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Love, Christmas

GeschichteLiebesgeschichte / P12
Lindsay Donner Professor Connor Doyle
22.12.2012
22.12.2012
1
7.064
 
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22.12.2012 7.064
 
Titel: Love, Christmas
Autor: DancingStar
Crossover: PSI Factor/ Sue Thomas F.B.Eye
Pairing: Connor/ Lindsay, Jack/ Sue
Rating: 12
Kategorie: Romance
Inhalt: Lindsay hat Probleme mit der Einwanderungsbehörde. Connor weiß Rat.
Anmerkungen: I wish you a merry Christmas. I wish you a merry Christmas. I wish you a merry Christmas and a happy new year!


Love, Christmas

Wie jeden Morgen wartete Connor Doyle am Eingang des Cedar Falls Park auf seine Arbeitskollegin Lindsay Donner um mit ihr gemeinsam den letzten Abschnitt zum Büro zu gehen. Der Weg durch den Park war außerdem eine Abkürzung, die ihnen zehn Minuten Fußweg ersparte.
Sie arbeiteten schon seit einigen Jahren im gleichen Büro und waren gut befreundet. Sie hielten zusammen, hatten gemeinsam schon drei Abteilungsleiter und deren Schreckensherrschaften überlebt und hatten stets ein offenes Ohr für die Probleme des anderen.
Es war wenige Tage vor Weihnachten. Die Stadt war unter einer Schneedecke begraben und klirrende Kälte verwandelte die Seen und Teiche in Eislaufbahnen.
„Guten Morgen“, begrüßte Connor sie, „Kaffee?“, fragte er und reichte ihr einen Pappbecher. Er wusste, wie sie ihren Kaffee gerne trank und brachte ihr jeden Morgen einen Becher aus seinem Stammcafé mit, weil seine U-Bahn immer fünf Minuten früher eintraf als ihre.
„Danke. Das habe ich jetzt bitter nötig“, Lindsay trank eilig einen Schluck. Während sie ihm das erklärte, tanzte ihr blonder Pferdeschwanz über ihre Schultern.
„Das Wochenende war wieder zu kurz, was?“, er musste grinsen.
Lindsay schüttelte den Kopf. „Daran liegt es nicht“, antwortete sie und nun erzählte sie ihm, was ihr am Wochenende passiert war.

Am Samstagmorgen klingelte es unerwartet an ihrer Tür und ein Mann im Anzug stand vor ihr. Unter seinem Arm trug er eine Aktentasche und er sah sie ernst an. „Sind sie Lindsay Donner?“, fragte er.
„Die bin ich“, sagte sie, „Und Sie sind…?“
„Oh, Entschuldigung“, der Mann suchte in seiner Jackentasche nach seinem Ausweis. Als er es gefunden hatte, hielt er Lindsay das Stück Papier vor. „Ich bin Marcus Johnson, Einwanderungsbehörde.“ Nun reichte er ihr einen Brief.
„Einwanderungsbehörde?“, wiederholte sie und Mister Johnson fuhr unbeirrt fort: „Miss Donner, meiner Behörde wurde ein Verstoß gegen Ihre Aufenthaltsrechte gemeldet... In diesem Brief finden Sie das alles schriftlich.“
„Das kann nicht sein… Ich…!“, beschwerte sie sich nun.
„Es ist wahr. Wie Sie vielleicht wissen, Miss Donner, gilt ihr Visum nicht für Südamerika. Allerdings wurde kürzlich Ihre Einreise in Argentinien verzeichnet.
„Ich war aus beruflichen Gründen dort“, verteidigte sich Lindsay, doch Mister Johnson beachtete sie gar nicht: „…Und dieser unerlaubte Aufenthalt hat zur Folge, dass Sie wieder nach Amerika ausgewiesen werden. Sie haben vier Wochen Zeit um Ihren Umzug in die Vereinigten Staaten zu organisieren. Einen schönen Tag noch“, mit diesen Worten war Mister Johnson verschwunden.

„Was soll das heißen, du wirst nach Amerika ausgewiesen?“, fragte Connor. Er hatte nicht gewusst, dass Lindsay nicht gebürtig aus Kanada kam.
„Was das heißen soll?“, widerholte sie ein wenig fassungslos, „Naja, in vier Wochen muss ich Kanada verlassen. Dann bin ich meinen Job los, meine Wohnung und meine Freunde…“, bevor sie und Connor sich auf eine Parkbank setzten, die nicht von Schnee und Eis bedeckt war, prüfte sie, ob ihr hellgrauer Mantel nicht schmutzig wurde, „Es sei denn ich heirate einen Kanadier. Aber ich habe keine Ahnung, wo ich innerhalb von vier Wochen einen Mann inklusive Hochzeit auftreiben soll.“
Die Idee zuckte durch Connors Kopf wie ein Blitz. „Naja“, begann er, „Du musst nicht zustimmen.“
Als Lindsay das hörte, wusste sie, was nun käme. Zumindest ahnte sie es.
„Wir könnten eine Scheinehe eingehen“, kaum hatte er das gesagt, zuckte er mit den Schultern und trank einen Schluck Kaffee als ob nichts gewesen wäre, „Du wärst mich auch schnell wieder los….“
„Dir ist schon klar, dass das eine Straftat ist?“, fragte  sie plötzlich und Connor nickte.
„Du brauchst Hilfe“, sagte er, „Eine bessere Idee habe ich nicht…“
Lindsay nickte. Sie selbst hatte keine Ahnung, was sie tun sollte. Sie hatte in ihrer Verzweiflung überlegt, ob sie sich vielleicht bei einer Dating- Agentur anmelden und hoffen sollte, so einen Mann kennen zu lernen, der bereit war, sie so schnell wie möglich zu heiraten. Natürlich würde Connors Vorschlag ihre Suche um einiges erleichtern und ein weiterer Vorteil war, dass sie ihn bereits lange kannte. Und er hatte außerdem selbst gesagt, dass sie sich wieder trennen konnten… Der Gedanke war absurd, trotzdem willigte Lindsay ein, unter der Bedingung, dass sie die Sache auf Eis legten, sobald sie eine bessere Idee hatte.
Damit war Connor einverstanden. Er reichte ihr sein Handy. „Du kannst diesen Mister Johnson gerne anrufen und ihm sagen, dass du heiraten willst.“

Am nächsten Tag, dem Dienstag, erhielt Lindsay eine E- Mail von Mister Johnson und als sie las, was er ihr schrieb, druckte sie den Text aus und lief damit zu Connor. Sie hatte eigentlich gehofft, dass sich ihre Probleme mit ihrem Anruf bei der Behörde erledigt hatten. Umso enttäuschter war sie, als sie merkte, dass das nicht der Fall war.
Nahezu lautlos schlich Lindsay in Connors Büro und schloss die Tür hinter sich. Er telefonierte eben mit jemandem und als er sie bemerkte, beendete er das Gespräch. „Hi“, sagte er zu und sah ihren Gesichtsausdruck.
„Dieser Mister Johnson hat die Lunte gerochen“, sie klang panisch und legte ihm die Mail vor, „Er hat gesagt, er wird uns innerhalb der nächsten vier Wochen besuchen und unsere Geschichte nachprüfen.“ Lindsay sank erschöpft gegen einen Aktenschrank und lehnte daran. „Was soll ich nur tun?“ Sie begann, den Anruf zu bereuen und Connor schlug ihr vor, dass sie sich lieber erst einmal setzen sollte, bevor noch ihr Kreislauf schlapp machte.
„Ich habe eine Idee“, sagte Connor und Lindsay war gespannt, seine Idee zu hören: „Bring ein paar deiner Sachen zu mir, damit es so aussieht, als würden wir gelegentlich zusammen wohnen.“
„Okay“, sie war einverstanden, „Vielleicht sollten wir uns auch einige Antworten zurecht legen… Falls Mister Johnson uns typische Pärchenfragen stellt.“
„Gute Idee“, Connor nickte und sie beschlossen, gleich heute Abend ihren Plan in die Tat umzusetzen.

Lindsay verließ das Büro eine Stunde eher um Zuhause einige Sachen in eine Kiste zu packen, die sie nachher in Connors Wohnung fahren würde. Sie warf einen alten Flanellpyjama in die Kiste, da sie dieses Teil nicht vermissen würde und es sie auch nicht störte, wenn es in ihrer eigenen Wohnung fehlte. Danach fuhr sie mit der Schachtel zu Connors Wohnung. Wie sie feststellte, wohnte er im obersten Stockwerk eines achtstöckigen Mietshauses und zum Glück gab es einen Aufzug. In seiner Wohnung angekommen, nahm Connor ihr zuerst den Karton ab. Sie musste zugeben, seine Wohnung gefiel ihr und sie war sicher, dass sie Mister Johnson glaubhaft machen konnten, dass sie und Connor ein Paar waren.
„Möchtest du etwas trinken?“, fragte Connor während er ihr den Mantel abnahm. Draußen schneite es noch immer. Selbst von seiner Wohnungstür aus konnte Lindsay die Schneeflocken in der Dunkelheit vom Himmel fallen sehen.
„Nein, danke“, antwortete sie und ging in den Wohnbereich voraus, „Du hast eine sehr schöne Wohnung.“ Und sie war großer als ihre. Sie hörte, wie Connor sich bedankte und in der Küche doch zumindest ein Glas Wasser für sie bereitstellte. Als er zu ihr kam, stellte er das Glas vor ihr ab und griff nach einem Papierstapel, der ebenfalls auf dem Wohnzimmertisch lag.
„Das habe ich aus dem Internet“, erklärte er, „Das sind mögliche Fragen, die Mister Johnson uns stellen könnte.“
Lindsay fand es gut, dass er sich vorbereitet hatte und sie blätterten gemeinsam durch den Fragenkatalog. „Wo ist Ihr Partner zur Schule gegangen?“, las Lindsay laut vor.
„Das ist ziemlich schwierig zu beantworten“, sagte Connor, „Als ich ein Kind war, sind wir häufig umgezogen, da mein Vater bei der kanadischen Armee war und wir beinahe alle zwei Jahre den Wohnort wechselten. Aber wir sind jeden Winter nach Alberta gefahren und haben uns dort zum Eisfischen versammelt. Das ist wie eine kanadische Tradition. Vielleicht möchtest du einmal mitkommen…“
„Sehr gerne“, Lindsay nickte und sie trank eilig einen Schluck, „Ich bin in Seattle zur Schule gegangen.“
„Das weiß ich“, lächelte Connor.
„Ja, und du weißt auch, wie ich meinen Kaffee gerne trinke… Zumindest ist das eine Frage, die wir nicht durchgehen müssen.“ Natürlich wussten sie durch ihre langjährige Freundschaft viel voneinander, doch wie sich im Laufe des Abends herausstellte, waren es die Details, die Lindsay überraschten: So hatte sie zum Beispiel nicht gewusst, dass Connor um sein Studium zu finanzieren, bei einer Airline am Check In- Schalter gearbeitet hatte. Lindsay musste lachen, als er ihr das erzählte und Connor fragte, warum das so lustig war. Sie hatte nicht bemerkt, dass er irgendwann angefangen hatte, ihr anstelle von Mineralwasser einen Rotwein vorzusetzen und aus ihrem Lernabend wurde eigentlich ein lustiger Gesellschaftsabend. Fast wie ein Date, dachte sie. Obwohl sie und Connor beide keine festen Partner hatten, waren sie nie miteinander ausgegangen. Natürlich hatte Connor sie manchmal in der Mittagspause zum Lunch eingeladen, aber sie war noch nie in seiner Wohnung und sie hatte sich auch noch mit ihm getroffen in der Absicht, mit ihm auszugehen. Es war nicht aus dem Grund, dass sie ihn nicht attraktiv fand. Ganz im Gegenteil. Wenn sie über ihn nachdachte, musste sie schon zugeben, dass er gut aussah. Aber sie hatte sich noch nie gefragt, ob sie eine Beziehung mit ihm eingehen wollte.
„….Okay, die nächste Frage“, sagte Connor irgendwann und sie waren im Katalog schon ziemlich weit gekommen, „Wie ist Ihr Partner Ihnen aufgefallen?.... Ich nehme an, diese Frage soll eigentlich heißen: Wie haben Sie sich kennen gelernt?“
Als Connor von den Ausdrucken auf sah, bemerkte er Lindsays rote Gesichtsfarbe. „Was ist?“
„Naja, kennen gelernt haben wir uns im Büro“, ihre Stimme klang plötzlich nervöser.
„Ja, aber du hast mich behandelt wie einen Kollegen. Wie sind wir Freunde geworden?“, wollte Connor wissen und ihr Verhalten zeigte ihm, dass Lindsay darüber nicht gerne sprechen wollte. Sie antwortete ihm, dass er die Geschichte doch kannte und das stimmte: Er erinnerte sich noch an den Tag, an dem Lindsay in seinem Büro aufgetaucht war und frech behauptet hatte, ihr Drucker würde nicht mehr funktionieren. Sie bat ihm, seinen Computer kurz benutzen zu dürfen und etwas auszudrucken. Irgendwie hatte sie es dann geschafft, ihn in ein Gespräch zu verwickeln und er stellte fest, dass er die Frau, die ihn in den nächsten drei Stunden von der Arbeit abhalten würde, sehr gerne mochte. Darum verstand er nicht, was ihr Problem war.
„Ist dir diese Drucker- Geschichte etwa peinlich?“
„Nein, darum geht es nicht“, gab sie zu, „Es war nicht der Drucker…. Es war Claire“, rückte sie schließlich mit der Sprache raus und Connor verstand nicht. Claire war ihre Arbeitskollegin.
„Claire kam eines Tages zu mir und fragte mich, ob ich ihr helfen könnte, deine Telefonnummer zu bekommen“, gestand Lindsay, „Und da habe ich ihr erzählt, dass du eine Freundin hast“, sie zuckte nun mit den Schultern, „Ja, und ich gebe zu, das habe ich erfunden weil ich nicht wollte, dass sie mit dir ausgeht.“
Connor wollte etwas sagen, doch in diesem Moment klopfte es an der Tür. „Warte eine Sekunde“, murmelte er und stand auf, um dem Besuch zu antworten. Als er die Tür geöffnet hatte, tapste ein Golden Retriever in seine Wohnung und lief zu Lindsay. Sie streichelte den Hund. „Lindsay, das sind meine Nachbarn Jack und Sue“, stellte Connor sie vor. Jack und Sue wohnten direkt neben an und schienen ein sehr nettes Paar zu sein. Sie trugen beide keine Eheringe, also nahm Lindsay an, dass sie nicht verheiratet waren. „Wir haben etwas für dich“, Jack überreichte ihm nun einen Umschlag der eine Einladung zur ihrer Hochzeit beinhaltete. Mit einem Schlag wurde es Lindsay eiskalt, denn sie erinnerte sich daran, dass ihre Freunde so etwas auch bald in der Hand halten würden. Nur hatten ihre Freunde keine Ahnung, dass es keine richtige Hochzeit war, sondern dass sie Connor nur heiratete, damit sie nicht nach Amerika zurück musste.
„Lindsay und ich werden übrigens auch bald heiraten“, erzählte Connor seinen Freunden plötzlich und Jack und Sue waren überrascht. Sie hatten Lindsay noch nie zuvor gesehen und da sie Connor schon lange kannten, hatten sie eigentlich geglaubt, er würde ihnen seine zukünftige Frau vorstellten, bevor…
„Wir haben vor, noch in den kommenden vier Wochen zu heiraten“, fügte er hinzu und Lindsay konnte sehen, dass Jacks und Sues Gesichtsausdruck immer entsetzter wurde. Lindsay wusste, dass es falsch war, ihnen davon zu erzählen. Sie hätten das ganze lieber heimlich machen sollen und seinen Nachbarn erzählen sollen, sie wäre nur eine Freundin. Dann bliebe auch ihnen die Sache mit der Scheidung erspart. Oh Gott! Zum ersten Mal wurde Lindsay sich bewusst, dass sie eine geschiedene Frau war, wenn das alles vorbei war und ihr wurde schlecht, obwohl sie das eigentlich nicht wollte. Sie war erleichtert, als Connor es irgendwie schaffte, seine Freunde aus seiner Wohnung zu schicken.
„Meine Güte, du willst wirklich ernst machen?“, fragte Lindsay, als sie wieder alleine waren und Connor nickte, als wäre es das Selbstverständlichste auf der ganzen Welt.
„Ich habe heute noch eine Mail von Mister Johnson bekommen“, sie erzählte ihm das erst jetzt, weil sie in gewisser Weise gehofft hatte, diese Information noch zurückhalten zu können.
„Wir haben einen Termin für Mister Johnsons Besuch“, erklärte Lindsay ihm, „Es ist der 21. Dezember.“
„Das ist morgen“, fiel es Connor ein, „Machen diese Behörden eigentlich jemals Ferien?“ Noch dringender als der Fragenkatalog war es nun, seiner Wohnung eine persönliche Note von Lindsay zu verpassen.

Am nächsten Tag war ihr letzter Arbeitstag, bevor das Büro über die Feiertage Betriebsurlaub machte. Weil sich Mister Johnson für heute Abend noch angekündigt hatte, war Lindsay nach der Arbeit mit zu Connor gekommen. Sie schaute nervös auf die Uhr und  ging ruhelos in der Wohnung umher. Sie hatten die Wohnung nahezu perfekt hergerichtet: Eine Ersatzzahnbürste stand im Bad, einige Kleidungsstücke von ihr hatten sich in Connors Schrank eingefunden, sie hatte einige ihrer Bücher und CDs zu seinen ins Regal gestellt, hatte einige Weihnachtsduftkerzen aufgestellt und für seine Küche hatte sie einen kleinen Indoor- Kräutergarten gekauft.
Sie wussten nicht genau, wann Mister Johnson bei ihnen auftauchen wollte. Es hätte auch sein können, dass er erst gegen 22:00 Uhr vor ihrer Tür stand, darum hatte Lindsay beschlossen, notfalls im Gästezimmer zu übernachten. Der alte Flanellpyjama kam ihr gerade recht!
„Hast du hunger?“, fragte Connor, als der Abend immer länger wurde. Er wartete nicht auf ihre Antwort, sondern begann, selbst etwas zu kochen. „Ich lerne jeden Tag etwas neues über dich“, murmelte Lindsay, die im Türrahmen sprach und ihn beobachtete. Connor grinste: „Zumindest bin ich nicht langweilig.“
„Nein, das bist du nicht“, sie kam zu ihm, „Soll ich dir helfen?“ Sie prüfte, was er kochen wollte und da es sich um ein simples Gericht handelte, brauchte er ihre Hilfe eigentlich gar nicht. Trotzdem schaffte sie es, ihm irgendwie mit einem Teller voller Tomaten im Weg zu stehen. Sie ging so dicht an ihm vorbei, dass sich ihre Körper beinahe streiften und als sie sich nicht mehr ausweichen konnten, entschuldigte sie sich bei ihm. Connor nahm ihr den Teller mit den Tomaten ab und stellte ihn neben den Herd. „Ich habe dir gleich  gesagt, du musst mir nicht helfen“, tadelte er sie, doch so fasste sie es nicht auf. Lindsay wusste nicht, warum, aber plötzlich lag ihre rechte Hand auf seiner Schulter und sie beugte sich vor um ihn zu küssen. Es war nur ein einziger Kuss und sie löste sich mit einem nahezu erschrockenen Gesichtsausdruck von ihm.
„Ich…“, sie versuchte sich zu entschuldigen, doch in diesem Moment fühlte sie eine seiner Hände an ihrer Taille und eine in ihrem Nacken und er zog sie wieder an sich um sie weiter zu küssen. Diesmal hörten sie nicht nach einem Kuss auf und diese Reaktion überraschte Lindsay. Es störte sie kein bisschen, als eine Gabel zu Boden fiel, weil Connor sie ein wenig zu heftig an die Arbeitsplatte hinter ihr gedrückt hatte. Ihre Küsse wurden immer leidenschaftlicher und sie stöhnte enttäuscht auf, als plötzlich jemand an der Tür klopfte.
„Sind das Jack und Sue?“, wollte sie atemlos wissen.
„Oder Mister Johnson…“, erinnerte sich Connor und sie nickte. Nervös ging sie zur Tür um den Mann herein zu lassen, doch anstelle von Mister Johnson stand eine Frau mit langen, schwarzen Haaren vor der Tür. Lindsay hatte sie noch nie zuvor gesehen.
„Connor, wer ist das?“, fragte Lindsay entsetzt und nun erschien Connor neben ihr in der Tür. „Ähm, das ist meine Mutter“, gab er zu, „Ich habe vergessen, dass sie und mein Vater über die Weihnachtsfeiertage kommen wollten.“
„So etwas zu hören, enttäuscht mich sehr“, sagte seine Mutter und ging an ihr vorbei und betrat die Wohnung. Sie sah den Kopf mit kochenden Spaghetti auf dem Herd und fragte, ob sie sie eben bei etwas wichtigem gestört hatte. Dann fügte sie hinzu: „Deine Großmutter ist übrigens auch hier. Dein Vater hilft ihr eben aus dem Wagen.“
„Was?!“, fragte Connor, aber dann beschloss er, sich zu beruhigen, „Naja, es macht mir nichts aus, wenn Großmutter auch hier ist… Aber warum seid ihr nicht zuerst ins Hotel gefahren?“
„Wir haben kein Hotel“, antwortete seine Mutter und brachte ihre Koffer ins Gästezimmer. Dort sollte eigentlich Lindsay schlafen.
Connors Mutter kam nun zu ihnen zurück und bemerkte, dass beide noch immer wie angewurzelt neben der Tür standen. „Ich bin übrigens April“, Connors Mutter reichte Lindsay die Hand.
„Ich bin Lindsay und…“
„Sie ist meine Freundin“, Connor trat neben Lindsay und legte einen Arm um ihre Schultern, damit seine Mutter keinen Verdacht schöpfte. In diesem Moment betraten Connors Vater und seine Großmutter die Wohnung. „Doug, hast du gewusst, dass dein Sohn eine Freundin hat?“, wollte April von ihrem Mann wissen und dieser schüttelte den Kopf. Großmutter Agatha schien sich über diesen Umstand jedoch sehr zu freuen. „Dann wollen wir das junge Glück nicht lange stören und zu Bett gehen. Die Anreise war sehr umständlich“, sagte Agatha. Und als ob es selbstverständlich wäre, fügte sie hinzu: „Wir sehen uns morgen beim Frühstück.“

Sie warteten noch bis spät in die Nacht auf Mister Johnson und hofften, dass sie ihn vielleicht an seiner Familie vorbeischleusen könnten. Doch Mister Johnson kam nicht.
Weil sie nicht wussten, ob er vielleicht morgen noch vor dem Frühstück eintreffen würde, konnte Lindsay unmöglich in ihre eigene Wohnung zurückfahren. Sie konnte allerdings auch nicht auf der Couch schlafen, denn das vermittelte seiner Familie nicht den Eindruck eines glücklichen Paares. Und das Gästezimmer war ohnehin passé. Also beschlossen sie, sich sein Zimmer zu teilen. Rein Freundschaftlich, natürlich. Nachdem er sie heute in der Küche geküsst hatte, hatte Connor sich gute Chancen ausgerechnet, beim Abendessen hemmungslos mit ihr flirten zu können, doch sie wurden immer wieder von seinen Eltern gestört. Irgendwann setzte Großmutter Agatha sich sogar zu ihnen um mit ihnen zu essen. Die alte Lady fragte sie dann allerhand über ihre Beziehung.
Connor war erleichtert, dass sie zumindest in seinem Zimmer alleine waren und nicht der Neugier seiner Großmutter ausgesetzt waren.
„Das tut mir leid“, rief Connor Lindsay zu und mit der Zahnbürste im Mund kam sie aus dem Bad zurück. „Was meinst du?“, wollte sie wissen, während sie sich die Zähne schrubbte.
„Ich habe nicht mehr daran gedacht, dass sich meine Eltern über die Weihnachtsfeiertage bei mir einquartieren“, er rollte mit den Augen, aber das konnte Lindsay nicht sehen, „Seit ich hier wohne, haben sie mich noch kein einziges Mal zur Weihnachtszeit in Toronto besucht.“
„Wo leben deine Eltern?“
„In Calgary.“
Lindsay ging ins Bad zurück, um ihren Mund auszuspülen. Sie griff nach dem Wasserhahn und dieser verwandelte sich in eine Fontäne aus sprudelndem Wasser. Sie schrie auf, als das kalte Wasser ihren Oberkörper traf. Dass Connor wenige Sekunden später im Türrahmen stand und dann los eilte, um den Hauptwasserhahn abzudrehen, bemerkte sie nicht. Lindsay war erleichtert, dass die Wasserfontäne versiegt war. Dann merkte sie, dass ihr alter roter Flanellpyjama völlig durchnässt war. Was sollte sie nur tun? In diesem Moment bereute sie, dass sie nur diesen alten Pyjama eingepackt hatte.
„Bist du in Ordnung?“, wollte Connor von ihr wissen, während er das Bad erneut betrat und den kleinen See am Boden sah. Er griff nach einem Handtuch, um das Wasser aufzuwischen.
„Ja“, murmelte Lindsay. Sie entschuldigte sich tausend Mal für den zerstörten Wasserhahn und Connor gab zu, dass ihm das Ding schon seit einiger Zeit Probleme bereitete. Sie half ihm, das Wasser zu beseitigen und als sei eine halbe Stunde später fertig waren, ging Connor als erster zu Bett.
„Ich weiß, es klingt kindisch“, begann er, als er Lindsay im Badezimmer alleine ließ, „Aber für den Fall, dass du dir einen Schutzwall bauen willst, habe ich dir einige extra Kissen besorgt.“ Mit diesen Worten schloss er die Tür hinter sich.
Lindsay blieb zurück und betrachtete ihr Spiegelbild. Sie trug noch immer den nassen Pyjama und sie überlegte, ob sie Connor vielleicht fragen sollte, ob er ihr ein T-Shirt borgen konnte. Aber sie beschloss, es zu lassen. Stattdessen würde sie den Pyjama ausziehen und heute in Unterwäsche schlafen. Morgen würde sie noch vor Connor aufstehen damit er sie nicht sah. Morgen Abend hätte  es sich auch hoffentlich erledigt und sie könnte wieder in ihrer eigenen Wohnung schlafen. Bei dem Gedanken an die Szene in der Küche wurde ihr schwindelig. Nicht auszudenken, was sie vielleicht gemacht hätten, wenn Connors Mutter nicht an der Tür geklopft hätte…!
Also bleib sie ihm Bad und wartete, bis Connor hoffentlich eingeschlafen war. Dann schlich sie durchs Schlafzimmer und räumte die Kissen, die Connor für sie besorgt hatte, von ihrer Seite des Bettes. Sie waren schließlich erwachsene Menschen, dachte sie.

Let it snow, Let it snow, Let it snow.
When we finally kiss, good night,
how I'll hate going out in the storm.
But if you really hold me tight,
All the way home I'll be warm.

The fire is slowly dyin'
And my dear we're still good-byein',
As long as you love me so
Let it snow, Let it snow, Let it snow.          (“Let it snow” by Frank Sinatra)

Am nächsten Morgen stand Lindsay wie geplant vor Connor auf und sie war überrascht, seine Mutter bereits in der Küche anzutreffen. April bereitete das Frühstück vor und fragte Lindsay, ob sie ihr ein wenig helfen konnte. Bald darauf war der Rest der Doyle- Familie aufgewacht.
„Guten Morgen“, begrüßte Connor sie und kam zu ihr.
„Kaffee?“, fragte sie und schenkte auch ihm eine Tasse ein. Connor bedankte sich, als sie ihm das heiße Getränk mit einem fabelhaften Lächeln reichte. Aber er griff nicht nach der Tasse, sondern nach ihrer Hand und zog sie an sich um sie zu küssen. Dann zeigte er nach oben auf den Mistelzweig, den seine Mutter in der Küche aufgehängt hatte, ließ sie los und setzte sich zu seiner Familie an den Tisch. Lindsay setzte sich neben ihn und versuchte, das seltsame Gefühl in ihrer Magengegend zu analysieren.
„Ich wusste nicht, dass du eine Freundin hast“, gab Connors Vater Doug zu, „In deiner Wohnung stehen keine Fotos von ihr.“ Er biss in seinen Toast mit Marmelade.
Innerlich bedankte Lindsay sich für diesen Hinweis, denn dieses Detail hatten sie komplett vergessen. Wenn ihnen noch Zeit blieb, müssten sie einige Fotos von ihr in der Wohnung aufstellen.
„Ich bin nicht der Typ, der Fotos in seiner Wohnung aufstellt“, beschwerte sich Connor. Tatsächlich hing in seiner Küche lediglich ein eingerahmter Kunstdruck und in seinem Wohnzimmer hingen einige ordentlich eingerahmte Postkarten von vergangenen Fernreisen.
„Du hast ein Bild von dir vor den Pyramiden in Ägypten an deinen Kühlschrank hängen. Das reicht doch!“, Doug Doyle begann, lauthals zu lachen und niemand wusste, warum.
Ein Klopfen an der Tür ließ Lindsays Hoffnungen, sie könnten das Problem mit den Fotos noch beheben, dahinschwinden. Trotzdem stand sie auf und öffnete die Tür. Wie sie erwartet hatte, stand Mister Johnson vor ihr. Weil es heute besonders kalt war, trug er einen dicken Wintermantel und Handschuhe, mit denen er seinen Aktenkoffer nicht gut halten konnte.
„Sie sind spät. Wir hatten bereits gestern einen Termin“, erinnerte Lindsay ihn und trat zur Seite.
„Ich halte mich nicht an Termine“, erklärte der Mann ihr, „So haben die Verdächtigen keine Möglichkeit, sich auf meine Besuche vorzubereiten.“
In Gedanken wiederholte Lindsay seine Worte und sie fragte sich, für wen er sich eigentlich hielt.
„Wer ist das?“, wollte Agatha wissen, als Lindsay den Mann in die Wohnung führte.
„Das ist Mister Johnson…“
„Von der Einwanderungsbehörde. Wir haben den Verdacht, dass die beiden eine Scheinehe eingehen werden, damit Miss Donner im Land bleiben kann….“, die Augen des Mannes glänzten, denn er war sicher, es gäbe mächtig Ärger, wenn die Familie davon erfuhr.
„Ihr wollt heiraten?“, fragte Connors Mutter und Agatha stand von ihrem Stuhl auf.
„Wenn mein Enkel heiraten möchte, dann besteht daran kein Zweifel. Ich glaube nicht, dass es sich um eine Scheinehe handelt“, verkündete die alte Lady. Dann begann sie auch noch zu lügen: „Wir kennen Lindsay schon so lange, dass es nahezu unmöglich ist, dass alles gelogen sein soll... Und wenn Sie uns nun entschuldigen, wir haben noch eine Hochzeit zu organisieren!“
„Aber, junge Lady. Zuerst muss ich mir die Wohnung ansehen“, Mister Johnson schaute sich die Zimmer an. Im Schlafzimmer öffnete er sogar den Schrank und Lindsay war erleichtert, dass einige Kleidungsstücke von ihr darin lagen. In der Küche sah er das Foto von Connor vor den Pyramiden. „Sie waren in Ägypten, Mister Doyle?“, fragte er, „Wo ist Ihre Freundin?“
„Sie hat das Bild aufgenommen“, antwortete Connor und Lindsay war erleichtert, als sie die Tür hinter Mister Johnson schließen konnte. Connor erwartete eine Beschwerde von seinen Eltern, da er befürchtete, sie hätten ihn und Lindsay durchschaut.
„Ich…. Ich sollte in meine eigene Wohnung gehen und dort noch einige Sachen holen“, Lindsay fand, das war die perfekte Ausrede. Sie würde nicht wiederkommen, solange Connors Familie noch hier war. „Du kannst nicht nach Hause gehen“, sagte Connors Großmutter und kam nun so schnell es ihr Gehstock zuließ, zu ihr, „Wir würden dich gerne etwas mehr kennen lernen“, Agatha führte sie zur Tisch zurück, „Schließlich bist du bald ein Teil unserer Familie.“
„Warum habt ihr uns nicht gesagt, dass ihr heiraten wollt?“, fragte April und sie klang verletzt, weil man ihr diese Information vorenthalten hatte.
„Wir… Wir dachten, ihr solltet euch erst einmal kennen lernen“, versuchte Connor sich zu entschuldigen. Er beobachtete, wie seine Eltern noch immer fassungslos am Tisch saßen. „Das wichtigste ist, dass ihr beide euch versteht“, sagte die alte Frau, „Und jetzt kommt. Wir müssen eine Hochzeit organisieren…. Wann wollt ihr denn heiraten?“
„Naja“, Lindsay sah unsicher zu Connor, „Eigentlich hatten wir einen Termin in vier Wochen ins Auge gefasst…“
„Ach, warum heiratet ihr nicht noch diese Woche?“, schlug Agatha vor, „Dann ist die ganze Familie in der Stadt.“ Agatha´ s Augen leuchteten. „Lasst uns gleich beim Standesamt anrufen… Und Lindsay: Hast du schon ein Kleid?“
Der Schreck, den Mister Johnsons Besuch ausgelöst hatte, saß ihr noch immer in den Gliedern und so brachte sie nur ein stummes Kopfschütteln zustande. Also beschloss Großmutter Agatha, dass sie heute noch ein Kleid kaufen müssten. Da Connor und Lindsay momentan Urlaub hatten, sollte das auch kein Problem sein.
Connor und sein Vater beobachteten, wie Agatha und April zur Tür gingen und Lindsay mit sich zogen. Als Agatha noch einmal ins Gästezimmer ging um ihre Handtasche zu holen, folgte Connor seiner Großmutter um ihr zu helfen. Er war froh, dass sie einen Moment alleine waren. „Großmutter, bist du dir im Klaren, dass du den Mann eben angelogen hast?“, fragte Connor.
„Warum? Heißt das es stimmt nicht, dass du sie liebst und ihr wollt tatsächlich eine Scheinehe eingehen?“
„Ich meinte eigentlich, dass du Lindsay nicht schon so lange kennst.“
„Das ist eure Sache und wenn du sie liebst, sollte euch auch die Einwanderungsbehörde nicht im Wege stehen“, Agatha lächelte und mithilfe ihres Gehstocks machte sie sich auf den Weg zur Tür.

Sie fanden ein Brautgeschäft in der Innenstadt und als Lindsay die schönen Kleider sah, kehrte das mulmige Gefühl in ihrer Magengegend zurück. Während April ein Kleid für sie aussuchte, musste Lindsay sich einen Moment setzen und so nahm sie neben Großmutter Agatha auch eine Ledercouch Platz. „Warum wohnt ihr noch immer in zwei verschiedenen Wohnungen?“, fragte Agatha.
„Keine Sorge, ich ziehe bald zu Connor. Meine Wohnung ist für uns beide zu klein“, schwindelte Lindsay, denn sie hatten gar nicht vor, zusammen zu ziehen.
„Du siehst blass aus, Liebes“, stellte die alte Frau fest, „Geht’s dir nicht gut?“
„Doch“, Lindsay nickte, „Es ist nur….“
„Bist du vielleicht schwanger?“, fragte sie und als Lindsay sie entsetzt anschaute fügte sie hinzu: „Nur so kann ich mir erklären, warum ihr beide so schnell heiraten wollt.“
„Nein, das ist nicht der Grund“, sie schüttelte den Kopf.
„Solltet ihr aber“, flüsterte Großmutter Agatha, „Ihr hättet hübsche Kinder.“
Lindsay schluckte und April fragte ihre Mutter, was sie gesagt hatte, denn sie hatte keine Ahnung, warum ihre zukünftige Schwiegertochter ein Gesicht machte, als ob sie einen Geist gesehen hätte. April reichte Lindsay ein Brautkleid und schickte sie in eine Umkleidekabine. Das Kleid anzuprobieren fühlte sich wie eine einzige Lüge an und der Tag machte ihr kein bisschen Spaß. Sie war unvorstellbar erleichtert, als sie das Geschäft verließen nachdem sie sich für ein Kleid entschieden hatte.

Bei der Shoppingtour mit April und Agatha hatte Lindsay sich zum Glück auch einen neuen Pyjama kaufen können. Connor besaß keinen Trockner und bei diesen Temperaturen würde ihr alter Flanellpyjama noch einige Tage brauchen, bis er trocken war. Darum hatte sie heute neue Sachen gekauft. Sie betrachtete sich im Spiegel. Sehr aufreizend war ihr neuer Pyjama nicht: Er bestand aus einem pinken Shirt und einer Hose, auf die Hello Kitty- Köpfe aufgedruckt waren. Also nichts, worin sie Connor besonders gut gefallen könnte. Sie dachte an den Kuss heute Morgen und sie wurde nervös. Sie fragte sich, warum sie sich so verhielt. Warum verwirrte sie diese Situation so sehr? Sie und Connor hatten abgemacht, dass alles ohne Probleme ablaufen würde. Lindsay hatte ja nicht ahnen können, dass sie sich in ihn verliebte und… Sie senkte den Kopf, als sie sich bewusst wurde, was sie eben zu Ende gedacht hatte. Bevor sie nun ins Schlafzimmer ging, kippte sie sich noch eine Ladung kaltes Wasser ins Gesicht.
Connor lag im Bett und las ein Buch. Er sah auf, als er sie bemerkte und musste sich ein Lächeln verkneifen.
„Was ist?“, fragte Lindsay, als sie sich auf ihren Teil der Decke setzte.
„Nichts“, antwortete er und ihr war klar, dass er sich über ihre Kleidung lustig machte. „Gestern Nacht hast du mir besser gefallen“, sagte er plötzlich.
„Du… Du weißt davon?!“
„Ja“, er legte das Buch weg und kroch unter die Decke. Er war müde und schlief sofort ein. Lindsay blieb noch lange wach und musste über den heutigen Tag nachdenken.

Übermorgen war Weihnachten. Dieser Gedanke ließ sie lächeln, als sie am nächsten Tag aufwachte. Es war das erste Mal seit dem Tod ihrer Eltern, dass sie die Feiertage wieder im Kreise einer Familie verbrachte. In diesem Moment dachte sie daran, dass alles nur eine Lüge war und sie bekam Kopfschmerzen.
Wie Lindsay feststellte, war Connor bereits aufgestanden und als sie sich ebenfalls aus dem Bett erhob, sah sie das Hochzeitskleid.  Darin sah sie wie eine Prinzessin aus, dachte sie und gleichzeitig hoffte sie, dass es Connor gefallen würde. Das Kleid war noch immer eingepackt in einen weisen  Wäschesack und ging am Schrank. Anscheinend hatte Connor seine Neugier zügeln können und hatte das Kleid nicht angeschaut. Vermutlich lag das daran, dass sie ohnehin nur vorhatten eine Scheinehe einzugehen, dachte sie. Aber sie musste auch zugeben, dass Connor seine Rolle hervorragend spielte.
Lindsay fand Connor auch nicht im Wohnzimmer vor und da sein Vater ebenfalls nicht hier war, vermutete sie, die Beiden unternahmen momentan etwas gemeinsam. Nur Großmutter Agatha saß auf der Couch und strickte einen kleinen, blauen Lappen. Als Agatha ein Geräusch hörte und Lindsay dann sah, versuchte sie, den Wolllappen hinter einem Sofakissen zu verstecken.
„Was machst du da, Großmutter?“, fragte Lindsay und setzte sich zu ihr auf die Couch.
„Ich habe gestrickt“, antwortete Agatha sichtlich nervös.
„Und was?“, sie bemerkte, dass die alte Dame nicht antworten wollte, „Ach, Großmutter! Nun lass dir doch nicht alles aus der Nase ziehen!“
„Also gut“, Agatha sah sich noch immer sehr nervös um und holte das blaue Wollstück schließlich hervor, „Das ist ein Pullover für euer Baby… Ihr wollt doch sicherlich Kinder, oder?“
„Ähm… Also… Wo ist April? Hast du sie heute schon gesehen?“, wollte sie stattdessen wissen.
„Sie hat den Müll rausgebracht.“
„Sehr schön“, Lindsay stand auf, „Ich helfe ihr.“ Sie war heilfroh, als sie die Wohnung verlassen konnte. Agatha hatte sie kalt erwischt und sie malte sich bereits jetzt aus, wie traurig die alte Großmutter sein würde, wenn sie von der Scheidung hörte. Lindsay eilte die Treppe hinunter und sah, wie April mit einer blonden Frau sprach. Die Frau war Sue und wieder saß ihr Hund neben ihr.
„…Es ist schön, Sie einmal wieder zu sehen“, sagte Sue zu April, „Jack und ich werden im Frühling heiraten.“ Lindsay lauschte, wie Sue ihrer zukünftigen Schwiegermutter erzählte, dass sie die Hochzeit bis ins Detail geplant hatte und dass es sehr romantisch werden sollte.
„Das freut mich sehr für dich“, sagte April, „Connor und Lindsay werden noch diese Woche heiraten. Es wird nicht so schön sein, wie eure Hochzeit, da bin ich mir sicher.“
„Sie mögen Lindsay doch, oder?“, fragte Sue, „Sie wirkt zumindest sehr nett.“ Lindsay war froh, dass Sue für sie Partei ergriff, obwohl sie sich nur einmal gesehen hatten.
„Das kommt alles nur sehr plötzlich….“, seufzte April, „Ich kann nicht fassen, dass sie übermorgen heiraten werden.“
Sue fand es ein wenig ungewöhnlich, aber gleichzeitig sehr romantisch, dass Connor und Lindsay am Weihnachtstag heiraten wollten. Lindsay hörte nun, wie April Sue und Jack zur Hochzeit einlud und da beide ohnehin gut mit Connor befreundet waren, sollte es ihr nichts ausmachen. Sie wusste nicht, warum sie Connor dann am Abend davon erzählte. Sie sagte ihn auch, dass sie befürchtete, April könne sie nicht leiden, aber Connor erklärte ihr, dass das ganz und gar nicht stimmte. „Meine Mutter mag dich sehr“, versicherte er ihr, „Es  gibt keinen Grund zur Sorge.“

Obwohl der nächste Tag der Abend vor Weihnachten war, erschien Jack am Abend vor Connors Wohnungstür um alle für eine Junggesellenparty abzuholen. April war so mit der Hochzeit beschäftigt, dass sie Jack und Sue zumindest die Planung für die Party überlassen hatte. Weil Sue keine einzige von Lindsays Freundinnen kannte, hatten sie und Jack beschlossen, für beide eine gemeinsame Party zu feiern. Lindsay fand den Gedanken jetzt schon peinlich, aber um die Illusion einer glücklichen Beziehung aufrecht zu erhalten, spielte sie mit.
Sie verbrachten den Abend in einer Bar und waren die letzten, die ihre Party v erließen: April und Doug waren um 22:00 Uhr nach Hause gegangen um Großmutter Agatha zu Bett zu bringen. Danach waren sie nicht wieder gekommen. Deshalb fuhren Connor und Lindsay alleine in einem Taxi nach Hause. Als sie vor der Wohnungstür standen, suchte Lindsay nach dem Ersatzschlüssel, den Connor ihr gegeben hatte. „Ich habe Angst, Connor“, gab sie schließlich zu, „Was ist, wenn unser Plan nicht klappt?“ Sie betraten die Wohnung und blieben hinter der geschlossenen Haustür stehen.
„Es wird klappen.“
„Ich habe ein schlechtes Gewissen.“
„Das hätte mein Text sein sollen. Aber du musst kein schlechtes Gewissen haben. Es war immerhin meine Idee“, grinste er und dann trat er einen Schritt auf sie zu, legte seine Hände um ihre Taille und ihren Nacken. So, wie vorgestern in der Küche, als sie sich zum ersten Mal geküsst hatten. Lindsay fragte sich, ob er sie noch einmal küssen würde. Schließlich stellte sie ihm eine Frage, die ihr schon seit gestern auf der Seele brannte: „Liebst du mich?“
Er war erstaunt über diese Frage, doch er zog sie näher an sich und flüsterte die Antwort in ihr Ohr.  Lindsay schloss die Augen, als sie es hörte, denn sie brauchte einen Moment. Connor trat einen Schritt zurück und öffnete seine Wohnungstür, sodass sie beide leise eintreten konnten. Wie sie feststellten, war auch der Rest der Familie bereits schlafen gegangen. „Ich bin auch ziemlich müde“, Lindsay versuchte, tapfer zu lächeln und als sie den dunklen Flur zum Schlafzimmer hinuntergehen wollte, hielt Connor sie zurück. Er zog sie erneut an sich und bevor sie protestieren konnte, küsste er sie. Sie schlichen gemeinsam zu seinem Schlafzimmer und als sie die Tür hinter sich geschlossen hatten, halfen sie sich gegenseitig aus ihrer Kleidung. Irgendwann landeten sie beide auf dem Bett und Lindsay lachte leise, als seine Hände über ihren Körper huschten. „Ich liebe dich“, murmelte sie während er sie leidenschaftlich küsste.
„Ich dich auch…. Oh Gott, diese bescheuerte Idee mit der Scheinehe war die beste Idee die ich jemals hatte“, er lächelte, aber dann konzentrierte er sich wieder auf die verführerisch schöne Frau, die vor ihm in seinem Bett lag.

Lindsay lag in der Nacht noch lange wach. Sie genoss seinen kühlen Atem, der sie ihm Nacken streifte und seine feste Umarmung. So, als wollte er sie nie wieder loslassen. „Connor?“, fragte sie und drehte sich nach ihm um. Er streckte sich müde. „Was ist denn?“, fragte er und schlang seine Arme fester um sie. Sie zögerte einen Moment. „Diese kleine Lüge wurde in den letzten Stunden ziemlich ernst“, murmelte sie.
„Ist das etwa ein Problem für dich?“, fragte er, „Also für mich nicht.“
„Das ist schön“, erst jetzt nahm sie wahr, dass sie seine Hand die ganze Zeit über streichelte, „Aber wir kennen uns doch gar nicht gut genug um zu heiraten…. Ich meine….“
„Ich kenne dich“, sagte er, „Du hasst, wenn jemand den Toilettendeckel offen stehen lässt. Du verabscheust Kartoffeln und jedes Mal, wenn du wütend bist, zuckt dein linkes Augenlid.“
„Ja, aber ist das genug?“
„Ich sehe das ganze längst nicht mehr als Vorbereitung für eine Scheinehe“, er überlegte für einen Moment, ob er ihr dies hätte sagen sollen und als sie sich näher an ihn schmiegte, wusste er, dass es richtig war.

Der nächste Tag war ihre Hochzeit und gleich in den Morgenstunden stürmte April in ihr Zimmer um sie aufzuwecken. Lindsay fand es unerhört, dass April einfach so hereinplatzte und wickelte sich in die Bettdecke. „Oh, keine Sorge, Schätzchen“, sagte April zu ihr, „Alles, was du hast, habe ich schon einmal gesehen…. Und nun komm, wir haben einen Termin beim Friseur…. Es ist ein Wunder, dass Großmutter Agatha schon so früh wach ist.“
Lindsay fühlte sich wie eine Kuh auf dem Weg zum Schlachthof, als April sie zum Friseur brachte. Dabei sollte sie sich so nicht fühlen. Sie hatte Angst. Es lag nicht einmal an Connor. Er hatte ihr letzte Nacht erklärt, dass er sie liebte und dass es für ihn keine Scheinehe war. Aber was war, wenn ihr Plan schiefging? Wenn…?
„Du musst jetzt dein Kleid anziehen“, sagte April, nachdem ihre Frisur fertig war. Sie half Lindsay beim Anziehen und anschließend fuhren sie aufs städtische Standesamt. Lindsay atmete auf, als sie Connor, seinen Vater und Jack und Sue sah. Er war also doch gekommen und hatte es sich nicht in letzter Sekunde anders überlegt. Connor kam zu ihr und zog sie an sich. „Du siehst wunderschön aus“, erklärte er ihr und wollte sie küssen, aber Großmutter Agatha hielt ihn mit ihrem Gehstock auf.
„Damit musst du noch eine halbe Stunde warten.“
„Also schön“, gab Connor nach und beobachtete, wie seine Mutter und seine Großmutter sich zu seinem Vater gesellten und sie eine Weile alleine ließen. „Connor, sind wir wirklich bereit dazu?“, fragte sie noch einmal, „Was ist, wenn wir feststellen, dass wir nicht miteinander zurecht kommen?“
Er verstand, dass sie nervös war. „Wir sind bereit… Und wir werden miteinander klar kommen. Für mich ist das längst mehr als eine Scheinehe, das habe ich dir schon einmal gesagt. Ich liebe dich wirklich.“ Er wollte sie küssen und lehnte sich zu ihr.
„Das war ein Geständnis!“, rief nun eine Stimme und Connor sah auf. Er entdeckte Mister Johnson, der ihr Gespräch offensichtlich belauscht hatte. Lindsays Herz wurde schwer und sie wollte Connor fragen, was sie nun tun sollten. „Sie haben gar nichts gehört“, wiedersprach er.
„Ich weiß genau, was ich gehört habe“, Mister Johnson klang siegessicher, „Ich bin gespannt, was meine Vorgesetzten zu Ihrem Schauspiel sagen. Das war heute Ihr letzter Tag in Kanada, Miss Donner! Das wird Konsequenzen haben!“ Als er das sagte, traten Tränen in Lindsays Augen. Sie spürte wie Connor nach ihrer Hand griff und sie sanft mit sich die Treppen hinaufzog. Er würde sie heiraten und daran konnte auch dieser Mister Johnson nichts ändern.

Ein Jahr später arbeitete Mister Johnson noch immer bei der Einwanderungsbehörde.
Es war ein kalter Nachmittag im Dezember, als er eine Straße entlang ging, die ihm verdächtig bekannt vorkam, und zwei Frauen entdeckte, die sich mit einem Umzugskarton abmühten. „Der Karton ist ziemlich schwer. Was ist da drin? Steine?“, fragte eine Frau. Sie ließ den Karton anschließend auf den Boden sinken und richtete sich auf. Sie presste ihre Hände gegen ihren schmerzenden Rücken. Ihr dicker Bauch trat so noch mehr hervor. „Warten Sie, ich helfe Ihnen“, bot Mister Johnson an und bückte sich nachdem Karton.
„Sie?!“, kam es gleichzeitig von Sue und Lindsay. Die beiden waren im vergangenen Jahr gute Freunde geworden und Sue beobachtete manchmal, wie Lindsay reagierte, wenn ein Brief von der Behörde eintraf. Irgendwann hatte die Einwanderungsbehörde den Vorwurf der Scheinehe jedoch zurückgezogen und sie in Ruhe gelassen.
„Kennen wir uns?“, fragte er und Lindsay konnte nicht glauben, dass er sie nicht erkannte. Ihre Haare waren seit dem letzten Jahr etwas länger geworden und sie war schwanger, aber sonst hatte sie sich nicht verändert. Mister Johnson prüfte nun auch die ebenfalls schwangere Sue und versuchte verzweifelt, sich an ihren Namen zu erinnern. Schließlich beschloss er, die Situation zu überspielen.
„Ist das etwa Ihre neue gemeinsame Wohnung?“, fragte er, „Wissen Sie, Trennungen sind nicht schön….“
„Wer sagt denn hier etwas von Trennung? Wir wohnen schon immer hier“, schaltete sich nun eine weitere Stimme ein und Lindsay war erleichtert, als Connor auftauchte, Mister Johnson den Karton mit den Babyutensilien abnahm und ihn dann in ihre Wohnung trug. Sie folgte ihm und Lindsay sah in Mister Johnsons Augen, dass er sich langsam zu erinnern schien, wer sie war.
„Sehen Sie, Mister Johnson, mein Mann und ich sind glücklich, wir sind verliebt und wir bekommen ein Baby“, sie legte nun ihre Hände auf ihren dicken Bauch, „Und das ist garantiert kein Schauspiel…. Einen schönen Tag noch.“

Fin
 
 
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