Ein günstiges Geschäft

von LockXOn
GeschichteDrama, Schmerz/Trost / P16 Slash
Eiri Yuki Taki Aizawa
04.12.2012
19.03.2013
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Autorennotizen

‚YUUUUUKIIIIII!!!‘

‚FALL TOT UM!!!‘

Ach, Yuki, sei nicht so! Ich will dir doch nur unser alltägliches Guten-Morgen-Küsschen aufs Schnäuzchen drücken!

Halt die Fresse und verschwinde endlich!

Pah, jetzt wo ich weiß, dass du nicht gemein, sondern einfach nur schüchtern bist, kannst du mir gar nichts mehr! DUAL ATTACK!!!

Hör auf damit, duMPF!

EPIC WIN! Bis heute Abend dann! Schlaf nicht zu lang, sonst bekommst du nur wieder Kopfschmerzen und grummelst den ganzen Tag!

Die Kopfschmerzen kommen wohl kaum vom Schlafen!

Ich liebe dich! Ciao!

Hätte er die Liebesbekundung doch nur erwidert! Hätte er doch nicht nur etwas Unverständliches in seinen Bart gebrummt und sich auf die andere Seite gedreht! Wäre er an diesem Morgen doch nur einmal aus sich herausgegangen, hätte seinen Geliebten zum Abschied in die Arme genommen und den Kuss vertieft! Hätte er doch nur irgendetwas getan, um ihn wissen zu lassen, dass er das größte, beste Geschenk war, das er je in seinem Leben erhalten hatte!

Nun war Shuichi tot. Und in ihm tobte das leere Gefühl, ihm eine ehrliche Antwort auf ewig schuldig zu bleiben.

Eiri sah mit trübem Blick gen Himmel. Harte, kalte Regentropfen stachen ihm ins Gesicht. Es hatte danach lange nicht richtig geregnet, nicht an dem schicksalsträchtigen Tag, nicht bei der Beerdigung, selbst Wochen danach war es trocken geblieben. Als ob sich selbst die Natur nicht hatte eingestehen wollen, dass sie einen Sonnenschein verloren hatte.

Vielleicht hatte er es auch einfach nicht mitbekommen. Er hatte ihre ... seine Wohnung seitdem schließlich kaum noch verlassen. Alles, was er zum Überleben benötigte, wurde ihm von seiner Familie mehr oder weniger aufgezwungen. Sein Vater, Tatsuha, Mika, Tohma ... Sie alle waren einfach zur Tagesordnung übergegangen, als hätte sie der Verlust überhaupt nicht getroffen.

Eiri zerdrückte die Zigarette in der Hand.

Nein, das entsprach natürlich nicht der Wahrheit. Er war nur einfach der einzige von ihnen, der es nun, nach beinahe zwei Jahren, immer noch nicht geschafft hatte, die Trauer zu überwinden und sein Leben zurück aufs rechte Gleis zu lenken. Er wusste das natürlich. Natürlich wusste er es.

Shuichi hätte nicht gewollt, dass er daran zerbrach. Er brauchte keine Psychotherapeutin, keinen vorlauten kleinen Bruder, keinen überbesorgten Schwager oder sonst wen, der ihm diese Weisheit vermittelte. Er selbst hatte den quirligen Sänger schließlich besser gekannt als jeder andere! Doch was nutzte ihm dieses Wissen, wenn er jeden Morgen mit dem überwältigenden Bedürfnis erwachte, lieber auf ewig weiterzuschlafen?

Eiri wischte sich das Wasser vom Gesicht, um klarere Sicht zu bekommen, was angesichts des ununterbrochenen Regengusses vergeblich blieb. Seine Psychiaterin hatte ihm nachdrücklich empfohlen, seine Wohnung wenigsten für ein paar Stunden in der Woche zu verlassen. Wieder am Leben draußen teilzunehmen.

Gehen Sie auf Partys. Lernen Sie neue Leute kennen. Machen Sie sich bewusst, dass das Leben auch ohne ihn weitergeht. Ich weiß, dass es sehr schwer für Sie ist, aber Sie müssen ihn endlich loslassen, Eiri-san!

Er war lange nicht mehr voller Wut aus ihrer Praxis gestürmt, doch dieses Mal war es das Einzige, das er hatte tun können, um nicht die Beherrschung zu verlieren und ihr den überstudierten Schädel einzuschlagen. Ja, er wusste, dass sie recht hatte. Und sie wusste, dass er es wusste. Und das machte die Sache nur noch schlimmer.

Stöhnend boxte er zornentbrannt gegen eine Straßenlaterne. Die Blicke besorgter Passanten ignorierend, betrat er dann den nächstbesten Gemischtwarenladen. Er war der einzige Kunde dort, was ihn erleichterte. Monatelang der Herde auszuweichen und plötzlich wieder mitten in ihr zu stehen, kam einem mittleren Kulturschock gleich und es hatte ihm auf den letzten Metern deutlich Mühe gekostet, von den vielen fremden Menschen umringt Luft zu bekommen. Auch diesmal war er dem ärztlichen Rat nur deswegen gefolgt, weil ihm das Bier ausgegangen war und sich keiner seiner Familienmitglieder dazu hatte breitschlagen lassen, ihm welches vorbeizubringen. Konspirative Bande!

Er griff in ein Regal und entnahm ihm einen Sechserpack, überlegte kurz und schnappte sich noch einen zweiten. Am Verkaufstresen begutachtete er das Sortiment an Zigaretten und runzelte verärgert die Stirn. Seine Lieblingsmarke war ausverkauft.

Ungeduldig sah er sich um und ließ die Hand schließlich mehrmals auf eine kleine silberne Tischglocke niedersausen: „Halloooo?! Gibtʼs in diesem Saftladen keine Bedienung?! Zahlungswilliger Kunde hart Backbord!“ „Moment“, schallte es aus einem zu seiner Rechten liegenden Gang, „bin sofort bei Ihnen!“ Eiri stützte sich seufzend auf die Ellenbogen und wartete.

Wenige Minuten später wurde die einen Spaltbreit geöffnete Tür vollständig aufgetreten und ein junger Mann, mit Kartons beladen, kam herein, setzte den Turm mit nicht unerheblicher Mühe ab und wischte sich angestrengt über die Stirn: „Verzeihen Sie bitte, aber ich musste kurz Nachschub aus dem Keller besorgen und es ist eine halbe Weltreise bis in dieses Loch! Ich schwöre, wenn sich der Chef nicht bald nach einem zweiten Gehilfen umsieht, drehe ich du-“ Er hatte sich während des Monologs seinem Kunden zugewandt und brach leichenblass ab, als er ihn auf Anhieb erkannte.

Auch Eiri war reglos in seiner Position verharrt. Nun verhärtete sich sein Ausdruck: „Fantastisch. Du hast mir gerade noch gefehlt. Das Leben meint es wirklich zu gut mit mir! Beeil dich, ich bin nicht so scharf drauf, deine Visage länger als nötig zu bewundern!“ Er verdrehte die Augen und schlug aggressiv mit der flachen Hand auf die Tischplatte.

Der Verkäufer zuckte deutlich verschreckt zusammen. Erst nach einigen langen Sekunden bedrückenden Schweigens setzte er sich beinahe mechanisch in Bewegung und scannte wortlos die Ware. Er musste noch nicht einmal den Preis auf der Anzeige der Kasse nennen, bevor Eiri schnaubend das Geld aus der Tasche kramte, es auf die Theke warf und knurrte: „Stimmt so.“ Er nahm sein Bier an sich und stürmte beinahe panisch aus dem Geschäft.

Draußen legte er angespannt den Kopf in den Nacken und ließ seiner Kehle einen mühsam unterdrückten, zornigen Schrei entweichen.

Das war mehr als knapp gewesen. Es half ihm mit Sicherheit nicht weiter, wenn ihm die Durchführung einer Therapie eine Vorstrafe wegen gefährlicher Körperverletzung einbrachte. Niemals hätte er damit gerechnet, in einem kleinen Laden in einer unscheinbaren Seitenstraße ganz in der Nähe seines Appartements ausgerechnet Taki Aizawa wiederzutreffen.

Schon gar nicht in blauer Schürze mit aufgedruckten goldgelben Pupillen. Oder einer Schirmmütze mit angenähten Katzenohren.

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Oder zumindest hatte er gedacht, dass der Laden in der Nähe seines Appartements lag.

Als er nämlich eine Woche später, nachdem er den ersten Schrecken verdaut hatte, abends wieder vor den Glastüren stand, musste er einsehen, dass er möglicherweise zu sehr in Gedanken versunken gewesen war, um den mühseligen Weg von einer halben Stunde Fußmarsch zu registrieren. Er war einfach nur ziellos umhergewandert, hatte sich bemüht, die Überhand nehmende innere Einsamkeit mit den Lichtern der Großstadt zu überwinden und war zufällig an diesen speziellen Laden geraten.

Wieso hatte er den Weg ein zweites Mal, diesmal wesentlich bewusster, auf sich genommen? Es gab einen Grund, so viel stand fest. Er brauchte Zigaretten. Aber ein weiterer, den er sich selbst nicht recht eingestehen wollte, bestand darin, dass er zum ersten Mal seit sehr langer Zeit wieder die treibende Kraft der Neugier gespürt hatte.

Taki Aizawa.

Eigentlich eine Person, die er sich jemals wiederzusehen nicht gewünscht hatte. Was trieb einen egozentrischen Gernegroß wie ihn ausgerechnet in einen kleinen Laden am sprichwörtlichen Ende der Welt?

Eiri senkte den Blick von dem Namensschild des Ladens auf dessen Schaufenster, hinter dem Taki eben offensichtlich einen Kunden darin beriet, ob eine Katze besser Trocken- oder Saftfutter zum prächtigen Gedeihen benötigte – die filigranen Staubwedel schienen in diesem Bezirk einen hohen Stellenwert zu genießen. Er pflückte sich seine letzte Zigarette aus dem Mund, zertrat die Glut auf dem Pflaster und setzte sich in Bewegung.

Ein schrilles Geräusch ertönte, als er über die Schwelle trat und Taki begrüßte den neuen Kunden automatisch mit einem einstudierten Lächeln: „Willkommen! Wenn Sie Hilfe benötigen, gedulden Sie sich bitte einen Augenblick, ich bin-“ Sein Blick gefror schlagartig, als er Eiri erkannte. Er schluckte mit sichtlicher Mühe und beendete den Satz ein wenig heiser: „... gleich fertig.“ Der Schriftsteller nickte nur stumm und aalte sich im Unwohlsein des Sängers, während er sich auf dem Tresen abstützte und den Blick milde interessiert durch den Raum schweifen ließ.

Taki musste sich zwingen, sich wieder auf das unterbrochene Verkaufsgespräch zu konzentrieren. Der alte Mann, der ihn um Rat gebeten hatte, sah ihn hilflos und ein bisschen skeptisch über den Brillenrand hinweg an: „Sind Sie sich denn ganz sicher, dass Sho Fa auch bestimmt keine Magenschmerzen davon bekommen wird?“ Taki seufzte: „Ganz sicher kann ich mir natürlich nicht sein, aber wenn sie die günstigeren Marken nicht verträgt, sollten Sie es wirklich einmal hiermit versuchen. Dieser Hersteller ist sehr gut, das versichere ich Ihnen. Ninja bekommt dasselbe zu fressen und sehen Sie sie an! Ansonsten sollten Sie vielleicht mal einen Tierarzt-“

„Nein, nein, nein! Kein Tierarzt! Die arme Sho Fa bekommt in Praxen immer einen halben Herzinfarkt! Ich versuche es hiermit! Bitte packen Sie mir doch vier Dosen ein, ja?“

„Sehr gern.“

Als der alte Herr mit seiner Tüte zur Tür hinaus gewackelt war, strich sich Taki den feinen Schweißfilm von der Stirn, der sich seit der Ankunft des Autors auf seiner Haut gebildet hatte, legte wie als psychische Stütze beide Hände auf die Theke und sah ihn aufmerksam an. Eiri wies mit dem Daumen nach draußen: „Du weißt echt zu überraschen! Hätte dich nicht für einen Katzenfreund gehalten! ‚Aoneko‘, hm? Dem Namen nach zu urteilen könnte man meinen, hier in eine Zoohandlung zu spazieren.“ Taki hatte keine Lust auf Smalltalk: „Was kann ich für Sie tun?“

„Oh, Ablenkungstaktik? Komm schon, Aizawa! Seit wann hast du Angst vor mir?“

Nun wich ihm der Sänger aus und starrte auf einen Stapel Prospekte, der auf dem Tresen lag. Er war ein wenig schief, und so schob er ihn diskret mit einem Finger zurecht, während er emotionslos erwiderte: „Es sind nicht Sie, der mir Angst macht, Yuki-san, sondern vielmehr ihr überaus passionierter Leibwächter, dem ich deshalb lieber aus dem Weg gehen möchte.“

Eiri spürte einen Stich im Herzen. Er dachte, dass Taki von seinem verstorbenen Geliebten sprach, der ihm bei ihrer letzten Konfrontation so höchst erfolgreich die Seele aus dem Leib exorziert hatte. Finster knurrte er: „Oh, sei ganz beruhigt. Shuichi wird dir nie wieder in die Quere kommen können. Hast sicher auf den Tischen getanzt, als du es erfahren hast, was?“ Eine winzige Menge des einstigen Feuers loderte in Takis braunen Pupillen auf und er erwiderte Tonlage und hitziges Gemüt beinahe gleichwertig: „Ich meine nicht Shindo! Und wenn Sie es unbedingt wissen wollen: Nein, ich habe nicht getanzt. Es ist mir guten Gewissens am Arsch vorbeigegangen!“

Eiri sah Rot. Seine Hand fuhr blitzschnell über die Theke und packte Taki an der Gurgel, um ihn gewaltsam zu sich herüberzuziehen: „Du mieser Drecksack! Ginge es dir auch am Arsch vorbei, wenn ich dir hier und jetzt den Hals umdrehe?!“ Trotz seiner prekären Lage stieß Taki ein gepresstes Lachen aus: „HA! Man möge es mir verzeihen, wenn ich über den Tod eines Mannes, den ich kaum kannte, nicht in Tränen ausbreche! Wenn ich Sie daran erinnern darf, waren wir nicht die besten Freunde! Oder überhaupt welche, nebenbei bemerkt!“ Eiri riss ihn noch ein wenig näher an sich heran, aber als Taki nichts mehr sagte, sondern nur verzweifelt röchelte, löste er schließlich den Griff und drehte sich ruckartig um: „Scheiße. Du regst mich immer noch genauso auf wie damals. Hast du nichts gelernt?!“ Taki hustete ein paarmal und massierte sich den Hals: „Wozu sollte ich mich ändern? Sie halten doch offenbar auch noch an Ihrer gewohnt aggressiven Art fest!“

Eiri schnaubte und zwang sich energisch zur Ruhe. Einen weiteren Mord würde sein Gewissen nicht mehr unbeschadet überstehen, so viel stand fest. Und so atmete er nur eine Weile bewusst tief ein und aus.

Auf einmal ertönte ein leises, dumpfes Geräusch in seinem Rücken und er drehte automatisch den Kopf. Taki griff ebenso automatisch nach der hübschen, schwarzgrauen Katze, die auf den Tresen gesprungen war und nun eifrig damit begann, sich zu putzen: „Ninja, pfui! Du weißt ganz genau, dass du auf Tischen nichts zu suchen hast!“ Er hob sie hoch und setzte sie auf dem Boden ab, woraufhin sie ihn mit einem vornehmen, aber unzweifelhaft beleidigten Blick bedachte und in Richtung des angrenzenden Flurs davon trippelte. Eiri sah ihr amüsiert hinterher: „Chartreux, richtig? Deine?“ Taki sah ihn säuerlich an: „Wo denken Sie hin?! Natürlich nicht! Die gehört dem Besitzer.“

„Deswegen also ‚Aoneko‘.“

„Sie habenʼs erfasst.“

„Hätte er bei so viel Begeisterung dann nicht wirklich eher eine Tierhandlung als einen Gemischtwarenladen aufmachen sollen?“

„Was fragen Sie mich? Ich arbeite hier nur.“

„Hm.“

Eiri wandte Taki wieder seine ganze Aufmerksamkeit zu: „Warum eigentlich? Hattest du nicht schon einen einträglichen Job?“ Taki verzog vorwurfsvoll den Mund und verschränkte die Arme vor der Brust: „Tja, meine Karriere ist leider aus unerfindlichen Gründen den Bach runtergegangen, deswegen musste ich mich zwangsläufig nach neuen Perspektiven umsehen.“ Der Schriftsteller sah ihn verblüfft an: „... Und die einzige Perspektive, die du gesehen hast, bestand aus einer Schürze mit Katzenaugen und dem dazugehörigen Set Ohren?“ Takis Braue zuckte gefährlich und er wich dem stechenden Blick verlegen aus: „Nun ... Es ist besser als nichts!“

Eiri kicherte, was ihn selbst im gleichen Moment am meisten überraschte, doch er ignorierte das befremdliche Gefühl und bohrte stattdessen lieber den Finger noch ein wenig tiefer in die Wunden seines Gegenübers: „Fehlt noch ein Schwanz, meinst du nicht? Hat dein Chef daran etwa nicht gedacht? Wundert mich eigentlich. So wirkt es irgendwie ... unvollständig.“ Dem Sänger rann ein peinlich berührter Schweißtropfen von der Schläfe: „... Eigentlich hat er daran gedacht. Aber ich habe mich geweigert, das bekloppte Ding zu tragen.“

Eiri starrte ihn stumm an. Und brach urplötzlich in ein so lautstarkes Gelächter aus, dass sich Passanten auf der Straße zum Laden umdrehten. Taki fuhr zornig auf: „Hey, auch PR muss Grenzen haben, klar?! So eine Aufmachung ist doch vollkommen unpraktisch! Können Sie sich auch nur im Ansatz vorstellen, wo man damit während der Arbeit überall hängenbleiben kann?!“

Doch sein kümmerlicher Erklärungsversuch gab dem Autor lediglich den Rest. Er schaffte es nicht mehr, sich zu beruhigen, brüllte vor Lachen und jedes Mal, wenn er in Takis schäumendes Gesicht blickte, übermannte ihn die nächste Welle nicht zu unterdrückenden Gelächters. Er bekam kaum noch Luft, und so blieb ihm letztendlich nichts anderes übrig, als ähnlich seines ersten Besuchs fluchtartig zur Tür hinauszustürzen.

Taki sah dem aufgelösten Schriftsteller nach, bis er ihn in der Dunkelheit nicht mehr erkennen konnte und ein ärgerlicher Gedanke brannte sich in sein Bewusstsein.

Wofür ist der Kerl überhaupt hergekommen?!

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Gelangweilt sah Taki auf, als die Türglocke schellte, doch sein Blick verfinsterte sich sofort, als er den Ankömmling erkannte. Verärgert stand er von dem Stuhl auf, auf dem er gesessen und eine Tageszeitung gelesen hatte und strich sich einige Ponysträhnen zurück, die ihm beim Vornüberbeugen ins Gesicht gefallen waren: „Sind Sie heute idealerweise gekommen, um etwas zu kaufen oder wollen Sie sich nur wieder über mich lustig machen?“

Eiri grinste gemein und schob seine Zigarette mit der Zunge in den anderen Mundwinkel: „Ziemlich unfreundlich, die Bedienung in diesem Laden. Muss ich auf Bemühung des Geschäftsführers bestehen?“ Der Sänger knurrte leise und verschränkte trotzig die Arme vor der Brust, ergab sich aber seinem Schicksal: „Willkommen, werter Kunde! Wie kann ich Ihnen zu Diensten sein?“ Schlagartig wieder ernst, stützte sich Eiri auf dem Tresen ab und wies auf den Zigarettenautomaten neben sich: „Räucherstäbchen sind mir ausgegangen.“ Nach einem Moment runzelte er unwillig die Stirn: „Mann, sag bloß, Yucky Stripes sind schon wieder nicht da!“ Taki blickte desinteressiert hin, schmunzelte humorlos und lenkte die Aufmerksamkeit dann wieder auf den Autor: „Zu schade, dass wir Ihnen nicht weiterhelfen konnten, der Herr! Gehaben Sie sich wohl!“ Eiri bedachte ihn mit einem säuerlichen Blick und schüttelte den Kopf: „Vergiss es, Aizawa. So schnell wirst du mich nicht los.“ Taki wischte sich gekünstelt nichtexistenten Sorgenschweiß von der Stirn: „Puh, ich bin ja so froh, dass Sie uns noch eine Chance geben, Ihre Bedürfnisse zu befriedigen, der Herr!“

„Sei nicht so frech.“

Eiri kratzte sich am Hinterkopf und tat so, als ließe er sich die Möglichkeit durch den Kopf gehen, sich mit einer anderen Marke zufriedenzustellen. Er konnte schließlich nicht einfach zugeben, dass er seine tägliche Handvoll Sargnägel aus dem Grund nicht in einem nähergelegenen Supermarkt hatte kaufen können, weil ihm die Aussicht auf ein Wiedersehen mit Taki gefehlt hatte. Ihr letztes ... Gespräch hatte ihm einfach einen zu großen Spaß bereitet, als dass er den Sänger in Zukunft in Frieden lassen konnte.

Ja, es war ein Heidenspaß gewesen. Er hatte seit einer Ewigkeit nicht mehr so gelacht und seine Seiten hatten schmerzhaft gestochen, als er es endlich zurück zu seiner Wohnung geschafft hatte. Dort hatte ihn überraschend Tohma erwartet, ein Umstand, der ihn unter normalen Umständen anstandslos in noch tieferen Verdruss gestürzt hätte. Doch diesmal hatte er seinen Schwager nur kichernd gegrüßt und ihn kommentarlos eingelassen.

Natürlich hatte Tohma daraufhin die Nacht bei ihm verbracht. Zweifellos, um ihn gegebenenfalls an unvernünftigen Taten hindern zu können. Denn ein heimlich geführtes Telefongespräch mit Mika, welches Eiri ebenso heimlich belauscht hatte, hatte ergeben, dass der NG-Direktor offensichtlich befürchtete, Eiris letzte Schrauben hätten sich verabschiedet. Der Gedanke war ihm selbst gar nicht ganz abwegig vorgekommen. Nach kurzer Bedenkzeit klang der Verdacht auf Unzurechnungsfähigkeit sogar sehr plausibel. Immerhin hatte er sich mit Taki Aizawa unterhalten und es hatte ihm nicht nur nicht das Bedürfnis beschert, den Sänger umzubringen, sondern ganz im Gegenteil den Wunsch, ihre Interaktion alsbald fortzuführen!

... Etwas stimmte definitiv nicht mit ihm.

Selbstredend hatte er Tohma verschwiegen, was ihn so dermaßen amüsiert hatte. Auf ein gutes Gespräch mit seinem Schwager, möglicherweise gefolgt von einem weiterführenden mit Taki, konnte er beileibe verzichten. Was er wollte, war ... Nun, er wusste selbst nicht so genau, was er eigentlich von Taki wollte. Vielleicht brauchte er einfach nur einen Prügelknaben, an dem er den alltäglichen Frust auslassen konnte. Und Taki war dafür mehr als prädestiniert.

Er erinnerte sich wieder an eine Frage, die sich ihm schon beim ersten Besuch im Aoneko aufgedrängt hatte und wies auf ein offensichtlich leeres Magazin im Automaten: „Das ist mir die letzten Male schon aufgefallen. Sind hier eigentlich jemals welche drin?“ Taki legte nachdenklich den Kopf schief und ein gewisses professionelles Momentum veranlasste ihn dazu, für kurze Zeit zu vergessen, dass er sich verschworen hatte, Eiri mit Sarkasmus gegenüberzutreten: „Sicher. Aber es handelt sich dabei nun mal um eine sehr beliebte Marke.“ „Soll das ein Witz sein?“, Eiri schnaubte stolz, „Ich bin Kettenraucher, aber von der habe ich noch nie was gehört.“ Er tippte mit dem Zeigefinger auf das Preisschild: „Außerdem ganz schön teuer, meinst du nicht? Wollt ihr damit Kunden neugierig machen?“ Taki lachte: „Bei Ihnen hat es wohl funktioniert, was?“ Er hob beschwichtigend die Hände, als Eiri ihn drohend anfunkelte: „Nein, Noir gibt es wirklich. Ist eine alte französische Marke, von der wir – eben wegen des hohen Preises – nur eine geringe Stückzahl bestellen. Und die ist immer sehr schnell ausverkauft.“

„Schmecken die Dinger denn so gut?“

„Keine Ahnung. Ich rauche nicht.“

„Verstehe. Von wegen Tabak ist Gift für die Stimme und so weiter.“

Taki schloss die Augen und ignorierte den Köder: „Ja. Und so weiter.“ Der Autor stemmte eine Hand in die Hüfte und rieb sich mit der anderen nachdenklich das Kinn: „Tja, ich gebe es ja nicht gern zu, aber die Sache macht mich tatsächlich neugierig. Wann bekommt ihr das Zeug denn wieder rein?“

„Sie liefern immer montags.“

„WAS?! Aber heute ist erst Dienstag! Willst du mir weismachen, dass die nach einem einzigen Nachmittag ausverkauft sind?!“

„Ich habe Ihnen ja gesagt, dass das immer sehr schnell geht.“

„Ist da verdammtes Gold drin?!“

„Nein, aber wir haben unsere Stammkunden dafür. Sagen wir es mal so: Fast jede Packung, die wir reinstecken, hat ihren Besitzer, wenn Sie verstehen was ich meine ...“

Eiri sackte resigniert schnaufend ein Stückchen in sich zusammen. Dann hob er den Kopf und fragte nachdrücklich: „Könnt ihr denn nichts reservieren oder so?“ Taki zuckte mit den Schultern: „Tut mir ja leid, Yuki-san, aber zurücklegen darf ich nur für Leute, die entweder mir oder dem Chef wirklich sehr nahestehen.“ Eiri hob interessiert die Augenbrauen: „Na, das trifft sich doch gut!“ Er beugte sich verführerisch ein Stück näher an Taki heran: „Wir kennen uns doch schon so lange! Komm schon, Aizawa. Um der guten, alten Zeiten willen.“

Taki lächelte sonnig: „Nur über meine Leiche.“

Eiri erwiderte das Lächeln: „Reizend.“

---


Und das wollte er hier haben ... Das da ... Und dieses ...

Taki begutachtete sein Werk und schüttelte nach kritischer Observation resigniert den Kopf. Brummend sammelte er die hübsch verzierten Päckchen wieder zusammen und riss die Decke von der Fensterbank. Er tauschte das leuchtend pinkfarbene Tuch mit einem dezent schimmernden rosafarbenen aus und begann fieberhaft, die Auslagen neu zu arrangieren.

Ein Klopfen an die Scheibe direkt vor seiner Nase ließ ihn stutzend auf sehen. Er blickte geradewegs in die Augen eines paffenden Eiri, der ihm im Anschluss an die gewonnene Aufmerksamkeit eine Wolke Zigarettenqualm ins Gesicht blies. Wäre die Scheibe nicht im Weg gewesen, hätte ihn die volle Breitseite davon in die Nasenlöcher getroffen. Er starrte den grinsenden Autor eine Weile ausdruckslos an, ehe er mit dem Mund Worte formte.

Sind.

Sie.

Schwachsinnig?

Eiris Lidmuskelzucken bescherte ihm einen kleinen Triumph, anschließend senkte er den Blick wieder auf die Arbeit.

Eiri betrat den Laden und gesellte sich zu ihm: „Noch mehr Hinweise und man könnte meinen, du möchtest zum anderen Ufer wechseln, Aizawa. Nicht nur Katzenöhrchen, jetzt auch noch rosa Rüschen?“ Taki seufzte schwer: „Ich werfe es Ihnen nicht vor, dass es Ihnen offensichtlich entgangen ist, aber heute ist Valentinstag, Yuki-san. Sie wissen schon: Mädchen überwinden tapfer ihre ganzjährige Schüchternheit sowie jeden guten Geschmack und kredenzen ihren Angebeteten mehr oder minder genießbare Schokoladenerzeugnisse, nur um sie am nächsten Tag, wie es sich gehört, wieder aus weiter Ferne anzuhimmeln, weil die Gaben von den betroffenen Herren bekanntermaßen nicht als Liebesbeweise, sondern vielmehr als Statussymbole angesehen werden und sie das Gesicht der Schenkerin nach maximal drei Sekunden vergessen haben.“ Eiri hob eine erstaunte Augenbraue ob der mit auffällig gehässiger Stimme geäußerten Worte und gurrte lasziv: „Warum so verbittert? Hast du heute noch nicht genügend Bestätigung erhalten, Ai-chwan?“ Taki lief ein frostiger Schauer über den Rücken: „Ich wäre Ihnen sehr verbunden, wenn Sie solche Höflichkeitsfragen in Zukunft nicht mehr stellten. Sie bereiten mir Übelkeit.“

„Apropos Höflichkeit“, sagte Eiri in normalem Tonfall, „ich wundere mich schon die ganze Zeit darüber, dass du mich so vehement siezt. Wenn ich mich recht erinnere, hast du diesen wichtigen Schritt bei unserer gegenseitigen Bekanntmachung damals recht großzügig ignoriert.“ Taki rückte einige Schachteln Pralinen zurecht und beobachtete den Autor aus dem Augenwinkel. Konnte es dieser Bastard tatsächlich nicht verstehen, dass ein Beinahezusammenstoß mit einem fahrenden Auto eine sehr wirksame Erziehungsmaßnahme war? Oder wollte er sich daran ergötzen, sich diese wenig erbauende Erfahrung in Takis eigenen – zum Glück noch recht lebendigen – Worten anzuhören? Eiri legte stirnrunzelnd den Kopf schief, als er den misstrauischen Blick bemerkte.

... Andererseits war es auch durchaus wahrscheinlich, dass Tohma Seguchi seinem Schwager die ganze Angelegenheit einfach verschwiegen hatte. Es hätte dem blonden Teufel absolut ähnlich gesehen, einen so unbedeutenden Zwischenfall für sich zu behalten. Schließlich wollte man die nähere Umgebung ja nicht in Aufruhr versetzen. Und außerdem ... Wer von diesen berühmten Gestalten interessierte sich schon für ein kleines Licht wie Taki Aizawa?

Taki ballte eine Faust, konzentrierte sich hartnäckig auf eine besonders edle Packung gemischter Schokoladentäfelchen und antwortete endlich kryptisch: „Jemand hat mir eine sehr nachdrückliche Lektion in Sachen Anstand erteilt.“ Wenn Tohma nicht wollte, dass Eiri etwas über den Vorfall erfuhr, war es sicherer, ihm den Wunsch zu erfüllen. Immerhin hatte er am eigenen Leib erfahren müssen, dass es lebensgefährlich war, den Produzenten zu verärgern. Zudem lag es beileibe nicht an ihm, den Autor aufzuklären, soviel war ihm schmerzlich bewusst. Sowohl er selbst als auch Eiri wussten sehr gut, dass er für seinen Missgriff damals ein gewisses Maß an Zurechtweisung redlich verdient hatte. Auch, wenn er mit dem angewandten Maß alles andere als einverstanden war.

Eiri nahm ehrlich beeindruckt die Zigarette aus dem Mund und studierte ihn eingehend: „Hätte es nicht für möglich gehalten, dass dich tatsächlich jemand erziehen könnte. Als ich es versucht habe, hast du dich ja als nicht besonders lernwillig erwiesen. Respekt an den Lehrer!“ Taki warf ihm einen wütenden Blick zu. Es hätte schlimmer kommen können. Zum Beispiel, wenn der Fahrer des Wagens nicht mehr rechtzeitig gebremst hätte. Also murmelte er nur: „Haben Sie eigentlich nichts zu tun? Wie wärʼs, wenn Sie einfach kauften, wofür Sie hergekommen sind und wieder verschwinden würden?“ „Oh“, schnaufte Eiri gespielt enttäuscht, „und gerade eben habe ich noch deine Manieren gelobt!“ Er unterbrach Taki, der Luft holte und ihm etwas Passendes entgegensetzen wollte und hob abwehrend die Hände: „Reg dich ab. Ich brauche Reis. Der Körper will ja schließlich von was leben. Oh, und ein bisschen Gari! Und leg Sake dabei, aber den zum Trinken, nicht das Billigzeug zum Kochen, kapiert?“ Taki funkelte ihn gereizt an: „Sie wissen, dass wir Körbe und Wagen zur Selbstbedienung bereitstellen, oder? Ist das wirklich so unter Ihrer Würde?!“ Nichtsdestotrotz stand er auf und klopfte sich etwas Staub von den Knien, bevor er Eiris Bestellung zusammensuchte.

Als er sie an der Kasse einscannte, warf Eiri noch etwas unsanft eine Tafel Zartbitter dazu: „Die nehm ich auch noch.“ Taki sah fasziniert auf: „Schon im Ausblick auf White Day? Wie vorausschauend von Ihnen! Aber meinen Sie nicht, dass eine Tafel zu wenig für Ihre ganze Fangemeinde sein wird?“ Eiri bezahlte, griff grinsend nach der Schokolade und reichte sie Taki: „Nein, die ist für dich. Als kleiner Trost dafür, dass dich deine Fangemeinde wohl inzwischen so ziemlich vergessen haben sollte.“ Der Sänger hielt inne, fixierte das Geschenk und lächelte schließlich düster. Er griff pikiert mit zwei spitzen Fingern zu und ließ es über dem Tresen baumeln: „Sie sind wirklich zu gütig.“

Nachdem der Autor lachend abgezogen war, seufzte er und drehte die Tafel nachdenklich zwischen den Fingern hin und her, ehe er sie schließlich unter dem Tresen zu dem Berg Süßigkeiten legte, den er im Laufe des sehr einträglichen Morgens von Kundinnen jeden Alters erhalten hatte. Er hatte den Seitenhieb natürlich bestens verstanden, aber was sollte er tun?

Er mochte diese Sorte!

---


„Hi, Taki“, rief Ma munter und trat die Tür beim Hereinkommen so weit auf, dass er beinahe das kleine Gewürzregal dahinter zerquetschte, womit er sich einen tadelnden Blick seines Freundes einhandelte, „ich bin gerade auf dem Nachhauseweg und weil ich heute Abend auf eine echt vielversprechende Party gehe, dachte ich, ich frag mal nach, ob du nicht auch Bock drauf hast?! Wie wärʼs? Tanzen? Druckbetankung? Mädels aufreißen?“ Taki rollte mit den Augen, ohne von seinem Platz aufzustehen oder das Kinn aus der Hand, die es stützte, zu heben.

Sein alter Kumpel Ma. Keine Spur von Diskretion.

Nachdem sich der blonde Störenfried auf den Barhocker vor der Theke hatte fallen lassen, wandten sich die Kunden, die vom Lärm aufgeschreckt worden waren, alsbald wieder ihren Einkäufen zu. Taki nuschelte gedämpft in die Hand: „Tut mir leid, aber der Chef ist krank geworden und hat mich gebeten, auch die Spätschicht zu übernehmen.“ Ma stöhnte genervt: „Och, nicht schon wieder! Ist doch echt kein Wunder, dass der Alte so oft darniederliegt, bei dem Arbeitspensum, das er sich aufhalst! Und dir wird es nicht anders ergehen, wenn du dich weiterhin jedes Mal breitschlagen lässt! Merk dir meine Worte!“ „Ha“, lachte Taki trocken, „ich kann doch schon froh sein, dass er mich nicht auch noch die Nacht durchmachen lässt! Stell dir vor, er hat endlich ʼne Suchanzeige für eine zweite Arbeitskraft aufgegeben!“

„Das ist wirklich unglaublich! Hat er endlich begriffen, dass er euch beide ins Grab bringt mit seinem Geiz?“

„Scheint so. Ich hoffe nur, er holt sich zur Abwechslung jemanden, der tatsächlich was taugt.“

„Ich frage mich manchmal ernsthaft, wieso du diese ständigen Überstunden so anstandslos hinnimmst. Ich wär schon längst auf die Barrikaden gegangen!“

„Bar und steuerfrei, sag ich nur, bar und steuerfrei ...“

Taki rechnete mit einem hinzukommenden Kunden ab und nickte diesem zum Abschied zu, ehe er sich wieder Ma zuwandte, während er auch schon den nächsten, recht umfassenden Einkauf einer älteren Dame einscannte: „Bitte doch Ken, dich zu begleiten. Ich wette, er kann die Aufmerksamkeit gut gebrauchen, wo seine Perle doch gerade mit ihm Schluss gemacht hat.“ „Machst du Witze?! Ken ist derjenige, der mich eingeladen hat! Von Trennungsschmerz ist bei dem nicht viel zu erkennen, seit er diesen Job im Fitnessstudio angenommen hat“, brummte sein Freund beinahe beleidigt. Taki prustete kurz auf: „Grün vor Neid, was? Sauer, weil er jetzt Hahn im Korb ist und von den Aerobic-Trainees angehimmelt wird?“ „Quatsch“, donnerte Ma los, mäßigte sich aber schnell, als ihn die Alte strafend musterte, „ich frage mich nur, warum er plötzlich so heiße Feger anzieht und sie mir die kalte Schulter zeigen. Ich meine, ich bin doch ein Adonis! Bei mir müssten sie in Scharen antreten!“

Er posierte vor der Dame und erntete ein pikiertes Nasenrümpfen.

Taki zuckte mit den Schultern und nannte der Frau den zu zahlenden Betrag: „Tu doch nicht so, als ob dir was abginge. Sie sind hinter euch beiden her wie die Fliegen hinter dem Mist. Ken wegen seiner Figur und du ... Naja, du hast halt natürlichen Charme. Ich seid doch ein tolles Flirt-Team, mich braucht ihr dabei gar nicht.“ Er kassierte, packte die Waren zuvorkommend in das Handwägelchen der Frau und lief zur Tür, um sie ihr aufzuhalten, woraufhin sie dankend davon trippelte. Ma stöhnte resigniert: „Könntest du bitte aufhören, so zu tun, als wäre das hier dein Traumjob?! In letzter Zeit arbeitest du nur noch und hast überhaupt keine Zeit mehr für uns! ... Du fehlst uns, Taki!“ Erneut zuckte der Sänger mit den Schultern: „Ich brauche das Geld. Es ist nicht leicht, bei Labeln einen guten Eindruck zu schinden, wenn man nicht mindestens im Banari-Smoking antritt.“ Ma schnaubte abfällig: „Vergiss diese Affen! Wir machen eine Platte, die sie nicht ablehnen können, selbst wenn wir in Jutesäcke gepackt bei ihnen vorsprächen!“ Sein Protest wurde von der Türglocke und einem dunklen „Yo“ unterbrochen. Da ihm die Stimme seltsam vertraut vorkam, drehte er sich erwartungsvoll um.

Und erstarrte auf seinem Platz.

Taki stieß zur Begrüßung nur ein tonloses Brummen aus und Eiri winkte mit einem Blick auf den mit offenem Mund starrenden Gitarristen ab: „Bemüh dich nicht. Ich besorgʼs mir schon selbst.“ „Ist ja mal was Neues“, erwiderte Taki, „Sie und selber machen?! Dass ich das noch erleben darf!“ Für den sarkastischen Kommentar erhielt er nur einen antriebslosen Mittelfinger und er kicherte leise, während er den nächsten Kunden bediente.

Mas Blick wanderte fassungslos zwischen dem Gesicht seines Freundes und dem hinter Regalen verschwindenden blonden Schopf des Autors hin und her. Schließlich hauchte er nur atemlos: „Okay ... Was ist hier los?“ Taki hob eine Augenbraue: „Was meinst du?“

„Frag nicht so blöd, Mann! Was zum Teufel macht der hier?!“

Taki seufzte und schenkte Ma, nachdem er den Kunden verabschiedet hatte, die volle Aufmerksamkeit: „Er kommt in letzter Zeit oft hierher.“ Ma stieß entrüstet aus: „Wozu?!“ „Nun, um einzukaufen, nehme ich an. Dies ist ein Supermarkt, Ma“, antwortete der Sänger geduldig. „Taki“, flüsterte ihm sein Kumpel nachdrücklich zu, „das ist Eiri Yuki!“

„... Das ist mir aufgefallen, Ma. Vielen Dank.“

„Wie kannst du so ruhig sein?! Hast du vergessen, was damals passiert ist?! Er hat uns-“

„Meinetwegen. Er hat dich meinetwegen verdroschen, okay? Und ich habe nicht vor, ihm einen weiteren Grund für dergleichen Feindseligkeiten zu geben, keine Sorge! Halt du dich bitte auch etwas zurück und mach ihn um Himmels Willen nicht wütend!“

Ma fuhr sich angespannt durchs Haar: „Du kannst mir doch nicht erzählen, dass er rein zufällig hier vorbeikommt! Der wohnt doch ewig weit weg von hier! Nein, der Typ hat irgendwas vor!“ Takis Augenbraue zuckte gereizt: „Hör auf damit. Was soll ich denn machen, hm? Ihn des Hauses verweisen?“

„JA!“

„Aber er hat sich nichts zuschulden kommen lassen! Er klaut nicht, macht nichts kaputt und lässt nichts anschreiben! Der Chef würde mich massakrieren, würde ich einen Kunden wie ihn vergraulen!“

„Zählt deine Sicherheit denn gar nicht?!“

Taki sah leidend gen Decke: „Nicht in Gegenüberstellung zahlender Kundschaft ...“

Eiri hatte inzwischen gefunden, was er gesucht hatte und schob sich kess an den drei an der Kasse ankommenden Kunden vorbei. Diese protestierten natürlich lautstark, doch er knurrte nur drohend: „Mund halten! Ich hab nur ʼne Schachtel Tiefkühlgarnelen, da verlangen Sie doch nicht wirklich, dass ich mich hinten anstelle, oder?!“ Er ignorierte alle weiteren Einwände und steckte sich seelenruhig eine Zigarette an.

Taki seufzte. Er wusste, dass eine Diskussion mit dem egoistischen Autor keinen Sinn hatte, und so scannte er so schnell er konnte die Packung Meerestiere ein, um ihn ebenso schnell loswerden zu können. Die anderen murmelten verärgert vor sich hin, doch Eiri zahlte nur düster lächelnd: „Du hast es raus, nicht wahr, Aizawa? Nur weiter so, dann können wir vielleicht noch gute Freunde werden!“ Selbstgerecht grinsend zog er anschließend von dannen.

Taki drückte sich nach einem Moment scharfer Überlegung flink an der Schlange vorbei und hob eine beschwichtigende Hand, als die Beschwerden daraufhin noch lauter wurden. Er öffnete die Ladentür, sah Eiri nach und holte tief Luft.

„Vielen Dank für Ihren Einkauf bei uns, EIRI YUKI-SAN! Beehren Sie uns bitte jederzeit wieder, EIRI YUKI-SAN!“

Die Gestalt des Autors zuckte heftig zusammen, als sich hunderte von Augenpaaren auf sie richteten.

„Eiri Yuki?! Wo?!“

„Yuki-san, sind Sie es wirklich?! Oh, ich bewundere Sie so sehr, ich-“

„Bitte ein Autogramm!“

„Eiri, ich liebe dich!“

„YUKIIIIIIIIIIIIIIIIII-“

Zufrieden nickend schloss Taki die Tür und stellte sich breitbeinig davor, um die Kunden, die die Möglichkeit, eine Prominenz persönlich zu sprechen, zu spät bemerkt hatten und nun ebenfalls hinter Eiri her stürzen wollten, am Verlassen des Geschäfts zu hindern: „Erst bezahlen! Sie möchten sich doch keine Anzeige wegen Ladendiebstahls einhandeln, oder?“

Ma schwitzte verlegen, während er Taki dabei zusah, wie dieser in Rekordgeschwindigkeit ungeduldig zappelnde Kunden abfertigte und raunte ihm schließlich diskret zu: „Ich dachte, wir wollten ihn nicht wütend machen?“ Taki hielt für einen Sekundenbruchteil inne und zuckte dann mit den Schultern: „Außergewöhnliche Situationen verlangen drastische Maßnahmen.“
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