"Ich soll dich von ihm Grüßen"

von Peccopa
GeschichteFantasy, Schmerz/Trost / P12
Bartimäus Kitty Nathanael alias John Mandrake
25.11.2012
25.11.2012
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In Brügge


"Erinnerst du dich an Bartimäus?"
"An wen? Was ist das überhaupt für ein Na- Das war doch dieser Dämon, der mich damals entführt hatte?! Und dieses Schwein Mandrake hatte es ihm befohlen!"
Jakob bemerkte nicht, wie Kitty bei dieser Bemerkung zusammenzuckte. Er war auf einen Schlag zurückversetzt in die Nacht, in der das unheimliche Skelett und der Golem sein Leben bedroht hatten.
"Ja, ich erinnere mich an ihn. Immerhin wären wir beide wegen ihm fast draufgegangen. Ich  hatte so eine Angst in dieser Nacht! Erst der Dämon, dann das Skelett und zum Schluss auch noch dieser riesige Lehmmann! Ich erinnere mich noch genau, wie du, obwohl wir einfach hätten abhauen können, auf das Teil zugesprintet bist und dich drangeklammert hast. Und dabei den Zauberer gerettet hast. Wieso hast du das eigentlich gemacht? Warum hast du ihn nicht einfach verrecken lassen?"
Kitty starrte währenddessen in den Himmel. Sie war vorgestern in Brügge angekommen, um Jakob zu besuchen, ganz so, wie sie es Miss Piper angekündigt hatte. Jakob wusste zwar, dass die Regierung gestürzt worden war, doch er hatte die näheren Umstände nicht gekannt, bis sie ihm einiges von den Geschehnissen erzählt hatte, die sich in London abgespielt hatten. Aber Kitty hatte ihm nicht alles erzählt. Sie hatte nicht gewusst, wie sie es ihm erklären sollte. Er wusste nicht, welche Fähigkeiten sie sich in den letzten drei Jahren angeeignet hatte -sie wusste, er würde es nicht gutheißen- und welche Rolle sie bei der Bekämpfung der Dämonen gespielt hatte, die sich in den Körpern der Magier eingenistet hatten. Und sie hatte ihm nicht erzählt, wie sie sich mit Nathanael und Bartimäus zusammengetan hatte. Jakob würde es nicht verstehen.
Aber wenn sie ihr Vorhaben durchziehen wollte, musste sie wenigstens versuchen, es ihm irgendwie zu erklären.
"Ach, eigentlich weiß ich das bis heute nicht so genau. Ich weiß nur, dass es, im Nachhinein betrachtet, die richtige Entscheidung war", erwiderte sie schließlich, doch den traurigen Unterton in ihrer Stimme konnte sie nicht verstecken. Sie war noch nicht über seinen Tod hinweg.
Und auch, wenn Jakob nicht die ganze Geschichte kannte, hatte er doch gesehen, wie fertig seine Freundin, war. Er hatte sich nur nicht getraut, sie darauf anzusprechen. Natürlich, sie kannten sich schon seit ihrer frühen Kindheit, doch nach dem Vorfall mit der schwarzen Schleuder hatte sich so vieles verändert. Kitty hatte sich der Widerstandsbewegung angeschlossen, während er sich im Haus versteckt hatte. Erst durch Jakobs Entführung hatten sie sich wieder angenähert. In der Zeit davor hatten sie sich so sehr voneinander distanziert, dass sie schließlich überhaupt keinen Kontakt mehr hatten. Es hatte lange gedauert, bis der verlegene und steife Unterton aus den Briefen, die sie einander schrieben, nachdem er zu seinen Verwandten nach Brügge gegangen war, verschwand. Auf beide hatten die Worte des jeweils anderen steif gewirkt. Mit der Zeit jedoch war ihr Verhältnis wieder besser geworden und Jakob wollte das alles nicht wieder kaputtmachen, wo Kitty doch endlich nach Brügge gereist war,  um ihn zu besuchen. Deshalb war er sehr erleichtert, dass sie nun von sich aus ansprach, was sie so sehr zu bedrücken schien. Wenn auch auf ihre beiläufige Art. Das war schon früher so gewesen. Ganz plötzlich warf sie eine Frage in den Raum und nach und nach würde sich daraus ein Gespräch entwickeln. Manche Dinge ändern sich eben doch nicht, dachte er für sich.
"Wie meinst du das?", hakte er jetzt also äußerst vorsichtig nach. Wieso war sie so scharf darauf, über Zauberer und ihre Dämonen zu reden?
"Das ist kompliziert. Auf der einen Seite war er natürlich ein Zauberer, der schlimmsten Sorte, aber am Ende hat er doch noch umdisponiert." Kittys Augenbrauen zogen sich zusammen und sie furchte ihre Stirn. Mit der Zeit waren immer mehr von den Falten verschwunden, die sie nach ihrem Besuch am anderen Ort davongetragen hatte. Nathanael hatte recht gehabt mit seiner Vermutung...
"Kitty, ich versteh nur Bahnhof! Vielleicht solltest du einfach ganz am Anfang beginnen? Sonst kann ich dir nicht wirklich  behilflich sein."
Jakobs Verwirrung nahm mit jedem ihrer Sätze zu, doch in den folgenden Stunden wurde er immer fassungsloser. Denn Kitty erzählte ihm die ganze Geschichte. Angefangen von dem Tag im Café, in dem Mr. Pennyfeather ihr eröffnet hatte, sie besäße angeborene Abwehrkräfte gegenüber Magie, bis hin zu den verschiedenen Einbrüchen und Anschläge und wie sie damals einem als Jungen getarnten Dämon das Amulett von Samarkand gestohlen hatten und kurz darauf einem Jungen Zaubererlehrling seinen Zauberspiegel. Sie erzählte ihm, wie sie zusammen mit den anderen in Gladstones Gruft eingebrochen war und dabei sein Gerippe aufgescheucht hatten, in das der Afrit Honorius gebannt war, der, abgesehen von Kitty und Nick, alle umgebracht hatte die anwesend waren. Wie sie und Bartimäus stundenlang in der verlassenen Bücherei geredet hatten. Auch was passiert war, nachdem er nach Brügge gereist war, erzählte sie ihm.
"Mit der Zeit hat Mr. Button mir immer mehr Verantwortung übertragen und nach einer ganzen Weile hat er sich schließlich dazu breitschlagen lassen, mir beizubringen, wie man einen Dämon beschwört."
"Was! Kitty, das kann doch nur ein dummer Scherz sein, oder? Du... Das hast du doch nicht wirklich gemacht, oder?" Jakobs Stimme war hektisch und von dem zuvor erfahrenen war er immer noch ganz durch den Wind. Es musste ein Scherz sein!
Schicksalsergeben seufzte Kitty. Sie hatte es ja geahnt. Dass sie noch lange nicht fertig war, machte die Sache natürlich auch nicht besser.
"Nein, es ist kein Scherz, Jakob", sagte sie, und wurde von seinem Aufkeuchen unterbrochen, "ich habe das wirklich gemacht! Ich weiß, das ist ziemlich heftig, aber wenn du kein Problem damit hast, dann lass mich noch schnell zu Ende erzählen, bevor du im Dreieck springst, ja?" Sie klang leicht spöttisch. Bei allem, was sie schon abgezogen hatte, hätte er mit so was doch eigentlich rechnen können, fand Kitty.
Jakob schien tief durchzuatmen und gab ihr ein Zeichen, um sie zum Weitersprechen zu bringen.
Mittlerweile war der Abend hereingebrochen und sie waren vom Garten in die Küche gewechselt.
Mit untergeschlagenen Beinen saß Kitty da und brachte ihre Erzählung zu Ende. Als sie zu der Stelle kam, an der sie sich im Glaspalast von Nathanael verabschiedet hatte, musste sie sich verdammt zusammenreißen. Denn Jakob war der Erste gewesen, dem sie ihr Gefühlschaos gestanden hatte, dass entstanden war, als Nathanael sie damals im "Frosch" ausfindig gemacht hatte.
Sie hatte ihm dabei zusehen können, wie er sich vom schleimigen, arschkriechenden Sesselpupser (wie Bartimäus es ohne Zweifel formuliert hätte) in einen... nun, fast netten Kerl verwandelt hatte. Gut, er hatte sie auch ziemlich angeschnauzt, als sie nicht nach seiner Pfeife getanzt war, aber ein Mensch konnte sich nicht von heute auf morgen komplett umkrämpeln. Mit der Zeit hätte sich auch das bestimmt gelegt.
Jakob wusste nicht, was er denken sollte. John Mandrake -oder Nathanael, wie Kitty ihn nannte- war ein Zauberer gewesen. Doch wie Kitty schon gesagt hatte. Er hatte umdisponiert und war bei dem Versuch, alles wieder in Ordnung zu bringen, umgekommen. Er versuchte, sich nicht anmerken zu lassen, wie entsetzt er über die anderen Dinge war, von denen sie ihm erzählt hatte. Er hatte verstanden, dass es ihr um den jungen Mann ging. Und er hatte keine Ahnung, wie er die Sache handhaben sollte. Kitty hatte mit ihm noch nie über... so was geredet. Genau genommen noch überhaupt niemand. Jakob war überfordert.
Dazu kam, dass er mit sich selbst im Zwiespalt lag. Er hegte eine Starke Abneigung gegenüber Zauberei und allem was damit zu tun hatte. Ihr verdankte er die scheußlichen Striemen im Gesicht, doch Kitty war das lebende Beispiel dafür, dass man Magie wirken konnte, ohne innerlich zu verderben. Und Anscheinend hatte dieser Kerl einen guten Kern gehabt.
"Du musst mich jetzt für vollkommen bescheuert halten", stöhnte sie, durch sein Schweigen entmutigt.
"Ja, ich halte dich für vollkommen bescheuert. Das habe ich dir aber schon damals am Hafen gesagt", meinte er. Ein kleines Lächeln stahl sich auf ihre Lippen.
"Ja. Hast du." Sie stand auf, lief ein paar mal hin und her und sah Jakob unverwandt an. "Das Schlimmste", sagte Kitty, "ist, dass er gesagt hat, wir würden uns wohlbehalten draußen wiedersehen, wenn die Sache ausgestanden und Nouda vernichtet wäre. Er hatte es mir versprochen! Und dabei wusste er genau, dass er da nicht lebend wieder rauskommen würde. Er hat gewusst, dass das ganze Gebäude über ihnen zusammenbrechen würde, sobald er Gladstones Stab voll aufgedreht hätte. Das ist mir erst hinterher klar geworden. Und ich die Lüge auch noch geschluckt! Ich komme mir so dumm vor, Jakob!" Zu anfang klang sie wütend (ob auf sich selbst oder Nathanael, wuuste er nicht genau, wahrscheinlich ein Bisschen von beidem), doch zum Ende hin wurde ihre Stimme immer dünner. Verdammt, sie hatte sich echt was aus ihm gemacht, erkannte Jakob. In Ermangelung eines besseren Einfalls stand er ebenfalls auf, ging auf die unglücklich dastehende Kitty zu und nahm sie in den Arm.
Kitty lehnte sich bereitwillig gegen ihn und spürte, wie ihre Schultern anfingen zu beben. Doch sie weinte nicht. Sie hatte nicht mehr geweint, seit sie der Widerstandsbegegnung beigetreten war. Sie hatte sich unter Kontrolle. Am Ende wusste Kitty nicht, wie lange sie so dastanden. Sie wusste nur, dass Jakob immer ihr Freund gewesen war und es auch immer sein würde.
Kitty hatte es gut getan, sich alles von der Seele zu reden. Auch, wenn Jakob nicht viel gesagt hatte (Sie wusste, für ihn war es auch schrecklich viel. Schon allein bei der Schilderung der Erlebnisse die sich abgespielt hatten, als er noch da war, musste sie sich ständig unterbrechen, um ihm zu erklären, was sich hinter Begriffen wie Substanz versteckte. Und zu dem Punkt war das Vokabular, dass sie verwendete, noch ziemlich Zauberbegriff-frei.), er war für sie da und das zählte. Sie ahnte, dass Jakob an diesem Abend noch lange wach liegen würde, rätselnd, wie er sie wieder aufbauen könnte. Sie selbst war vom Reden und den damit verbundenen Erinnerungen so erschöpft, dass sie einschlief, als sie dabei war, sich bettfertig zu machen. Jakob fand sie, mit Zahnbürste im Mund, auf dem Fußboden des Badezimmers liegend, in Tiefschlaf gefallen.


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Das erste Kapitel ist fertig, und besonders viel Handlung ist noch nicht erkennbar, oder?
Wahrscheinlich wirklich nicht. Wirklich interessant wird's erst in den nächsten Kapiteln, also bleibt am Ball!  ;-)
Alles Liebe,
Peccopa
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