Verlassen

von Enjeru7
OneshotRomanze, Schmerz/Trost / P12
OC (Own Character) Shinichi Okazaki
30.12.2012
30.12.2012
1
1410
 
Alle Kapitel
noch keine Reviews
Dieses Kapitel
noch keine Reviews
 
 Datenschutzinfo
 
 
 
Seufzend fuhr sie sich durch die kurzen blonden Haare.
Ihre Armbänder klimperten bei dieser einfachen Bewegung. Die Straßen Tokios waren um diese
Uhrzeit fast ausgestorben, lediglich ein paar betrunkene Männer torkelten an ihr vorbei, oder riefen
ihr anzügliche Sachen hinterher. Sie ignorierte alles um sich herum und lief einfach weiter. Immer weiter und weiter, so wie sie es schon immer getan hatte. Nach jedem Rückschlag war sie wieder aufgestanden und hatte weitergemacht. Viele würden sie vielleicht als eine starke Frau bezeichnen, doch das war nur die Seite von sich, die sie nach außen hin zeigte. In ihrem Inneren war sie einfach nur verletzt. Verletzt von den vielen Menschen, die sie verlassen hatten.
Vor einem dunklen Schaufenster blieb sie abrupt stehen und musterte sich. Sie war müde vom vielen arbeiten. Ihre Haare hingen schlaff nach unten und ihre Klamotten waren zerknittert und abgetragen. Die schwarzen Boots hatten definitiv schon bessere Tage hinter sich und ihre Hose war mehrfach geflickt.
Doch trotz allem war sie zufrieden mit ihrem Aussehen. Sie wusste, das es ihn nicht stören würde, er kannte sie nur so. Mit einem Lächeln auf den Lippen zupfte sie noch ein paar blonde Strähnen über ihre abrasierten Kopfseiten und setzte ihren Weg weiter fort.
Als sie ihr Ziel erreicht hatte, sie stand nun vor einem großen, etwas heruntergekommenen Apartment Komplex, holte sie den Schlüssel aus der Hosentasche und lief eilig zum Fahrstuhl. Ein Blick auf die Uhr verriet, dass sie spät dran war.
Die Türen glitten zur Seite und sie trat ein in die beengende Kabine. Der Geruch nach Rauch war präsent und sie wusste sofort, dass er oben auf sie warten würde, denn sie würde diese Marke überall erkennen. Diese Zigaretten waren ein Teil von ihm, den sie schätzen gelernt hatte.
Mehrfach drückte sie auf den Knopf mit der Nummer 17 bis die Türen sich mit einer gemächlichen Langsamkeit wieder schlossen. Nervös wippte sie mit dem Fuß auf und ab, als würde der Fahrstuhl dadurch an Geschwindigkeit zunehmen.
Jeder Atemzug von ihr machte die Sehnsucht nach ihm noch größer, sie hatten sich schon eine Weile nicht mehr gesehen.
Als jedoch das leise Pling erklang, das signalisiert, dass der Fahrstuhl stand, war sie auf einmal ganz ruhig. Die Aufregung, die sie schon den ganzen Tag über verspürt hatte, war wie weggeblasen und mit ruhigen Fingern schloss sie endlich die Tür zu ihrem Apartment auf.
Der Raum war vollkommen dunkel. Alle Vorhänge waren zugezogen und keine Lampe war angeschaltet. Vorsichtig machte sie zwei Schritte vorwärts. Der Zigarettengeruch war hier sehr stark.
Als sich ihre Augen langsam an die Dunkelheit gewöhnt hatten, nahm sie die Umrisse ihrer Möbel war und einen kleinen glimmenden Lichtpunkt auf ihrem Küchentisch.
Die Tür hinter ihr schloss sich mit einem Knall und bevor sie erschrocken herumfahren konnte, wurde sie von hinten umarmt.
Sofort entspannte sie sich, als seine weichen Haare ihren Hals kitzelten, sie seinen warmen Atem am Ohr spürte und seine Ketten leise klimpern hörte.
„Willkommen daheim, Mizu.“
Tränen schossen ihr in die Augen, wie hatte sie ihn doch vermisst.
Sanft drehte sie sich in seinen Armen herum und vergrub ihren Kopf an seiner Brust, während sie ihn ebenfalls in eine innige Umarmung zog. Leise begann sie zu schluchzen und spürte, wie er sanft ihre Tränen wegwischte. Er nahm ihr Gesicht in seine Hände und versiegelte ihre Lippen mit einem leichten und vollkommen unschuldigen, süßen Kuss.
Wie hatte sie ihn vermisst.

Als sie die Augen öffnete, war zuerst kein Unterschied zu merken. Der Raum war immer noch stockfinster und man konnte kaum die Hand vor Augen sehen. Sie drehte sich herum und sah den kleinen glimmenden Lichtpunkt ungefähr einen Meter über dem Bett schweben.
Leise schlug sie die Decke etwas zurück, setzte sich auf und legte ihren Kopf auf seine Schulter. Er legte zärtlich den Arm um sie und zog die Decke wieder um ihren nackten Körper.
Während er rauchte gingen ihre Hände auf Wanderschaft, versuchten jeden Zentimeter von seinem Gesicht zu ertasten, spielten mit seinen Piercings, sie versuchte sich alles genau einzuprägen , um davon zu träumen, wenn er wieder fort war.
„Wann musst du wieder gehen?“, stellte sie die Frage, die immer in der Luft lag, wenn sie beieinander waren, denn der Moment blieb ihr nie lange erhalten, doch sie wusste das.
„Morgen Früh.“
„Na, dann haben wir ja immer noch die ganze Nacht für uns.“
Sie versuchte es mit einem Lächeln, obwohl er sie nicht sehen konnte, während sich ihre Augen wieder mit Tränen füllten.
„Das nächste Mal bleibe ich länger. Wenn unsere Tour beendet ist, haben wir alle zwei Wochen frei und dann können wir beide wegfahren, wenn du möchtest. Ich könnte uns einen Urlaub am Strand buchen und wir liegen unter Palmen und trinken Kokosmilch, so wie die Leute in der Werbung das immer machen, wie findest du das?“
Sie lachte, das sah ihm ähnlich, er wurde so aufgeregt, erzählte immer weiter von Dingen die sie sehen und machen würden.
„Das wäre schön.“
Es war der einzige Satz den sie herausbrachte, denn er träumte sich weiterhin den perfekten Urlaub zusammen, doch das würde es immer bleiben. Ein Traum. Sie würden nie richtig und ungestört zusammen sein können. Sie würde ihn nie in ihren Armen halten können, ohne davor Angst zu haben ihn bald wieder zu verlieren, denn sein Leben verbot es ihr richtig glücklich zu sein.
Sein Terminkalender war zu voll und die Verträge unter denen er stand gespickt mit Auflagen und Verboten.
„Lass uns jetzt einfach den Moment genießen, den wir haben.“
Mit diesen Worten schnappte sie ihm die Zigarette aus der Hand, führte sie an ihren Mund und atmete tief ein.
„Du hast ja Recht.“

Als sie das zweite Mal die Augen öffnete blendeten sie die Strahlen der Sonne, die durch einen kleinen Spalt in den Vorhängen fielen.
Leise stand sie auf, um ihn nicht zu wecken. Er sah so ruhig und friedlich aus wenn er schlief, fast wie ein kleines Baby. Wobei er ja auch noch sehr jung war, fast noch ein Kind.
Ein Junge der zu schnell erwachsen werden musste.
Leicht strich sie ihm ein paar von seinen blauen Strähnen aus dem Gesicht und hauchte einen Kuss auf seine Stirn. Vorsichtig nahm sie sein Feuerzeug vom Nachttisch und hängte sich die Kette um den Hals, dann lief sie zur Küchenzeile.
Schon bald wurde er durch den süßen Geruch von Eierkuchen geweckt und öffnete ein Auge, nur um sicher zu gehen, das er den letzten Abend nicht geträumt hatte.
Sie stand am Herd,  bekleidet nur mit seinem Hemd und ihrer Unterhose, briet etwas in der Pfanne und summte einen alten Song. Er griff nach der Zigarettenpackung, nahm sich eine seiner geliebten Black Stones und tastete nach dem Feuerzeug.
Als er es nicht fand, öffnete er verärgert beide Augen und sah das der Nachttisch, bis auf eine kleine Lampe vollkommen leer war.
Ein Blick zu ihr sagte ihm bereits, wohin die Kette verschwunden war.
Lässig lehnte sie an der Wand und ließ den Anhänger hin und her schwingen.
„Suchst du das?“
Er grinste, stand auf und ging langsam auf sie zu.
Schnell ließ sie den Anhänger in ihrer Hand verschwinden.
„Was ist mit meinem Finderlohn?“
„Ich verspreche dir, dass ich dich das nächste Mal ausgiebig dafür belohnen werde.“
„Hmmmh.“, sie dachte einen Moment kurz nach und kam dann zu dem Schluss, das sie ihn wohl nicht länger bei sich behalten könnte. Seufzend legte sie ihm die Kette um und ging wieder zum Herd.
„Ich habe Frühstück gemacht, wollen wir im Bett essen?“
Mit einem Sprung war er wieder in den Federn und grinste. Frühstück im Bett schien ein vergnüglicher Ausklang seines Besuchs zu werden.

Der Moment des Abschieds rückte leider dennoch immer näher und als er nach einigen Worten ihre Wohnung verließ und sie beobachtete, wie er unten in einen schwarzen Geländewagen stieg und davon fuhr, konnte sie die Tränen nicht mehr zurückhalten.
Es schmerzte jedes mal ihn gehen zu sehen, unwissend wann und ob er überhaupt zurückkommen würde und wie der Druck und der Stress ihn verändert haben würde. Sie liebte ihn, doch wie lange würde sie es noch ertragen können, diesen Schmerz, der jedes mal von ihr Besitz ergriff und sie wochenlang nicht richtig schlafen ließ.
Denn sie fühlte sich leer durch ihn und nur er war in der Lage dieses Gefühl wieder von ihr zu nehmen. Ein Teufelskreis der niemals endete und aus dem sie niemals ausbrechen konnte, denn die Kraft dazu hatte sie schon vor langer Zeit verloren.
Und wieder einmal war sie verlassen worden.
Review schreiben