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Der Kaufhausfahrstuhl

von akinom
Kurzbeschreibung
KurzgeschichteAllgemein / P6 / Gen
03.12.2012
03.12.2012
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836
 
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Der Fahrstuhl

In der Stadt gab es ein neues Kaufhaus. Es war mit den schönsten und modernsten Rolltreppen und mit einem Fahrstuhl ausgerüstet.

Der Fahrstuhl hatte zwei Sitze für Kinder oder Menschen, die nicht lange stehen konnten.
Es gab eine schöne, große Tastenleiste am Einstieg und am linken Handlauf, auf der die Etagen ausgewählt werden konnten, in die man fahren wollte. Eine nette Stimme aus einem Lautsprecher verkündete, wohin der Fahrstuhl fuhr und welche Abteilung sich dort befand.
„Erdgeschoß: Haushaltswaren, Lederwaren und Parfümerie.  Erste Etage: Herren- und Kinderbekleidung.  Zweite Etage: Damenmode und Nachtwäsche . Dritte Etage: Spielzeug- und Elektroabteilung . Vierte Etage: Restaurant und Toiletten!“  
So klang es tagtäglich  etliche Male aus dem Lautsprecher.

Der Fahrstuhl liebte seine Arbeit und kannte bald viele Leute, die immer wieder mit ihm fuhren.
Zum Beispiel das ältere Ehepaar, das jeden Samstag zum Frühstücken ins Restaurant ging.
Die Frau mit ihrer Tochter im Kinderwagen, die regelmäßig nach Angeboten in der Kinder- und Spielzeugabteilung suchte.
Die Familie mit den Zwillingen, die trotz Verbot der Eltern immer auf die Knöpfe für sämtliche Etagen drückten.
Die Reinigungskräfte mit ihren großen Putzwagen, die Toilettenfrauen und viele der Verkäufer und Verkäuferinnen, die in den oberen Etagen arbeiteten.

So fuhr er viele Jahre voller Freude alle, die einstiegen, hinauf und hinunter.
Doch mit der Zeit merkte er, wie es ihm immer schwerer fiel, die einzelnen Etagen zu erreichen und die Türen zu öffnen.

Er fing an zu ächzen und zu stöhnen. Gelegentlich blieb er stehen und sammelte neue Kraft, um die nächste Etage zu erreichen. Die Türen gingen nur noch quietschend auf und knallten, wenn sie sich schlossen.

Viele Leute bekamen Angst davor, mit dem Fahrstuhl zu fahren, und so blieb er oft alleine in seiner Ecke des Kaufhauses. Das machte ihn sehr traurig!

Eines Tages kam ein Mann in die Ecke des Kaufhauses und betrat den Fahrstuhl. Dieser war sehr aufgeregt. Endlich wollte wieder jemand mit ihm fahren.
Der Mann wollte in die erste Etage und der Fahrstuhl  strengte sich an, die Fahrt so gut es ging zu bewältigen. Trotzdem ruckelte und stöhnte er. Der Mann stieg kopfschüttelnd aus. Traurig blieb der Fahrstuhl zurück und glaubte, niemals wieder einen Fahrgast zu bekommen.

Der Mann ging  in die Herrenabteilung und sah sich nach Anzügen um.
Nachdem er über eine Stunde gesucht hatte, fragte er eine Verkäuferin, ob es preiswertere Anzüge zu kaufen gäbe. Doch diese schüttelte den Kopf.
Daraufhin fragte er nach dem Geschäftsführer und ließ selbst dann nicht locker, als es hieß, dass dieser zurzeit nicht im Haus sei.
Nach einer weiteren Stunde und mehrmaligem Nachfragen wurde der Geschäftsführer endlich geholt.

„Guten Tag, ich bin der Geschäftsführer dieses Kaufhauses. Was kann ich für Sie tun?“
„Guten Tag. Ich heiße Martin und brauche einen Anzug, um mich für eine neue Arbeitsstelle zu bewerben. Leider habe ich genug Geld, um mir einen guten Anzug leisten zu können …“
„Schön, aber wir haben nichts zu verschenken und so Leid es mir tut,  ich kann Ihnen auch keinen Anzug billiger verkaufen.“
„Ich möchte den Anzug nicht billiger haben. Ich hätte einen anderen Vorschlag. Als ich mit dem Fahrstuhl gefahren bin, fiel mir auf, dass dieser reichlich Probleme damit hat, seinen Job zu erledigen!“
„Ja, Sie haben Recht, aber der Geschäftsleitung ist es zu teuer, einen neuen installieren zu lassen!“
„Genau das meine ich. Ich repariere Ihren Fahrstuhl und Sie überlassen mir dafür einen Anzug und einen Mantel, damit ich einen anständigen Eindruck bei meinem Vorstellungsgespräch  machen kann!“

Der Geschäftsführer kratzte sich nachdenklich am Kinn. Dann bat er um ein wenig Bedenkzeit und sie verabredeten, sich in einer Stunde im Restaurant zu treffen.

„Schön, Herr Martin, ich habe mit der Geschäftsleitung gesprochen und die hat mir die Erlaubnis zu unserem Deal gegeben. Wann würden Sie anfangen?“
„Am besten noch heute. Ich hole mein Werkzeug und komme dann wieder!“

Am Nachmittag des gleichen  Tages ging es los. Herr Martin betrat den Fahrstuhl und öffnete die Deckenplatte, um an die Stahlseile und Führungsschienen zu kommen. Er ging auf das Dach in den Maschinenraum und fing an, alles zu überprüfen, zu feilen, zu schrauben, einzelne Teile auszubauen, zu reinigen, zu reparieren, zu ölen und am Ende wieder zusammenzubauen.

Nach einer Woche war er fertig und ging zum Geschäftsführer. Zusammen überprüften sie das Ergebnis seiner Arbeit.

Der Fahrstuhl fühlte sich wieder jung und  fit. Er konnte leicht hinauf- und hinunterfahren.
Die Türen öffneten und schlossen sich leise. Es ging ihm so gut wie schon lange nicht mehr.

Die Besucher des Kaufhauses bemerkten die Veränderung, kamen und fuhren wieder mit dem Fahrstuhl. Alle waren sehr zufrieden.

Herr Martin bekam seinen Anzug, den Mantel und einen Job als Hausmeister im Kaufhaus.
Er kümmerte sich nicht mehr nur um den Fahrstuhl, sondern auch um die Rolltreppen, die Lampen, die Kassen und eben um alles, was im Kaufhaus einer Reparatur bedurfte.

Und wenn du das nächste Mal in ein Kaufhaus gehst, dann steigst du vielleicht in den netten
Fahrstuhl aus dieser Geschichte!
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