Angst und Flucht

von Ylvi
GeschichteAngst / P12
Dave Karofsky Kurt Hummel
07.12.2012
07.12.2012
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Angst und Flucht

Die Zeit läuft geradlinig unaufhaltsam, schnell und schneller. Genau achtundzwanzigeinhalb Minuten sind noch übrig von der heutigen Spanischstunde. Achtundzwanzig und fünfundzwanzig Sekunden. Zwanzig Sekunden. Fünfzehn…
Es kommt ihm viel zu kurz vor.
Bereits jetzt fällt es ihm schwer, sich auf die Aufgabe zu konzentrieren – sie sollen einen Dialog ausarbeiten und ihn dann gemeinsam mit einem Partner lesen. Das Mädchen, das neben ihm sitzt ist nicht sonderlich gut in Spanisch, weiß Kurt. Sie ist mit ihrem Dialog ungefähr genauso weit wie er und verbringt mehr Zeit damit, aus dem Fenster zu starren oder Vokabeln im Buch nachzuschlagen als tatsächlich zu schreiben.
Kurt seufzt und setzt den Kugelschreiber aufs Papier. Ein kleiner blauer Punkt. Sonst nichts.
Er weiß nicht, was er schreiben soll. Sein Gehirn ist wie leer gefegt. Er kann nur daran denken, dass die Stunde bald vorbei ist. Inzwischen sind es nur noch sechsundzwanzig Minuten. Sechsundzwanzig Minuten. Nein fünfundzwanzig. Und dann zurück auf den Schulflur.
Wird er ihm begegnen? Oder kann er ihm aus dem Weg gehen?
Das ist gar nicht so einfach, das hat er bereits festgestellt. Natürlich ist die rote Footballer-Jacke ein eindeutiger Hinweis, aber es gibt zu viele Footballer, um ihnen allen aus dem Weg zu gehen. Und obwohl Kurt ständig über die Schulter hinter sich schaut, wenn er durch die Schulflure geht, hat David Karofsky ihn schon des Öfteren überrascht.
Ein kräftiger Stoß von hinten ist an der Tagesordnung, schon seit Wochen, ach was: Monaten. Und den Flug in den Müllcontainer hat er öfter mitgemacht, als er je gezählt hat. Doch das war anders. Jetzt ist es anders. Karofsky gibt sich nicht mehr damit zufrieden, ihn in den Mülleimer zu befördern. Schon länger nicht mehr.
Noch zweiundzwanzig Minuten.
Mit jedem Blick auf die Uhr schlägt sein Herz ein wenig schneller. Bald muss er wieder da raus.
Ob Karofsky ihm auflauert? Weiß er womöglich, dass Kurt jetzt hier Unterricht hat?
Ihm wird ganz schlecht bei diesem Gedanken.
Vielleicht wenn er ganz schnell einpackt und geht? Vielleicht ist er dann noch nicht da?
Oder soll er lieber herumlungern und warten, bis Karofsky es leid ist, zu warten? Mr. Schue ist ja hier, also wird er wohl kaum einfach in den Raum stürmen und ihn nach draußen schleppen.
Aber auch Mr. Schue hat anschließend Pause. Er wird nicht ewig in seinem Klassenzimmer bleiben wollen. Und er wird auch nicht wollen, dass Kurt hier bleibt. Er wird fragen, warum. Und Kurt kann darauf keine richtige Antwort geben.
Er hat Angst. Deshalb. Aber wie kann er Mr. Schue klar machen, vor was und warum, wenn er nicht erzählen will, was passiert ist? Wie kann er ihm die Situation erklären, wenn er den wichtigsten, den schrecklichsten Teil auslassen muss?
Ihm wird noch ein bisschen schlechter.
Gleich ist Mittagspause, aber er wird bestimmt nicht essen können. Allein beim Gedanken an die Mensa dreht sich ihm der Magen um. Nicht etwa weil das Essen so schlecht wäre. Nur Essen allgemein schreckt ihn ab. Und Versammlungsorte für die ganze Schule schrecken ihn auch ab. Alle sind in der Mensa. Auch Karofsky. Das heißt, er wird ihm auf jeden Fall begegnen. Und dann…
Was geht, Homo?
Allein so eine flapsig hingeworfene Verächtlichkeit zusammen mit diesem Blick reichen inzwischen aus, um Kurt Angst einzuflößen. Jedes Mal, wenn er ihn sieht, denkt er daran.
Wenn du es jemandem erzählst, bring ich dich um.
Karofsky ist verzweifelt und das macht Kurt Angst. Verzweiflung kann einen Menschen zu den schrecklichsten Dingen treiben.
Karofsky würde ihn vielleicht nicht umbringen, aber verletzen auf jeden Fall. Sobald er den Verdacht hat, Kurt würde sein Geheimnis nicht mehr schützen, wird es unweigerlich dazu kommen.
Wann?
Wo?
Was?
Er weiß es nicht. Er weiß es nicht.
Jederzeit, irgendwo. Schmerz. Angst.
Und neben dem Schubsen und dem Beleidigen ist da immer noch diese Sache: Ein Kuss voller Zorn, im Umkleideraum, fern von allen Blicken. Niemand weiß etwas davon. Kurt hat es nicht über sich gebracht, Karofsky zu outen. Er weiß selbst, wie schwer das ist und Karofsky befindet sich in einer ganz anderen Position als er damals. Wer weiß wie seine Eltern reagieren würden? Seine Freunde?
Nein. Das muss er mit sich selbst ausmachen. Und Kurt wird schweigen, da ist er sich ganz sicher.
Zumindest solange Karofsky nicht noch einmal versucht ihn zu küssen. Oder Schlimmeres… Was wäre wohl passiert, wenn er ihn nicht von sich gestoßen hätte?
Kurt kann sich noch zu gut an Karofskys wütenden aber auch verzweifelten Blick erinnern und diese Erinnerung lässt ihn schaudern.
Noch siebzehn Minuten.
Er könnte behaupten, er sei krank. Dann dürfte er sicher nach Hause gehen. Aber sein Vater würde es merken und das durfte nicht passieren. Nein, er würde durchhalten. Der Herzinfarkt war noch nicht so lange her und sein Vater war gefährdet. Er war krank. Er durfte sich nicht aufregen und Kurt wollte ihm nicht mehr Kummer bereiten. Schließlich war ja noch nichts passiert, kein Grund ein Drama daraus zu machen. Ein erneuter Herzinfarkt wäre das Schlimmste, was passieren konnte.
Wenn sein Vater nicht mehr da wäre, wüsste Kurt nicht, was er tun würde. Er wäre allein. Endgültig und vollkommen allein.
Eine Viertelstunde noch.
Kurt beobachtet die Sekunden, die auf seiner Uhr hinwegticken. Viel zu schnell. Schon sind es nur noch vierzehn Minuten.
Mr. Schue geht durch die Reihen und schaut, wie weit ihre Dialoge sind. Kurt hat immer noch nichts geschrieben. Er weiß einfach nicht was. Wie sollen sich die beiden Personen begrüßen? Welche Möglichkeiten gibt es da überhaupt?
Hola.
Und dann?
Que tal.
Mehr fällt ihm nicht ein.
Er hat drei Wörter geschrieben. Und es sind nur noch zwölf Minuten.
Er stützt den Kopf auf die Hände, starrt auf die Tischplatte und versucht, tief durchzuatmen. Es gelingt ihm nicht. Sein Atem geht abgehakt. Seine Handflächen sind feucht.
Er versucht sich zu sagen, dass nichts passieren wird. Er wird es schaffen, Karofsky aus dem Weg zu gehen. Sein Gesicht wird nicht nach einem harten Stoß in den Rücken gegen ein Schließfach geknallt werden. Keine Faust wird nur Zentimeter vor seinem Gesicht innehalten, drohend, kurz davor zuzuschlagen. Kein wütender Kuss.
Ich bring dich um.
Atmen, denkt Kurt. Atmen.
Er hat das Gefühl, gleich zu ersticken. Oder sich übergeben zu müssen. Oder beides.
Er will hier raus.
Am liebsten würde er für immer in diesem Klassenzimmer bleiben. Diese Spanischstunde sollte nie enden. Dann müsste er nicht nach draußen, auf den Schulflur, in die Pause, Mensa, essen. Karofsky.
Wie viel Zeit bleibt ihm noch?
Zu wenig, das weiß er. Er kann die Zeit nicht anhalten. Er kann nicht mal mehr auf die Uhr schauen, aus Angst, in vollkommene Panik zu verfallen. Ein Zusammenbruch vor seinen Mitschülern hilft bestimmt nicht dabei, ihn stark erscheinen zu lassen und er muss stark sein.
Er kann es nicht mehr.
Der Gedanke, den geschützten Raum zu verlassen, lässt seine Hände zittern.
Er wird Karofsky begegnen. Er weiß es. Es ist unausweichlich. Er ist überall. Immer hinter ihm, bei ihm, vor ihm. Immer. Wie ein Monster, das ihn verfolgt. Wie in einem Horrorfilm. Oder einem Albtraum.
Nur konnte man aus Albträumen aufwachen. Das hier war ein nie endender Albtraum. Ein nie endender Albtraum mit einem nie müden Monster.
Eine Hand legt sich auf seine Schulter und Kurt zuckt fürchterlich zusammen, bis ihm wieder einfällt, dass er immer noch im Spanischklassenzimmer ist und Karofsky am anderen Ende der Schule. Vielleicht steht er auch schon vor der Tür…
„Kurt?“ Es ist Mr. Schue. Wer sonst? „Was hast du geschrieben?“
„Nichts“, sagt Kurt und legt beschämt seine Hand über die wenigen Zeilen.
„Ist alles in Ordnung?“ Mr. Schue mustert ihn aus ernsten Augen.
„Mir geht’s gut“, sagt Kurt. Er hat nicht die Kraft, dem Blick seines Lehrers standzuhalten und senkt ihn stattdessen auf die Tischplatte.
„Du holst das bitte als Hausaufgabe nach“, sagt Mr. Schue.
Dann ist er am nächsten Tisch.

Es klingelt schrill, durchdringend. Ein Klang, der Kurt durch Mark und Bein geht und ihn zusammenzucken lässt. Schon tausend Mal gehört, in der Regel mit Freude, wenn das Klingeln die Pause einläutete. Pause bedeutete mit Freunden treffen, essen, Glee… Jetzt bedeutet es Angst.
Mr. Schue braucht eine Weile, um ihnen die Hausaufgaben zu erklären und so ist es bereits zu spät, um so schnell wie möglich zu verschwinden. Jemand stürmt hinaus und durch die offene Tür sieht Kurt, wie sich die Flure längst mit Schülern gefüllt haben. Langsam packt er seine Sachen zusammen. Den Zettel mit seinem kaum vorhandenen Dialog knüllt er zusammen. Er wird zu Hause noch einmal anfangen und will dann nicht an sein klägliches Scheitern im Unterricht erinnert werden.
Er schlingt sich die Tasche um die Schultern, nimmt seine Spanischbücher auf den Arm und trottet zur Tür, wo er kurz stehen bleibt und das Papier wegwirft.
Jetzt muss er nach draußen, den Schutz des Klassenzimmers verlassen.
Er spürt beinahe schon Karofsky hinter sich. Gleich wird er ihm einen Stoß verpassen.
Jemand steht hinter ihm. Kurt hält den Atem an.
„Kurt? Willst du nicht in die Pause gehen?“ Es ist Mr. Schue. Natürlich. Sonst ist ja keiner mehr im Raum. Und wie soll Karofsky auch hinter ihn gekommen sein? Soll er am Schulgebäude hochgeklettert und durchs Fenster hereingestiegen sein? Lächerlich.
Kurt, du machst dich lächerlich, sagt er sich.
Ein wenig beherzter macht er einen Schritt nach vorne, verlässt das Spanischklassenzimmer und tritt zur Seite, um Mr. Schue vorbei zu lassen. Der wirft ihm einen fragenden Blick zu, aber Kurt lächelt nur, mit aller Zuversicht, die er aufbringen kann. Sein Lehrer lächelt zurück und wendet sich nach rechts in Richtung Lehrerzimmer. Kurt geht nach links, um zu seinem Schließfach zu gelangen und ein paar der schweren Bücher loszuwerden, die er nicht den ganzen Nachmittag mit sich herumschleppen will.
Er steigt eine Treppe nach oben, geht durch vertraute Flure. Ein Footballspieler schiebt sich in seiner roten Jacke an ihm vorbei und Kurt zuckt zusammen. Glücklicherweise ist es nicht Karofsky, sondern irgendein anderer Typ, der ihn nicht einmal beachtet. Der Footballer verschwindet um die Ecke und Kurt ist beinahe bei seinem Schließfach angekommen, als ihn ein kräftiger Arm an der Schulter packt und er herumgewirbelt und gleichzeitig nach hinten gestoßen wird. Er knallt mit dem Rücken und diesem verfluchten vertrauten Geräusch gegen die Schließfächer und kann gerade noch die Bücher auf seinem Arm festhalten.
Karofskys breites, hässliches Gesicht starrt ihn an. Fast emotionslos, wäre da nicht die versteckte Wut, die irgendwo hinter seinen Augen lauert.
„Na, Schwuchtel?“ Er hat ihn am Kragen gepackt.
„Was willst du, Karofsky?“, fragt er und hasst das leichte Zittern in seiner Stimme. Er versucht, stark zu bleiben, er versucht es wirklich.  Er schaut seinem Peiniger in die Augen, das Kinn hoch erhoben.
„Ich will nur sicherstellen, dass du weißt, was du zu tun hast.“
„Wie oft soll ich es noch sagen, bis es in deinen riesigen aber offensichtlich hohlen Schädel geht? Ich werde niemandem etwas sagen und jetzt lass mich in Ruhe.“
Ein kurzer Stoß gegen die Schließfächer. Metallenes Krachen. Karofsky droht ihm stumm mit der Faust, bevor er sich abwendet und den Flur entlang zwischen anderen Schülern verschwindet.
Kurt bleibt stehen, an die Schließfachreihen gelehnt und versucht, ruhig zu atmen, seinen bebenden Körper zu beruhigen.
Es ist nichts passiert. Nichts Schlimmes jedenfalls. Und jetzt ist es vorbei. Karofsky ist erst einmal weg.
Wie lange wohl?
Wie lange dauert es, bis er meint, er müsste Kurt wieder an sein Versprechen erinnern?
Wie lange, bis er wieder hinter ihm auftaucht, droht, stößt, beschimpft?
„Ich hasse ihn“, murmelt Kurt leise vor sich hin. „Ich hasse ihn, ich hasse ihn, ich hasse ihn.“ Er spürt, wie ihm Tränen in die Augen steigen. Das Atmen fällt ihm noch schwerer. Schnell dreht er sich zu seinem Schließfach um und dreht mit zitternden Händen am Schloss, während er versucht, die Tränen zu unterdrücken.
Keine Schwäche zeigen, sagt er sich. Du bist stärker als das. So leicht lässt du dich nicht unterkriegen.
Das Schließfach springt auf und Kurt stopft seine Bücher hinein. Sein Blick fällt auf das Foto an der Innenseite des Spinds. Blaine. Und darunter ein Wort. Courage. Mut.
So leicht gesagt.
Er hat es sich tausendmal vorgesagt.
Inzwischen hat das Wort jede Wirkung verloren.
„Kurt!“, ruft Mercedes, vom anderen Ende des Flurs. Er reagiert nicht, knallt sein Schließfach zu und geht. Er will nicht mit Mercedes sprechen. Wenn er jetzt den Mund aufmacht, fängt er womöglich an zu weinen; das ist Letzte was er will. Mercedes wird es merken. Und wenn sie es nicht merkt, wird sie in die Mensa gehen wollen und das ist der letzte Ort an dem Kurt jetzt sein will. Er will nicht reden. Er will nicht essen.
Am liebsten würde er nach Hause gehen und sich die Decke über den Kopf ziehen.
Aber es geht nicht, das wirft nur Fragen auf.
„Kurt!“ Wieder ist es Mercedes, die nach ihm ruft. Sie klingt entrüstet. Sie weiß genau, dass sie nicht zu überhören ist, wenn sie so nach ihm ruft.
Er beschleunigt seinen Schritt und biegt um die Ecke.
Nur weg.

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Hallo zusammen :)
Mir ist klar, dass diese Situation schon eine ganze Weile her ist, aber Plotbunnys sind nervige Viecher ;) Reviews sind natürlich gern gesehen, vor allem die mit (positiver und negativer) Kritik, aber es freut mich auch so, wenn die Story gelesen wird und überhaupt jemand etwas damit anfangen kann.
Liebe Grüße,
Ylvi
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