Das Haus ohne Schnee

von Brynja
GeschichteRomanze, Übernatürlich / P16 Slash
27.12.2012
13.01.2013
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Eigentlich wollte ich eine Weihnachtsgeschichte schreiben, komplett mit Romantik und Wärme und perfektem Happy End. Tja. Ich hätte daran denken sollen, dass kein Weihnachtstyp bin. Herausgekommen ist etwas, das zu unweihnachtlich für eine Weihnachtsgeschichte und zu ungruselig für eine Gruselgeschichte ist, und dessen Ende je nach subjektiver Einschätzung als happy oder eben nicht und garantiert nicht als perfekt gelten kann. Dazu kommt, dass es sich nicht nach (male)Slash anhört und es dennoch ist. Oh, und es hätte ein Oneshot werden sollen, aber 20.000 Wörter sind ja nun einfach ein bisschen viel aufs Mal. Ich wollte es dreiteilen, aber dann wären die Brüche unschön oder die "Kapitel" sehr ungleich geworden. Also wurde es viergeteilt.

… Wie ihr seht, die Geschichte hat definitiv ihr Eigenleben entwickelt. Dennoch mag ich sie, irgendwie. Die Zeit zwischen den Jahren ist ja oft etwas eigen, also wird auch Platz für diese Geschichte sein.


Allen, die sich trotz des Vorwortes ranwagen wünsche ich viel Spass! Und nachträglich frohes Fest und einen guten Rutsch ins neue Jahr!

Rin

PS: Über die Alterskennzeichnung bin ich mir mal wieder nicht 100 pro sicher, aber wenn bei den Richtlinien zu P12-Slash kein Komma fehlt, sollte es ausreichen. Falls jemand anderer Meinung ist, wäre ich dankbar, wenn er mich das wissen lassen würde.

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Augen wie schwarze Tinte, ein Lächeln, Sehnsucht.

„Milan … endlich.“

Sam schüttelte den Kopf und verdrängte die Erinnerungsfetzen an den Traum, den sie auf der Fahrt gehabt hatte. Sie waren endlich angekommen! Ihr Blick schweifte über den kleinen Bahnhof, dann straffte sie die Schultern, zog die Strickmütze tiefer in die Stirn, hob ihren Koffer und stieg aus dem Zug. Es war hübsch, genau, wie der Internetartikel versprochen hatte. Beschaulich. Der Bahnhof besass nur zwei Gleise, die Gebäude waren alt, aber gut erhalten und gepflegt. Kunstvolle Schnitzereien zierten die Balken des Daches, das den Wartenden Schutz vor den grossen, schweren Schneeflocken bot. Lichterketten umrahmten das ganze Gebäude wie in manchen amerikanischen Filmen und ein leuchtendes „Frohe Weihnachten!“ empfing die Ankömmlinge. Auch die Gebäude hinter dem Bahnhof passten perfekt in das idyllische Bild. Wie gesagt, hübsch. Normal. Eine typische Kleinstadt eben.

Und immer noch wusste sie nicht, warum sie unbedingt hatte herkommen wollen. Wenn sie an die lange Zugfahrt dachte, das unbequeme Bett im Schlafabteil, das dauernde Rütteln und Schütteln … aber alles war besser als fliegen.  

„Komm schon, Sammy, ich frier mir hier den Arsch ab!“

Evans Stimme riss sie aus ihrer Betrachtung und sie machte zwei schnelle Schritte zur Seite, um ihn und die anderen Fahrgäste aussteigen zu lassen. Also: ihn und die Oma, denn mehr waren da nicht. Verständlich, hier gab es ja auch nichts Interessantes. Dennoch öffnete sie mit einem leisen Klicken den Verschluss ihrer schwarzen Umhängetasche und holte die Kamera heraus. Schnell und gezielt schoss sie mehrere Bilder, vom Bahnhof, den Schnitzereien, dem Kirchturm im Hintergrund, den vereinzelt Wartenden.

Ein kleiner, gedrungener Mann mit einem ordentlichen Bierbauch unter der braunen Filzjacke kam auf sie zu, während Evan der alten Dame aus dem Zug half.

„Entschuldigung“, sprach er Sam an, „Sie sind nicht zufällig Samantha und Evan Carlisle?“

„Doch“, erwiderte sie mit einer Mischung aus Überraschung und Misstrauen und liess die Kamera sinken.

Ein Lächeln breitete sich auf dem beanspruchten Gesicht aus und er streckte ihr die Hand entgegen. „Ich bin Frank Balze, meine Frau führt die Pension Finkenhof. Sie hat mich hergeschickt, um Sie beide abzuholen. Der plötzliche Schneefall hat die Strassenbahn ausser Gefecht gesetzt.“

Das Misstrauen verschwand aus ihrem Gesicht und sie schalt sich einen Narren. Warum war sie bloss so angespannt? Das hier war eine ganz normale Stadt mit ganz normalen Menschen. Niemand kannte sie hier, niemand wollte ihr etwas tun. Und warum auch? Sie hatte kein besonders spannendes Leben und hatte bisher noch nicht einmal die Gelegenheit gehabt, sich jemanden zum Feind zu machen. Wer würde schon einer dreiundzwanzigjährigen Fotografiestudentin aus Wales etwas Böses wollen? Sie sah eindeutig Geister!

„Freut mich, Herr Balze!“, erwiderte Sam und schüttelte seine Hand. Er hatte einen angenehmen, festen Händedruck und das machte ihn ihr automatisch sympathisch. „Das ist sehr freundlich von Ihnen.“

Die Worte kamen nur mühsam über ihre Lippen. Die letzten fünf Jahre lang hatte sie nur sehr selten Deutsch gesprochen, das rächte sich jetzt. Dennoch war sie sich sicher, dass sie die Sprache nie ganz verlieren würde. Auf eine seltsame Art war sie ihr sogar noch vertrauter als Englisch oder Walisisch.

„Bitte, nennen Sie mich doch Frank, das ist gemütlicher, wenn wir die Weihnachtstage mehr oder weniger miteinander verbringen.“

„Sam.“ Sie packte die Kamera wieder in die Tasche. Evan drehte sich nun um und gab Frank ebenfalls die Hand.

„Evan, freut mich ebenfalls. Und danke, dass Sie uns abholen.“ Nach dem Händeschütteln hob er seinen Koffer wieder an. Sam bemerkte, dass er in der anderen die Tasche der alten Dame trug.

„Du. Und keine Ursache.“

Evan grinste verlegen. Er sprach ebenso akzentfrei wie Sam, aber mit den kulturellen Aspekte des Sprachgebrauchs hatte er Mühe, genauso wie mit manchen Wörtern. Er wusste nie, wann er jemanden duzen oder siezen sollte und konnte sich nur schwer merken, welche Wörter und Ausdrücke formell, welche informell waren.  

Frank wandte sich an die Oma. „Marie, was für ein Zufall! Willst du zu Kathie? Sollen wir dich mitnehmen?“

Sie lächelte erfreut. „Das wäre lieb von dir, Frank. Aber nur, wenn deinen Gästen der Umweg nichts ausmacht.“

Sam und Evan schüttelten die Köpfe. Ob sie die Pension fünf Minuten früher oder später erreichten, machte auch keinen Unterschied mehr.



***



Der malerische erste Eindruck der Kleinstadt verstärkte sich während der Fahrt zunehmend. Die meisten Häuser hatten den Krieg entweder unbeschadet überlebt oder waren so gebaut worden, dass sie stilistisch dennoch zwischen die kunstvollen Fachwerkhäuser passten. Und es wirkte sauber. Vielleicht lag das vor allem an der frischen Schneeschicht, aber als sie weiter gen Stadtrand hinausfuhren und sich kleine Vorgärten zu den Häuser gesellten, waren auch diese stets gepflegt und ordentlich. Es hätte fast gruselig perfekt gewirkt, wenn nicht die Lichter und die weihnachtliche Stimmung jeglichen Gedanken an unschöne Zeiten vertrieben hätte. So sah es aus wie aus einem Märchen.

Sam fühlte sich wohl. Sie sass am Fenster und liess den Blick hungrig über alles Sichtbare gleiten. Vielleicht war nicht viel los, aber über die Festtage brauchte man schliesslich auch kein actiongeladenes Programm. Ausserdem sah sie tausend Motive, die geradezu danach schrieen, auf digitalen Film gebannt zu werden.

Sie brachten die alte Dame zum Haus ihrer Tochter und nahmen dann den Weg zu den Balzes ein.

„Wir wohnen etwas ausserhalb des Stadtkerns“, erzählte Frank gutmütig, „in einem alten Villenviertel. Heute sind die meisten Häuser innen umgebaut und werden von mehreren Familien bewohnt, aber meine Frau wollte das Haus ihrer Grosseltern so belassen, wie es ist. Also haben wir uns dafür entschieden, Gäste aufzunehmen, damit das Grundstück hilft, sich selbst zu finanzieren.“ Er bog nach rechts ab. „Aber keine Sorge, die Altstadt ist zu Fuss nur etwa fünfzehn Minuten von uns entfernt, der Weihnachtsmarkt sogar nur fünf. Und ihr könnt auch gerne meiner Frau Bescheid geben, die fährt euch bestimmt, wenn ihr weiter weg wollt.“

Er erzählte ihnen während der Fahrt noch mehr, von den Ursprüngen der Stadt über ihre Rolle im zweiten Weltkrieg bis zu den lokalen Berühmtheiten. Sam hörte zu und liess die Umgebung dabei auf sich Wirken. Aber als ihr Blick an einem barocken Herrenhaus hängen blieb, verschwammen Franks Worte in ihrem Kopf. Es sah aus wie – wie stümperhaft mit Photoshop eingesetzt, so sehr brach es sich mit den umliegenden Anwesen. Es war ebenso alt wenn nicht älter als die anderen, aber es sah auch so aus: Der Verputz im Erdgeschoss bröckelte nicht nur, er war fast nicht mehr erkennbar und der rote Backstein blitzte an besonders schlimmen Stellen dunkel hervor. Die steinernen Verzierungen waren verdreckt und abgesplittert, die Dachziegel zu einem Stumpfen Graubraun verblichen. Die Fenster überraschenderweise intakt, aber bis zur Lichtundurchlässigkeit verdreckt. Und der Garten erst: Ein verwildertes Gemisch aus verblasstem Grün, stechendem Gelb und totem Braun. Zerbrochene Töpfe standen vor der zweiseitigen Treppe, die zur erhöhten Haustür führte, ein immergrüner Baum verdeckte verwachsen einen Grossteils des linken Flügels. Sam verliebte sich auf den ersten Blick.

Moment, war da nicht –

„… nicht wahr, Sammy?“

Beim Klang ihres Namens wandte sie sich automatisch Evan zu. Als sie hastig zurückblickte, waren sie bereits an dem Anwesen vorbei.

„Wie?“

Hatte sie wirklich Bewegung in dem heruntergekommenen Haus gesehen? Da, hinter dem Fenster?

„Ich habe Frank gerade gesagt, dass wir nur hier sind, um uns über die Feiertage eine Auszeit vom stressigen Alltag zu gönnen und deshalb spontan entscheiden werden, ob und was wir jeweils machen.“

„Genau“, pflichtete sie ihm bei, „man soll sich zwischen den Jahren schliesslich besinnen, nicht besaufen.“

Frank lachte laut. „Die Wortwahl war jetzt aber nicht sehr damenhaft.“

„Lass dich bloss nicht von ihrem Puppengesicht täuschen“, erwiderte Evan grinsend, „eine Dame hat da noch nie dringesteckt.“

Sam boxte ihm ganz undamenhaft in die Schulter. Fest genug, dass er leise zischte.

Dann bog Frank in eine Einfahrt ein und hielt den Wagen an.

Das Haus der Balzes bot genug Platz, um mindestens zwei Familien mit Kindern unterzubringen. Im Unterschied zu den Steinhäusern um es herum war es ein Fachwerkhaus, wenn auch gross genug, um als die Mutter aller Fachwerkhäuser durchzugehen. Die dunklen Balken zeichneten ein verspieltes Muster auf die weissen Wände, das Dach war hoch und spitz. Das erste, was Sam nach dem Aussteigen tat, war, ihre Kamera in die Hand zu nehmen und die Front mehrmals zu fotografieren. Beim dritten Klicken des Auslösers öffnete sich die Haustür und eine Frau mittleren Alters trat hervor, ein wollener Überwurf über den Schultern. Hinter ihr stand ein etwa zehnjähriges Mädchen und guckte verschreckt zu ihnen.

„Kommst du?“, rief Evan ihr zu und hatte ihren Koffer bereits in der Hand, „Das Haus rennt dir nicht davon, aber wenn du dich nicht beeilst, verbrauche ich das ganze heisse Wasser!“

Sie grinste frech. „Als ob du das wagen würdest. Wir verbringen die nächsten zwei Wochen in ein und demselben Zimmer, Bruderherz. Das sind vierzehn Chancen, es dir heimzuzahlen, während du schläfst!“



***



Eine Dreiviertelstunde später stand Sam frischgeduscht im gemeinsam Zimmer und zerrte ihre schwarze Cargohose aus dem Koffer. Natürlich hatte sie diese zuunterst eingepackt, als ob sie nicht genau gewusst hätte, dass sie sie auch als erstes brauchen würde. Vorausplanen war noch nie eine ihrer Stärken gewesen.

Das Zimmer im ersten Stock zeichnete sich durch eine gemütliche Mischung aus rustikalem Charme und modernem Komfort aus. Die Wände strahlten in einem beruhigenden Creme-Ton, die Möbel aus dunklem Holz passten zu den Balken und die Bettdecken in ihren rot-weissen Bezügen waren schwer mit echten Daunen gefüllt. Sam gefielen die bemalten Schranktüren und sie hatte, wie immer, gleich ein paar Fotos davon gemacht.

Als sie die Hose, ein T-Shirt und Baumwollunterwäsche zusammen hatte, tauschte sie den Frotteebademantel gegen die frische Kleidung. Sie befestigte die drei Lederarmbänder wieder an ihrem linken, die Uhr an ihrem rechten Handgelenk. Evan zog sie manchmal damit auf, dass sie die Uhr auf der falschen Seite trug und nannte sie ‚seinen Kleinrebellen‘. Dabei tat sie so was nicht, um zu rebellieren oder ihre Individualität zu beweisen; es fühlte sich einfach richtig an. Und was konnte sie dafür, dass der Grossteil der Gesellschaft die Uhr lieber links trug?

Sie nahm noch einmal das Handtuch, dass sie über den Stuhl geworfen hatte und knetete ihre roten Locken. Sie musste unbedingt daran denken, sie sich demnächst etwas zu kürzen, so brauchten sie viel zu lange, um zu trocknen. Am liebsten hätte Sam sie ja kurz getragen, aber sie hatte mit fünfzehn auf die schmerzhafte Art gelernt, dass ihre Mutter Recht gehabt hatte: Es sah verschissen aus. Solange die Haare eine gewisse Länge behielten, lockten sie sich wenigstens nur an den Spitzen, aber kurz geschnitten verwandelten sie sich in eine krause Matte, die doch stark an Pumuckl erinnerte. Und im Sommer war es ja auch nicht schlimm, da trockneten sie so schnell von alleine, dass Sam es gar nicht bemerkte. Nur im Winter ärgerte sie nach jeder Dusche grün und blau. Dafür hatte sie im Winter nicht so viele Sommersprossen. Immer schön positiv bleiben.

Sie hörte, wie im Bad nebenan das Wasser rauschte. Na also, hatte Evan es endlich geschafft und sich von seinem Spiegelbild losgerissen. Dann konnte es sich nur noch um Jahre handeln, bis er mit der Körperpflege fertig war und sie beide sich zu Franz, dessen Frau Theresa und dem Mädchen, Lina, in die Küche setzen und etwas essen konnten. Etwas Warmes, das am besten so wenig Ähnlichkeit mit trockenen Brötchen hatte wie möglich – davon hatte sie auf der Reise genug bekommen.

Mit einem leisen Rums landete ihr Koffer auf dem Boden und sie liess sich an seiner Stelle aufs Bett fallen. Sie angelte nach ihrer Kamera und sah sich die Bilder an, die sie bisher gemacht hatte. Viel zu viele auf der Zugfahrt, das war ihr jetzt schon klar. Aber sonst hatte sie auch nichts zu tun gehabt, vor allem dann nicht, wenn Evan sich stundenlang in eines seiner geliebten Bücher verkrochen hatte. Ferne Planeten und Aliens, die seltsamerweise gerade noch menschenähnlich genug waren, um sexy zu wirken und um mit Menschen ‚kompatibel‘ zu sein – darauf stand er schon seit er sieben oder acht gewesen war. Nicht, dass sie sich erinnern konnte, schliesslich war Sam sechs Jahre jünger. Aber es gab genug Kinderfotos, auf denen er auf dem Sofa oder unterm Weihnachtsbaum oder auf dem Küchentisch herumlümmelte und die Nase irgendwo im Deep Space 9 vergraben hatte. Ihr Vater hatte schliesslich auch gerne …

Sie schüttelte den Kopf. Nein. Sie war noch keine Stunde hier, damit konnte sie jetzt nicht wieder anfangen. Was hatte der Unitherapeut noch gesagt? Sie müsse lernen, damit wie ein Erwachsener umzugehen, genau. Wie genau Erwachsene mit dem Verlust beider Eltern kurz vor dem achtzehnten Geburtstag umzugehen hatten, konnte ihr zwar niemand sagen, aber anscheinend beinhaltete es nicht, auch fünf Jahre später noch beim blossen Gedanken daran Heulkrämpfe zu bekommen.

Wenigstens hatte sie Evan. Er war zwar ein selbstverliebter, buchverrückter, bankangestellter Arsch, aber als grosser Bruder machte er sich verdammt gut. Und er war mit ihr nach London gegangen, damit sie dort Fotografie studieren konnte. Hatte Emily für sie zurückgelassen und nie auch nur ein Wort gesagt, nicht einmal stockbesoffen, und das, obwohl er immer noch mindestens einmal die Woche die Krawatte trug, die Emily ihm zu ihrem letzten gemeinsamen Weihnachten geschenkt hatte. Sam trug deswegen ein schrecklich schlechtes Gewissen mit sich herum, aber sie wusste auch, dass sie das Studium ohne Evan an ihrer Seite niemals gepackt hätte. Nicht wegen der Uni, sondern weil sie sich in London ewig verloren vorgekommen wäre. Sie war eben doch ein Dorfkind.

Ja, sie hatte Evan. Und sie konnte sich immer auf ihn verlassen. Das war mehr, als die meisten Menschen von sich behaupten konnten. Evan und die Fotografie. Und solange sie nicht in sentimentalen Momenten an ihre Eltern und das verfickte Flugzeug und die noch verfickteren Nachrichten, die wochenlang nichts Besseres zu tun hatten, als über die Katastrophe zu berichten, dachte, war sie nicht nur zufrieden, sondern glücklich.

Und irgendwann, wenn sie den Idioten, der für das Gerücht verantwortlich war, dass fliegen statistisch gesehen sicherer sei als Auto fahren, gefunden und ihm ordentlich die Fresse poliert hatte, würde sie noch ein ganzes bisschen zufriedener sein.



***



Alte Häuser besassen einen ungeheuren Vorteil, wie Sam eine Stunde später herausfand: Die Holzheizungen waren nicht nur gut im Wärmen des Fussbodens, sondern auch darin, ihre Haare zu trocknen. Sie nahm ihre Baseballmütze mit dem Emblem der walisischen Rugbyunion, drehte mit einigen schnellen Bewegungen ihre Haare ein und verstaute alle ausser den widerspenstigsten Locken unter der Mütze. Schon viel besser, jetzt waren sie wenigstens aus dem Weg.

Sie warf sich gerade wieder zu ihrem Laptop aufs Bett, um das Foto auf dem Bildschirm weiter zu bearbeiten, als Evan frisch geduscht, frisiert, angezogen und mit einem entspannten Lächeln das Zimmer betrat.

„Na, Hunger?“

„Schon seit ’ner Stunde, Adonis“, gab Sam ebenfalls auf Deutsch zurück. Kurz spürte sie, wie eine Erinnerungswelle über sie hinwegzuschwappen drohte und ihre Kehle schnürte sich zu, aber sie kämpfte sie mit aller Kraft nieder. Seit dem Unfall hatten sie nicht mehr Deutsch miteinander gesprochen. Früher war es so etwas wie ihre Geheimsprache gewesen, wenn sie unterwegs waren, aber mit dem Tod ihrer Eltern hatten sie stillschweigend die Übereinkunft getroffen, dass die Sprache ihrer Mutter von nun an tabu war. Und in London funktionierte Walisisch als Geheimsprache genauso gut.

Aber irgendwie war es anders, seit sie aus dem Zug ausgestiegen waren. Sie befanden sich seit Ewigkeiten wieder in Deutschland und früher hatte sich sogar ihr Vater während des Deutschlandurlaubs bemüht, die Sprache zu sprechen – sehr zum Vergnügen seiner Kindern.

Sam schüttelte auch diese Erinnerung ab und stand auf.

„Also los, Futter fassen!“

Evan musterte sie kurz, wie sie mit der Mütze und in weiten Hosen und einem schlichten Shirt vor ihm stand, und schüttelte den Kopf. „Weisst du, irgendwie kann ich Tante Ilsas Verdacht ja verstehen …“

Sie holte aus und schlug ihm mit der Faust so fest auf die Brust, dass er einen Schritt rückwärts stolperte und ging dann ohne aus dem Takt zu kommen an ihm vorbei auf die polierte Holztreppe zu.

„Ich stehe nicht auf Frauen“, erwiderte sie gelassen, „ausserdem ist es oberflächlich, sexistisch und verbohrt, vom Äusseren auf die sexuelle Orientierung zu schliessen. Hat euch das in der Bank etwa keiner beigebracht?“

Evan brummelte etwas und rieb sich die geschundene Stelle. „Ich bekomm sicher einen blauen Fleck, ey!“

„Den hast du dir auch verdient“, erwiderte sie mit einem Grinsen.



***



Am nächsten Morgen brach Sam gleich nach dem Frühstück zu einer ersten Erkundungstour auf. Evan schnarchte noch fröhlich vor sich hin und würde das noch mehrere Stunden lang tun; der Morgen war nicht seine Tageszeit. Er behauptete, dass er den Schönheitsschlaf brauchte, um täglich sein Bestes zu geben und Falten vorzubeugen, aber Sam fand, dass er einfach nur ein fauler Sack war.

Das Frühstück hatte aus hausgemachtem Brot, hausgemachter Marmelade, Butter, Milch und Eiern von einem Bauern ausserhalb der Stadt bestanden. Theresa bestand darauf, immer zu wissen, woher ihr Essen kam und hatte einen rustikalen, aber herzhaft leckeren Kochstil. Lina war auch anwesend gewesen, aber wie auch schon gestern Abend hatte sie kaum ein Wort gesagt. Still war gar kein Ausdruck für die Kleine. Sie hatte Sam und Evan schon während des Abendessens am Vortag mit grossen, schokoladenbraunen Augen gemustert, und auf Annäherungsversuche entweder nur mit einem Lächeln oder einem leisen, gehauchten Wort geantwortet. War aber okay, Sam konnte sowieso nicht so mit Kindern.

Jetzt lief sie dick eingemummelt in einen dunkelblauen Anorak, und zusätzlich von Mütze, Schal und fingerlosen Handschuhen vor der Kälte geschützt, die verschneite, menschenleere Strasse entlang. Finkenweg, das musste sie sich merken, für den Fall, dass ihr Orientierungssinn sie im Stich liess.

Einen Bürgersteig gab es hier nur auf einer Seite, aber da sowieso fast keine Autos unterwegs waren, lief sie einfach am Rand der Fahrspur. Immer wieder blieb sie kurz stehen und knipste das eine oder andere Foto, aber eigentlich hatte sie ein ganz bestimmtes Ziel: Das Haus, an dem sie gestern vorbeigefahren waren. Sie musste es einfach fotografieren! Es hatte eine eigentümliche Ausstrahlung, so … verlassen, wie es auch aussah, so anziehend wirkte es auf sie. In seiner Blütezeit war es sicherlich ein beeindruckendes Anwesen gewesen. Wie konnte es jemand nur so verkommen lassen?

Zum Glück war der Weg nicht kompliziert. Eigentlich waren sie nach dem Haus nur einmal links abgebogen und hatten kurz darauf vor dem Haus der Balzes –

Da, dort war die kleine Kreuzung, Sam erinnerte sich noch an das lachsfarbene Eckhaus. Also nach rechts.

Das schmiedeeiserne Tor kam früher in Sicht, als sie gedacht hatte. Sie blieb stehen, fotografierte es als Teil des Viertels inmitten der anderen, nachbarlichen Tore und Gärten. Irgend etwas störte sie immer noch an dem Bild, aber sie konnte einfach nicht sagen, was. Dennoch: Der Vergleich mit einer pfuscherhaften Photoshopbearbeitung kam ihr wieder in den Sinn.

Sie ging weiter darauf zu, Schritt für Schritt, schoss Bild um Bild. Je näher sie kam, desto verlassener sah es aus. Aber sie hatte doch gestern eine Bewegung gesehen, oder?

Sie lachte über sich selbst und schüttelte den Kopf. Nein, sicher nicht. Wer hatte schon das Geld, ein Haus wie dieses zu halten und liess es so verlottern, obwohl er darin wohnte?

Schliesslich blieb sie vor dem Tor stehen. Fasziniert wanderte ihr Blick über den zentralen Rundbogen des Gebäudes, den kleinen Balkon vor den beinahe deckenhohen, ebenfalls sanft gerundeten Fenstern in der Mitte. Dann sah sie hoch und entdeckte den Balkon mit der geschwungenen Balustrade auf dem Dach. Das gab’s doch nicht!

Sam hatte nicht bemerkt, dass sie die Kamera sinken lassen hatte, aber nun hob sie sie wieder an und schoss beinahe hungrig ein Bild nach dem anderen. Alles, so kam es ihr vor, sie musste alles fotografieren, damit sie kein einziges Detail vergessen konnte. Die dörren Büsche, vor denen sich die überwachsene Kieseleinfahrt teilte und um die beiden Tannen am Rand rechts und links jeweils wieder zu den Treppen vor dem Eingang führten. Die barocken Fensterverzierungen der beiden Eckfenster im ersten Stock, den von Wind und Wetter beanspruchten Dachschmuck über dem Rundbogen, das verspielte Gurtgesims zwischen den Stockwerken, die beiden niedrigen, aber grossflächigen Dachgauben. Das Haus war trotz seines Zustandes ein perfektes Beispiel für Symmetrie.

Mit einem kurzen Blick auf beide Seiten überquerte Sam rückwärts die Strasse, bis sie die richtige Stelle gefunden hatte, um das ganze Grundstück in ein Bild bannen zu können. Dann machte sie noch zwei Schritte. Zuschneiden, was zuviel war, konnte sie am Computer, aber dazuzaubern ging nun mal nicht.

Zwei-, drei-, viermal klickte es, bevor sie sich wieder näherte. Sie verstaute die Kamera in der Tasche und legte die Finger um das kalte, schwarze Eisen des Tores. Was würde sie dafür geben, das Haus von Nahem zu fotografieren, jeden Winkel, jeden Stein, jedes Stückchen erhaltenen Stuck für die Ewigkeit festzuhalten, und – oh, vielleicht sogar einen Blick ins Innere zu werfen, durch ein Fenster oder gar die Haustür. Der Zaun und das Tor waren zu hoch und mit – für Sams Geschmack – zu langen und scharfen Spitzen verziert, aber … aber was, wenn das Tor nicht abgeschlossen war? Oder vielleicht konnte man unbemerkt vom Nachbargelände aus –

Ihre Gedanken brachen abrupt ab, als sie aus dem Augenwinkel etwas wahrnahm: Eine Person. Da, hinter dem hohen Fenster, da stand eindeutig jemand! Und er sah sie, sah sie an, wie sie hier am Tor herumlungerte und –

Das fröhliche Klingeln ihres Handys riss sie aus der Starre und bevor Sam wusste, was sie tat, hatte sie sich schon umgedreht und rannte über die verschneite Strasse zurück. Sie konnte von Glück reden, dass ihr Schuhwerk fest genug war und sie nicht ausrutschte, aber darüber dachte sie nicht nach. Erst, als sie um die Ecke in den Finkenweg eingebogen war, blieb sie keuchend stehen und klaubte das Telefon aus ihrer Jackentasche. Sie hatte gar nicht bemerkt, wie klamm ihre Finger geworden waren.

„Hey Sammy“, begrüsste Evan sie mit vom Schlaf rauer Stimme, „wo zum Teufel bist du? Ich dachte, wir wollten uns heute die Stadt angucken?“

„Ja“, erwiderte sie und versuchte, wieder zu Atem zu kommen, „woher soll ich denn wissen, dass du so früh aus den Federn kriechst?“

„Es ist Mittag. Wir hatten doch abgemacht, nach deinem Mittagessen und meinem Frühstück loszugehen.“

Mittag? Das – das war doch gar nicht möglich! Sie war kurz nach neun losgegangen und so weit weg war es nun wirklich nicht! Sie war garantiert keine drei Stunden … aber ein Blick auf ihre Armbanduhr zeigte, dass Evan Recht hatte. Es war viertel nach zwölf.

„Bin gleich da“, murmelte sie und hängte auf.

Kein Wunder, dass ihr Finger sich wie Eiszapfen anfühlten. Evan hatte es treffend ausgedrückt: Was zum Teufel?!



***



Erschöpft  liess Sam die Taschen auf den Fussboden fallen. Wie hatten sie nur so viel einkaufen können? Sicher, das meiste war Evans und er hatte alles ohne auch nur ein Wort getragen und es ihr erst vor dem Haus gegeben, damit er auf die Toilette eilen konnte, aber – sie brauchten doch gar nichts! Und dennoch hatten sie jetzt drei paar neue Hosen, einen Wintermantel, vier Bücher auf Deutsch, zwei neue Mützen, einen Schal und ein paar Handschuhe gekauft! Sie waren doch nicht zum Shoppen hier – dann hätten sie nach Paris oder Berlin gehen sollen, nicht in dieses Kaff.

Sie setzte sich auf die Bettkante und suchte in den Plastiktaschen nach ihrer Ausbeute: Eine dunkle Cargohose, eine Kurzgeschichtensammlung mit Anekdoten aus der ganzen Welt und die petrolfarbene Mütze mit dazu passenden Handschuhen und Schal. Sie schüttelte den Kopf. Sicher, die Sachen gefielen ihr, aber dennoch war ihr Kauf wohl auf den kollektiven weihnachtlichen Hirnverlust zu schieben. Wenigstens waren die Mützen, Handschuhe und der Schal wunderbar kuschelweich und handgemacht von der alten Frau, die sie verkauft hatte. Keine Massenware.

„Sammy? Musst du auch oder kann ich kurz duschen?“, rief Evan durch die Badezimmertür.

„Tu dir keinen Zwang an, Adonis“, erwiderte sie. Nun würde sie zwar wieder eine Stunde warten müssen, aber im schlimmsten Fall gab es ja noch ein WC den Flur runter.

Sie streckte die Füsse von sich und zog sich die Wollmütze vom Kopf. Ihre Locken knisterten leise, aber mehr als eine halbpatzige Geste mit der Hand hatte sie dafür nicht übrig. Wenn ihre Haare wie wild vom Kopf abstehen wollten, konnte sie sowieso nichts dagegen machen.

Gerade, als sie sich aus dem nassen Schal herauswickelte, erschien ein dunkler Haarschopf auf der Treppe. Als würde sie Sams Blick spüren, drehte sich Lina um und sah sie schüchtern an. Es war ein seltsamer Anblick, denn die Zimmertür war nur zu einem Viertel geöffnet, gab nur einen kleinen Ausblick auf Flur und Treppe, und von Lina sah Sammy nur die obere Hälfte des Kopfes, bis knapp unter die Augen. Sie sah das Wesentliche, aber der Grossteil blieb dennoch verborgen.

Mit einer flinken Bewegung schnappte sie dir Kamera und hielt das Bild fest. Dann liess sie sie sinken und lächelte Lina an.

„Hey.“

Als das Mädchen weiterging, sah Sam, dass sie das Lächeln erwiderte, bevor sie sich wieder auf die Stufen konzentrierte. Gleich darauf klopfte es schüchtern.

Sam stand auf, schälte sich aus der Jacke und zog die Tür ganz auf.

„Na?“

Linas grosse, braune Augen sahen sie fragend an. Sie war ein hübsches Kind. Glänzende schulterlange Haare, dichte Wimpern, eine kleine Stupsnase und dazu einen gesunden Hautton, der an Milchkaffee erinnerte. Nur leider so verschüchtert.

„Tante hat gesagt, sie macht euch Brote, wenn ihr Hunger habt“, brachte Lina hervor, „Abendessen gibt’s erst in zwei Stunden.“

Wirklich, es hatte seine Vorteile, die einzigen Gäste zu sein. Normalerweise kamen die Leute nur im Frühling und Sommer her, wegen des Osterfestes oder der Parade am Gründungstag der Stadt oder einfach, um die friedliche, warme Umgebung zu geniessen. Das stand auch im Internetartikel, aber Sam hatte ja nicht warten können. Und, wenn sie ehrlich war, bereute sie die Wahl nicht. Sie freute sich schon, die Fotos sichten und die besten davon bearbeiten zu können.

„Das ist lieb von ihr, danke“, erwiderte sie lächelnd und setzte sich wieder aufs Bett. Ihr Hunger hielt sich in Grenzen, viel lieber hätte sie eine Runde geschlafen. Oder zwei. „Evan wird noch eine Weile im Bad brauchen, aber danach gerne.“

Dabei hatten sie doch gar nicht viel gemacht heute. Eingekauft, ja, aber da Sams nervliche Ausdauer dabei sowieso gering war, waren sie zweimal in ein Café gegangen und hatten sich eine Pause gegönnt. Es war peinlich, deswegen so kaputt zu sein. Evan würde sie auslachen und als Mädchen bezeichnen, wenn er es mitbekam.

Lina sah sich schüchtern im Zimmer um und schien nicht zu wissen, ob sie gehen sollte oder bleiben durfte. Und sie war ja wirklich süss. Nur leider wusste Sam nicht, wie man mit Kindern umgehen musste. Als Linas Blick dann wieder auf sie traf, versuchte sie es mit der direkten Variante.

„Magst du noch etwas hier bleiben? Ich wollte die Sachen auspacken.“

Ein Nicken. Na immerhin.

Sie räumten die Einkäufe aus, entfernten die Etiketten, legten sie zusammen und verstauten sie im Schrank. Eigentlich keine besonders aufregende Beschäftigung, aber Lina schien zufrieden damit, ihr dabei zu helfen. Als Sam sah, wie sie ihre kleinen Finger fast ehrfürchtig über den Schal gleiten liess, beschloss sie spontan, ihr morgen auch einen mitzubringen.

„Hübsche Farbe, hm?“, fragte sie und Lina nickte. „Ist eine meiner Lieblingsfarben, Petrol.“

Grosse Augen, ein zartes Lächeln. Gesprächig war die Kleine wirklich nicht.

„Hast du auch eine Lieblingsfarbe?“

Zuerst dachte Sam, dass sie keine Antwort bekommen würde, aber dann ertönte ein leises:

„Pink. Aber das kräftige.“

Sie grinste. „Das mag ich auch lieber als rosa.“ Gut, dann also einen Schal in pink. Dann erinnerte sie sich an etwas. „Sag mal, magst du Schokolade?“

Ein Nicken.

Sam stand angelte nach ihrer Jacke und streckte die Hand in die Tasche. Na also. Sie zog eine goldene Schokoladenkugel hervor und hielt sie Lina hin. Selbst mochte sie die Süssigkeit nur in heisser Milch aufgelöst.

„Für mich … ?“ Wieder diese leise, schüchterne Stimme.

Sam nickte.

Mit einem erfreuten Lächeln griff Lina danach und streifte dabei ihre Hand. Ein zuckender Schmerz durchfuhr Sam, als sich die kleinen Finger mitsamt den Nägeln plötzlich in die Haut oberhalb ihres Handgelenks bohrten. Ihr Blick zuckte von Linas Händen zu ihrem Gesicht und sie erschrak. Die kindlichen Züge waren starr und leblos in einem stummen Schrei festgefroren.

In der nächsten Sekunde zog das Mädchen ihre Hände weg, als hätte sie sich verbrannt und stolperte mehrere Schritte rückwärts, Richtung Tür. Die Schokoladenkugel fiel zu Boden.

„Du darfst nicht zurück!“, sagte sie laut und starrte Sam dabei mit weit aufgerissenen Augen an.

„Was – wohin zurück?“ Sams Stimme zitterte. Was war denn nun los? Hatte sie etwas falsch gemacht?

„Du DARFST nicht zurück!“, schrie Lina, drehte sich dann um und rannte aus dem Zimmer.

Was zum Teufel …?!

Sam stand in der Mitte ihres Zimmers, den Blick auf die Zimmertür und den leeren Flur dahinter gerichtet.

Was war das denn gewesen? Zurück wohin? London? Oder zurück zu ihrem wirklichen Zuhause, Cilgerran?  Aber dahin wollte sie ja sowieso nicht hin, zu viele Erinnerungen.

Sie schüttelte heftig den Kopf und riss sich so selbst aus ihrer Lähmung. Lina wusste noch nicht einmal, dass Sam und Evan aus Cilgerran stammten. Sie hatten schliesslich nur davon erzählt, dass sie in London lebten. Und egal, ob sie England oder Wales meinte: Warum sollte sie nicht zurückdürfen?

Sie hob die Schokolade auf und legte sie auf die Kommode. Evan würde sie schon essen. Danach machte sie es sich auf dem Bett bequem.

Theresa hatte ihr gestern Abend erzählt, dass Linas Mutter sie mit drei Jahren plötzlich hier abgegeben hätte und ihr Vater, Franks Bruder, nicht fähig sei, ein Kind aufzuziehen. Deshalb hätten sie sich ihrer angenommen. Wahrscheinlich war die Kleine also nur von extremen Verlustängsten geplagt und übertrug diese auf Sam, weil sie ein wenig nett gewesen war.

Aber wirklich: Sie hatte ihr doch nur ein Stück Schokolade angeboten.

Kinder.



***



Auch am nächsten Morgen stand Sam lange vor Evan auf und entschied sich, auf Motivjagd zu gehen. Heute würde sie länger Zeit haben, denn sie wollten erst gegen Abend zum Weihnachtsmarkt, auf dem gegen acht Uhr dann ein knapp einstündiges Weihnachtsspiel aufgeführt werden sollte. Es hatte in der Nacht wieder angefangen zu schneien und immer noch rieselten glitzernde Flöckchen vom Himmel. Mit etwas Glück würden es tolle Bilder werden – oder aber, richtig schlechte. Sie kannte das schon, dass an manchen Tagen einfach der Wurm drin sass.

Ohne darüber nachzudenken, ging sie denselben Weg wie am Vortag und blieb erst vor dem verlassenen Haus stehen.

Eigentlich hatte sie ja schon alle möglichen und unmöglichen Fotos gemacht. Viel mehr würde sie nicht herauskitzeln können, nicht aus dieser frontalen, einseitigen Perspektive.

Sie wusste das und dennoch wollte sie nicht weitergehen, konnte es nicht, denn sie fühlte, dass irgend etwas fehlte. In diesem Haus steckte ein Bild, das von ihr geschossen werden wollte und sie hatte es noch nicht getroffen.

Also ging sie näher, zum Zaun, und setzte die Kamera zwischen zwei Eisenstäbe. Der Ausblick, der sich ihr nun bot, erschien ihr anders als zuvor, obwohl sie nicht sagen konnte, woran es lag. Das Haus sah immer noch gleich aus – natürlich, was denn sonst? – die Fassade war immer noch verwittert, der Garten wild und ums Überleben kämpfend, die Einfahrt überwachsen. Und dennoch … es schien ihr lebendiger, strahlender als zuvor. Einnehmender.

Oh, wenn sie doch nur durch das Tor gehen könnte! In den Garten hinein und diese verborgen pulsierende Vitalität aus allen Winkeln und Perspektiven erfassen könnte! Sie fühlte in ihren Knochen, dass nur das schmiedeeiserne Handwerk sie davon abhielt, diesen Drang zu verwirklichen.

So gut sie konnte, suchte sie sich ihr Motive zwischen den Gitterstäben, zoomte heran, was zu weit weg war – also so gut wie alles! – fluchte, weil die Eisenstäbe zu nah beieinander standen und sie die Kamera nicht schräg halten konnte, überlegte, ob sie es nicht doch mal dezent über das Nachbargrundstück versuchen sollte. Immerhin stand da kein Auto und sie hatte bisher noch nie Licht gesehen und sie wollte sich so gern einreden, dass die Leute in den Ferien waren, damit sie –

„Hallo.“

Vor Schreck liess Sam beinahe die Kamera fallen. Ihre Hände schlossen sich instinktiv um das Gehäuse, als er es zu entgleiten drohte, aber dennoch hörte sie das eklige Geräusch, als Eisen Hartplastik zerkratzte.

Er stand keine zwei Meter rechts von ihr. Etwas grösser als sie, mit Haut so blass, dass sie weiss wirkte, und schwarzen Haaren – und Augen. Noch nie hatte sie so dunkel glänzende Augen gesehen. Sie waren gross für einen Jungen, und mit dichten Wimpern umrandet. Und sie musterten Sam aufmerksam, so dass sie sich, dick in unmodischen Winterklamotten eingepackt, wie sie war, plötzlich unzulänglich vorkam.

Das war doch Quatsch!, fuhr sie sich gleich selber an. Unzulänglich? Wegen eines Typen?! Das hatte sie sich bis jetzt noch nie gefühlt und würde es auch nie. Sowieso hatte sie herzlich wenig Interesse am Männern, da war es wirklich kein Wunder, dass Tante Ilsa sie für lesbisch hielt. Aber an Frauen war sie ja auch nicht interessiert. Sie war nicht grundsätzlich allem und jedem abgeneigt, sondern hatte einfach noch nie jemanden getroffen, mit dem sie mehr als eine Freundschaft wollte. Ausgesprochen hatte sie es noch nie, aber innerlich war sie mit sich übereingekommen, asexuell zu sein. Nun, es gab Schlimmeres.

Er musterte sie immer noch, in aller Seelenruhe und unbefangen. Also tat sie es ihm nach. Nun, auf den zweiten Blick war ihr ihre Reaktion nicht mehr ganz so unverständlich: Er war … schön. Anders konnte sie es nicht beschreiben. Das Gesicht schmal und ein perfektes Oval, der Mund sanft geschwungen, die Nase gerade, dazu diese Augen und die Haare, die beinahe danach zu schreien schienen, dass man sie anfasste. Sogar die klassische, fast schon altmodische Frisur stand ihm. Die liess ihn zusammen mit dem weissen Hemd und der dunklen Faltenhose beinahe ein wenig unwirklich erscheinen – aber dass die Deutschen etwas bieder waren, war ja nun keine Neuigkeit und vor allem in Kreisen, wo man sich ein Anwesen dieser Grösse leisten konnte, sollte die Kleiderwahl nicht überraschen.

Als sie wieder in sein Gesicht sah, hatte er seine Musterung beendet und begegnete ihrem Blick mit einem amüsierten Lächeln. Und Sam fiel siedend heiss ein, dass sie noch nichts erwidert hatte.

„Hallo“, murmelte sie und räusperte sich rasch. Mist, warum wollte ihre Stimme nicht?

Das Lächeln wuchs. „Wie heisst du?“

„Sam. Also, Samantha, aber alle nennen mich Sam – ausser meinem Bruder, der …“ Sie brach ab. Was erzählte sie denn da für einen Quatsch?

„Der … ?“

Seine Stimme war angenehm. Tief, ruhig. Melodisch. Und auch wenn seine Mundwinkel immer noch amüsiert zuckten, hatte Sam nicht den Eindruck, dass er sich über sie lustig machte.

„Sammy“, sagte sie mit einem leisen Seufzen, „er nennt mich Sammy.“

„Freut mich sehr, Sam. Ich bin Alexander.“

Alexander. Irgendwie passte das.

Sie holte tief Luft und spürte, wie die Kamera dabei gegen den Zaun gedrückt wurde. Rasch zog sie sie zurück und liess den Arm sinken.

„Ebenfalls. Ich, also, ich sollte dann …“ Sie hatte gar nicht bemerkt, dass sie mit ihrer anderen Hand nach einem der Eisenstäbe gegriffen hatte, aber nun löste sie einen Finger nach dem anderen. Es war ihr peinlich, hier herumzustehen und beinahe zu stottern. Himmel noch mal, sie stotterte nie!

„Möchtest du zu mir kommen?“

Sie riss ihren Kopf nach oben. „Was?!“

Da war es wieder, das amüsierte Lächeln. Es stand ihm. So ganz neutral beobachtet.

„Ob du zu mir in den Garten kommen magst?“ Er zeigte auf ihre Kamera. „Du scheinst eben versucht zu haben, Fotos ohne das Tor im Vordergrund zu schiessen. Wenn du das möchtest, dann kannst du gerne hineinkommen und die gewünschten Bilder weniger umständlich machen.“

Oh. Er hatte sie gesehen.

Natürlich hatte er das, immerhin war er vom Haus quer durch den Garten auf sie zugekommen. Dass sie ihn nicht gesehen hatte, lag daran, dass sie unbedingt diesen halbverdeckten Tonkrug links hinten hatte heranzoomen wollen.

„Sorry“, erwiderte sie schnell und löste endlich den letzten Finger von Eisen, „ich will mich nicht aufdrängen. Deine Eltern hätten sicher keine Freude, wenn du einfach so Fremde einlädst.“

Was soll das denn?, meldete sich eine Stimme in ihrem Innern, Sonst bist du doch auch frech genug, ohne Einladung einzutreten und zu hoffen, dass man es deinem entschuldigenden Grinsen schon vergeben würde!

Ja, aber irgendwie … Ach, sie wusste es auch nicht.

„Du drängst dich nicht auf, wenn ich dich einlade.“ Sein Ton war milde und bei seiner sonoren Stimme hörte sich das wirklich, wirklich gut an. „Ausserdem sind meine Eltern nicht da. Oder sonst jemand. Ich bin, sozusagen, vorübergehend der Herr des Hauses.“ Das Lächeln wurde erneut tiefer, offener. „Und als solcher würde ich mich darüber freuen, wenn du mir Gesellschaft leisten würdest.“

Sam schmunzelte über die gestochene Wortwahl, die er auch noch ohne ein einziges verräterisches Zucken der Mundwinkel benutzte.

Sie zögerte nur einen Moment, dann gewann ihre Neugier und Fotolust. „Dann kann ich ja schlecht Nein sagen, hm?“

Alexander grinste und legte den Kopf schief. „Nicht, wenn du mich nicht enttäuschen möchtest.“

Flirtete er gerade mit ihr? Nein, sicher nicht, oder? Und auch wenn – das würde zu nichts führen. Erstens war Sam nur bis kurz nach Silvester hier, zweitens war sie ja asexuell und drittens war er sowieso zu jung. Sie hatte die leichten Muskeln, die sich bei seinen Bewegungen durch sein Hemd abzeichneten, zwar bemerkt, aber viel älter als siebzehn, achtzehn konnte er nicht sein. Sogar wenn er zwanzig sein sollte, war das immer noch zu jung, denn Sam wusste trotz ihrer Asexualität, dass sie, wenn überhaupt, dann nur jemand älteres in Betracht zog. Zwei Jahre, mindestens.

Dennoch: Der selbstsichere, freche Ausdruck stand ihm, eindeutig.

Er hob die Hand und deutete auf das Tor.

„Es ist offen. Du brauchst nur die Klinke hinunterzudrücken und einzutreten.“

Es war tatsächlich nicht abgeschlossen? Dann hätte sie ja nicht einmal den Umweg über das Nachbargelände nehmen müssen. Allerdings war es besser, die Erlaubnis des ‚Hausherren‘ zu haben und sich Zeit lassen zu können.

Sam tat wie geheissen.



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