Katzenjammer

KurzgeschichteDrama, Familie / P12
KHK Hanns von Meuffels KKA Anna Burnhauser
24.12.2012
24.12.2012
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Rating: P12
Genre: Drama
Warnings: ernste Geschichte, nichts Lustiges
Länge: genau 1500 Wörter
A/N: Wer sich nicht mehr an den Polizeiruf „Schuld“ erinnern kann, hier zwei Kurzinfos: Info über Xaver Edlinger und Info über Frau Klein (der Hund).

Katzenjammer


Wenn es so weiterging, würde er morgen im T-Shirt zur Arbeit kommen. Meuffels stöhnte innerlich über die Tropenhitze, die in seinem Büro herrschte. Warum musste auch ausgerechnet bei ihm das Heizungsthermostat kaputtgehen? Warum nicht bei Reitlinger, der zurzeit in Spanien weilte und es sich gut gehen ließ? Oder bei Huber, diesem arroganten Scheißkerl, der ruhig mal ins Schwitzen kommen konnte, wenn schon nicht durch anstrengende Ermittlungsarbeit, dann doch wenigstens, weil die Heizung seit Tagen glaubte, auf „voll“ eingestellt zu sein?

Anna kam herein. Sie hatte ihre Ankündigung von gestern wahr gemacht und wirklich nur eine dünne Bluse angezogen. „Morgen, wie geht’s Ihnen?“
„Moin“, erwiderte Meuffels und versuchte, lebendiger zu wirken, als er sich fühlte. „Gut. Ihnen?“
Sie zuckte mit den Schultern und ließ sich auf ihren Stuhl fallen. „Passt schon.“ Grinsend musterte sie ihn. „Wie lang sind Sie eigentlich gestern noch auf der Feier geblieben? Als ich weg bin, hatten Sie ja schon ganz schön was intus.“
„Hm“, machte Meuffels und vergrub das Gesicht in den Händen. Warum musste sie ihn auch daran erinnern? Sein Kater war so schon heftig genug. „Keine Ahnung, ich hab nicht auf die Uhr gesehen.“ Aber immerhin habe ich es nach Hause geschafft, fügte er in Gedanken trotzig hinzu. Kaffee. Ich will Kaffee mit Zitrone und in mein Bett. Nächstes Jahr mache ich es wie McFly und nehme mir frei, um mich auszukurieren…

Verständnislos schüttelte Anna den Kopf. „Es hat Sie auch niemand gezwungen, Grog zu trinken. Es war genug Glühwein für alle da.“
Betreten blickte Meuffels auf die Akte, die vor ihm lag. Wie erklär ich dem Mädel, wie es sich anfühlt, sich vor lauter Heimweh volllaufen zu lassen? „Zu Hause haben wir immer Grog getrunken“, murmelte er schließlich. Warum rechtfertige ich mich eigentlich? „Ich dachte mir, wenn ich schon gezwungen werde, auf dieses Weihnachtsbesäufnis zu gehen, will ich mich wenigstens mit etwas Vertrautem betrinken. Und Glühwein kann ich nicht ausstehen. Wenn schon Wein, dann bitte richtig temperiert und nicht kurz vorm Siedepunkt.“

„Ich glaube, auf dem Aushang stand ‘Weihnachtsfeier‘ und nicht ‘Weihnachtsbesäufnis‘“, meinte sie schließlich. Nachdenklich musterte sie ihn, sah jedoch schnell weg, als er ihren Blick bemerkte.
„Möglich“, kommentierte er und überlegte, ob er das Fenster öffnen sollte. Aber das hätte vermutlich nur eine Erkältung nach sich gezogen; zumal der Luftzug Anna und nicht ihn treffen würde. „Haben Sie schon jemanden wegen der verdammten Heizung erreicht?“

„Es ist Weihnachten“, antwortete sie knapp, zog eine Schublade ihres Schreibtischs auf und holte einen Schokonikolaus hervor. „Uah, der fängt auch schon an zu schmelzen. Den sollte man vielleicht von seinem Leid erlösen.“
„Ich traue mich kaum, in meine Schublade zu sehen“, entgegnete Meuffels düster. Er saß noch näher an der Heizung als seine junge Kollegin.
„Bringen Sie’s hinter sich“, riet sie ihm, während sie den Weihnachtsmann aus seiner Verpackung schälte. Dann fügte sie lachend hinzu: „Oder Sie warten bis zur nächsten Kaltfront im Hochsommer.“
„Es geht hier um Schokolade. Die bleibt bei mir nie so lange liegen.“ Misstrauisch spähte er in die Schublade, zog den Beutel mit Weihnachtsschokolade heraus. „Jep. Lust auf Schokofondue mit Stanniolpapier-Crackern?“
„Was tunken wir ein?“ Anna brach ihrem Nikolaus den Kopf ab und reichte Meuffels den Rest.
„Keine Ahnung. In der Kantine müsste sich doch was auftreiben lassen, oder?“
„Die hat zu.“
„Schade.“ Erneut vergrub er das Gesicht in den Händen und dachte kurz nach. „Ich kann nicht glauben, dass wir gerade wirklich diese Unterhaltung geführt haben.“

„Soll ich Ihnen einen Kaffee holen? Sieht so aus, als könnten Sie einen gebrauchen.“
„Kaffee kann ich immer trinken.“
Anna nickte und verschwand. Meuffels wartete noch einen Moment lang, dann öffnete er das Fenster und stellte den Beutel mit der geschmolzenen Schokolade nach draußen. So sollte das irgendwie alles nicht sein. Wie tief bin ich eigentlich gesunken, dass ich vollkommen verkatert am Tag vor Weihnachten im Büro sitze? Die kalte Luft tat gut, zumindest linderte sie ein wenig die Kopfschmerzen und brachte etwas Klarheit in seine wirren Gedanken. Beim Wetttrinken Glühwein gegen Grog wird wohl trotz allem immer der Glühwein gewinnen. Scheiße auch.

„Kaffee im Anmarsch“, wurde hinter ihm verkündet.
Er drehte sich um und schloss rasch das Fenster, als er Anna in ihrer dünnen Bluse sah. Im Ernst, friert sie nicht? Dann fiel ihm auf, wie tief ihr V-Ausschnitt ging und er beeilte sich, woanders hinzusehen. Sich räuspernd, um den peinlichen Augenblick zu überspielen, setzte er sich wieder an seinen Schreibtisch. „Danke.“
„Irgendjemand hatte in der Kaffeeküche noch Zitronensaft dagelassen, ich dache, ich bring Ihnen den mal mit.“
„Wär nicht nötig gewesen“, entgegnete er schroff. Das fehlt noch, dass meine Assistentin mich bei einem Kater versorgt.
„Ich dachte nur… Bei Ihnen im Norden wird ja alles mögliche Merkwürdige getrunken wie Tee mit Milch und so, oder?“, antwortete sie unschuldig. „Gibt es da nicht auch etwas mit dem Namen ‘Tote Tante‘? Also wieso nicht auch Kaffee mit Zitrone?“
„Ja, gibt es“, murmelte er. Hauptsache, sie fragt jetzt nicht weiter, dachte er und kippte den Saft in den Kaffee. Anna tat ihm den Gefallen und wandte sich wieder ihrer Arbeit zu.

*


Die Zeit verging quälend langsam und es passierte nichts Aufregenderes, als dass die Aktenberge allmählich kleiner wurden. Was eigentlich auch ganz gut war, da die traditionellen Familiendramen am morgigen Heiligabend wieder viel Papierkram verursachen würden.

Dennoch warf Meuffels von Zeit zu Zeit einen Blick zu Anna hinüber, die mit einem Stapel Statistiken kämpfte. Er wusste selbst nicht, wieso, aber etwas irritierte ihn heute an ihrem Verhalten und es ließ ihm einfach keine Ruhe. Nicht, dass sie ihm irgendwie auf die Nerven gegangen wäre – auch wenn sie manchmal übers Ziel hinausschoss und seine Geduld strapazierte – oder dass sie sich beschwert oder einen Fehler gemacht hätte, sie war einfach… anders als sonst. Vermutlich bilde ich mir das nur ein, sagte er sich dann, ich werde eben doch langsam paranoid. Und so versuchte er, sich auf seine Arbeit zu konzentrieren und sich keine weiteren Gedanken zu machen, denn diese dämlichen Formulare waren alles andere als verständlich. Wie ich das hasse. Als ob man das nicht viel einfacher schreiben könnte. Ein Glück, dass die meisten Kollegen im Urlaub sind, sonst hätte ich kaum eine ruhige Minute und das würde sich hier bis in alle Ewigkeit ziehen.

Ein Scheppern ließ ihn aufsehen.
„’tschuldigung.“ Hastig stellte Anna die Kaffeetasse wieder hin, die sie mit einem Aktenordner umgeworfen hatte.
„Hauptsache, es war nichts mehr drin“, kommentierte Meuffels.
Sie schüttelte den Kopf. „Nein, war nicht.“ Sie widmete sich wieder der Akte.

Einige Sekunden lang starrte er sie verwirrt an, dann begriff er endlich, was ihn die ganze Zeit über so gestört hatte: die Stille. Wann hat Anna eigentlich das letzte Mal irgendetwas gesagt?, fragte er sich verwundert. Normalerweise bin ich doch fürs Schweigen zuständig. „Alles in Ordnung bei Ihnen?“, wagte er schließlich nach einem langen inneren Kampf zu fragen.
„Ja, warum?“
„Ich dachte nur. Sie reden ja heute gar nichts“, murmelte er.
Anna ließ das unkommentiert.

Okay, jetzt mache ich mir wirklich Sorgen. Mit lautem Seufzen warf er nach einem Blick auf die Uhr seinen Kugelschreiber hin. „Holen wir uns was zu essen?“
„Können wir machen“, antwortete Anna knapp. „Und was?“
„Keine Ahnung, auf McFlys Schreibtisch liegt doch eigentlich immer die Werbung von einem Lieferservice.“ Um ehrlich zu sein, hatte er keine Ahnung, um welchen Lieferservice es sich dabei handelte.
„Ist gut, ich hol’s schon.“ Ehe Meuffels noch irgendetwas sagen konnte, ging sie hinaus.

*


Aus irgendeinem Grund hoffte er, dass Anna wieder... normal sein würde, wenn er mit dem Essen zurückkam, ihre Gemütsverfassung schien sich aber höchstens noch weiter verschlechtert zu haben. Lustlos stocherte sie in den überbackenen Nudeln herum, die er ihr mitgebracht hatte. Gut, er gab ja zu, dass es etwas merkwürdig war, wenn ein Lieferservice sich als Traditionsunternehmen für deutsche, italienische und indische Küche anpries, aber immerhin hatte sie es sich selbst ausgesucht. Andererseits dürfte das Eine wohl kaum etwas mit dem Anderen zu tun haben, so wie sie sich heute benimmt. Er schüttelte leicht den Kopf. Im Ernst, wann hat mich das letzte Mal Schweigen gestört? „Sie haben sich doch freiwillig zum Bereitschaftsdienst über die Feiertage gemeldet, oder?“, wagte er schließlich zu fragen. „Gibt es einen Grund, weshalb Sie Mutters Gänsebraten gegen Nudeln vom Pseudo-Italiener eintauschen?“

Anna warf ihm nur einen kurzen Blick zu. „Xaver Edlinger.“
„Wieso? Der sitzt doch ein.“
„Eben.“ Damit schien für sie die Unterhaltung beendet.
Ah, ja. Die Geschichte. „Das dürfte wohl für niemanden leicht sein.“
„Ja“, gab sie genervt zurück. „Und sind Sie nicht letztes Jahr auch nach Hause gefahren anstatt hier langweilige Statistiken zu erstellen?“

Meuffels warf ihr nur einen kurzen Blick zu. „Vaters Hund.“
„Wieso? Den hat doch der Andi erschossen.“
„Eben.“ Wäre nicht schlecht, wenn wir die Unterhaltung jetzt beenden könnten, dachte er und konzentrierte sich auf das Fischgericht, das so wenig nach Zuhause schmeckte.

Erneut schlich die Stille ins Zimmer und gesellte sich zu ihnen.

Es klopfte an der Tür. Ein Wachtmeister streckte den Kopf herein. „Unbekannte Tote am Ufer der Isar.“
„Verstanden.“
Erlöst sprangen Meuffels und Anna auf, griffen nach ihren Jacken und eilten hinaus in den Winter.
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