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Lumos Solem

von Keiraleth
Kurzbeschreibung
GeschichteFantasy / P16 / Het
24.12.2012
13.04.2013
38
177.489
43
Alle Kapitel
108 Reviews
Dieses Kapitel
11 Reviews
 
 
24.12.2012 5.733
 
Autor: Keiraleth
Titel:  Lumos Solem
Charaktere:  Hermione Granger, Harry Potter, Ron Weasley, Figuren der „Troja“ - Filme  
Altersfreigabe:  FSK 16

Hinweis: Dies ist der ZWEITE TEIL einer Crossover-Saga, die sich die „Timeturner-Saga“ nennt. In sich gesehen, gibt es aber natürlich in jedem Teil einen Anfang und ein Ende.

Hier geht es zum ersten Teil Arresto Momentum

Klappentext:
Nachdem Harry, Hermione und Ron Mittelerde und all ihre neuen Freunde hinter sich gelassen haben, warten sie im Schutze des kleinen Cottages Rons alter Tante Muriel  auf den Fortgang ihrer Mission. Doch Hermione kann den Schmerz und den Kummer nicht verwinden, den Legolas’ Verlust in ihr hinterlassen hat. Als der Zeitumkehrer sich ein weiteres Mal meldet, um sie in eine andere Ära der Vergangenheit zu bringen, scheinen ihre Reserven aufgebraucht.
Doch auch diese Mission benötigt ihren Kopf und ihren Geist, denn es geht hier um nichts weniger als ihre Zukunft.
Kann Hermione zu ihrem alten Selbst finden, wenn alte Prophezeiung ihren neuen Weg bahnen und der Freund zum Feind wird?

Anmerkungen: Es gelten die gleichen Anmerkungen bezüglich der Harry Potter-Romane wie bei „Arresto Momentum“.
Überdies orientierte ich mich in diesem Teil an „Troja“, einem wahrlich epischen Film von Wolfgang Petersen. Ich habe die Ilias selbst nicht gelesen (ich hoffe dazu komme ich noch einmal), aber ich habe die trojanische Geschichte durchaus in der Oberstufe durchgenommen. Aber wie bereits erwähnt: Ich orientiere mich am Film und somit größtenteils (~ 98%) an seinen Gegebenheiten.

Disclaimer:  Ich besitze keine Rechte an der "Harry Potter"-Reihe, dem „Der Herr der Ringe“ oder an „Troja“ und verdiene mit dieser FF auch kein Geld. Die "Harry Potter"- Serie ist J. K. Rowlings geistiges Eigentum, „Der Herr der Ringe“ ist J. R. R. Tolkiens geistiges Eigentum, „Troja“ gehört Warner Bros. Pictures und die Idee zu dieser FF, die Handlung aus Sicht des Trios als auch die Figuren Illias und Emonelos sind mein geistiges Eigentum.
Ihr werdet erneut feststellen, dass es Gesprächsanteile gibt, die euch bekannt vorkommen werden – nun dann werdet ihr auch verstehen, dass diese Sequenzen Eigentum von Warner Bros. Pictures sind – soweit man das so sagen kann. Ich habe sie jedoch modifiziert und dies wäre dann MEIN Anteil.

Last but not least: VIEL SPASS, SPANNUNG UND UNTERHALTUNG! Wie immer würde ich mich sehr über Rückmeldungen, Kommentare und Kritik freuen. Keine Sorge, ich beiße nicht … Das solltet ihr inzwischen wissen. :)





LUMOS SOLEM





Lumos Solem: [lat. lumen = Licht, sol = Sonne] Zauber, um Sonnenlicht zu beschwören




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Have you ever held back the tears?
One too many times,
Have you ever wished on a star?
To see him one last time,
Have you ever dreamed of him?
Holding you one last time,
Have you ever wished?
You could turn back time.

Brianna King (“Turn Back Time”)


Wenn ich gewusst hätte, dass es so weh tut deine Hand loszulassen, hätte ich sie nie berührt.
Autor unbekannt


Wer zu Hause bleibt, wenn der Kampf beginnt, und lässt andere kämpfen für seine Sache, der muss sich vorsehen: Denn wer den Kampf nicht geteilt hat, der wird teilen die Niederlage. Nicht einmal Kampf vermeidet, wer den Kampf vermeiden will: Denn es wird kämpfen für die Sache des Feinds, wer für seine eigene Sache nicht gekämpft hat.
Bertolt Brecht


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„And so we ask ourselves: will our actions echo across the centuries? Will strangers hear our names long after we are gone, and wonder who we were, how bravely we fought, how fiercely we loved?”

Troy



Prolog
Ein Schmerz, so tief


Rot glimmend breitete sich das Licht der nachmittäglichen Sonne über das weite Wasser des Meeres, ließ die Wellenkämme golden erleuchten und den Sandstrand und das Schilf im warmen Glanz erstrahlen. Hier und da glitzerten Muscheln, Steine oder die Gischt wie tausende kleine Diamanten. Die verstaubte, alte Fensterscheibe raubte dem Anblick ein Teil des fantastischen Farbenspiels, dennoch drangen genug flache Sonnenstrahlen hindurch, um die gläserne Phiole wie ein einziger Kristall erstrahlen zu lassen und die Hälfte der hellbraunen, hölzernen Tischplatte, auf der sie stand, ins rötliche Licht zu tauchen.

Das Lichtspiel fesselte Hermiones Augen, als sie sich vor dem mannshohen Spiegel umwandte und ihr Handtuch enger um sich schlang.

Erinnerungen an einen scheinbar goldenen Palast auf einem Berg krochen in ihr Gedächtnis. Und kaum waren ihre Gedanken in dieser Erinnerung gefangen, sah sie wieder begraste Hügelgräber auf denen so viele, wunderschöne, weiße Blüten wuchsen. Blüten, die einen ebenso schönen Namen trugen. Sibelmyné. Und dann – bevor sie es aufhalten konnte – waren da diese blauen Augen und der Klang seiner Stimme, als er diesen fremdklingenden Namen aussprach.

Hermione schloss die Augen und verbannte die Bilder der Vergangenheit, bis nur noch das Dunkelrot der Innenseite ihrer Lider zu sehen war.

Ihre Hände, die das dunkelblaue, nach Mottenkugeln riechende Handtuch knüllten, zitterten kaum merklich, doch das Gefühl der Übelkeit verging, bevor es Hermione vollständig überspülen konnte. Ein gewisser, tiefer Schmerz blieb jedoch zurück.

Ein vorsichtiges Klopfen an der von Überresten der ehemaligen Farbe bläulichen Tür, ließ sie schließlich schreckhaft zusammenzucken und herumfahren.

„Hermione, kann ich -“ Harry, der seinen strubbeligen Kopf durch einen Türspalt ins Zimmer schob, hielt in der Mitte seines Satzes inne, als er das Handtuch erblickte. „Tut mir Leid, ich wusste nicht -“

„Ist schon gut, komm herein“, erwiderte sie. Immer noch klang ihre Stimme tonlos. Taub. Belanglos. Doch Harry schien dies nicht aufzufallen, vielleicht hatte er sich in den vergangenen vier Tagen auch bereits daran gewöhnt – der Mensch gewöhnte sich erstaunlich schnell an die seltsamsten Gegebenheiten, wie Hermione nur allzu gut selbst erfahren hatte.

„Ron versucht sich gerade an Rührei“, informierte er sie stirnrunzelnd, erklärte damit den sanft verbrannten Geruch, den er mit sich brachte, trat ins Zimmer ein und betrachtete sie eine Sekunde von Kopf bis Fuß. Seine Augen glitten von ihrem noch von der Dusche nassem, jetzt dunkelbraunem, schulterlangem Haar zu ihren getrübten Augen und dann über den Zeitumkehrer und den ebenso bedeutungsvollen, glitzernden Anhänger daneben, die beide auf ihrer Brust schimmerten. Nach wie vor wagte sich Hermione nicht, einen dieser beiden Schmuckstücke abzulegen, auch nicht zum Duschen. Der Zeitumkehrer war zu unberechenbar. Der Abendstern hingegen – nun, den konnte sie nicht ablegen, weil er sie daran erinnerte, dass sie dies alles nicht geträumt hatte. Dass es tatsächlich geschehen war. Genauso wie der goldene, zierliche Ring an ihrer linken Hand. Auch er bewies, dass es ihn gegeben hatte, dass Leg- …. nein, unterbrach sie sich, sie würde nicht an seinen Namen denken.

Harry ging indes zu ihrem Bett, das nun im abendlichen Schatten lag, warf einen kurzen Blick auf das noch zugeschlagene, dunkelgrüne Buch nebst zu ihrem Kissen und ließ sich auf der knarzenden Matratze nieder.

Harrys Gesicht wirkte deutlich jünger als am Tag ihrer Ankunft. Er war rasiert, gewaschen und wirkte weit unbesorgter als zuvor. Dennoch bewies das unterbewusste Kneten seiner Hände, dass ihm etwas nach wie vor Sorgen bereitete. Jemand.

Hermione senkte den Blick und sah über die Schulter zurück in den matten Spiegel. Feine, weiße Narben zogen sich über ihre Rücken- und Schulterpartie und ließen sie frösteln. Auch wenn sie sich an den Schmerz dieser ehemaligen Wunden nicht mehr wirklich erinnern konnte, waren die Furcht und die Bedeutung von ihnen in ihrem Gedächtnis haften geblieben.

„Die wirst du behalten, Hermione“, murmelte Harry, der ihrem Blick gefolgt war und sich nur allzu gut mit bedeutungsvollen Narben auskannte.

„Es sind nicht die einzigen Narben, die bleiben werden“, wisperte sie lautlos, dann wandte sie sich wieder ihrem besten Freund zu und beobachtete, wie er das dicke Buch von ihren Laken hob, es einen Moment in seinen Händen wog und dann leise bemerkte: „Du hast noch nicht darin gelesen, oder?“

Hermione seufzte und schüttelte schließlich vage den Kopf, bevor sie ihre Augen wieder auf das heute ruhige Meer außerhalb ihres Fensters richtete.

Unsicher, nervös und in Hermiones Fall taub hatten sie am Tag ihrer Ankunft zurück in ihrer Heimat für Stunden dagesessen, ohne zu wissen, was ihre nächsten Schritte sein sollten. Shell Cottage, seit Jahren leer stehend, war verstaubt und seine Luft roch schwer und verbraucht, doch als sich der Zeitumkehrer auch nach Einbruch der Nacht nicht gemeldet hatte, entschied Harry letztlich, dass sie alle zu Bett gehen sollten. Hermione widersetzte sich seinem Vorschlag nicht, tatsächlich hätte sie allem zugestimmt. Ihr war übel, ihre Organe schienen verkrampft und ihr Kopf schmerzte – sie hätte nie gedacht, dass Gefühle solch körperliche Beschwerden auslösen konnten. Doch als sie im Bett lag, den muffigen Geruch der alten Laken einatmete und dem Wüten des vom Meer hereinbrechenden Sturms lauschte, war an Schlaf nicht zu denken gewesen. Ihr fehlte die Wärme eines Körpers, der sie festhielt und in Sicherheit wog. Ihr fehlte sein Duft. Sein Herzschlag. Obwohl es erst Stunden her zu sein schien, dass sie ihn verlassen hatte, ließ das Wissen, dass es ein Abschied für immer gewesen war, sie erschauern. Trauern.

Als sich der Zeitumkehrer auch am nächsten Tag nicht meldete, brach Unruhe über Harry und Ron herein. Sie unterhielten sich flüsternd als sei jemand gestorben, nur um Hermione nicht noch unnötig zu beunruhigen. Doch sie wussten nicht, dass sie sie gar nicht beunruhigen konnten. Hermione fühlte sich taub und so auch ihr Verstand, nicht einmal das drohende Unglück ihrer vielleicht scheiternden Mission konnte eine weitere Gefühlsregung in ihr auslösen.

Schließlich, an ihrem vierten Tag zurück in der Gegenwart, zog Harry ein Schlussstrich in ihrer Lethargie. Er beauftragte Ron damit ein Buch aus der Winkelgasse zu besorgen, das sich mit der Kunst des Apparierens beschäftigte, obwohl sie sich versprochen hatten Shell Cottage nicht zu verlassen. Draußen war es gefährlich, besonders für ihre Mission, doch vermutlich hatte Harry gehofft, Hermione mit einem Buch aus ihrem Schneckenhaus locken zu können. Weit gefehlt. Der Schmerz saß tiefer als ihre natürliche Neugier.

Und er wusste das, spätestens jetzt, denn in seiner Stimme lag heute lediglich Resignation.

„Harry, ich … werde es lesen“, erwiderte Hermione milde, in dem Versuch ihn aufzumuntern. Wenn sie schon nicht fähig war für sie alle zu denken, sollte er es nicht noch schwerer haben als nötig die geistige Führung zu übernehmen, die ihre zwei besten Freunde sonst ihr überließen.

„Du musst es nicht lesen, wenn du nicht willst. Ich dachte nur, dass – dass es dich ein wenig ablenken könnte …“ Zum Ende hin wurde seine Stimme unsicher, vermutlich weil er nicht wusste, ob er das Vergangene ansprechen durfte.

Hermione spürte, wie ihre Atmung flacher wurde, doch sie nickte knapp. „Ich werde es lesen. Es ist wichtig.“ Nur fühlte es sich nicht so an und diesen Gedanken behielt sie für sich. Denn ihre Mission war wichtig und es war der Grund, weshalb sie hier in Shell Cottage war und nicht fern in der Vergangenheit bei ihm.

„Harry, Hermione! Ich glaub, man kann es essen!“ Rons Ruf gellte unvermittelt durch das Haus, während die Schatten tiefer krochen. Harry grinste amüsiert, dann stand er auf und sah sie einen Moment lang ernst an. „Wir wissen beide, dass es dir schlecht geht, Hermione. Du darfst dir deswegen keinen Vorwurf machen.“

„Aber ich bin euch keine Hilfe“, wisperte sie. Die Tropfen an ihrem Körper waren verdunstet und allmählich wurde es kühl.

„Du besitzt jedes Recht die Dinge einmal uns zu überlassen“, widersprach Harry entschieden. „Und jetzt zieh’ dich an und mach, dass du etwas in den Magen bekommst.“

Als Harry sich umwandte und ihr Zimmer verließ, wusste Hermione, dass Harry es gerne so gemeint hätte, wie er es gesagt hatte. Aber er würde sich nicht damit zufrieden geben sie in Depressionen abgleiten zu sehen. Und außerdem wusste Harry, dass ihr Trio Hermione brauchte. Auf lange Sicht würde sie sich zusammenreißen müssen, nicht nur für ihre Freunde, sondern für alle.

Doch das erschien Hermione Granger im Augenblick vollkommen unmöglich – der imaginäre Nagel in ihrer Wunde drehte sich ein weiteres Mal und ließ sie innerlich wimmern.

oo


„- habe sie untergebraten. Sam hat das öfters Mal auf unserem Weg nach Mordor gemacht und es hat bei ihm immer ziemlich gut geschmeckt.“

Ron schnippte mit seinem Zauberstab und deckte etwas unpräzise den Tisch, als Hermione fast lautlos in die Küche trat. Harry stand an der Spüle gelehnt und betrachtete indes skeptisch die Kreation seines besten Freundes, die noch leicht angebrannt auf der Pfanne lag.

„Er hat seine ganzen Pfannen bis zum Schluss mit sich herumgeschleppt. Einfach wahnsinnig“, fuhr Ron fort, doch als er aufsah und Hermione erblickte, wurde er zunächst weiß im Gesicht und dann rot.

„Hermione …“

Die kratzige Strickjacke eng um sich geschlungen, die sie in einer der Kleiderschränke des Hauses gefunden hatte, trat sie an den Tisch und setzte sich wortlos. Sofort wanderte ihr Blick hinaus zu den Dünen und Wellen vor dem Fenster, die nun in der Dämmerung immer schwerer auszumachen waren, nur um die bedrückten Gesichter ihrer beiden Freunde nicht ansehen zu müssen.

„Ähm … also …gut. Setzt euch.“ Ron kratzte sich am Ohr, wechselte einen sorgenvollen Blick mit Harry, der sachte die Achseln hob, und platzierte dann drei mittelgroße Haufen verkohlten Rühreis auf ihren Tellern. Harry, der die Vorräte aus einem nahen Supermarkt geholt hatte, blickte leicht unbefriedigt drein bei dieser Verwertung, doch er fügte sich kommentarlos und reichte Hermione stattdessen eine Brotscheibe.

Und dann saßen sie schweigend zu dritt am Tisch, wie sie es auch die letzten vier Tage getan hatten. Nur das Klappern von Besteck und das Knarren der alten Holzstühle waren zu hören. Ab und an ein Schlucken oder ein paar belanglose Worte.

Hermione stocherte mehr in ihrem Essen herum, als dass sie es wirklich in den Mund nahm. Ihr Magen wölbte sich Übelkeit erregend, wenn sie nur an Nahrung dachte, aber sie wusste, dass sie etwas zu sich nehmen musste und so aß sie in winzigen Häppchen. Ihr Teller schien kaum leerer zu werden, was Harry stirnrunzelnd registrierte.

Dann schien er einen Entschluss zu fassen, setzte sich ein wenig aufrechter hin und wandte sich an Ron. „Also, was ist dort draußen los?“

Zunächst hob Ron verwirrt die Augenbrauen, dann schien er zu begreifen. Er zuckte leicht mit den Schultern, kaute seinen Bissen zu Ende und antwortete mit halbvollem Mund. „Auf den ersten Blick scheint sich nicht viel geändert zu haben. Außer … nun ja, da gibt es Läden in der Winkelgasse, die ich nie zuvor gesehen habe. Ollivander ist gar nicht mehr da und Flourish & Blotts heißt jetzt Flourish’s Books und befindet sich eine Straße weiter. Ich war ein wenig verwirrt, wie ihr euch bestimmt vorstellen könnt. Bin durch die Gasse geirrt und habe versucht nicht aufzufallen, aber die Leute haben mich auch gar nicht beachtet.“

„Was ist mit Plakaten? Suchen sie uns?“

Ron schluckte endlich seinen ganzen Bissen herunter, überlegte eine Weile, in der er verharrte, und schüttelte dann den Kopf. „Nein, ich habe keine gesehen …Meinst du, Du-weißt-schon-wer lässt nach uns fahnden?“

Kurz legte Harry den Kopf schief. „Es ist im Moment alles möglich.“

„Auch dass er von unserer Existenz nichts weiß?“, fragte sich Ron plötzlich.

„Vielleicht“, antwortete Hermione matt. Harrys und Rons Köpfe schossen zu ihr, aber weniger aus Verblüffung über ihre Antwort und mehr aus Verwunderung über ihre Teilnahme am Gespräch.

„Jaah, sein Fluch hat wahrscheinlich ziemlich vielen Menschen ihre Existenz gekostet, warum nicht auch uns unsere?“, gab Ron zu Bedenken.

„Oder es war die Veränderung, die mit unserem Tun in Mittelerde zusammenhängt“, warf Harry ein.

Hermione ließ ihre Gabel sinken und spürte, wie sich ihr Magen und ihre Luftröhre unvermittelt zusammenzogen. Sie versuchte durchzuatmen und sah wieder aus dem Fenster herüber zum Meer.

„Es ist aber nicht von Dauer, falls er uns tatsächlich vergessen haben sollte. Schon das nächste Mal, wenn wir wieder hier sind, kann das anders sein“, erwiderte Harry. Dann aß er sein Brot zu Ende und sah in die Runde. „Wir müssen vorsichtig bleiben, weil wir einfach keine Ahnung haben, was hier läuft.“

„Meinst du, Mum und Dad geht es gut?“

„Ron, wir können es nicht riskieren, das zu überprüfen.“

„Ich weiß“, wehrte der rothaarige Zauberer ab. „Es war rein hypostatisch, oder wie man das nennt.“

Hypothetisch. Hermione fehlte die Kraft ihn zu verbessern und so zwang sie sich eine weitere Gabelspitze mit sehr knusprigem Speck zu sich zu nehmen. Ihr Schweigen fiel auf, doch auch ihre Freunde erwiderten hierauf nichts.

oo


Die sanften Strahlen der Morgensonne strichen über ihr Gesicht und ihre Haut, als Hermione erwachte, sich zur Seite rollte und das Bett unter lautem Knarren seinen Unmut präsentierte.

Es war weit zu wenig Schlaf, den sie bekommen hatte, doch obwohl immer noch eine niederreißende Müdigkeit auf ihr lag, nach einer weiteren unruhigen, schlaflosen Nacht, wusste sie, dass sie kein Auge mehr zutun würde.

Im Haus war es ruhig. Harry und Ron schliefen vermutlich noch, vielleicht immer noch leicht traurig, aber weit glücklicher daheim zu sein. Hermione wünschte, sie könnte diese Gefühlslage teilen, doch da war immer dieser unheimlich, große Kummer, der jeden Versuch zur Akzeptanz der Lage untergrub.

„Du wirst mich nicht weniger lieben, Hermione. Aber du wirst vergessen, vor allem den bohrenden Schmerz der Trennung. Nicht sofort, aber nach einigen Monaten oder Jahren.“

Hermione ballte die Faust, kniff die Augen zusammen und versuchte einen aufkommenden Schluchzer zu unterdrücken. Sie ertrug es nicht. Sie ertrug diese Phasen der Taubheit und des wiederkehrenden, überwältigenden Schmerzes nicht. Und sie konnte es einfach nicht glauben, dass es eines Tages weniger werden würde. Sie war ein Mensch, ja, wie Legolas häufig genug bemerkt hatte, aber im Moment hatte es nicht den Anschein, als würde diese Trauer jemals geringer werden.

Ein lauter Schnarcher aus einem Nachbarraum ließ sie zusammenzucken und auch geistig nach Shell Cottage zurückkehren. Sie hatte nicht bemerkt, dass ihr Herz einen Marathon zu laufen schien, und als sie sich erneut umzudrehen versuchte, um jeden Gedanken an vergangene Zeiten zu verdrängen, stießen ihre Zehen schmerzhaft mit einer harten Kante zusammen.

Das Buch.

Hermione setzte sich auf und atmete tief durch. Obwohl jede Faser ihres Körpers sich dagegen wehrte, schob sie ihre Füße aus dem Bett und hob mit schlaffen Armen den dicken Wälzer von ihrem Bettlaken hoch. Ihr zermürbter Geist schien zu schreien – er wollte sich mit nichts anderem als ihrem Verlust beschäftigen. Doch Hermione erinnerte sich vage eines gestrigen Entschlusses. Auch wenn sie selbst litt, so sollte ihre Gegenwart dies nicht tun. Sie hatten eine Aufgabe und sie würde ihre Freunde nicht im Stich lassen. Vielleicht war sie keine große Hilfe, aber sie würde das geben, was sie konnte, schwor sie sich. Ihnen wenigstens den Anschein einer Besserung bieten.

Hermione hielt das Buch einige Sekunden nur in der Hand, wartete auf das bekannte Gefühl der Vorfreude und der Neugier, das jedoch nicht kommen wollte, und stand dann nichtsdestotrotz auf und legte es auf einer nahe stehenden Kommode ab.

Entschlossen, wenn auch zögerlich, ging sie ins Bad und kleidete sich an.

oo


Ihr Umhang flatterte im Wind, als sie eine der nahen Dünen erklomm und dann zwischen dem Schilf und gelben Gras stehen blieb und über das wogende Meer blickte, das sich ihr bot. In der Ferne glitten gräuliche Wolken am Horizont entlang, doch noch schien die Sonne auf sie herab.

Hermione atmete einige Sekunden in der salzigen Luft nur ein und aus und betrachtete das Bild, dann breitete sie eine mitgenommene, alte, rote Decke auf dem Sand aus und ließ sich auf ihr nieder.

Ihre Finger umklammerten pflichtbewusst Erscheinen und Verschwinden – Apparierkunst und ihre Mythen, doch zwischen dem Brausen und Schäumen der Wellen vernahm Hermione ein weiteres Mal eine Stimme aus weiter Vergangenheit.

„Legolas lebte bisher im Wald voller Freude und mied das Meer. Doch hat er einmal das Schreien der Möwen gehört, ist der Friede der Bäume für ihn zerstört.*“

Die Frage, ob Galadriel – die weiseste Frau, die ihr je begegnet war – auch das vorhergesehen hatte, keimte in ihr auf. Hatte die Elbenfürstin gewusst, dass Hermione eines Tages hier, in Großbritannien, am Strand sitzen würde, sich zur Normalität zwingen würde und doch vollkommen leer blieb. Dass sie an ihre Worte zurückdenken würde und sich ein weiteres Mal fragen würde, ob es überhaupt anders hätte kommen können? Vor Mittelerde hatte Hermione Granger Wahrsagerei und Prophezeiungen Betrug und Aberglaube geschimpft – obwohl sie in der Welt der Magier lebte – doch heute dachte sie anders darüber. Immer noch war sie davon überzeugt ihr Schicksal in den eigenen Händen zu halten, doch sie hatte gelernt, dass Umstände Taten vorhersehbar machten – dass man manchmal einfach nicht die Wahl hatte.

„Er war nicht am Meer.“

„Ihr seid es, denn Ihr werdet ihn dahin führen. Fort von den Bäumen, den Horizont vor Augen.“


Hermione schloss die Augen und lauschte dem Schreien und Kreischen der Möwen über ihrem Kopf. Es hatte mehr Wahrheit in diesen paar Worten gesteckt, als sie sich jemals hätte vorstellen können. Es war nicht nur eine Metapher, es war nahezu real.

Hermione hob wieder das Gesicht und nun konnte sie nicht länger eines ihrer letzten Gespräche verdrängen. Letzte gewechselte Worte mit dem Mann, den sie liebte.

„Bitte versprich mir, dass du … nicht aufgibst.“

Seine hellen Haare, blauen Augen und sein unlesbarer Gesichtsausdruck erschienen vor ihrem geistigen Auge. Sie konnte fast seinen Duft riechen, aber nur fast …

„Hermione …“

„Versprich es mir!“

„Das kann ich nicht.“


Natürlich konnte er das nicht. Wie hatte sie es jemals von ihm verlangen können, spürte sie doch nun selbst, wie schwer es war loszulassen, wie unmöglich es war, weiterzumachen als sei nicht geschehen. Als hätten sie einander nie geliebt, als wäre sie nie seine Frau geworden …

Ihr goldener Ring schimmerte im Sonnenlicht, während ihre Hand auf dem dunkelgrünen Buchumschlag ruhte.

Doch der Gedanke, dass er nach ihrem Verschwinden womöglich gestorben war, quälte sie mehr als die Trennung selbst.

„Wenn ich lange genug lebe, dann wird deine Gegenwart zu meiner und auch wenn wir uns nicht wieder sehen, wirst du doch da sein.“

Sie hoffte, sie betete, dass er sich an diese Worte gehalten hatte, dass er aus ihnen Kraft geschöpft hatte, wie sie es jetzt tat und immer tun würde, denn etwas anderes blieb ihr nicht.

Einige weitere Sekunden weilte ihr Geist bei seinen sanften Berührungen, ihrer Lippen auf seinen, seinen Fingerkuppen, die über ihre nackte Haut strichen, dann kehrte der Schmerz mit überwältigender Intensität zurück und Hermione richtete unter größten Bemühungen ihre Konzentration zurück auf das Buch in ihrem Schoß.

Der Buchrücken knackte leicht, als sie die Lektüre mit kühlen Fingern aufschlug, während das Dünengras ihre Knöchel kitzelte. Sie trug nur Sandalen, denn nach Rons Ausflug in die Winkelgasse hatte er ihnen endlich verkünden können, dass sie in einem nasswarmen August gelandet waren, einige Monate nach der Schlacht um Hogwarts. Ganz wie Dumbledore es prophezeit hatte, denn so hatte sie der Fluch Voldemorts persönlich nie erreichen können und ihre Existenz und ihre Erinnerungen erhalten – ihnen die Möglichkeit geboten zurückzuschlagen, womit Voldemort niemals rechnen würde, weil alle vergessen hatten und in dieser neu konstruierten Gegenwart lebten, in der Voldemort Hogwarts Schlacht für sich entschieden hatte.

Hermione seufzte, ließ das Buch los und zog den Zeitumkehrer an seiner goldenen Kette aus ihrem Dekolletee hervor. Immer noch erschien er inaktiv und gewöhnlich. Genauso wie Harry und Ron verstand sie nicht, wieso er sie drei dazu zwang hier zu verweilen und sie nicht an den neuen Ort ihrer Mission führte. Zeit war für sie drei relativ geworden, wenn ihre Vermutung stimmte, dass sie dank des Zeitumkehrers nicht alterten – reine Theorie, die sich bisher nicht beweisen ließ, weil sie noch nicht lange genug mit ihm lebten. Dennoch war es ein Risiko hier in der Gegenwart zu sitzen, anstatt ihren Auftrag fortzuführen. Sie könnten festgenommen oder getötet werden.

Sie brauchten mehr Informationen. Eigentlich besaßen sie nicht die geringste Ahnung über das Schmuckstück, dem sie ihr Leben anvertrauten. Keiner von ihnen wusste, wer die Konstrukteure dieses Unikats gewesen waren, wie er genau funktionierte und welchem Plan er folgte. Vielleicht würden sie sich Informationen besorgen müssen, auch wenn damit das Risiko einherging alles aufs Spiel zu setzen. Im Ministerium würde es sicherlich geheime Akten hierzu geben, immerhin war der Zeitumkehrer ihr Prototyp, ihre Erfindung …

Hermione schüttelte den Gedanken ab und wandte sich wieder ihrem Buch zu. Nein, sie hatten den ersten Auftrag erfüllen können, auch ohne diese Informationen. Es war klüger auf ihren Instinkt zu vertrauen, als sich in Gefahr zu begeben.

Nachdem sie einige Minuten wahllos im Inhaltsverzeichnis und in den ersten Seiten herumgeblättert hatte, erinnerte sie sich wieder des Grundes, weshalb sie sich überhaupt mit der Kunst des Apparierens befasste. Sie kehrte zum Inhaltsverzeichnis zurück und schlug dann das Kapitel Sonderfälle auf. Nachdem sie den Text kurzzeitig überflogen hatte, in dem es um Apparation mit Muggeln, Überquerung von Weltmeeren und Apparationsverfolgung ging, kehrte sie zum Inhaltsverzeichnis zurück und suchte dort weiter. Als sie nicht fündig wurde, schlug sie fast alle Seiten zurück und besah sich das Stichwortverzeichnis im rückwärtigen Teil des Buches. Es gab keinen Eintrag für ungezielte Apparation oder unbekannte Orte, lediglich den Verweis auf Untersagungen in dieser Hinsicht, aber schließlich zog das Stichwort Sympathieverknüpfung ihre Aufmerksamkeit auf sich.

Rasch blätterte sie zur tausendeinhundertdreiunddreißigsten Seite und stieß auf ein Unterkapitel, das ihrer Frage deutlich zusagte: Das Phänomen der Sympathiverknüpfung – Wo du bist, bin ich auch.

Hermione änderte ihre Sitzposition in einen Schneidersitz, legte das Buch in ihren Schoss und schob sich ihre aus ihrem Zopf geratenen Strähnen zurück hinters Ohr. Der Wind zerzauste diese Vorkehrung fast sofort wieder, doch da hatten die niedergeschriebenen Worte bereits ihre Aufmerksamkeit zur Gänze gefesselt.

Bei besonderer Zuneigung jeglicher Art gegenüber einer anderen Person – ob Liebe, Freundschaft oder Verantwortungsgefühl – kann es bei Betroffenen zu dem Phänomen der Sympathieverknüpfung kommen.

Die Sympathieverknüpfung beschreibt ein imaginäres, kraftvolles Band zweier Individuen, das es ihnen ermöglicht unter Stresseinwirkungen eine besondere Form der Apparation zu bewältigen. Sie wird die
ungerichtete Apparation genannt.

Forschungsbeauftragte wie Quentin Avery aus der Abteilung für Fortschrittskinetik im Britischen Zaubereiministerium führen dies auf eine magische Verbindung zurück: „Magie ist stets mit der Gefühlslage einer Hexe oder eines Zauberers verbunden. Dies beweist auch das häufige Zaubern bei Neugeborenen oder Kleinkindern unter Stresseinwirkungen wie Angst, Wut oder Schmerz. Häufig läuft dieses Zaubern ungerichtet und unbewusst ab, dennoch wird die Magie meist zur Befreiung aus einer unerträglichen Situation genutzt. Im Falle der ungerichteten Apparation, auch die Stress-verschwinde-Kausalität genannt, ist dies das Grundprinzip.“

Ungerichtete Apparation befähigt den Betroffenen dazu an den Ort zu apparieren, an dem sich der mit ihm durch tiefe Gefühle Verbundene aufhält, auch wenn dieser Ort dem Betroffenen unbekannt ist oder er ihn gar niemals zu Gesicht bekommen hat.


Hermione blickte auf, als sie innehielt und ihren Geist zurück in die Vergangenheit richtete, in der sie ohne es sich erklären zu können in einer Höhle unweit Mordors Grenzen aufgetaucht war, um Ron, Sam und Frodo aus der Gefangenschaft zu befreien, in die sie ungewollt geraten waren. Auch sie hatte diesen Ort nicht gekannt, noch hatte sie gewusst, wo Ron sich aufhielt. Sein Hilferuf hatte aber eine tiefe Stressreaktion in ihr ausgelöst, die mit einer Prophezeiung zusammenhing, die sich auf seinen Tod bezogen hatte. Doch dies erklärte noch lange nicht, wieso es beim zweiten Mal nicht funktioniert hatte, als er einfach nicht zu ihrem Treffen in Lothlórien aufgetaucht war. Rasch las sie weiter.

„Genauso wie bei jungen Magiern erfordert diese Form der Apparation jedoch ein ganz bestimmtes Verhältnis innerhalb der Gefühlslage, sowie des Kräftegehaltes“, kann Quentin Avery ausführen. „Das Phänomen tritt nicht allzu häufig auf, tatsächlich kann man von einer Seltenheit sprechen. Vermutlich liegt es daran, dass sich viele Magier vor einer wahllosen Apparation ins Nirgendwo scheuen, schließlich birgt dies ein großes Risiko zu zersplintern oder auf seltsamen Terrain zu erscheinen, wie auf dem Ozean.“

Viele Hexen und Zauberer haben bereits auf diesem Wege ihr Leben gelassen. Bekannte Fälle von ungerichteter Apparation und jahrelange Forschung bestätigen jedoch, dass ein Überfluss an Stresshormonen auch gegenteilig wirken kann – es verhindert das Phänomen. So wie Panik den Geist lähmt, kann er auch unsere Fähigkeit zur Magie und somit das Disapparieren behindern. Es erscheint in dieser Hinsicht nicht ungewöhnlich, dass zu viel Panik, Angst oder Schmerz eine ungerichtete Apparation misslingen lässt.

Aus diesen Gründen zählt diese Form des Verschwindens zu den unberechenbaren und unkontrollierbaren Arten der Apparation. Ratsam-…


Hermione schlug das Buch zu, auch wenn sich das Unterkapitel noch über zwei Seiten zog. Ihre Antwort hatte sie bekommen und sobald Harry und Ron aus den Betten geschlüpft waren, würde sie ihnen ihre Ergebnisse präsentieren.

Sie wusste, dass sie sich vor Monaten nicht zurückhalten hätte können, die beiden Zauberer aus dem Schlaf zu reißen und es ihnen direkt zu berichten, aber der Drang Wissen zu sammeln und zu verteilen hatte merklich abgenommen. Sie tat es nur noch, weil es ihre Pflicht war.

oo


Es nieselte immer noch am Abend ihres sechsten Tages in der Heimat und so war Hermione von kleinen, glitzernden Tropfen übersäht, als sie von einem kurzen Spaziergang zurück ins Cottage kehrte, ihren Umhang ablegte und sich kurz am Feuer des offenen Kamins wärmte. Die Holzscheite knisterten und knackten unter der orange schimmernden Flamme, die die einzige Lichtquelle im verstaubten Wohnzimmer darstellte. Einige Pergamente, die Harry auf dem Esstisch ausgebreitet hatte, waren von dem Luftzug, den sie beim Eintreten verursacht hatte, fort getragen worden und lagen nun auf dem dreckigen Fußboden verstreut. Von den beiden Zauberern fehlte jede Spur, doch Hermione vermutete, dass sie sich irgendwo im rückwärtigen Teil des kleinen Häuschens aufhielten, vermutlich in dem winzigen Arbeitszimmer oder in der Küche.

Widerwillig hob Hermione somit die Pergamente auf, die Harry nach ihrer gestrigen Besprechung angefertigt hatte, in der Hermione ihnen auch ihre eigene Entdeckung mitgeteilt hatte. Es war die einzige Antwort in einem Haufen von Fragen gewesen; der einzige Lichtfleck am dunklen Horizont der Sorgen.

Stirnrunzelnd besah sie sich das große Warum in Harrys klaren, lesbaren Schrift, das eines der vergilbten Blätter zierte, die sie in einem morschen Schreibtisch gefunden und sofort verwendet hatten. Und direkt darunter befand sich eine kleinere, unbekannte Vermutung, die gestern noch nicht da gewesen war: Eine Woche?

Hermione starrte einige Sekunden auf die Frage, dann ließ sie das Pergament raschelnd zurück auf den Tisch sinken und biss sich auf die Unterlippe. Eine Woche. Vielleicht hatte Harry Recht, morgen würde ihr Aufenthalt daheim eine ganze Woche betragen. War es Absicht? Absicht der Konstrukteure des Zeitumkehrers, die ihnen eine Art Urlaub von ihren Erlebnissen gewährten? Denkbar wäre es allemal …

Hermione vergewisserte sich ein letztes Mal mit ihrem Stab, dass sie die Wohnungstür abgeschlossen hatte, dann ließ sie das vom Kaminfeuer erwärmte Wohnzimmer zurück, trat in den dunklen Flur und erklomm die hölzerne Treppe, die des Nachts zu knarren und krächzen pflegte.

Auf halben Weg vernahm sie bereits die gedämpften Stimmen ihrer zwei besten Freunde, die sich im Arbeitszimmer von Rons alter Tante zu unterhalten schienen. Dieses Haus hatte so dünne Wände und Türen, dass selbst im Falle von geringeren Unwettern jedes gewechselte Wort durch das Haus wehte.

„Es wird langsam Zeit, ich hasse es zu warten und nicht zu wissen, was als Nächstes kommt. Ich möchte, dass das alles bald vorbei ist.“ Es war Rons mürrische Stimme, die seinen Unmut bekundete. Dann scharrte ein Stuhl mit den Füßen und jemand seufzte.

„Wir haben noch einen weiten Weg vor uns, fürchte ich“, gab Harry müde zurück. „Es war erst eine Veränderung. Eine, Ron. Wer weiß, was da draußen noch alles auf uns wartet …“

„Ich hoffe, nicht noch mehr Spinnen …“

Harry konnte sich ein leises Schmunzeln nicht verkneifen, doch dann erstarb auch dieses vage Lachen und erneute Stille überkam die Beiden.

Hermione hatte gar nicht bemerkt, dass ihre Füße innegehalten hatten und sie nun das Treppengelände umklammernd und in die Dunkelheit stierend auf einer Stufe verharrte und lauschte.

„Ich mache mir Sorgen um sie. Glaubst du, sie wird sich wieder fangen?“ Ron machte eine kurze fragende Pause, die Hermiones Magen schmerzhaft verkrampfen ließ. „Sie wird wieder die alte Hermione, oder nicht?“

„Lass ihr etwas Zeit, Ron. Sie muss das alles verarbeiten, sie hat sehr viel mitgemacht in Mittelerde.“

„Jaah, ich weiß … Es ist nur … Was, wenn sie das alles nicht verkraftet? Wenn sie …“

„Hermione ist stark.“ Harrys Stimme klang entschlossener als sie erwartet hatte, als er seinen besten Freund unterbrach. „Und sie hat sich dafür entschieden mit uns zurückzukehren. Sie hätte bleiben können, das wusste sie, aber sie ist mit uns gekommen. Weil sie weiß, was das alles bedeutet, weil es auch ihr etwas bedeutet.“

Er hat ihr etwas bedeutet, Harry. Legolas. Sie liebt ihn so sehr, dass sie ihn gerettet und Aragorn hinten angestellt hat.“ Hermione wusste, worauf sich Ron bezog. Er sprach von der letzten Schlacht gegen Mordor vor den Toren des Schwarzen Landes. Er sprach von dem Moment, in dem sich Hermione zwischen ihrer Liebe und ihrer Gegenwart hatte entscheiden müssen und Legolas das Leben gerettet hatte. Aragorn und sie selbst wären gestorben, wenn Harry nicht in letzter Sekunde aufgetaucht wäre. Ihre Gegenwart, wie sie sie kannten, wäre mit ihnen gestorben.

Harry musste Ron davon berichtet haben, als Hermione nicht dabei gewesen war.

„Das weiß ich. Sie beide haben sich sehr geliebt und deshalb ist es nur verständlich, wie es ihr gerade geht und wie sie sich verhält … Sie muss diesen Verlust überwinden und dabei können wir ihr so gut wie gar nicht helfen, so gerne ich es auch tun würde. Sie ist unsere Schwester, Ron, nicht genetisch gesehen, aber so fühlt es sich an. Und deshalb werden wir sie zu nichts drängen, weil sie heilen muss.“

Eine einzige, einsame Träne bahnte sich ihren Weg aus ihren Augenwinkel ihre rechte Wange hinab. Heiß, nass und salzig. Hermione hob ihre Hand und strich sie sich mit den Handrücken aus dem Gesicht, doch die Wahrheit blieb zurück.

„Sie hat ihn verloren und das hat sie nicht verdient. Nicht sie, Harry.“

„Keiner hat das verdient, was wir erleben. Außer vielleicht Voldemort.“

Schweigen erfüllte die Luft nach diesen Worten und Hermione presste die Lippen aufeinander und die Lider zusammen, um die nachkommenden Tränen und das drohende Schluchzen zu unterdrücken. Sie war stark, war sie das nicht? Harry war zumindest überzeugt davon. Konnte sie ihn enttäuschen?

„Glaubst du, es wird sich irgendwer daran erinnern?“

Harry schien einen Moment zu verblüfft, um auf diese kryptische Frage zu antworten. „Woran?“

„An das alles. Alles, was wir tun … All die Dinge, die wir noch machen werden. Wird sich irgendjemand daran erinnern und daran zurückdenken, außer uns? Daran, wie wir gekämpft haben, gelitten haben, versucht haben alles gerade zu biegen …“

Wie wir geliebt haben … Hermiones Finger bohrten sich in das alte, raue Holz des Treppengeländes. Was wir geopfert haben.

„Irgendwer wird es tun. Niemand aus dieser Zeit, aber viele, viele aus einer anderen. Bestimmt.“

„Glaubst du?“

Die Antwort ließ auf sich warten, dann waren Schritte in Richtung der Tür zu hören und jemand legte seine Hand auf die Türklinke und hielt inne. „Wie sollte Legolas sie jemals vergessen, Ron?“





*Zitat aus Der Herr der Ringe, Die Gefährten von J. R. R. Tolkien
 
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