Sturmtruppen in der ersten Linie

GeschichteAbenteuer, Sci-Fi / P16
17.12.2012
22.01.2013
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1.
Harrad war ein alter, bärtiger Mann mit einem ehrenvoll ergrauten Vollbart und wallendem grauweißen Haupthaar, das ihm den Spitznamen Hoth eingebracht hatte. Nur die Öden der Eiswelt waren mit seinem Haar vergleichbar. Zwischen dem Bart und dem Schopf blitzte gut gebräunte Haut hervor, dominiert von einem Zinken von einer Nase und zwei klugen braunen Augen, die unter ihren schwarzen Brauen hervorstachen. Übrigens die einzige Körperbehaarung des Mannes, die noch seine alte Haarfarbe hatte. Zumindest soweit Jaava das wusste. Und ins Detail gehen wollte er bestimmt nicht.
Der alte Mann lachte laut und rau, als er Hus zum Abschied die Hand gab. "Also, pass auf dich auf und lass dich nicht erschießen. Mos Eisley ist ein raues Pflaster."
"Ich werde mir Mühe geben", erwiderte der Sturmtruppler mit der Ergebenheit eines Mannes, der die Abschiedsgrüße seines Opas über sich ergehen lassen musste.
"Hast du keine Waffe, Kleiner?", brummte der alte Raumbär.
"Doch." Hus deutete auf die Schwebepalette mit seinem Gepäck. "Ist in der Kiste." Mit dem anderen Rest. Beinahe hätte er es gesagt. Verdammt, auf die letzten Meter zu stolpern wäre dumm gewesen.
"Und wie lange brauchst du, um sie da rauszuholen? Das geht so nicht. Let'vil?"
Der Twi'lek wandte sich wissend um und verschwand kurz im Laufgang des Frachters. Als er wiederkam, trug er einen braunen Holster aus Leder-Imitat mit sich. Jaava erkannte die Waffe, die  drin steckte, als uraltes DL-44-Modell wieder. Aber es war eine corellianische Waffe. "Bin ja schon da."
Bevor Jaava protestieren konnte, hatte der alte Twi'lek ihm den Gürtel des Holsters umgeschnallt. "Papperlapapp", wehrte er alle Einwände des Corellianers ab. "Wer nach Mos Eisley geht, sollte eine Waffe bei sich tragen, und wenn es geht, sollte sie auch feuern können. Das ist eine Alte von mir. Ich habe sie gestern aufpoliert und ein neues Magazin geladen. Sie wird dir so gute Dienste leisten wie mir. Versprochen. Nimm sie als Geschenk."
"Aber das kann ich nicht annehmen", beschwerte sich Hus. Eventuell war die Waffe Schmuggelware, oder Teil aus einem Diebstahl. Wenn er damit bei seinem neuen Vorgesetzten auftauchte, hatte er vermutlich einen noch schlechteren Start. Falls das überhaupt möglich war.
Der alte Twi'lek sah ihn ernst an. Sehr ernst. Sehr, sehr ernst. "Glaub mir, Jaava, ohne Waffe wirst du hier ganz schnell abgefrühstückt. Die Leute auf der Straße erkennen ein Greenhorn, und unter ihnen sind solche, die versuchen werden, dich auszunehmen. Dann hilft nur ein schneller Blaster. Du kannst doch mit dem Blaster umgehen?"
"I-ich habe ein paarmal damit geschossen, ja." Was eine kleine Untertreibung war. Falls sein Report nicht gelöscht war, sollte er an der Akademie im Unterrichtsfach Blasterschießen noch immer Rang sieben auf der Liste der ewigen Besten einnehmen. Allerdings hatte das Fach kein schnelles Ziehen umfasst.
"Na also. Außerdem steht dir das alte Mädchen großartig." Let'vil strahlte nun vor Freude.
Harrad Sul hingegen schien immer schlechtere Laune zu bekommen. "Am besten", sagte er, "gehst du noch hier im Raumhafen zur Gleitervermietung, lädtst dein Gepäck um und fährst, ohne dich rumzutreiben, direkt in dein neues Zuhause. Rede mit niemandem! Vertraue niemandem! Und sieh am besten keinen an, und sieh ihnen schon gar nicht in die Augen!"
"Aber wenn sie mit dem Schwanz wedeln, darf ich sie streicheln?", scherzte Hus.
"Junge, ich meine es nur gut mit dir", tadelte der alte Raumfahrer.
"Ich weiß, ich weiß. Aber erstens bin ich nicht ganz so grün, wie Ihr zwei denkt. Und zweitens werde ich abgeholt. Hoffe ich."
"Hier, mein Junge", sagte Lit'vek und hielt dem Corellianer einen Zettel hin. "Für den Fall der Fälle. Das ist die Kontaktadresse meiner Großnichte. Sie kann dir bei allem helfen, was dir hier Probleme macht. Sie ist Importeurin und kennt in Mos Eisley so gut wie jeden. Sie kann uns auch kontaktieren, wenn dir das Ende der Galaxis plötzlich sympathisch erscheinen sollte."
Jaava Hus hüstelte verlegen und brummte ein Danke, als er nach dem Zettel griff und ihn verstaute. Anschließend griff er nach der Schleppleine der Antigrav-Palette, die er vom Raumhafen gemietet hatte. "Ich gehe dann mal. Passt auf euch auf. Und handelt euch keinen Stress mit den Imps ein."
"Handel DU dir keinen Stress mit den Imps ein!", rief Lit'vek ihm nach.
Harrads Blick, mit dem er den jungen Mann bis zum Tor verfolgte, wurde hingegen immer missmutiger.
Na, das konnte ja was werden. Tatooine, er war da. Und was jetzt?
***
Die beiden Frachtfahrer griffen unwillkürlich nach der Hand des anderen, als sich der junge Mann entfernte. Zärtlich drückte Harrad ein wenig zu, und der Twi'lek erwiderte den vertrauensvollen Druck. "Es ist ein wenig so, als würde ich meinen Sohn zum Militär schicken", seufzte Harrad. "Sonst gewöhne ich mich nicht so schnell an neue Leute, aber Jaava wird uns noch lange bewegen, denke ich."
"Weil er ein Sturmtruppler ist?", fragte Lit'vek.
"Nein, weil er ein Corellianer aus einem Clan ist, der mit uns Sul sehr gut befreundet ist. Ich wäre fast vom Glauben abgefallen, als ich in seiner Kiste die Rüstung entdeckt habe."
"Davon habe ich nicht viel gemerkt. Und das, obwohl du Imperiale überhaupt nicht magst", stichelte der andere.
"Es ist nicht so, dass ich sie nicht mag", korrigierte Sul, "ich hasse sie. Aber das ist nichts, was zwischen uns Corellianern stehen sollte. Egal, ob wir Imperiale werden, uns der Rebellion anschließen, oder ehrbaren Berufen nachgehen, wie wir beide...", vertraulich zwinkerte er dem Kampfgefährten zu, "wir bleiben Corellianer. Eine einzige, große Familie. Unser wichtigster und größter Rückhalt in diesen verrückten Zeiten. Und auch wenn Jaava in meinen Augen in die falsche Richtung geht - die Galaxis wird nun ein wenig sicherer, weil da ein Imp mit Verstand ist."
"Das hast du schön gesagt. Aber wird er mit Tatooine fertig werden?"
"Das ist die falsche Frage, alte Blauhaut", knurrte Sul. "Die Frage ist: Wird Tatooine mit ihm fertig werden? Immerhin ist er ein Hus."
Lit'vek lachte. "Ich bin sicher, er und Tatooine werden sich umkreisen, beschnuppern, sich gegenseitig ablecken und dann friedlich koexistieren."
"Das ist es, was ich an dir mag", seufzte Harrad. "Du bist so ein großer Träumer. Überwache die Entladung der normalen Fracht, bitte. Ich muss eine Nachricht an seinen Vater aufsetzen, dass der kleine Narr es zumindest bis hierhin geschafft hat."
"Harrad? Was hat er eigentlich angestellt, um aus der Offiziersakademie zu fliegen und bei den Sturmtruppen zu landen?"
Der Corellianer lachte rau. "Soweit ich weiß, hat er auf einen Moff geschossen."
"Und dafür stecken sie ihn zu den Fußtruppen?"
Harrad lachte erneut. "Ja, weil er nicht getroffen hat."
Nun fiel auch der Twi'lek ein. Sie ließen einander' Hände los und machten sich an ihre Arbeiten.
***
Bereits das Hafengebäude war ein unübersichtliches Gewusel. Zwar machten die Menschen und Nichtmenschen dem groß gewachsenen Hus Platz, sobald er mit seiner Schwebepalette heran war, und der Blaster an seiner Seite war eine deutliche Drohung, sich nicht zu sehr für sein Gepäck zu interessieren, aber irgendwie schafften sie es, direkt vor ihm eine undurchdringliche Mauer aus Leibern zu bilden. Verdammt, vielleicht sollte er einfach auf die Antigrav-Palette steigen, sie höher regeln und über den Köpfen der Masse hinweg fliegen. Und da hatte er gedacht, die Einreiseformalitäten wären zeitraubend gewesen.
"Na, neu auf Tatooine, Grünschnabel?", klang eine Stimme irgendwo links von ihm auf.
Jaava wusste sofort, dass die Stimme ihn gemeint hatte. Langsam wandte er sich dem Besitzer der Stimme zu. "Wer will das wissen?"
Der Besitzer, oder vielmehr die Besitzerin, schürzte ihre violett geschminkten Lippen zu einem Lächeln, während sie an der Wand lehnte, einen ihrer schafthohen Stiefel dagegen gestemmt und die Arme lässig vor ihrer ebenfalls violetten Pilotenjacke verschränkt. Dazu trug sie eine schwarze Hose und ein schwarzes, gut ausgeschnittenes Oberteil, das ihre Oberweite prächtig betonte. An ihren Ohren hingen glitzernde Kristalle aus silbernen Syntho-Diamanten, die gut zu ihrem ebenfalls violetten Kurzhaarschnitt passte. Billiger Modeschmuck, aber an ihr machte er was her. Mindestens ebensoviel wie die Power 5-Blasterpistole, die an ihrer linken Hüfte in einem Holster baumelte und verriet, dass sie Linkshänderin war.
"Jemand mit einem Gleiter mit genügend Platz für dein Gepäck." Sie stieß sich von der Wand ab. "Tyra Cloudbreaker. Tyra für dich, wenn du Jaava Hus bist."
"Und was ist, wenn ich Jaava Hus bin?"
"Dann wird der Gleiter, den ich eben erwähnt habe, dich nach Bestine bringen."
Hus zog beide Augenbrauen hoch. "Und dafür schicken sie mir..."
"Was? Eine Frau? Hast du Vorurteile gegen mein Geschlecht?"
"Eine Schönheit, wollte ich sagen."
Sie seufzte vom Grunde ihres Herzens. "Uuuh, ich verfalle dir gleich, Grünschnabel."
"Nur kein Sarkasmus. Ich war lediglich ehrlich. Tyra also? Ja, ich bin Jaava Hus."
"Freut mich wirklich." Sie lächelte ein mehr als falsches Lächeln, als sie ihm die Rechte hinhielt. Kaum hatte Hus diese ergriffen, zog sie noch immer lächelnd mit links ihren Blaster und richtete ihn auf die breite Brust des Corellianers. "Du bist eindeutig zu vertrauensselig, Jaava", tadelte sie, die Abstrahlmündung auf seinen Brustkorb gepresst. "Sieh es als erste Lektion an, wenn du hier überleben willst."
"Findest du wirklich?", fragte Hus und öffnete die linke Hand. Dort thronte der kleine Ball eines Thermaldetonators, dessen Zündvorrichtung hektisch blinkte.
Ihr Lächeln erstarb. Sie nahm die Waffe zurück und steckte sie weg. "Was hat mich verraten?"
Hus deaktivierte den Detonator und verstaute ihn in seiner Jacke. "Du bist Rechtshänderin. Du hattest die Arme so ineinander verschränkt, dass dein rechter Arm als Erster wieder handlungsfähig sein würde, aber dein Blaster hängt links. Mir war klar, dass du etwas vorhattest, nachdem du meinen rechten Arm aus dem Spiel genommen hattest."
"Uuh, Tatooine, fürchte dich. Ein Genie ist zu uns herabgestiegen."
Hus ging auf ihre Stichelei nicht weiter ein. "Wie geht es weiter?"
"Nun, wir steigen auf deine Antigrav-Palette, erhöhen den Vektor, sodass wir über die Leute hinweg fliegen können und packen deine Sachen in meinen Gleiter. Und anschließend... Nun, du hast meinen Test bestanden. Du bist kein komplettes Desaster, auf das ich aufpassen muss. Daher erlaube ich mir, dich für ein paar Drinks auf meine Kosten in Chalmuns Cantina einzuladen, dem besten Laden in dieser durch und durch verkommenen Stadt."
"Haben wir die Zeit dafür?"
"Hast du es so verdammt eilig, zu deinem Dienst auf diesem Staubball zu erscheinen?", konterte sie.
Als Hus nichts darauf antwortete, zuckte sie mit den Schultern. "Der Captain hat gesagt, dass du dich morgen früh melden sollst. Wir haben quasi den ganzen Abend Zeit, Rückflug nach Bestine eingerechnet."
Hus überdachte seine Optionen. Was den Ausschlag gab, war die Tatsache, dass Tyra eventuell seine neue Firesquad-Anführerin war. Und Anführern widersprach man besser nicht, wenn es sich einrichten ließ.
"Ich bin der Neue hier. Wir gehen so vor, wie du es für richtig hältst, Tyra."
"Das freut mich zu hören."
"Und du kannst jetzt meine Hand loslassen."
"Oh, keine Sorge, ich bin nicht vergesslich, oder so. Ich wollte dir nur ein wenig länger das Vergnügen gönnen, mich zu berühren. Sehr viel mehr wird es jedenfalls nicht werden."
"Oh. Wetten, das?"
Abrupt ließ sie seine Hand los. "Du hast gerade alle Neulings-, und Sympathiepunkte verspielt, Hus."
Er stieg auf die Palette und reichte ihr erneut die Hand, um ihr beim Aufsteigen zu helfen. Sie griff automatisch zu. "Siehst du?", schmunzelte der Corellianer.
Für einen Moment war Tyra verblüfft. Dann sagte sie bockig: "Jaava, niemand mag Klugscheißer. Und auf Tatooine erst Recht nicht."
"Dann hat Tatooine mit mir ein Problem." Er sollte Recht behalten.
***
So großspurig, wie Cloudbreaker die Cantina betrat, hätte man meinen können, der Laden gehöre ihr.
"Hey, Tyra, das Übliche?", rief der Barkeeper, kaum das er sie erkannt hatte.
"Das Übliche, Drik, und Reaktorkerne, beides für zwei. Ist mein Platz frei?"
"Natürlich, mein Schatz." Der Barkeeper zwinkerte ihr vertraulich zu.
Tatsächlich, der Laden gehörte ihr. Die anderen Gäste wichen ihr weiträumig aus und nicht wenige begrüßten sie freundlich.
"Und was hast du mit Tyra zu schaffen?", fragte ihn ein übelgelaunter Rodianer in seiner Heimatsprache, während er sich ihm halb in den Weg stellte.
"Lass ihn in Ruhe, Turro. Er ist mein Cousin von Corellia."
"Aber du kommst doch von Coruscant", warf der Grünhäutige ein. Dabei wippten sowohl seine vorspringende Schnauze als auch seine hart abstehenden Kopftentakel aufgeregt.
"Kann ich was für die Schwester meiner Mutter? Aber süß, wie du mich beschützen willst."
"I-ich... Ich will..." Er räusperte sich. "Gut, wenn du zur Familie gehörst, geht das ja in Ordnung." Der Rodianer trat beiseite und ließ ihn passieren.
Ein paar der anderen Gäste lachten bei dieser Szene. "Kannst ja froh sein, dass er nicht wie der alte Sack neulich plötzlich ein Lichtschwert in der Hand hatte, was, Turro?", lachte einer.

Die Antwort konnte Hus schon nicht mehr vernehmen. Er war Cloudbreaker in ein Hinterzimmer gefolgt, das sich als lauschige Ecke mit eigenem Balkon herausstellte. Sie trat auf den Balkon hinaus und setzte sich an den einzigen Tisch. "VIPs nur", erklärte sie und deutete auf den Stuhl ihr gegenüber. "Nicht mal Jabba kommt hier raus. Und der Imperator eventuell, wenn er seinen Papa mitbringt, der für ihn bürgt."
Hus nahm Platz. "So exklusiv?"
"So exklusiv", sagte sie nickend. "Fünfzig Prozent des Ladens gehören mir. Meine Altersversorgung, du verstehst? Für den Fall, dass ich von der Dreckswelt nie wieder runterkomme."
Der Barkeeper kam, zwei große Krüge Ale transportierend, dazu zwei Gläser mit brauner Flüssigkeit, die umso stärker roch, je näher er dem Tisch kam.
"Tyra, es sind ein Huttenspion und einer aus den Jargo-Kartell im Gastraum. Ich würde drinnen nicht über Imp-Angelegenheiten reden, du verstehst?"
"Ist in Ordnung, Drik. Wir bleiben hier draußen. Schalte bitte die Abschirmung ein."
"Schon klar. Mache ich, wenn ich reingehe." Der Barkeeper öffnete einen großen Sonnenschirm und stellte ihn so hin, dass Cloudbreaker von der direkten Sonne geschützt war, Hus jedoch nicht.
"Ähemm." Amüsiert, aber anklagend blickte sie Drik an.
Der Barkeeper murmelte eine Entschuldigung und justierte den Schirm nach, sodass er auch Hus von den Doppelsonnen Tatooines beschützte.
Als er gegangen war, lächelte Cloudbreaker entschuldigend. "Das musst du verzeihen. Über die Hälfte der männlichen Spezies in diesem Laden ist in mich verliebt. Und ein Großteil der weiblichen Gäste auch. Wie du schon sagtest, ich bin eine Schönheit. Und ich weiß, wie ich mir Freunde mache."
"Das ist dein Bier. Für mich ist das erst interessant, wenn es den Dienst betrifft", sagte Hus. "Was ist das für ein Zeug?"
"Was denn, du kennst Reaktorkerne nicht?" Sie lächelte, und es war durchaus kein unfreundliches Lächeln. "Das Zeug schmeckt furchtbar, aber es ist wie, nun, nicht ganz so flüssiges Bacta. Es schützt vor Vergiftungen, und das sogar ziemlich gut. Vor den meisten Einsätzen kippen wir einen oder zwei, nur um auf Nummer sicher zu gehen. Ich trinke grundsätzlich einen, wenn ich in die Cantina komme. Nur für den Fall, dass einer der liebestollen Idioten mir was in mein Ale tut, wenn ich nicht aufpasse."
"Interessant. Schmeckt es, wie es riecht?"
"Nein, der Geschmack ist leidlich besser. Immerhin." Sie griff nach einem Reaktorkern und hob das Glas. "Prost. Auf den Imperator, der uns ans Ende der Welt verfrachten ließ. Möge er unter dem Rest seiner Robe so aussehen wie im Gesicht."
Jaava Hus bekam einen Hustenanfall. "Sagst du sowas öfters laut?", fragte er erschrocken.
"Keine Sorge, wir sind hier auf Tatooine. Hier wird von dir nur erwartet, dass du deinen Job machst und auf deine Kameraden aufpasst. Mehr nicht. Captain Drax ist da recht... Nun, großzügig. Es sollte dir nur nicht einfallen, so etwas zu sagen, wenn es der Gouverneur oder einer seiner Beamten hören kann."
"Es fällt mir überhaupt nicht ein, so etwas zu sagen", erwiderte Hus scharf.
"Oh. So einer bist du, obwohl du nach Tatooine verbannt wurdest wie wir alle?", fragte sie geringschätzend.
"Nein, das ist es nicht. Aber wenn jemand so etwas sagt, dann kriege ich Kopf-Holo und kriege den faltigen Arsch des Imperators nicht mehr raus aus meinem Schädel."
Verblüfft starrte Tyra ihn an, bevor sie in schallendes Gelächter ausbrach. Sie lachte so sehr, dass sie sich mit der Linken ihren Bauch hielt. Als sie sich wieder einigermaßen beruhigt hatte, lächelte sie Hus anerkennend an. "Ich glaube, ich habe mich gerade verliebt", scherzte sie. Erneut hob sie das Glas mit dem Reaktorkern. "Also dann eben auf neue Freunde."
"Auf neue Freunde." Sie stießen an. Hus kippte sein Glas in der Hoffnung, das die Flüssigkeit im Magen sein würde, bevor sie ihm Probleme machen konnte. Falsche Einschätzung. "Sch-scharf!"
"Trink Ale, davon geht es weg", ermunterte ihn Tyra lächelnd.
Jaava Hus griff nach dem Ale-Krug und leerte ihn in einem einzigen langen Zug. "Besser."
Sie musterte ihn, den Kopf auf beide Hände gestützt, die sie unter dem Kinn ineinander gefaltet hatte, mit einem feinen Lächeln. "Geht es wirklich wieder? Oder soll ich dir gleich noch ein Ale bestellen? Ich meine, Drik kennt mein Tempo und bringt eh bald die neue Runde."
"Oh, hiernach kann ich warten", versprach Hus.
"Gut. Ich mag geduldige Männer." Sie ergriff ihr Glas, das immerhin einen halben Liter fasste und trank es ebenfalls auf ex aus. Danach ließ sie einen Laut äußersten Behagens hören und wischte sich mit dem Handrücken der Linken über den Mund. "Das nenne ich Leben. So, mein kleiner Sturmtruppler, du willst doch sicher wissen, wie der Dienst hier so ist, oder?"
"Das Thema interessiert mich brennend", bestätigte er.
"Im Prinzip ist es wie anderswo auch. Die Garnison in Bestine beherrscht den Planeten, vordergründig. Aber in Wirklichkeit haben die Hutten hier das Sagen. Wir machen ihnen zwar von Zeit zu Zeit klar, dass wir diejenigen sind, die jederzeit ein Dutzend Sternenzerstörer rufen können, aber solange die Zollzahlungen stimmen, lassen wir sie werkeln. Nur wenn sie zu dreist, zu frech oder zu gierig werden, schlagen wir ihnen kräftig auf die Pfoten. Ansonsten gehen wir raus, wenn wir einen Tipp über besonders illegale Schmuggelgüter erhalten. Du weißt schon, illegale Neurotransmitter, chemische Drogen, illegale Waffen, nicht versteuerte Luxusgüter und dergleichen. Das ist in etwa dreimal im Monat der Fall. Wir kontrollieren Bestine und das Umland, aus Mos Eisley halten wir uns weitestgehend raus. Abgesehen davon erkunden wir das Terrain aber gerne mal in Zivil. Das ist das einzig Gute an den Rüstungen, natürlich abgesehen von dem technischen Schnickschnack und der Panzerung. Man sieht uns unter den Helmen nicht."
"Und so konntest du dir hier deinen Anteil an der Cantina erwerben? Weil sie nicht wissen, dass du ein Sturmtruppler bist?"
"Oh, einige wissen es. Und es macht ihnen nichts aus, weil wir den Hutten öfter in den Arsch treten als ihnen. Aber sollte die alte Speckrolle Jabba jemals erfahren, dass Tyra Cloudbreaker eine Imp ist, könnte ich mitsamt dem Laden eingeäschert werden. Und das wäre nicht nur für mich schlecht, denn Drax hält fünfundzwanzig Prozent an der Cantina."
"Es dürfte den Dienst im Großen und Ganzen erschweren, wenn sich Sturmtruppler nicht mehr in Zivil durch Mos Eisley bewegen können. Sicher wartet Ihr nicht nur auf Tipps, sondern recherchiert auch selbst, richtig? Immerhin gibt es zwanzig Prozent Abschlag auf die Garnison für jedes weiterverkaufte Stück Schmuggelgut und großzügige Prämien auf illegale Waren."
"Du bist gut informiert und denkst auch mit. Sehr schön. Abgesehen von den Hutten, den freien Schmugglern, flüchtigen Schwerverbrechern, die hier untertauchen wollen, Javas, die es mit den Besitzverhältnissen nicht so genau nehmen und dem üblichen Knatsch zwischen Familienclans, haben wir es noch mit den Sandleuten zu tun, der hiesigen einheimischen Spezies. Normalerweise meiden sie sowohl die Feuchtfarmen als auch die Städte und bleiben unter sich tief in der Wüste. Aber seit Lord Vader letzte Woche hier war, kommen sie vor allem Mos Eisley bedenklich nahe. Sie sind auch schon ein paarmal in die Stadt eingedrungen, wurden aber jedesmal zurückgeschlagen."
"Ui. Wir, oder die Bürgerwehr?"
Sie zog ironisch eine Augenbraue hoch. "Welche Bürgerwehr? Hier ist nur praktisch jedermann bewaffnet, und als der erste Schuss bei den Sandleuten fiel, haben ein paar hundert Bürger ihre Waffen gezückt und zurückgeschossen. Man sollte meinen, sie sind aus der Abfuhr schlau geworden, aber alleine gestern haben sie es zweimal probiert. Es ist so, als würden sie die Menschen... Testen."
"Oder ablenken", sagte Jaava nachdenklich. "Wir sollten ein paar Flugpatrouillen losschicken und die nähere Umgebung der Stadt absuchen lassen."
"Das lass mal die Sorge des Captains sein. Und wenn du Pech hast, machst du die Flugpatrouille... Andererseits lernst du dann gleich die Gegend kennen und kannst was ins Sarlacc-Loch werfen. Ah, Nachschub. Danke, Drik."
Der Barkeeper stellte zwei neue Krüge Ale ab und nahm die leeren an sich. "Die Absperrung funktioniert tadellos, Tyra, aber ich würde wegen dem Hutten nicht zu viel plaudern. Manchmal haben sie einen ganz schönen Technik-Scheiß."
"Deine Sorge um mich ist rührend, Drik", säuselte sie.
"Auch. Aber wenn es dir ans Leben geht, dann stehe ich nicht allzu weit entfernt." Er lächelte unsicher und verschwand wieder.
"Sind die Hutten so ein Problem?", fragte Hus. "Und das auch erst, seit Lord Vader hier war?"
"Die Hutten sind immer ein Problem. Und sie haben davon so gut wie nichts mitbekommen und mussten nicht unter seinem Besuch leiden. Nicht so die Sandleute. Es heißt, als Lord Vader nach zwei Droiden suchen ließ, die mit Staatsgeheimnissen auf der Flucht waren, wären seiner 501. Legion der eine oder andere Stamm Sandleute im Weg gewesen. Die haben nicht lange gefackelt."
"Ah, das erklärt die Aggression der Sandleute", murmelte Hus. "Kein Wunder, dass sie sich an Mos Eisley heranwagen."
"Aber das soll uns heute nicht weiter stören. Was gibt es da noch?" Sie angelte nach ihrem Bier und nahm gleich einen kräftigen Schluck. "Puuh. Ich liebe Freizeit. Ach ja, deine nächsten Verwandten. Aber die klauen nur. Ansonsten sind sie pflegeleicht." Schalk blitzte in ihren Augen, als sie auf Jaavas Antwort wartete.
"Schon klar. Die kleinen Kuttenträger mit ihren Sandschiffen. Machen die auch Ärger, seit Lord Vader hier war?"
Tyra zuckte die Achseln. "Sagen wir es mal so: Die 501. wird für Effizienz bezahlt, nicht für Rücksichtnahme auf die Zivilbevölkerung. Angeblich haben sie einen Sandwagen samt Besatzung ausradiert, als sie ihre Droiden gesucht haben. Also, irgendwie wird man da schon neugierig, um was für Staatsgeheimnisse es sich gehandelt hat, die von den beiden Droiden herumgeschleppt wurden, was?"
"Geht so", erwiderte Hus etwas kurz angebunden. "War die Garnison involviert?"
"Wobei? Als die 501. so viele Soldaten ins Umland und nach Mos Eisley gepumpt hat, dass man keinen Meter weit gehen konnte, ohne über eine weiße Rüstung zu stolpern?" Sie grinste geringschätzend. "Nein, wir durften in Bestine bleiben. Aber wir hatten Unterstützung von einem Platoon der Leibgarde Vaders, damit wir dummen Hinterwäldler nichts falsch machen..." Frustriert nahm sie einen weiteren, tiefen Schluck vom Ale. "Aber weißt du was? Dann sind der glorreichen 501. doch tatsächlich die Droiden samt weiterer Verdächtiger glatt vor der Nase davongeflogen." Vor Vergnügen klopfte sie sich auf die Knie. "Geschieht ihnen Recht, den blasierten Kerlen."
"Anscheinend." Hus nahm nachdenklich einen Schluck aus seinem Glas. "Im Prinzip dürfen wir also das Geschirr aufsammeln, das Lord Vader zerschlagen hat."
"Ja, das passt. Und ich hoffe wirklich, das sind diese Staatsgeheimnisse auch wert."
"Wir stecken beide nicht tief genug drin, um die Handlungen und Motive Lord Vaders zu hinterfragen, oder?" Hus grinste schwach. "Keine seiner Handlungen."
"Was uns schon zum Thema bringt. Weißt du, normalerweise schieben wir hier eine ruhige Kugel, von kurzen Momenten unglaublicher Grausamkeit und Lebensgefährlichkeit unterbrochen. Man schickt uns eigentlich immer nur Ersatz, und das auch nur, wenn eine unserer riskanten Razzien für den einen oder anderen zu riskant gewesen ist. Aber wir sind auf Sollstärke, trotzdem wirst du zu uns geschickt. Noch schlimmer, Drax hat gesagt, es sei eine Anweisung von Lord Vader selbst gewesen." Sie warf ihm den "erzähl gefälligst mehr"-Blick zu.
Hus seufzte und leerte sein Bier. "Willst du die ganze Geschichte hören?"
Tyra nickte. "Wie ich schon sagte, wir haben den ganzen Abend Zeit, Jaava."
"Okay. Ist ja kein Staatsgeheimnis. Aber vor einem halben Jahr war ich noch auf der Offiziersakademie und hatte mein Lieutenantsabzeichen bereits in der Tasche."
Die junge Frau spuckte ihr Bier wieder ins Glas und sah Hus entgeistert an. "Himmel, Lieutenant? Was hast du verbrochen, um jetzt als Sturmtruppler dienen zu müssen?"
"Ich habe auf Lord Vader geschossen", sagte er trocken und setzte zu einem weiteren großen Schluck an, der sein Glas leerte.
"Du hast was?" Dem Mädchen schienen fast die Augen rauszufallen, als sie das sagte. "Ich meine, du lebst noch? Er ist doch so ein Sith-Obermotz mit der Macht und dem ganzen Mist? Er hat dich nicht mit seinem Lichtschwert in Streifen geschnitten? Ich meine, erfolgreich warst du nicht. Ich habe ihn gesehen, als er auf Tatooine war. Und er hat dich nicht mit der Macht zu Tode gewürgt?"
Hus seufzte. "Ich erzähle mal besser von Anfang an. Dass ich bereits ein Offizier war, weißt du jetzt ja. Es war bei einem Besuch Lord Vaders auf der Akademie. Ich leitete eine Gruppe Erstsemester bei Schießübungen an, als sich Vader dazu entschloss, an der Schulung teilzunehmen. Nun, es kam wie es kommen musste. Natürlich war ich supernervös bei so hohem Besuch. Und als einer meiner Kadetten Ladehemmungen hatte, kümmerte ich mich sofort darum. Dabei missachtete ich Sicherheitsregel Nummer eins: Den Lauf immer auf die Ziele gerichtet halten, solange die Waffe eine geladene Energiezelle enthält."
"Lass mich raten. Ein Schuss löste sich, er wehrte ihn mit der Macht ab, und dann wurde er richtig sauer."
"Schlimmer", gestand Hus. "Lord Vader war im Gespräch mit Admiral Koleyn, dem Vize-Akademieleiter..."
***