Nightquest

GeschichteParodie, Schmerz/Trost / P16
Emppu Vuorinen Marco Hietala
25.11.2012
01.06.2013
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Hey there!
Irgendwie war mir so danach... Keine Ahnung, warum. Und bevor jemand fragt - Ja, ich mag alle benutzten Musiker, von Tuomas mal abgesehen xD
glg
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2012

In Helsingborg, Schweden, saßen zwei Sängerinnen in einem gemütlichen Wohnzimmer und starrten abwechselnd in ihre Kaffeetassen und auf die Papiere vor ihnen.
„Nun“, sagte Tarja Turunen schließlich. „Also reden wir nicht darüber.“
„Nein.“ Anette Olzon schüttelte den Kopf. „Wir haben unterschrieben.“
„Natürlich haben wir. Was hätten wir auch sonst machen sollen?“
Beide starrten auf die Verschwiegenheitsklauseln, Tarjas sieben Jahre älter als die von Anette.
„Ziemlicher Mist“, meinte Anette schließlich. „Ich meine, dass wir eigentlich nicht mal miteinander darüber reden dürfen.“
„Ich erzähle dir hiermit also nicht, dass den Jungs schon damals die Show wichtiger war als das Leben“, sagte Tarja und blickte an Anette vorbei. „Aber bei mir gibt es auch nicht viel zu verschweigen. Tuomas hat ja alles in die Öffentlichkeit getragen.“
„Ja.“ Anette nickte. „Ich erzählte dir auch nicht, dass wir schon länger geplant hatten, uns zu trennen. Sie haben mich genauso rausgeworfen wie dich, nur ohne den offenen Brief. Es hieß dann Nettan, pass auf, entweder, wir hören jetzt sofort auf, oder du entschuldigst dich mal in der Öffentlichkeit für deine bescheuerten Kommentare, und das war´s dann. Hab ich dir aber nicht gesagt.“
„Mhm.“ Tarja lächelte bitter. „Klingt ganz nach Tuomas.“
„Nightwish ist doch nur noch eine Firma. Die haben Floor Jansen schon vor Wochen kontaktiert!“
„Ha! Sieh dir das mal an.“ Die Opernsängerin zog ihr Handy aus der Tasche, drückte ein paar Tasten und hielt es Anette hin. Der Text der SMS von Tuomas lautete: Wir würden dich zurücknehmen, es könnte klappen, wenn nur alle daran glauben.
Anette, die Tuomas natürlich gut kannte, lachte bitter auf. „Ja, klingt nach ihm. Übersetzt heißt das doch auch nur Bitte komm zurück und verzeih uns!, oder? Das war ja noch bevor die Floor angerufen haben.“
„Genau das heißt es.“ Tarja nickte. „Was machen wir denn jetzt? Ich seh das nicht ein, dass Tuomas Sängerin nach Sängerin rausschmeißt. Floor bleibt doch auch nicht lange, wie ich ihn kenne.“
„Ich hab noch die Daten von allen Konzerten“, bemerkte Anette. „Wir könnten hinfahren. Und dann reden wir mit Floor und warnen sie mal eben. Ich komme bestimmt noch backstage. Bei dir bin ich mir da nicht so sicher.“
Tarja zögerte nur kurz. „Wenn es tatsächlich Securitys gibt, die mich nicht backstage lassen, bezahl ich ein Jahr lang alle Klamotten, die du für Nemo und Seth kaufst.“
„Ist ´n Deal.“

Floor Jansen war ziemlich überrascht, als sie von der Bühne kam, in die Garderobe schlurfte und sich auf ihr Bett freute – und dann Tarja und Anette da saßen, munter quatschend, eine Flasche Champagner zwischen sich. Bei ihrem Eintreten blickten sie auf und schenkten ihr breite Lächeln.
Floor blieb stehen. Was auch sonst? Da stand sie jetzt in ihrer Garderobe, vor sich ihr größtes Vorbild und ihre unmittelbare Vorgängerin, beide vermutlich nicht gerade zu gut auf sie zu sprechen. Und sie war sich ziemlich sicher, dass der Champagner eigentlich Tuomas gehörte; der Maestro stieß gelegentlich ganz gerne nach guten Konzerten an.
Einige Sekunden lang schwiegen die drei Nightwish-Sängerinnen sich an. Dann zog Anette ein drittes Glas aus ihrer Tasche, füllte es mit Champagner und hielt es Floor hin: „Meinen Glückwunsch.“
Irritiert nahm Floor das Glas an.
„Auch von mir herzlichen Glückwunsch“, meldete Tarja sich zu Wort. „Vier Oktaven, das ist schon was. Ich schaffe nur drei.“
„Hast aber dafür die schönere Stimme“, meinte Anette. „Also, du singst viel gefühlvoller. Aber wir wollten doch nicht über eure Stimmen reden!“
„Tut mir Leid. Ich kann nicht anders, ich muss einfach demonstrieren, dass sie zwar ´nen größeren Stimmumfang hat, ich aber-“
„Tarja, bitte sein nett!“
„Bin ich doch immer.“
Floor machte, jetzt vollends verwirrt, verunsichert und leicht panisch, einen Schritt zurück. „Äh, was macht ihr hier?“, brachte sie schließlich hervor.
Anette und Tarja zuckten simultan mit den Schultern. „Nicht viel los momentan“, sagte Anette. „Und wir wollten mit dir reden.“
„Wir wollen dir davon abraten, die nächste Nightwish-Sängerin zu werden“, fügte Tarja hinzu. „Wusstest du, dass Tuomas eigentlich mich zurückwollte? Er nimmt dich nur, weil ich nicht will.“
„Wir wollen dich daran erinnern, dass es immer nur eins gibt – Nightwish oder ein Leben“, erzählte Anette. „Entweder du lebst für Nightwish-“
„Oder ohne Nightwish“, beendete Tarja den Satz.
„Ich werde morgen den Vertrag unterschreiben“, sagte Floor fest.
Tarja und Anette stießen an. „Armes Mädchen“, meinte Tarja.
Floor machte noch einen Schritt rückwärts, stolperte über den Saum ihres Kleides, fiel und kreischte erschrocken auf, als der Champagner sich über sie ergoss.
„Tja.“ Tarja seufzte. „Nicht jeder kann diese Kleider tragen… Ich bin mir relativ sicher, dass das meins ist, herzlichen Dank.“
Schritte waren auf dem Gang zu hören, dann riss ein erschrockener Marco die Tür auf: „Floor, alles okay bei-“ Er brach ab und nahm sich die Zeit, die Szene zu betrachten.
Floor auf dem Boden setzte sich gerade vorsichtig auf und wischte sich die champagnerfeuchten Finger am Kleid ab. Anette sah aus, als müsse sie sich sehr zusammenreißen, um nicht entweder aufzuspringen und ihrer Nachfolgerin zu helfen oder diese auszulachen. Tarja neben Anette freute sich offenbar einen Keks über das Chaos.
Schließlich verkündete Letztere: „Nettan, der Champagner ist leer. Lass uns gucken, ob wir Nachschub finden.“
Was macht ihr hier?“, entfuhr es Marco. Eine Mischung aus Entsetzen und Freude schwang in seiner Stimme mit. „Ich dachte, du willst nicht zurückkommen, Tarja?“
„Will ich auch nicht.“ Sie stand auf und zog Anette mit sich auf die Beine. „Wir wollten nur kurz mit Floor quatschen. Nettan, meinst du, dieser Nightwish-Wein schmeckt?“
„Lass es uns ausprobieren“, meinte Anette und freute sich, wie leicht es war, zu bekommen, was man wollte, wenn Tarja Turunen dasselbe wollte. Sie marschierte im Windschatten der größeren Sängerin an dem fassungslosen Marco vorbei und machte sich eine mentale Notiz: Diva raushängen lassen öffnet alle Türen. Muss wohl der angeborene Hochmut der Genies sein.
„Hee!“, rief Floor, die sich mittlerweile wieder aufgerappelt hatte. „Ihr könnt nicht einfach zu Tuomas marschieren!“
„Können wir wohl“, gab Tarja zurück.
Mehrere Türen wurden geöffnet. Emppu und Jukka streckten die Köpfe aus ihren Garderoben, als sie die vertrauten Stimmen hörten, und guckten erstmal wie Autos. Tarja störte sich nicht daran, sondern zerrte Anette einfach mit sich bis zu Tuomas´ Garderobe. Dort klopfte sie an, rief „Wir kommen jetzt rein, okay?“ und wartete nicht auf eine Antwort, sondern riss die Tür einfach auf. Eine Aura absoluter Überheblichkeit brachte Tuomas zum Verstummen, bevor der auch nur den Mund geöffnet hatte.
Anette räusperte sich. Das war jetzt doch ein bisschen unangenehmer, als sie erwartet hätte. „Hi, Tuomas“, murmelte sie.
„Hi, Anette.“ Tuomas fasste das Auftauchen seiner beiden letzten Sängerinnen wesentlich besser auf als der Rest der Band. „Tarja.“ Ihr nickte er nur zu.
Tarja nickte zurück. „Tommy. Tu mir den Gefallen und zieh dir ´nen Pulli an, ich fand dich noch nie sonderlich hübsch. Wir wollten uns nur eine Flasche von deinem Wein holen, dein Champagner ist nämlich alle.“
„Äh. Okay.“ Tuomas gab Tarja ohne Widerworte eine Flasche Wein. „War das alles?“
„Nein, eigentlich sind wir nur hier, weil wir mit Floor reden wollten.“ Tarja reichte die Flasche an Anette weiter: „Sei so gut und mach die auf, Nettan.“
Anette nahm die Flasche wortlos entgegen und machte sich auf die Suche nach einem Korkenzieher. Sie fühlte, dass sie hier nichts zu sagen hatte; Tarja und Tuomas starrten sich an wie zwei Schlangen. Das hier war persönlich, persönlicher als ihr Rauswurf bei Nightwish.
„Du hättest zurückkommen können“, sagte Tuomas leise.
„Ich wollte aber nicht. Aber wo ich grade hier bin… Das Kleid, das Floor heute getragen hat.“
„Ist deinem nachempfunden, ja.“ Tuomas seufzte.
„Ich glaube, du hast noch das Original.“
„Ja. Willst du es wiederhaben?“
Sie winkte ab. „Nein, behalt es ruhig. Ich weiß ja, dass es dir gefällt. Jedenfalls, wir haben Floor vor dir gewarnt. Und du solltest wirklich mal versuchen, sie nicht sofort wieder rauszuwerfen. Bald gibt es mehr Nightwish-Sängerinnen als Nightwish-Musiker.“
Anette zog den Korken aus der Weinflasche und füllte die Gläser der Frauen. „Wenn du dir ein Glas holst, können wir anstoßen“, sagte sie zu Tuomas. „Ich weiß zwar nicht, worauf, aber vielleicht auf Floor als dein neuestes Spielzeug?“
„Sie ist nicht mein Spielzeug!“
Tarja, die sich in Tuomas´ Garderoben noch recht gut auskannte, reichte dem Maestro ein Glas Wein. „Weißt du“, sagte sie wie beiläufig, „ich könnte dir das Leben ziemlich schwer machen. Ich müsste nur ausplaudern, was damals abgegangen ist.“
„Du hast eine Verschwiegenheitsklausel unterschrieben“, erinnerte Tuomas sie. „Das habt ihr beide.“
„Ich habe auch noch die zerrissenen Überreste von dem Vertrag, mit dem du mir ein letztes Album mit Nightwish zugesichert hast“, sagte Tarja und nippte am Wein. „Vielleicht sollten wir übereinkommen, dass du Nettie hier von ihrer Verschwiegenheitsklausel befreist, damit ich dich nicht wegen Vertragsbruch anzeige.“
„Ist eh schon verjährt.“
„Ich hab die Medien auf meiner Seite.“
Tuomas schnaubte, riss einen Zettel aus seinem Notizblock und kritzelte darauf: Hiermit entbinde ich, Tuomas L. J. Holopainen, Anette Olzon, bürgerlicher Name Anette Blyckert, von ihrer Verschwiegenheitspflicht gegenüber Nightwish. Verärgert schmierte er eine Unterschrift darunter, schrieb das Datum dazu und reichte Zettel und Stift Tarja: „Da, bitte sehr. Ich will eine schriftliche Einverständniserklärung, dass du mich nicht anzeigst.“
Tarja unterschrieb erst als Zeugin auf dem Zettel für Anette, dann nahm sie sich ein Blatt, schrieb hastig Hiermit erkläre ich, Tarja S. S. Turunen, mich damit einverstanden, Tuomas L. J. Holopainen nicht wegen Vertragsbruch anzuzeigen, obwohl mir das eigentlich zustünde, unterschrieb und gab den Zettel Anette: „Bezeugst du das bitte mal eben? Nebenbei gesagt, Tommy, dieser Wein ist grauenvoll.“

Eine halbe Stunde später verließen die beiden ehemaligen Nightwish-Sängerinnen die Halle. Tarja hatte trotz ihrer Kritik daran noch eine Flasche Wein mitgenommen und Floors Garderobe um mehrere kleinere Gegenstände erleichtert, die ihr gehörten, darunter ein paar Ketten (die Tuomas ihr geschenkt hatte) und einen Schal, den sie einfach vergessen hatte.
„Ich wüsste gerne, warum er ihr die Ketten gibt, die er mir geschenkt hat“, murmelte sie und ließ eine silberne Kette mit einem kunstvollen Swarovski-Anhänger durch ihre Finger gleiten.
„Weil er hofft, dich endlich ersetzen zu können“, meinte Anette schulterzuckend. „Er glaubt, wenn er ihr deinen Schmuck schenkt, baut er sich damit eine neue Tarja. Was ist eigentlich abgegangen damals bei euch?“
Tarja zuckte mit den Schultern. „Ziemlich viel Mist.“
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