Allein gegen die Zeit - Fluch der Stille

von Kitty11
GeschichteKrimi, Thriller / P12
Ben Brehmer Cenk Delikaya Jonas Stürmer Leonora "Leo" Largareta Özgür "Özzi" Delikaya Sophie Kellermann
21.12.2012
09.12.2013
15
22004
1
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Stille hüllte sie ein. Wo war sie? Warum roch es nach verbranntem Haar? Warum war es so kalt?
Sie zitterte, versuchte fröstelnd die Arme um sich zu schlingen, versuchte die restliche Wärme nicht zu verlieren. Doch es ging nicht. Sie konnte ihre Arme nicht bewegen. Es war, als hielte sie eine unsichtbare Kraft zurück. Sie zerrte und drückte, versuchte alles Mögliche. Vergeblich.
Sie wollte schreien, jemanden fragen, was los war. Doch etwas hielt auch ihre Stimme zurück. Nichts Äußerliches, etwas in ihr drinnen. Es sagte ihr, dass sie keinen Laut von sich geben durfte.
Das Mädchen kämpfte dagegen an, brachte sogar ein paar gequälte Laute heraus. Doch richtige Worte blieben ihr verweigert.
Tränen liefen ihr über das Gesicht. Sie konnte sich an nichts erinnern, kein bisschen. Eine Leere herrschte in ihrem Kopf, ein wahres Vakuum an Gedanken. Wo zum Teufel war sie, was machte sie hier? Wieso konnte sie sich nicht rühren, nicht sprechen?  
Aber vor allem … was war geschehen?

~

„Özzy, Alter. Steh auf, da ist Telefon für dich.“ Jemand zog ihm unsanft die Bettdecke weg, er versuchte sich zu wehren. Was jedoch ziemlich schwierig war, wenn man noch im Halbschlaf ist.
„Man, kann man noch nicht mal in den Ferien ausschlafen?“, brummte der türkische Junge und drehte sich auf die andere Seite. „Jetzt ist mir kalt.“
„Du sollst ja auch aufstehen.“ Mit einem Stöhnen setzte sich Özzy auf und blinzelte seinem Bruder Cenk entgegen, der ihm grinsend das Telefon entgegenstreckte.
„Für dich, Bruder.“ Brummend griff er nach dem Hörer, warf dem Älteren einen vernichtenden Blick zu und wandte sich ab.
„Hallo?“ Wer würde ihn am Weihnachtstag in aller Herrgottsfrühe stören?
„Hey, hier ist Ben.“, hörte er die gut gelaunte Stimme seines Freundes am anderen Ende der Leitung.
„Alter, weißt du wie spät es ist?“, murrte er trocken.
„Klar, acht Uhr. Ich hab ja 'ne Armbanduhr. Ich wollte auch nur Bescheid sagen, dass wir uns schon  gegen halb neun bei Leo treffen, bevor alle wieder keine Zeit haben.“ Er lachte.
„Gegen halb neun?!“, rief Özzy entsetzt. „Ich bin ja noch nicht mal richtig angezogen!“ Geschweige denn überhaupt schon richtig wach, fügte er innerlich hinzu. Aber das wusste Ben vermutlich schon.
„Sicher, das ist früh. Aber was soll man machen, wenn die eigene Freundin kurzfristig noch zur Weihnachtsfeier ihres Teakwondo-Vereins muss. Du weißt, wie wichtig ihr unser gemeinsames Treffen ist. Besonders seit … du weißt schon.“ Özzy nickte leicht. Mit Schaudern dachte er an den Tag vor ein paar Wochen, als Kidnapper Bens Freundin entführt und in einem unterirdischen Labyrinth festgehalten haben. Wie viel Kraft hatte es die Freunde gekostet, nicht den Mut und das Vertrauen ineinander zu verlieren. War es wirklich schon wieder fast einen Monat her?
„Ist klar. Bin schon fast auf dem Weg.“ Özzy räusperte sich.
„Gut, dann bis gleich.“ Sie verabschiedeten sich, dann legte er auf. Für einen kurzen Moment starrte er auf den Hörer in seiner Hand, dann sah er auf die Uhr. Eine halbe Stunde, das war im Prinzip gar nichts! Mal davon abgesehen, dass er auch noch eine Viertelstunde zu Leos gemütlichen Haus am Stadtrand Berlins fahren musste.
„Mist, das schaffe ich nie!“, rief Özzy aus, hechtete in die Küche, in der sein Bruder gerade den Leserbriefteil durchstalkte, und legte das Telefon auf die Theke.
„Warum rennst du denn wie ein Irrer durchs Haus, man? Gehst du gleich wieder zu deiner Sophie?“
Cenk schenkte ihm ein spöttisches Lächeln. Seit er nach Leos Entführung mit dem zwei Jahre jüngeren Mädchen zusammengekommen war, nahm ihn sein Bruder ständig auf die Schippe, von wegen, dass er „endlich eine gefunden hätte, die ihn so mag, wie er ist“.
Aber ja, er würde gleich „seine“ Sophie wiedersehen. Und er freute sich darauf. Er hatte sie seit dem letzten Schultag vor ein paar Tagen nicht mehr gesehen. Zu viel Stress, zu wenig Zeit. Doch in knapp dreißig Minuten konnte er sie wieder in seine Arme schließen … Wie kitschig das klang, fand er und musste selber ein bisschen grinsen. Aber es war das schönste Gefühl überhaupt, egal was andere dachten oder sagten.
Wie in Zeitraffer und ungewohnt schnell für einen Morgenmuffel wie ihn zog er sich an, aß in Eiltempo seine Cornflakes und schaffte es sogar noch einen kurzen Blick auf das Wetter heute in der Zeitung zu werfen. Sonnig, nachher wieder Neuschnee. Perfekt für ein frühes Treffen mit seinen Freunden, die letzten Stunden vor dem Weihnachtsabend.
„Ich geh dann mal.“, verabschiedete Özzy sich, winkte seinem Bruder kurz zu und hetzte in den Flur. Er hörte noch, dass er seine Freunde und besonders Sophie „ganz gechillt mal grüßen“ sollte, dann flog die Tür auch schon hinter ihm zu und er lief durch das Treppenhaus nach draußen. Er wollte um keinen Preis zu spät kommen; Leo legte Wert auf Pünktlichkeit, das wusste er. Die Bahnfahrt schien ewig zu dauern, doch dann stand er endlich vor Leos Haus. Es war ein kleines, altmodisch gebautes Einfamilienhaus, das auf den ersten Blick nicht viel hermachte. Doch auf den zweiten Blick war es das Gemütlichste, was Özzy je gesehen hatte. Er war gerne hier, auch wenn er es nicht zugab.
„Alter!“ Eine Hand, die freundschaftlich auf seine Schulter schlug, holte ihn aus seinen Gedanken. „Jonas! Hey, na?“ Ertappt grinste er seinen Freund an. Der blonde Junge überragte ihn mindestens einen Kopf, so dass er seinen ein wenig in den Nacken legen musste, um ihm ins Gesicht zu sehen.
„Man, du bist ja mal pünktlich. Wie kommt´s?“ Jonas lachte, während Özzy nur die Schultern zuckte und verschwörerisch zwinkerte.
In diesem Moment öffnete sich die Haustür und Leos dunkler Lockenkopf sah ihnen lächelnd entgegen.
„Hey, Leute! Kommt rein, ihr müsst ja komplett durchgefroren sein.“ Nein, nicht wirklich, dachte Özzy, nahm aber trotzdem gerne die Einladung nach drinnen an. Er fragte sich ob Sophie schon da war. Lächelnd betrat er das warme Haus, erwartungsvoll, voller Vorfreude. Sein Lächeln verschwand aber wieder etwas, als er sah, dass er eher da war als sie. Schon merkwürdig, vor allem, da sie normalerweise die Pünktlichkeit in Person war. Besonders an Tagen wie diesen.
Leo ließ die Freunde im Wohnzimmer Platz nehmen.
„Wollt ihr was trinken?“, fragte sie und schwenkte eine Kanne, aus der es verführerisch nach Kakao duftete. Da sagte keiner nein.
Sie unterhielten sich über alles mögliche, obwohl sie sich erst vor ein paar Tagen gesehen hatten. Ben hielt Leo fest im Arm und lachte, wenn sie lachte. Jonas saß ihnen gegenüber, lachte mit. Doch es kam etwas zurückhaltend herüber. Kein Wunder. Das Jonas Leo auf irgendeine Art immer noch sehr gern hatte, war allen klar, sobald sie beobachteten, wie er sie ansah. Liebe kann wehtun. Aber auch schön sein. Mit einem Seufzen dachte Özzy wieder an sie.
Ihr dunkles Haar, das ihn bei den Umarmungen kitzelte. Ihre sanften braunen Augen, mit denen sie ihn immer so lieb ansah. Sophie … Özzy hätte nie gedacht, dass es zwischen ihnen mal funken würde. Vor allem, da er bis vor kurzen unsterblich in Jacky, ein Mädchen aus dem Jahrgang über ihm, verliebt war. Bis sie dann deutlich gemacht hat, dass sie nichts von ihm wollte sondern Jonas verehrte, was die beiden Freunde mehr als einmal zu Streitereien getrieben hat.
„Weiß jemand was von Sophie?“, wurde er plötzlich von Leo aus den Gedanken gerissen. „Özzy, du vielleicht?“
Er schüttelte den Kopf. „Nein, wir haben uns seit dem letzten Tag nicht mehr gesehen.“
„Komisch, es ist schon kurz vor neun. Sie weißt doch, dass wir uns treffen wollten.“
„Vielleicht bringt sie ihren Hund mit, ihr wisst doch, wie ungern der Bahn fährt.“, versuchte Jonas zu scherzen, merkte aber schnell, dass der Witz nicht wirklich gut ankam. Klar, er begann sich auch langsam Sorgen zu machen, aber hey. Es war immerhin Sophie, auch wenn sie jünger war als die anderen. Sie konnte von ihnen am besten auf sich aufpassen, denn sie war klug. Ihr würde nichts zustoßen. Niemals. Oder etwa doch …?