Wintersonnenwende (Weihnachten im Auenland)

GeschichteAllgemein / P12
24.12.2012
24.12.2012
1
1135
1
Alle Kapitel
3 Reviews
Dieses Kapitel
3 Reviews
 
 Datenschutzinfo
 
 
 
Wintersonnenwende

Es war wie jedes Jahr. Zwei Tage vor der Wintersonnenwende fing es an, in großen Flocken zu schneien. Leise schwebten die schillernden Gebilde zur Erde und deckten das schmutzige Braun des Herbstes mit einer blütenweißen Decke zu. Die Geräusche der Welt wurden gedämpft und selbst das Lachen der Kinder war nun viel leiser zu vernehmen.
Die ersten Schlitten wurden am folgenden Tag aus den verborgenen Kammern geholt und es begann ein fröhliches Treiben. Nicht nur die Jungen waren ausgelassen, sondern auch deren Eltern und Großeltern waren wie ausgewechselt. Eben noch umgab sie eine Aura von Strenge und Autorität, eben jene Daseinsform, die schon von Natur her Respekt gebietet. Doch im nächsten Augenblick waren die Honoratioren nicht mehr von den Kindern zu unterscheiden, zumindest nicht in ihrem Verhalten. Es wurde gelacht, es wurde gejohlt, gesungen und geschrien. Es war fast so, als legten die Älteren es darauf an, von den Jungen als Ihresgleichen anerkannt zu werden.

Am ersten Tag des Schnees waren traditionsgemäß alle Pflichten ausgesetzt. Es gab keine Arbeit, es gab keine Schule. Die Einzigen, die alle Hände voll zu tun hatten, waren die, die für Essen und warme Getränke sorgen mussten.

Der kalte Nordwind, der aufgekommen war, bewirkte, dass schon nach kurzer Zeit diejenigen, die draußen waren, ein Heißgetränk bitter nötig hatten. Unmengen von Tee und Milch wurden in großen Behältnissen zubereitet und heiß gemacht. Doch nach kürzester Zeit zog es die Wärmebedürftigen wieder hinaus in die schnell wachsenden Schneemassen.

Das dämmrige Licht wurde schnell weniger und der allzu frühe Abend brach herein und zwang die Bewohner wieder in ihre Häuser und Höhlen. Dort erwartete die Meisten ein üppiges Abendessen und ein gut eingeheizter Kamin sorgte für angenehme Wärme. Dicke Decken wurden zusätzlich um die Schultern geschlungen und eine Behaglichkeit machte sich breit, die es nur in dieser Jahreszeit geben konnte. Wärme im Inneren, und Kälte draußen.

Der Tag der Wintersonnenwende verlief wie der Tag zuvor. Noch weniger wurden Gedanken an irgendwelche Pflichten vergeudet. Der einzige Unterschied zu dem Tag zuvor bestand darin, dass die Erwachsenen schon am frühen Nachmittag nach drinnen eilten. Dies hatte seine Gründe, denn nun begannen die letzten Vorbereitungen für den Abend. Den Abend des Julfestes. Die Kinder durften weiter im Schnee tollen, denn sie würden bei den Vorbereitungen nur stören.

Als die Sonne dem Horizont immer näher kam, wurden auch die Kinder nach drinnen gerufen. Sie mussten sich waschen und umziehen. An diesem Abend war nur die beste Garderobe erlaubt. Normalerweise bekam man Hobbitkinder nicht in feine Kleidung und waschen war etwas, was, wenn überhaupt, nur unter großem Geschrei abging. Erst in späteren Jahren sahen die Hobbits ein, dass ein genüssliches Bad etwas äußerst Feines, und nicht nur sinnvoll, sondern auch spaßig war. Nicht so an diesem Tag. Ohne Widerspruch begaben sich die Jungen und Mädchen in das Badezimmer und verließen es erst wieder, als sie gründlich gesäubert waren. Ohne Murren wurden die sauberen und guten Kleider angezogen, um sich anschließend in der Wohnstube zu versammeln.

Der dort gedeckte Tisch bog sich unter der Last der Leckereien. Die Kerzen schauten kaum hinter den Bergen von Fleisch, Brot, Tüften, Kuchen und all den anderen Sachen hervor. Nur das goldene Licht ihrer Flammen war zu sehen und tauchte alles in das richtige Ambiente. Der Esstisch, die Berge voller Lieblingsspeisen, die Kerzen, alles war so feierlich, wie es nur an solch einem Tag möglich war. Und über allem schwebte noch die Erwartung an den Fortlauf des Abends. Es war Jultag – was mochte es Schöneres geben?

Nach dem Essen wurde der Tisch schnell abgeräumt und anschließend fanden sich alle rund um den Kamin ein. Dort wartete schon das kleine Kohlebecken darauf, dass in ihm das Julfeuer entfacht werden würde. Das älteste Mitglied der Familie, in der Regel der Großvater, holte aus der kleinen, reichverzierten Truhe die Überreste des vorjährigen Julscheits hervor und legte es feierlich in das Becken. Das jüngste Mitglied durfte dann mit einem Spahn Feuer an das alte Scheit legen. Wenn das jüngste Mitglied noch zu klein war, um dies selbstständig zu tun, wurde es tatkräftig dabei unterstützt. Sobald das alte Julscheit Feuer gefangen hatte, nahm die Mutter das neue, welches auf einem kleinen Tischchen neben dem Becken stand, und legte es vorsichtig zu dem anderen Scheit hinzu. Dann warteten alle darauf, dass das Feuer von dem alten, auf das neue Scheit übersprang. Meist verging einige Zeit, bis das geschah, denn ein Julscheit war aus festem Wurzelholz, welches zwar lange brannte, aber nur schwer anfing zu brennen.
Wenn es dann endlich soweit war, ging ein lautes „Ah“ und „Oh“ durch den Raum und alle klatschten in die Hände. Nun war es mal wieder bewiesen, das Alte würde vergehen und dem Neuen Platz machen. Die Überreste des Vorjahresscheits würden in dieser Nacht genauso vergehen, wie das alte Jahr. Nun würden die Tage wieder länger werden und irgendwann würde auch die Natur wieder erwachen und neues Leben hervorbringen.

Nach diesem feierlichen Augenblick begann die Zeit der Geschichten. Jeder konnte, wenn er es wollte, eine Geschichte erzählen. Meist jedoch waren es die Älteren, die uralte Geschichten erzählten. Geschichten von großen Trollen, von Elben, Menschen und Tieren. Nicht jede Geschichte wurde als wahr anerkannt, doch jeder wurde begierig gelauscht. Und je unwahrscheinlicher eine Geschichte war, desto lieber hatten sie die Zuhörer.

Nach den Geschichten kamen dann die Geschenke. Schon im Herbst wurde ausgelost, wer wem ein Geschenk machen durfte. Der gezogene Name wurde immer geheim gehalten und derjenige, der ein Geschenk zu machen hatte, überlegte sorgfältig, womit er dem zu Beschenkenden eine Freude machen konnte. Diese Sorgfalt führte dazu, dass der Abend der Wintersonnenwende stets zu einem endlosen Freudentaumel wurde. Nicht zuletzt dadurch, dass man sich nur auf ein Geschenk konzentrieren musste, waren die Gaben hochwillkommen und sinnvoll. Für die Jüngsten gab es meistens Spielsachen und für die Älteren oft etwas, wie eine neue Pfeife, ein neuer Schutzumschlag für das Lieblingsbuch oder ähnliches. Alles war selbst hergestellt und mit viel Liebe versehen worden.

Nach dem Auspacken und Bestaunen der Gaben war es für die Jüngeren Zeit, ins Bett zu gehen. Die Älteren saßen oft noch stundenlang zusammen und erzählten Geschichten, die nicht für die jungen Ohren der Kinder bestimmt waren, oder schwelgten in Erinnerungen vergangener Jahre. Wenn dann der Tag zu Ende ging und die Uhr Mitternacht anzeigte, zogen sich auch die Erwachsenen in ihre Schlafzimmer zurück.

Vor dem Einschlafen bewunderte man noch einmal in Gedanken das Geschenk, welches man erhalten hatte und versank dann in tiefen Schlaf, in dem man von den zukünftigen Julfesten träumen konnte.