Sylvien

von - Leela -
GeschichteÜbernatürlich / P12
Eddie Jake Tracy
22.12.2012
22.12.2012
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„Mein Name ist Sylvien!“ erklärte der Geist, nachdem beide Parteien so viel Zutrauen zueinander gefaßt hatten, daß sie sich in der Halle in einer staubigen Sitzecke zusammengesetzt hatten. „Dieses Haus gehört mir. Ich wohne hier seit mehreren Jahrzehnten.“
      „Hast du hier schon gelebt… als du noch gelebt hast?“ Der Satz kam Jake selbst ziemlich abstrus vor, doch er wußte nicht, wie er es anders ausdrücken sollte. Er ahnte bereits die Antwort.
      „Ja“, erwiderte Sylvien. „In diesem Haus wurde ich geboren, hier habe ich mein ganzes Leben verbracht. Nachdem meine Eltern starben, habe ich das Haus geerbt. Und in diesem Haus bin ich auch gestorben!“
      Jake schauderte es. Irgendwie hatte er so etwas vermutet.
      „Aber, heißt es nicht, daß nur Geister nicht in eine andere Welt überwechseln, die auf dieser Welt noch etwas zu erledigen haben?“ fragte Eddy und erntete damit einen mißbilligenden Blick von Jake.
      Doch Sylvien erklärte: „Entweder das, oder wenn etwas irdisches sie hält. Dieses Haus ist mein Heim, das war es zu Lebzeiten, und blieb es danach.“
      „Die Stadt will das Haus abreißen lassen“, erwähnte Jake, im vollen Bewußtsein, daß sein sanfter Tonfall kein großer Trost war.
      „Ich weiß“, erwiderte Sylvien. „Ich weiß auch, daß das Haus nach meinem Tod weitervererbt wurde!“ Zorn mischte sich in den Blick der jungen - alten - Frau. „Niemand hat mich beachtet! Als ich mit ihnen reden wollte, liefen sie davon. Aber ich brachte sie dazu, daß sie sich von diesem Haus ferngehalten haben.“
      „Deswegen hat sich niemand mehr um das Haus gekümmert.“ Jake nickte.
      „Dann kamen sie mit den Maschinen!“ erklärte Sylvien verbittert weiter. „Aber ich lasse mir mein Heim nicht wegnehmen!“
      „Die letzten Eigentümer des Hauses haben das Grundstück an die Stadt verkauft“, sagte Jake.
      „Man hat mir das Haus gewaltsam weggenommen!“ fuhr Sylvien auf. „Man hat mich schlicht enteignet!“
      Eddys Blick zeigte, daß er langsam nicht mehr mitkam. „Kann man jemanden, der tot ist, eigentlich noch enteignen?“ Plötzlich spürte er einen Tritt gegen das Schienbein. „Au!“
      Sylvien machte derweil den Eindruck, als wolle sie in Tränen ausbrechen. „Genau das ist das Problem! Daß Geister keine Rechte haben, auf dieser Welt! Und dann wundert ihr euch, daß sie verbittert werden!“ Sie schlug die Hände vor’s Gesicht und unterdrückte ein Schluchzen. „Ich weiß doch gar nicht, wo ich hin soll, wenn mein Heim abgerissen wird…“
      „Sylvien, nicht weinen, bitte…“ In einer tröstenden Geste wollte Jake den Arm um sie legten, griff aber in’s Leere und stürzte nach vorne auf die Sofalehne. Sofort meldete sich sein geschundener Körper und ließ ihn aufstöhnen.
      „Was soll ich denn machen?“ schluchzte sie.
      „Wechselst du dann nicht in eine andere Welt über, wenn es das Haus nicht mehr gibt?“ hakte Eddy nach.
      „Den Zug habe ich verpaßt, Eddy“, erklärte Sylvien. „Der Abriß des Hauses löst schließlich keine spirituellen Übergänge aus!“ Sie schauderte bei dem Begriff »Abriß«.
      „Oh…“ meinte Eddy betroffen.
      Gedankenverloren sah sie in’s Leere. „Die einzige Alternative, die mir bliebe, wäre, mich in dem neuen Haus niederzulassen. Aber es wäre wie ein Exil für mich. Ich denke nicht, daß ich mich in einem von diesen modernen Bauten wohlfühlen könnte, es würde mir immer fremd sein…“
      Jake hatte sich mittlerweile wieder gesammelt, was nicht gleichzeitig bedeutete, daß er sich besser fühlte. Dafür nahm ihn die Geschichte viel zu sehr mit. „Was machen wir denn jetzt?“ ließ er sich vernehmen.
      Eddy und Tracy sahen ihn konsterniert an. Auch Sylvien schickte ihm einen erstaunten Blick.
      Jake machte eine hilflose Geste. „Wir können doch nicht zulassen, daß Sylvien ihr Haus verliert!“
      Ein überraschter und zwei entsetzte Blicke wurden ihm zurückgesandt.
      „Moment mal, hast du vergessen, warum wir hier sind?“ fragte Eddy aufgewühlt.
      Jake schüttelte den Kopf. „Nein. Ich habe nur die andere Seite der Medaille gesehen und mir eine Meinung gebildet. Erinnerst du dich noch, was ich darüber sagte, wer die guten und wer die bösen sind?“
      Eddy nickte. „Ja, ich verstehe was du meinst. Aber was willst du jetzt machen?“
      „Das genau war meine Frage!“ gab Jake verzweifelt zurück.
      „Du wirst kaum die Bauherren davon abbringen können, das Haus abzureißen!“ analysierte Eddy.
      Tracy flatterte demonstrativ mit den Armen. „Spuken!“
      „Du meinst, Sylvien soll weiterspuken und die anderen vertreiben?“ interpretierte Jake.
      Eddy stützte den Kopf in die Hände. „Na, das gibt ja ein tolles Image für die Ghostbusters!“
      „Eddy hat recht, außerdem kann das nicht die Lösung sein. Ich bin mir auch nicht ganz sicher, ob sich die Bauherren damit zufrieden geben. Vielleicht engagieren sie dann eine andere Firma und dann… Nein, es muß eine andere Lösung geben.“ Jake dachte nach und seufzte. „Ob die Stadt das Grundstück noch verkaufen würde?“
      Eddy und Tracy schnappten gemeinschaftlich nach Luft.
      „Du willst das Grundstück kaufen?“ entfuhr es Eddy.
      „Ich meinte erst mal grundsätzlich!“ erklärte Jake. „Das wäre die eleganteste Möglichkeit, die Geschichte zum Guten zu wenden! Wenn wir es zum Beispiel kaufen könnten, könnten wir es Sylvien zurückgeben. Und da wir als Eigentümer registriert wären, bräuchte sie sich keine Sorgen zu machen, daß ihr irgend jemand das Haus wegnehmen könnte!“
      Sylvien sah Jake völlig sprachlos an. „Ist das dein Ernst?“
      Jake sah sie mit einem speziellen Ausdruck in den Augen an. „Ja, völlig!“
      Eddy verdrehte unverhohlen die Augen, als er Jake musterte und ein paar Rückschlüsse zog. „Oh nein, Jake! Sag’ nicht, du hast dich in einen Geist verliebt!“
      Jake sagte es nicht. Aber er dementierte es auch nicht.
      Eddy war noch immer beklommen über die Idee, das Haus zu kaufen. „Ich habe eine bessere Idee!“ sagte er. „Wie wäre es, wenn Sylvien einfach zu uns zieht? Unser Haus sieht fast genauso aus! Und es ist auch nicht so baufällig wie dieses hier!“
      Sylvien sah ihn erstaunt an. „Tatsächlich? Wo liegt euer Haus denn?“ fragte sie neugierig. Es bedurfte allerdings nur eines kurzen Ansatzes der Beschreibung, als sich Entsetzen ihrem Blick hinzugesellte. „Zwischen Hochhäusern? Seid ihr verrückt? Da bringen mich keine zehn Spukgestalten hin!“ Sie fröstelte und schlang die Arme um den Körper.
      Eddy hob in einer hilflosen Geste die Schultern.
      „Die Idee war gut, Eddy“, meinte Jake.
      Eddy musterte ihn still. ‚Ja. Das glaube ich, daß dir das gefallen hätte’, kommentierte er still.
      Sylvien schwebte jetzt vom Sofa herunter und kniete sich förmlich vor Jake. „Es war gut gemeint, aber ich will nicht, daß ihr meinetwegen irgendwelche Verpflichtungen eingeht. Schon gar nicht, wenn ihr es euch nicht leisten könnt! Es ist das erste Mal, daß mich jemand respektiert und ernst nimmt. Und allein das ist schon mehr als einen Dank wert. – Wenn ich jetzt noch hierbleibe, dann ist euer Ansehen als Ghostbusters dahin. Ich werde mich mit dem Schicksal schon abfinden, das mich jetzt erwartet, egal, wohin mich die Reise führt. Damit zolle ich euch den Respekt, den ihr mir gezollt habt!“
      Jake sah sie entsetzt an.
      „Toll, dann kannst du ja doch bei uns spuken!“ rutschte es Eddy raus. Diesmal bekam er von Tracy einen Klaps auf den Hinterkopf.
      Jake wollte ihre Hände greifen, doch wieder fuhren seine Finger durch Leere. Er versuchte, diesen unangenehmen Effekt zu ignorieren. „Das lasse ich nicht zu, Sylvien!“ erklärte er bestimmt. „Ich weiß noch nicht wie, aber ich werde mir etwas einfallen lassen!“ Damit stand er kompromißlos auf und ging zur Tür.
      Sylvien, Eddy und Tracy sahen ihm sprachlos nach. Sylvien sah Eddy und Tracy an. „Ist er jetzt komplett verrückt geworden…?“
      Eddy atmete durch. „So etwas ähnliches! – Komm, Tracy, bevor wir schlimmeres verhindern müssen! – Mach’s gut Sylvien, vielleicht sehen wir uns später noch!“ Damit hetzten die beiden anderen Ghostbusters ihrem Kollegen hinterher.

Eddy und Tracy kamen gerade rechtzeitig, um Jake zu Oatis sagen zu hören: „Ja, Sie haben mich richtig verstanden! Ich möchte das Grundstück kaufen!“
      „Sind Sie sich im klaren darüber, was Sie da sagen?“ erwiderte der Bauherr bedeutungsvoll.
      „Allerdings!“ erwiderte Jake, wobei er nicht wußte, ob Oatis den Geist meinte, den allgemeinen Zustand, in dem sich das Haus befand oder die Konditionen, zu denen die Stadt ihm das Haus verkaufen würde, oder vielleicht eine Kombination aus mehrerem davon. Im Endeffekt war das aber auch egal. Er war sich über all diese Dinge sehr wohl im klaren, auch wenn er zumindest bei dem letzten Punkt noch nicht genau wußte, wie er das realisieren sollte. „Sehen Sie es mal positiv, Sie müssen die Rechnung an uns nicht bezahlen!“ fügte er an.
      Mittlerweile war Eddy bei ihm angekommen und faßte ihn beim Arm. „Auf ein Wort, Kumpel!“
      Jake machte sich erbarmungslos aus dem Griff los und ignorierte Eddy geflissentlich. Nur einen Augenblick später mußte er sich jedoch damit abfinden, daß das, was bei Eddy ging, bei Tracy völlig unmöglich war.
      Der Gorilla hatte ihn gepackt und ein wenig abseits wieder abgestellt, wo sie sich außer Hörweite unterhalten konnten.
      „Bist du verrückt?“ zischte Eddy. „Wovon willst du das bezahlen?“
      „Das fragt jemand, der mal für eine Million Dollar ein Flaschenschiff ersteigert hat?“ schlug Jake zurück.
      Für einen Moment war Eddy ruhig.
      „Trotzdem sehr unvernünftig!“ ließ sich nun Tracy vernehmen.
      „Vielleicht! Aber es steckt ein tieferer Sinn dahinter! Und ich lasse Sylvien nicht im Stich!“ gab Jake zurück. Leiser fügte er an: „Mir fällt schon etwas ein.“
      „Jake, der Gedanke in allen Ehren… Aber du kannst nicht, jedes Mal wenn ein Geist in Not ist, Häuser kaufen oder den Geistersamariter spielen!“ wandte Eddy ein. „Das hier ist eine Nummer zu groß. Auch wenn wir recht gut verdienen, Einnahmen sind nicht gleich Gewinn!“
      „Ja, dafür müssen wir aber unser Haus nicht abbezahlen, weil das schon unseren Vätern gehörte. Mindestens das Geld, was wir da sparen, müßte dafür drin sein!“
      „Glaubst du wirklich, daß wir das packen können?“ bezweifelte Eddy. „Und selbst wenn du das finanziert bekommst, gehört das Grundstück immer noch der Bank! Wenn wir das nicht schaffen, stehen wir irgendwann wieder vor genau dem gleichen Problem!“
      „Na und? Immerhin sind dann aber erst mal die Baupläne vom Tisch, und alles weitere können wir dann sehen.“
      „Jake…“ Eddy ruderte verzweifelt mit den Armen. „Die wollen hier ein Verwaltungsgebäude bauen! Der Preis für das Grundstück wird unerschwinglich sein!“
      „Ja, mach’ mir nur Mut!“ fauchte Jake zurück.
      „Ich bin nur realistisch!“ verteidigte sich Eddy.
      „Das erste Mal in deinem Leben!“ Jake sah in den Himmel hinauf. „Oh, warum kann heute nicht Vollmond sein?“
      „Du willst Fuddy um Hilfe bitten?“ Eddy schlug sich die Hand vor die Stirn. „Das würde in einer Katastrophe enden!“
      Jake sah Eddy an, und in seinem Blick lag ein merkwürdiger Ausdruck, der es Eddy heiß und kalt den Rücken runterlaufen ließ. „Ich muß erst mal einen Baustopp erzwingen. Und alles andere sehen wir dann. Vielleicht haben unsere Väter ja noch Ideen, wie wir das Haus retten können.“ Er wandte sich um, ohne die beiden noch weiter zu beachten und ging zu Oatis zurück.
      Eddy und Tracy wechselten einen beklommenen Blick.

Jake hatte es durch sein Kaufinteresse tatsächlich geschafft, das Projekt vorerst einzufrieren. Weiter als bis dahin brachte es ihn aber vorerst nicht, da er nicht mit Oatis, sondern mit dem Bürgermeister verhandeln mußte – und zudem noch nicht wußte, wo er das Geld aufbringen sollte. Jetzt saß er im Ghostkommando am Fenster und sah in den anbrechenden Abend hinaus. Ein ganz gewöhnlicher Einsatz – und es hatte sein Leben schlagartig verändert.
      „Was hat dein Papa gesagt?“ erkundigte sich Eddy.
      „Unsere Väter kommen nachher rüber“, gab Jake Auskunft.
      „Meinst du wirklich, daß sie von der Idee begeistert sein werden?“ fragte Eddy.
      Jake schwieg einen Moment. „Das werden wir sehen“, erwiderte er dann, wie mehr zu sich selbst.

Und nicht nur Jakes Dasein hatte sich von einem Augenblick zum anderen verändert.
      In dieser Nacht saß auch Sylvien am Fenster ihres Hauses und sah in die Nacht hinaus. Zum ersten Mal seit ihrem Tod hatte sie Vertrauen zu einem Lebenden gewonnen; mehr noch, sie hatte das Gefühl, Freunde gewonnen zu haben. Das war ein ganz neues Gefühl. Und in einem Fall war sie sich nicht mehr so ganz sicher, daß es nur Freundschaft war…



(Anm. d. Aut.: Bezüge zu »Das verhexte Buddelschiff«, Comic Nr. 4, zweite Geschichte)
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