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Der Kuss des Kobolds

Kurzbeschreibung
GeschichteAbenteuer, Liebesgeschichte / P12 / Gen
Harry Osborn Peter Parker / Spiderman
26.11.2012
04.06.2013
11
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//13 Stunden früher//

Als ich erwachte, fühlte ich mich matt und ausgelaugt. Ich starrte an eine weiße Zimmerdecke und hatte das merkwürdige Gefühl, dass mir Ähnliches schon einmal passiert war.
Ja, richtig. Ich war im Krankenhaus. Ich musste wohl kurz eingenickt sein. Die Uhr an der sterilen Wand gegenüber verriet, dass es kurz nach 13 Uhr war. Ich sah nach rechts und wollte mich gerade bei Harry über den schlechten Service anlässlich des fehlenden Mittagsmahls beschweren, als ich verdutzt feststellen musste, dass es sich bei meinem Bettnachbar in der Notaufnahme des Lenox Hill Hospital gar nicht mehr um Harry handelte. Verwirrt sah ich den dunkelhäutigen Mann an, der neben mir lag und dessen Bein in einer großen Schlaufe über dem Bett hing.
»Entschuldigung«, begann ich ihn bei irgendeiner Lektüre zu stören und seine großen dunklen Augen sahen fragend zu mir. »Können Sie mir sagen, wohin der Mann der vor Ihnen da lag verlegt worden ist?«
Der ältere Herr sah mich verständnislos an. Seine Haare hatten bereits einen leichten grauen Schimmer angenommen. Irgendwie sah er ein bisschen aus wie Morgan Freeman.
Ich leckte mir nervös über die Lippen. Wieso starrte er denn so unhöflich?
»Kindchen«, sagte Morgan und legte extra seine Lektüre zur Seite, um mich noch besser mustern zu können. »Seit du hier eingeliefert wurdest und ständig etwas von Aliens und Kobolden gerufen hast, habe nur ich in diesem Bett gelegen.«
Was? Das konnte nicht sein. Er musste sich irren. Ich verlor in der Öffentlichkeit nie meinen Verstand... also... fast nie. Und daran würde ich mich doch erinnern, oder?
»Scheint, als hättest du dir den Kopf doch mehr gestoßen, als alle dachten.«
Ich wandte mich ab und fühlte betroffen nach meiner Stirn. Ich hatte mir nicht den Kopf gestoßen. Hatte ich wirklich nicht. Nicht all zu sehr jedenfalls.
Ich horchte in mich hinein. Da war tatsächlich ein dumpfer Schmerz hinter meiner Schädeldecke. War meine Begegnung mit Harry etwa nur ein Traum gewesen? Es fühlte sich so real an. Wie wohl der richtige Name meines Retters war? Ob er überhaupt noch lebte?
»Miss Carlyle«, schlenderte eine Krankenschwester zu mir, als sie mein Wachsein bemerkte.
»Carlisle«, korrigierte ich automatisch. Die Leute sprachen meinen Nachnamen schon immer falsch aus. Auch daheim in Kansas.
»Sehr schön«, schien sich die junge, kurzhaarige Krankenschwester zu freuen, dass ich mich an meinen Namen erinnerte. Sie notierte die Urzeit auf ein Klemmbrett, dass am Bettende hing und legte die Akte dann zu meinen Füßen auf das leichte Laken mit dem ich zugedeckt war. »Können Sie mir sagen, welches Jahr wir haben?«, fragte sie mich und leuchtete mit einer kleinen Taschenlampe erst in mein linkes, dann in mein rechtes Auge.
Ich besann mich auf den Chinesischen Kalender und sagte:
»Das Jahr des Drachen.«
Innerlich kicherte ich vor mich hin. Das schien mir eine witzige Antwort zu sein.
Frau Kurzhaar gab nur ein undeutbares Geräusch von sich und auch Morgan mischte sich ungefragt ein.
»Sie hat mich wirres Zeug gefragt. Sind Sie sicher, dass sie nicht doch festgeschnallt werden muss?«
Ich funkelte den Mann böse an, aber eigentlich war mir egal was die Beiden dachten.
»Und welchen Tag haben wir?«
Das war Betty. Die gute war jetzt so nah, dass ich ihr Namensschild lesen konnte.
»Dienstag«, antwortete ich und bemühte mich nicht allzu genervt zu klingen.
»Fast. Heute ist Mittwoch.«
Mittwoch?!? Hatte ich einen ganzen Tag verloren? So langsam zweifelte ich wirklich an meinem Verstand. War ich überhaupt je auf diesem Hochhaus gewesen?
Betty war wieder dazu übergegangen etwas in meine Akte zu kritzeln. Dann hielt sie den Stift, mit dem sie soeben noch geschrieben hatte, nach oben.
»Können Sie mir sagen, wie man das nennt?«
Jetzt war ich diejenige die ungläubig starrte.
»Das reicht«, entschied ich, zog das Laken zurück und huschte aus dem Bett.
Ich zupfte mein schickes Krankenhaushemd zurecht und bemerkte, dass Betty die Frechheit besaß, mir den Weg zu versperren. Sie wollte ansetzen etwas zu sagen, doch ich kam ihr zuvor.
»Schwetser Betty, ich bin weder geisteskrank, senil noch schizophren. Ich bin im Vollbesitz meiner geistigen Kräfte und verlange jetzt von Ihnen, dass sie mir schleunigst meine Entlassungspapiere bringen oder ich jage Ihnen meinen Anwalt auf den Hals.«
Betty sah mich ungerührt an.
»Ich werde sehen was ich tun kann«, informierte sie mich und watschelte mit meiner Akte davon.
»Tzz«, hörte ich von Morgan, der mich herausfordernd ansah.
»Und der nette Herr hier starrt Ihnen ständig auf den Hintern, wenn er denkt, es merkt keiner«, rief ich laut und setzte mich abwartend auf die Bettkante. Ich wusste nicht, ob Betty mich noch gehört hatte, aber Morgans Gesicht lief lila an und er verbarg es schnell wieder hinter seiner Lektüre.

~

»Fehlt nur noch eine Unterschrift.«
Die nette Frau an der Rezeption schob die Entlassungspapiere zusammen mit einem Medikament zu mir herüber. Ich zögerte nicht und unterschrieb den Kram schnell, bevor ich die Tabletten in die Bauchtasche meines Pullis stopfte.
Betty war mit zwei Ärzten im Schlepptau wieder bei mir aufgetaucht. Mit zwei Ärzten!! Alle Drei hatten auf mich eingeredet und wollten mich davon überzeugen, dass es nur zu meinem Besten war, wenn ich blieb. Ich hatte mich weiterhin strickt geweigert und mit meinem Anwalt Prof. Dr. Jeff J. Jefferson gedroht. Ein Name der mächtig Eindruck hinterließ, obwohl ich ihn mir nur ausgedacht hatte. Schließlich war man einverstanden, dass ich die Einrichtung auf eigenes Risiko verlassen konnte. Also wirklich. Ich war doch keine Gefangene. Und ich fühlte mich, zumindest körperlich, gesund.
»Hier sind auch Ihre persönlichen Sachen.« Ich zog meine Tasche über den Tresen zu mir heran und war erstaunt, dass sie den Sturz im Taxi einigermaßen unbeschadet überstanden hatte. »Man hat mich gebeten, Ihnen auch das hier zu überreichen.«
Ich sah auf, als die nette Frau mir ein kleines Kärtchen reichte. Doch ich kam nicht dazu zu lesen, was darauf stand. Ein Pärchen war an die andere Seite der Rezeption getreten und forderte meine ganze Aufmerksamkeit. Unbewusst klemmte ich die Karte in meine Gesäßtasche und starrte die rothaarige Frau und ihren unauffälligen Freund an. Ihre Stimme klang aufgeregt, als sie die Zimmernummer eines gewissen Mr. Osborn verlangte.
»Mary Jane«, lenkte ich ihre Aufmerksamkeit auf mich und sie sah zu mir herüber. Ihre Augen weiteten sich erkennend. Dann ließ sie ihren Begleiter links liegen und beeilte sich den Tresen zu umgehen und zu mir zu gelangen. Ehe ich mich versah, fand ich mich in ihrer Umarmung wieder.
»Ich danke dir!« Sie drückte mich fest an sich und ich erwiderte zögerlich ihre stürmische Begrüßung. »Du hast ihn gerettet.«
Ich war geringfügig überfragt, was sie genau meinte.
»Hi, ich bin Peter«, wurde ich jedoch in meinen Gedanken unterbrochen, als sich Mary Janes Begleiter in mein Sichtfeld schob und Mary Jane selbst mich gehen ließ.
»Freut mich, Peter. Ich bin Tess.«
Wir reichten uns die Hände und mir fiel auf, dass er mir irgendwie seltsam bekannt vorkam. Und was waren das für Kratzer in seinem Gesicht?
Gerade wollte ich ihn darauf ansprechen, als Mary Jane wieder das Wort ergriff. Sie schien plötzlich nervös und ich hatte das Gefühl, dass sie von irgendetwas ablenken wollte.
»Wie geht’s dir? Alles gut überstanden?«
Ich fuhr mir fahrig durch mein offenes, verfitztes Haar.
»Ja, alles gut. Die wollten mir hier einreden, dass meine Rübe Matsch ist, aber ich hab nur ein bisschen Kopfschmerzen und ein paar Prellungen.«
Mary Jane und Peter lächelten aufrichtig. Mary Jane schien es gut zu gehen. Sie hatte genauso in Lebensgefahr geschwebt wie ich und wurde von Spiderman gerettet.
»Das ist gut«, sagte Peter. »Ich meine, dass es dir gut geht. Es sah ein paar Mal ziemlich knapp aus. Ich meine... das hat M.J. erzählt. Ich war natürlich nicht dabei...«
Mary Jane sah Peter auf eine Art an, die deutlich an seinem Verstand zweifeln ließ.
»Wisst ihr zufällig wie es... äh...« Harry ergangen ist?!?! Was sollte ich sagen? Wie sollte ich ihn nennen?
»Dem Kobold geht?«, beendete Peter meine Frage und Mary Jane warf ihm erneut einen vernichtenden Blick zu. Wenn Blicke Brötchen werfen würden, dann wäre Peter jetzt wohl Bäckermeister.
Ich nickte nur kurz. Ein beklemmendes Gefühl machte sich in mir breit.
»Wir haben gehört, dass soweit alles gut ist«, sagte Peter schließlich vorsichtig und sah dabei Zustimmung suchend zu seiner Freundin.
Ohne es zu bemerken, atmete ich erleichtert aus. Das war eine gute Nachricht. Ich kam gar nicht auf die Idee zu fragen, woher sie dies eigentlich wussten. Ich hoffte nur, dass ich nun keine seltsamen Träume mehr haben würde.
»Das ist gut«, griff ich nun Peters Worte von vorhin auf. »Er scheint ein guter Kerl zu sein.« Die Beiden sahen sich schon wieder so vielsagend an. Ich beschloss, dass mir egal war was sie zu verheimlichen hatten. »Was macht ihr eigentlich hier?«
»Wir besuchen einen Freund«, antwortete diesmal Mary Jane. »Er hatte einen... kleinen Unfall.«
Nun war Peter derjenige der irgendwie alarmiert aus der Wäsche guckte. Was wurde hier eigentlich gespielt?
In meiner Hose vibrierte es plötzlich. Ich erschrak und zerrte mein Telefon aus meiner Jeans.
»Entschuldigt kurz.«
Scheiße. Es war Billy. Ich zögerte, dann lehnte ich das Gespräch ab. Peter räusperte sich und wippte auf seinen Ballen vor und zurück.
»Dürfte ich kurz jemanden anrufen?«, entschied er sich mich zu fragen.
»Klar.«
Ich reichte ihm mein Telefon und hoffte, dass er sich wirklich kurz fassen würde. Ich hatte nämlich keine Flatrate und zahlte Minutenpreise.
Peter wählte, eine Festnetznummer wie mir auffiel, hielt das Telefon an sein Ohr und wartete auf ein Freizeichen.
Währenddessen sahen Mary Jane und ich uns milde lächelnd an, nicht wissend was wir noch sagen sollten.
Peter schien kein Glück mit seinem Telefonat zu haben. Er legte auf und versuchte eine zweite Nummer. Auch da schien sich niemand zu melden.
»Keiner da«, sagte Peter relativ schnell und gab mir mein Telefon zurück. »Danke dir.«
»Kein Ding«, tat ich es ab und raffte meine Habseligkeiten langsam zusammen. Ich machte mich aufbruchbereit, denn ich wollte den kargen Krankenhausräumen endlich entfliehen.
»Also dann, ich bin weg. Lasst es euch gutgehen. Hat mich gefreut, Peter.«
Ohne größere Umschweife wandte ich mich ab und verließ die Notaufnahme. Nur aus dem Augenwinkel sah ich, dass die Beiden verabschiedend eine Hand gehoben hatten. Ich bezweifelte, dass ich Mary Jane und Peter noch einmal wiedersehen würde.

~

Die Zeitung knisterte in meinen Händen, als ich das Tagesblatt aus seiner Halterung riss und die Titelseite begaffte. Der Inhaber des Zeitungsstandes sah mich böse an. Gleich würde er sagen, dass ich den »Daily Bugle« kaufen musste, wenn ich die Ausgabe weiterhin zu intensiv studierte. Doch ich beachtete den Typ nicht weiter. Ich hatte nur Augen für die Titelstory.
Die grässliche Fratze des dunklen Spidey lächelte mir entgegen. Hatte ich doch gewusst, dass sie ihn nicht »Alienfresse« nennen würden, pff. Stattdessen titulierten sie den Symbionten aus dem All als »Venom«. Ein weiteres Bild zeigte Spiderman im Kampf mit dem Sandmann und ein verschwommener grüner Streifen am Himmel ließ den fliegenden Kobold auf seinem Gleiter erahnen. Diese neumodischen Fotografen. Da machte ja ein Zwölfjähriger mit seiner Handykamera bessere Fotos.
Doch am meisten überrumpelte mich die Tatsache, dass die Frau, die in den Armen eines Police Officers vor einem Krankenwagen mit großen Augen und tränenverschmiertem Gesicht in die Kamera sah, ich selbst war.
»Himmelherrgottverdammtescheiße.«
Ich war tatsächlich auf der Titelseite des »Daily Bugle«. Krass. Den zu den Bildern gehörenden Artikel las ich lieber nicht. Zeitungsfuzzis verdrehten sowieso immer die Tatsachen und mein Name war mit Sicherheit auch falsch geschrieben, wenn ich überhaupt namentlich erwähnt wurde.
Ich ging ein paar Schritt, drückte dem verdutzten Inhaber die Zeitung in die Arme und kramte im Weitergehen nach den Tabletten in meinem Pulli. Man hatte mir erklärt, dass dies ein Mittel gegen Gehirnerschütterung war. Vielleicht half der Kram ja auch gegen akute Schockstarre. Ich zerkaute die Tablette, während ich durch New Yorks Straßen streifte. In diesem Zusammenhang war ich total schmerzfrei.
Ich war einen ganzen Tagesmarsch von meiner Wohnung entfernt, als ich die wirbelnden Bilder der vergangenen Nacht in meinem Kopf nicht mehr ertragen konnte und beschloss, Tom einen Besuch abzustatten. Die Nacht brach herein und bei einem Vodka Martini im »Penrose« war bis jetzt noch jedes Problem verflogen.

~ Ende des 2. Kapitels ~
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