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Kein Happy End für Cinderella

von KateRod
GeschichteFreundschaft, Liebesgeschichte / P12 / Gen
Lilly Rush Scotty Valens
02.12.2012
02.12.2012
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1.492
 
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Es gab nur wenige Dinge, denen Lilly Rush mit ähnlich gemischten Gefühlen entgegensah wie dem jährlichen Sommerball der Philadelphia Police.
Aber wie es im Leben so ist mit Dingen, denen man mit Unbehagen entgegensieht: sie kommen schneller, als man sie erwartet. Und ihnen zu entkommen ist so gut wie unmöglich.

„Sie sehen gut aus, Lil“, begrüßte sie John Stillman mit seiner typischen, beruhigenden Zurückhaltung und reichte ihr den Arm, um sie in den Saal zu begleiten.
„Danke“, antwortete sie. In den Spiegeln des Foyers, in welchem sich die glänzenden Lichter der Kristalleuchter widerspiegelten, konnte sie ihr eigenes Abbild sehen: eine hochgewachsene Gestalt in einem nachtblauen Abendkleid, eine Stola um die Schultern und eine dünne, fast unsichtbare Kette um den Hals. Ihre Haare hatte sie schlicht hochgesteckt – einfach, um sie aus dem Nacken zu bekommen.
„Hey, Lil!“, rief Kat Miller ihr von der Seite ihres Kollegen, Nick Vera, aus zu.
„Sind Sie schon wieder gewachsen? Man sollte es Ihnen verbieten, dermaßen hohe Schuhe zu tragen! Da kommt man sich ja wie ein Zwerg neben Ihnen vor...“
„Sie sind ja nur eifersüchtig“, murmelte Vera in seinen steifen Kragen und erntete einen Rippenstoß. Lil musste lächeln: Das war Kat. Lebendig, spöttisch und direkt.
„Hey, Kat“, gab sie zurück und betrachtete ihre Freundin.
„Schönes Kleid!“
„Danke“, sagte die geschmeichelt. Tatsächlich stand ihr das weiße Kleid hervorragend. Es harmonierte mit ihrer schokoladenbraunen Haut- und Haarfarbe und liess ihre Augen leuchten. Sie und Will schlossen sich Lil und John an, als sie langsam den Saal betraten.
Menschenmassen.
Leise Musik im Hintergrund.
John führte sie zu einer relativ leeren Stelle an der südlichen Wand, direkt vor der großen, verglasten Fensterwand, welche den Blick auf einen durch einige Laternen erleuchteten Balkon freigab. Es war spät. Die Sonne war bereits untergegangen und hatte die Welt der Dunkelheit ausgeliefert – zumindest kam es Lil so vor.
Von ihrem Standpunkt aus konnte sie auf der anderen Seite des Saales Scotty erkennen, der neben einer eleganten Frau in einem weinroten Abendkleid stand uns ein Champagnerglas leicht schwenkte. Alexandra Wie-hieß-sie-gleich?, die Staatsanwältin, in deren Begleitung Scotty heute da war – oder war eher sie in seiner Begleitung? – unterhielt sich angeregt mit Will Jeffries, der so aussah, als wollte er am liebsten unsichtbar sein. Nicht einmal der Mann, der im Laufe seines Lebens schon viele Frauen gesehen hatte, schien sich in seiner Haut wohl zu fühlen, wenn Scotty seine Freundinnen mitbrachte. Lil kannte das Gefühl – und hatte gelernt, es in den Jahren zurückzudrängen. Es trat in den Hintergrund, weil diese Bälle zu ihrer Arbeit dazugehörten.
„Sollen Wir?“, fragte John sie und sie bemerkte, dass die Musik sich zu einem Walzer verändert hatte.
„Bitte.“
Lächelnd reichte sie ihm ihre Hand.

Walzer.
Traditionell, schnell, tausendmal geprobt. Ungefährlich – solange man einen guten Partner hatte. Darum brauchte sie sich keine Sorgen zu machen. John Stillman forderte sie pflichtschuldig jedes Jahr zum Eröffnungstanz auf. Warum er es tat, das hatte sie noch nicht herausfinden können, aber sie war dankbar dafür. Er war ein guter Tänzer. Er war ein guter Vorgesetzter. Und sie hatte schon lange damit aufgehört zu denken, dass er für sie nur ein Vorgesetzter war. Hätte sie einen Vater gehabt – sie hätte sich gewünscht, dass es ein Mann wie John Stillman gewesen wäre.
Der zarten Melodie folgend, schwebten sie durch den Raum. Immer war dieser Tanz ihr erster und ihr letzter Tanz für den Abend gewesen.
Wie jedes Jahr hatte sich Lil auch dieses Jahr vorgenommen, sich zu amüsieren. Es konnte doch nicht so schwer sein. Wie jedes Jahr sah sie sich auch heute bereits nachdem die letzten Klänge des Walzers verklungen waren allein in einer Ecke des Ballsaales stehen, ein Sektglas in der Hand.
Wie immer endete der Walzer so schnell, wie er begonnen hatte. Trotzdem waren die Sekunden, bis John ihre Hand losließ, seltsam kostbar. Lächelnd neigte sie den Kopf in einer Andeutung der traditionellen Verbeugung, die heutzutage niemand mehr machte, sei es aus Rückenproblemen oder aus Faulheit und John zog die Mundwinkel hoch und setzte dazu an zu sprechen. In dem Moment schob sich eine kleine, ein wenig pummelige Frau neben sie und sah nervös zu ihm auf.
„Erika!“, sagte John überrascht – und lächelte.
„Lil – darf ich Ihnen Erika vorstellen?“
Sie wirkte nett, beschloss Lil. Und John schien nichts dagegen zu haben, sich mit ihr zu unterhalten.
„Entschuldigen Sie mich bitte“, sagte sie, lächelte wieder und verschwand in der Menschenmasse. Wie leicht ihr das Lächeln heute fiel. Sie musste sich nicht einmal dazu zwingen, wie an manchen Tagen. Zwar hatte sie das Gefühl, dass ihr das Lachen noch irgendwann vergehen würde, aber bis dahin...

Die großen Flügeltüren des Balkons standen einen Spalt weit offen. Normalerweise versammelten sich die Raucher dort, aber heute war niemand weit und breit zu sehen. Die wenigen Laternen schimmerten blass in der Dunkelheit. Kühle Nachtluft strich über Lils Gesicht und sie schob entschlossen die Tür auf und trat hinaus in die Nacht. Es war warm. Es war schliesslich Sommer. Und – es war dunkel, trotz der Laternen. Ihre an die Helligkeit gewöhnten Augen brauchten eine Weile, um die Dunkelheit zu durchdringen.
Fast hätte sie geflucht, als sie eine winzige Stufe übersah und beinahe umknickte. Und dann noch einmal, als ihr Schuh einen Protestlaut von sich gab und sich in Wohlgefallen auflöste.
Verdammt!
Sich nicht sicher, ob sie den Schuhhersteller oder die Architekten des Gebäudes verklagen sollte, sah sie auf den Schuh in ihrer Rechten und die kümmerlichen Reste des Absatzes in ihrer Linken hinab. Andererseits hatte sie nun wirklich nicht vor, heute noch zu tanzen. Also was sollte es...
Entschlossen bückte sie sich und streifte auch den anderen Schuh von ihrem Fuß. Die Steine am Boden waren noch warm von der Sonne des Tages. Vorsichtig darauf achtend, wohin sie trat, ging Lil weiter zur Brüstung des Balkons. Der beinahe vollständig abgenommene Mond hing wie ein goldener Scherenschnitt am dunklen Himmel. Leise drangen einige Klänge der Musik aus dem Saal zu ihr hinaus. Hoffentlich würde sie noch eine Weile allein die Stille genießen können...
„Lil?“, durchbrach eine Stimme ihre Gedanken und erschrocken fuhr sie herum.
„Ja?“
In der Tür wirkte die Gestalt wie ein schwarzer Schatten vor den hellen Fenstern des Saales. Aber es machte nichts, dass sie das Gesicht der Person nicht sehen konnte. Sie hatte seine Stimme längst erkannt.
„Hier sind Sie also“, sagte Scott Valens, als er endlich neben ihr stand.
„Eine schöne Ecke.“
„Hmm.“
Zustimmend nickte sie und fragte dann: „Ist etwas?“
Ihr Partner schüttelte den Kopf.
„Ich habe Sie hinausgehen sehen, da wollte ich nur wissen, was Sie so treiben.“
„Was ist mit Alexa?“
„Sie hält nichts von Bällen. Unterhält sich gerade prächtig mit einem Anwalt.“
Er klang gequält.
„Ich verstehe nur jedes zwanzigste Wort – eigentlich könnten sie genauso gut Hebräisch reden.“
„Das sind Anwälte untereinander.“
Was sollte sie sonst dazu sagen? Sie war nicht diejenige, die eine Affäre mit einer Staatsanwältin begonnen hatte. Und sie war nicht für Scottys Beziehungen verantwortlich.
Eine Weile schwiegen sie einstimmig, während die Klänge der Musik an ihnen vorbei in die Nacht entschwebten. Plötzlich wandte Scotty sich mit einem Ruck zu ihr um. Lil konnte sein Gesicht nicht erkennen, denn es lag im Schatten. Es sprudelte aus ihm heraus, als habe er sie die ganze Zeit schon fragen wollen - aber Lil war nicht geneigt, daran zu glauben, dass es der wahre Grund gewesen war, weshalb er ihr auf den Balkon gefolgt war:
„Würden Sie mit mir tanzen?“

Lil hob ihre Schuhe hoch, damit er sie im Licht der blauen Laterne neben ihr betrachten konnte.
„Ich fürchte, ich bin gehandicapped.“
Scottys Gesicht verzog sich zu einem echten Lächeln.
„Tanzen Sie auch barfuß?“
„Wenn Sie mir nicht auf die Füße treten?“
„Ich verspreche es.“
Sanft nahm er ihre Hand und legte die Seine auf ihre Hüfte. Die Musik floss langsam und leise und genauso bewegten sie sich, wiegten sich im Takt der Musik... Er war ihr so nah, dass sie die Wange auf seine Schulter legen konnte. Er roch gut.
Lil lächelte.

„Scotty? Scotty?“
Vorsichtig löste sich der Gerufene von Lil und beide sahen zu der Tür hin, in welcher der Umriß eines Mannes stand. Lil kannte ihn nicht.
„Scotty – Alexa sucht Sie schon überall...“
Taktgefühl wie eine Blumenvase, beschied ihm Lil.
Ihr Partner liess sie los.
„Tut mir leid“, murmelte er leise.
„Würde es Ihnen...“
„Kein Problem“, antwortete sie und trat noch einen Schritt zurück. Es war ihr gleichgültig, ob der Mann sah, dass sie keine Schuhe trug oder nicht.
„Gehen Sie schon. Ich bin kein kleines Mädchen mehr – ich komme zurecht.“
Mit einem letzten Blick verschwand er durch die Tür zurück in den hell erleuchteten Saal. Durch die große Fensterscheibe konnte Lil sehen, wie Alexa auf ihn zukam und ihn am Arm nahm, ihm einen Kuss auf die Wange drückte und weiterzog, zweifellos, um ihn noch einem Anwalt vorzustellen. Sie bemitleidete ihn nicht. Und sie war nicht wütend auf ihn.
Stattdessen sah sie ihm nach, bis er in der Menge der Menschen verschwand.
Die Steine unter ihren Füßen waren angenehm warm.
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