In die Ferne

GeschichteRomanze, Freundschaft / P16
29.12.2012
23.08.2017
60
262273
20
Dieses Kapitel
7 Reviews
 
 
 
Hallo liebe Leute,
Während ich noch mitten in meinen Überlegungen steckte, ob man meine Geschichte wirklich auf nichtsahnende FF-Leser loslassen sollte oder nicht, hat mich Rhapsody dazu ermutigt, es zu wagen und hier etwas reinzustellen. (Falls du das hier liest, danke fürs Ermutigen).

Weil sie Recht hat (was könnte denn schlimmstenfalls geschehen?) und weil mir partout kein anderer Weg einfallen wollte, um herauszufinden, ob die Geschichte Anklang finden würde, habe ich mich schließlich dazu entschlossen, euch selbst entscheiden zu lassen, ob ihr sie langweilig finden oder sie lesen wollt. Wie großzügig, nicht wahr? *gg*

Fühlt euch also frei zu lesen, zu kommentieren oder zu schweigen, wenn euch das lieber ist.

Bevor ich es vergesse: Mittelerde und einige bestimmte Figuren in dieser Geschichte gehören natürlich ganz Tolkien, aber das ist euch hier ja nichts Neues. :)
Ich habe einige Dinge hinzugedichtet, hoffe aber, ich habe keine Fakten verdreht. Wenn doch lasse ich mich gerne belehren.

Liebste Grüße
Pamplemousse

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„Ich an deiner Stelle würde das zurücknehmen, Schwester. Oder muss ich dich erst um einen Kopf kürzer machen?“ Théodwyn kannte ihren Bruder gut genug, um zu wissen, dass er scherzte, auch wenn seine Worte für einen Fremden wohl wie bitterer Ernst geklungen hätten. Sie blickte tief in seine hellen, blauen Augen, in denen es belustigt funkelte, und sagte dann in dem unschuldigsten Ton, der ihr über die Lippen kommen wollte:
„Du behauptest doch ohnehin immer, ich sei zu groß für eine Frau.“

Das hätte Théoden, dem König der Riddermark, fast ein Lachen entlockt und er musste anscheinend an sich halten, um weiterhin wie ein beleidigter wilder Krieger zu wirken.
„Außerdem bin ich weder Willens auch nur irgendetwas von dem was ich gesagt habe zurückzunehmen, noch glaube ich, dass du mich ohne Weiteres um einen Kopf kürzer machen könntest.“ An der erhobenen Klinge ihres Schwertes vorbeiblickend sah sie, wie er scheinbar empört die Augen aufriss.
„Du wagst es meine Kampfkünste anzuzweifeln?“ Théodwyn schloss ihre Finger ein wenig fester um den mit einer geschwungenen Linie aus grünen Edelsteinen besetzten Griff ihres Schwertes. Die Waffe lag geschmeidig in ihrer Hand. Bis auf die Steine, die fast nahtlos in das kühle Metall eingefügt waren, wies das Schwert keinerlei Verzierungen auf. Es war sicherlich nicht besonders prunkvoll, dennoch liebte sie es, denn es war von einer edlen Form und perfekt auf ihre Statur und ihren Kampfstil abgestimmt.

„Ich würde niemals an deinen Kampfkünsten zweifeln, Bruder. Aber ebenso wenig zweifle ich an den meinen.“ Mit diesen Worten bewegte sie ihr Schwert kaum wahrnehmbar nach rechts, um sofort darauf in einen schnellen Schulterschlag überzugehen. Ihr Bruder wehrte den Angriff anscheinend spielend ab, aber Théodwyn hatte nichts anderes erwartet. Flink wirbelte sie herum und parierte den Konter ihres Bruders mit Leichtigkeit. Für einen Moment fühlte sie wie ihr Schwert in ihren Händen erzitterte, doch sie kümmerte sich nicht um den feinen Schmerz der ihren Arm einen Augenblick lang durchzog. Ihr Bruder war zwar stärker als sie, aber sie war die Leichtfüßigere. Sie konnte seine Kraft durch ihre Schnelligkeit wettmachen. Noch bevor sie diesen Gedanken zu Ende gedacht hatte, holte sie zum nächsten Angriff aus.

Als etwa zwanzig Minuten später eine Magd mit einem Besen in den Händen die Halle betrat, ließen sich Bruder und Schwester gerade nach Atem ringend auf den Stufen vor Théodens Thron niedersinken. Zufrieden ließ sich Théodwyn Zeit, wieder zu Atem zu kommen. Sie wusste, dass ihr Bruder nicht von ihr erwarten würde, ein Gespräch zu beginnen und das Schweigen, das zwischen ihnen lag, war ein angenehmes, vertrautes.
Liebevoll ließ sie ihren Blick über die kunstvollen Schnitzereien an der Decke der großen Halle und über die farbenprächtigen Wandvorhänge schweifen. Meduseld, die Goldene Halle. Schon als kleines Mädchen war sie stundenlang vor den mit aufwendigen Stickereien versehenen Vorhängen gestanden und hatte die abgebildeten Szenen staunend betrachtet.  Wann immer sich ihr Gelegenheit dazu geboten hatte, hatte sie ihren Vater nach den alten Geschichten gefragt und ihm so lange keine Ruhe gelassen, bis er sich meist mit einem verhaltenen Lächeln dazu bereit erklärt hatte, ihr eine der unzähligen Legenden zu erzählen. Ja, sie vermisste ihren Vater sehr und sie wusste, dass ihr Bruder ebenso empfand.

Théoden beobachtete seine fünfzehn Jahre jüngere Schwester, wie sie die seit ihrer frühesten Kindheit innig geliebten Wandvorhänge betrachtete. Sie schien gedankenverloren und ein leichtes Lächeln hatte sich über ihre wohlgeformten Lippen gelegt. Der König seufzte innerlich. Théodwyn wirkte heute so fröhlich und er wollte ihr unter keinen Umständen einen Grund liefern, in Rage zu geraten. Aber es half nichts, er konnte es nicht länger aufschieben. Es eilte. Als hätte sie seine Gedanken gelesen, wandte sie ihm ihr Gesicht zu und er blickte in ein nachdenkliches Augenpaar. Ihre Augen waren blau wie seine eigenen, jedoch von einer etwas dunkleren Färbung. Seine kleine Schwester war hübsch, daran gab es keinen Zweifel, wenn auch ein wenig großgewachsen. Théoden räusperte sich kurz, bevor er zu sprechen begann.

„Théodwyn, wir müssen etwas besprechen.“
Sein ernster Tonfall schien sie zu beunruhigen. Bei Eorl, genau das hatte er vermeiden wollen. „Du erinnerst dich sicher noch. Kurz nachdem… nachdem Vater starb, bestieg ich den Thron der Riddermark und im Grunde genommen hätte es die Tradition geboten, dass ich mich auf eine diplomatische Reise begebe, um mich in Gondor als der neue König vorzustellen und den Zusammenhalt zwischen den Eorlingas und den Gondoriern zu erneuern.“ Seine Schwester nickte leicht.
„Ich bin mit den Traditionen vertraut, Bruder.“
„Nun, wie du weißt habe ich diese Reise nie angetreten.“
Sie legte den Kopf leicht schief. „Du hattest hier zu tun.  Aus dem Norden drohten die Angriffe der Dunländer und der Riddermark stand ein harter Winter bevor. Ganz zu schweigen von deinem kleinen Sohn, den du schwerlich zurücklassen konntest.“

Théoden brummte zustimmend, bevor er wieder zu sprechen begann: „Ich kann diese Reise nicht auf ewig aufschieben. Vor Kurzem hat mir der neue Truchsess von Gondor in einem Brief buchstäblich vorgeworfen, zu einem ungünstigen Zeitpunkt mit den Traditionen zu brechen und ihm somit nicht den nötigen Respekt zu zollen. Er würde es als Beleidigung auffassen, wenn ich den erwarteten Besuch erneut aufschiebe.“ Seine Schwester schnaubte laut.
„Nach dem was man von diesem alten Griesgram so hört, könntest du in der Tat Recht haben, Bruder.“ Der König bedachte sie nur mit einem vorsichtigen Blick. Erst jetzt schien sie zu begreifen, was er ihr soeben eröffnet hatte. „Du möchtest jetzt auf diese Reise gehen? Aber du wärst wahrscheinlich ein halbes Jahr lang unterwegs, vielleicht bedeutend länger. Du weißt doch wie das mit diesem diplomatischen Unfug ist.“ Als wäre ihr abfälliger Tonfall nicht genug gewesen, ergänzte sie ihre Worte durch eine verächtliche Handbewegung. Wieder nickte Théoden leise.
„Die Dunländer bedrohen unsere Lande weiterhin aus dem Norden und der nächste Winter steht vor der Tür. Als der König der Riddermark kann ich mein Volk jetzt unmöglich für längere Zeit verlassen. Aber die unerfüllten diplomatischen Verpflichtungen wollen mir keine Ruhe lassen. Deswegen... möchte ich, dass du dich ihrer annimmst.“ Er hatte die letzten paar Worte so schnell gesprochen, dass er sich nicht sicher war, ob sie ihn denn verstanden hatte. Gespannt und ein wenig nervös wartete er auf ihre Reaktion und sie fiel in der Tat anders aus als er erwartet hatte. Théodwyn blickte ihn aus weit aufgerissenen Augen an, bevor sie in schallendes Gelächter ausbrach.

Kurze Zeit später wischte sich die Tochter Thengels die Tränen aus den Augenwinkeln und keuchte atemlos: „Bruder, ich muss schon sagen, du weißt mich zu unterhalten.“ Erst jetzt nahm sie wahr, dass er nicht mit ihr gelacht hatte, sondern ernst geblieben war und sie nur weiterhin abwartend anblickte. Schlagartig verging ihr das Lachen. „Das ist doch nicht dein Ernst, oder?“ Sein Blick war ihr Antwort genug. Sofort runzelte sie unwillig die Stirn. „Théoden, was denkst du dir bloß dabei? Du weißt ganz genau, dass ich… nun ja, kein Händchen für die Diplomatie habe. Kannst du nicht jemand anderen schicken?“
Ihr Bruder seufzte gequält und antwortete ohne zu zögern: „Wen denn, Théodwyn? Es muss jemand aus unserer Blutlinie sein, alles andere wäre eine glatte Beleidigung. Und unsere Schwestern haben Familie. Ich kann sie nicht so einfach aus ihrem Leben reißen.“

Théodwyn spürte Zorn in sich aufwallen. „Nun, bei mir scheint dir das keine Probleme zu bereiten.“ Sie überlegte kurz, den Blick auf den tadellos sauberen Steinboden gerichtet, bevor sie zögernd weitersprach. „Kannst du nicht Mutter senden?“ Die Miene ihres Bruders verfinsterte sich schlagartig.
„Du weißt ganz genau, dass sie nicht in der Verfassung ist, eine längere Reise anzutreten.“ Théodwyn seufzte leise. Natürlich hatte Théoden Recht. Obwohl der Tod ihres Vaters nun schon fast sieben Jahre zurücklag, trauerte ihre Mutter noch immer um ihren verstorbenen Ehemann und schien sich ihrem Schmerz von Tag zu Tag mehr hinzugeben. Nichts, was sie und ihr Bruder sagten oder taten hatte sie bisher aus ihrer Verzweiflung reißen können und sie wusste, dass er ebenso unter dem Zustand ihrer beider Mutter litt wie sie selbst.

Ohne Vorwarnung sprang Théodwyn auf und versuchte ihrem Bruder – heftiger, als sie es beabsichtigt hatte – deutlich zu machen, was sie von seiner Idee hielt. „Ich werde nicht auf diese unsinnige Reise gehen. Das ist doch reine Zeitverschwendung!“ Sie beobachtete, wie schlagartig alle Wärme aus Théodens Gesicht verschwand und ein leichtes Unbehagen breitete sich in ihr aus. Jetzt erinnerte er sie tatsächlich mehr an einen unnachgiebigen König als an ihren geliebten Bruder.
„Es führt kein Weg darum herum, Théodwyn. Du wirst die Reise an meiner statt antreten. Dies ist ein Befehl des Königs. Wage es nicht, ihn zu missachten.“ Er hatte seine Stimme nicht erhoben, dennoch wusste sie, dass es ihm ernst war. Trotzig starrte sie ihn an, doch er war allem Anschein nach nicht dazu bereit, mit ihr zu verhandeln und sah ihr nur fest in die Augen. Voller Wut und mit hochrotem Kopf wandte sie sich ohne ein weiteres Wort um und stürmte aus der Halle. Ihr Bruder würde ihr keine Wahl lassen.
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