertprozentig passt der Text nicht zum Lied, aber es ist das erste, an was ich bei „All Too Well“ denke.
Slash könnt ihr hineininterpretieren, wie ihr wollt :p

Disclaimer: Die Figuren gehören natürlich Level5, das Lied (und die Textzeile aus der Kapitelüberschrift) gehört Taylor Swift, nur die Aneinanderreihung der Wörter gehört mir.
Mit dieser Geschichte verdiene ich kein Geld!
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