Was sind schon Erinnerungen?

KurzgeschichteRomanze / P6
Armand Claudia
13.12.2012
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Langsam öffnete sie die Augen.
Sie fühlte sich als wäre sie aus einem langen Traum erwacht. In gewisser Weise stimmte das sogar.  

Sie war nun einen Monat wieder hier, in dieser Welt, in diesem Leben.
Eine zweite Chance. Ja.

Lächelnd schloss sie die Augen wieder und lies die Erinnerungen an sich vorüberziehen. Das war ihre Bitte gewesen. Sich an alles erinnern zu können. An ihr früheres Leben und an ihren grausamen Tod, damit sie immer vor Augen hätte, wie kostbar dieses Geschenk war.  

„Du bist tatsächlich zurück!“ Es war nicht mehr als ein Flüstern, doch es ließ sie erschauern. Nie würde sie diese Stimme vergessen!

Sie richtete sich auf und schob die Bettvorhänge beiseite. Natürlich hatte sie erwartet, dass sie kommen, dass sie sie spüren würden.

Argwöhnisch blickte sie ihr Gegenüber an, das am offenen Fenster lehnte.
„Ich hatte nicht erwartet, dass du es sein würdest, der mich als Erster findet.“

Immer noch starrte die blasse Gestalt sie an. Er betrachtete ihren fraulichen Körper, das lange, blonde Lockenhaar.  Sie konnte nicht älter als 18 Jahre sein.
Er hatte sich tatsächlich einige Male gefragt, wie ihre puppenhafte Schönheit wohl als Erwachsene gewirkt hätte.

Dann, ganz langsam, fast menschlich, kam er auf sie zu und setzte sich an den Bettrand. Sie wich nicht zurück, doch er bemerkte das ihre Hände zitterten.
„Nie hätte ich gedacht, dir noch einmal zu begegnen. Ich konnte es nicht glauben, als ich dein…“ er zögerte, unsicher wie er es ausdrücken sollte „deine Anwesenheit gespürt habe. Wie…?“

Sie lächelte bitter, während ein Schatten über ihr Gesicht huschte, das immer noch eine Spur der einstigen Puppenhaftigkeit aufwies.  „Sagen wir, es gab jemanden, der fand, ich hätte eine zweite Chance verdient, das Leben zu leben, dass mir zustand.“

Sachte hob er die Hand und berührte ihr Haar, jedoch so dass sie sich jederzeit hätte zurückziehen können. Tränen liefen über ihre Wangen, ohne dass sie es verhindern konnte. „Warum du? Warum ausgerechnet du, Armand?“ Ihre Stimme bebte.

„Ich will dir nichts antun, falls du das denkst…“ Seine Stimme klang unsicher.
„Warum bist du gekommen?“
„Ich wollte sehen, ob es wirklich du bist, Claudia!“

Sie betrachtete ihn. Sein langes, Kastanienfarbenes Haar fiel ihm in Wellen bis über die Schultern und umrahmte sein ewig junges Gesicht. Er hatte sich nicht verändert.

„Nein, wie sollte ich auch?“ Er lächelte leicht.“Aber du hast dich sehr verändert. Du bist nicht als Kind wiedergeboren worden, nicht wahr?“ fragend sah er sie an.

„Nein.“ Wieder lächelte sie bitter. „Ich war lange genug ein Kind nicht wahr? Kindfrau!“ Wütend ballte sie die Fäuste.

Armand senkte verlegen den Blick, um sie dann wieder ernst zu betrachten. „Kannst du mir je verzeihen was ich dir angetan habe?“

„Ich weis es nicht“ hauchte sie „Vielleicht…eines Tages“ Erneut rannen ihr Tränen über das Gesicht. Durchsichtige Tränen. Menschliche Tränen.

„Soll ich dir ein Geheimnis verraten? Ich war in dich verliebt. Vom ersten Moment an als ich dich im Theater sah, habe ich dich geliebt. Deine Schönheit und deine Willensstärke. Doch du hattest nur Augen für Louis. Und für Louis hast du mich sterben lassen. Wie sollte ich dir da vergeben?“

Armand konnte die Überraschung in seinem Gesicht nicht verbergen. Schmerz und Bedauern zeichnete sich in seinen Augen ab. Er wandte den Blick ab.  Schweigend saßen sie eine Weile da.

„Ich habe dein Buch gelesen.“  Zaghaft berührte sie seine kalte Hand. „Stimmt es?“ Ihre Stimme zitterte.

„Was?“
„Das du mich nie gemocht, nie geliebt hast. Das ich für dich wirklich nur ein Hindernis zwischen dir und Louis war.“
„Du kennst die Antwort.“ Er sprach sanft.
„Ja, vermutlich tue ich das.“ Sie schloss die Augen. Was hatte sie auch anderes erwartet?

Plötzlich spürte sie seine Hand auf ihrem Rücken, die sie leicht nach vorne zog.
Sanft legte er seine Lippen auf die Ihren und begann sie zärtlich zu küssen. Überrascht riss sie die Augen auf und schloss sie sofort wieder, als er den Kuss vertiefte.
Er zog sie noch näher zu sich und sie umschlang seinen steinernen Nacken mit ihren Armen. Sie spürte einen Stich und fühlte wie er das Blut von ihrer Lippe aufleckte um sie sogleich wieder in einen innigen Kuss zu ziehen.

Nachdem er sich sachte von ihr gelöst hatte, blickte er ihr tief in die Augen und ein jungenhaftes Lächeln umspielte seine Lippen.  „Doch das alles sind nichts als Erinnerungen.“

Und dann war er fort. Als ob er nie hier gewesen wäre.
Fröstelnd stand sie auf und schloss das Fenster. Vielleicht hatte er Recht. Was waren schon Erinnerungen?
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