Geschichte: Freie Arbeiten / Prosa / Erotik / Mein Held

Mein Held

von --kiba--
GeschichteRomanze / P18 Slash
24.11.2012
05.08.2013
13
39532
1
Alle Kapitel
22 Reviews
Dieses Kapitel
4 Reviews
 
 Datenschutzinfo
 
 
Es fühlt sich an als wenn die Erde einen Moment aufhört sich zu drehen und man selbst ist der Einzige der sich bewegen kann. Eine Sekunde lang steht die Erde still, dann trifft es dich mit voller Wucht sodass du an nichts mehr denken kannst als an die rohe Gewalt mit der es dich erwischt.
Und mit eben dieser Gewalt werde ich aus meinem Sattel gerissen und sehe nur noch wie der graue Asphalt immer näher kommt auf dem ich im nächsten Augenblick aufschlage.
Ein Ruck geht durch meinen Körper, ich spüre wie sich mein linker Fuß unnatürlich verdreht bevor ich reglos auf der Straße liegenbleibe. Alles wird in tiefe Dunkelheit gehüllt.
Erst als ich wieder zu mir komme und die Augen öffne wird mir klar dass mich ein Auto erwischt haben muss.
Mein Fahrrad liegt neben mir, aber es sieht nicht so aus als ob es jemals wieder einen Meter auch nur fahren kann. In meinem Kopf dreht sich alles. Ich nehme Geräusche von Verkehr und Passanten wahr, doch sie klingen dumpf und werden erst nach und nach klarer.
Ich kneife meine Augen zusammen denn die Sonne knallt gnadenlos auf mich herab und blendet mich. Tränen sammeln sich hinter meinen Augen. Sie brennen als ich sie wieder öffne und eine Hand zum Schutz vor sie halten will. Doch so weit kommt sie nicht. Eine andere Hand, groß und kühl, greift nach ihr und hält sie fest. Ich drehe meinen Kopf und erschrecke als ich in zwei dunkelbraune Augen sehe. Sie sind nur wenige Zentimeter von meinen entfernt und mustern mich besorgt.
„Kleiner, geht’s dir gut?“
Ich nicke langsam. Jetzt erst fällt mir auf dass ich nicht auf der Straße liege. Ich kann deutlich einen Arm in meinem Nacken spüren der mich aufrecht sitzen lässt. Ist das der Mann der mich angefahren hat?
„Ich rufe einen Krankenwagen.“ sagt der Fremde und zieht ein Handy aus seiner Jacketttasche.
Einen Krankenwagen? Aber mir geht es gut! Soweit ich das beurteilen kann habe ich nicht viel abbekommen. Meine anfängliche Benommenheit ist jedenfalls wie weggeblasen. Nur in meinem Kopf dreht es sich.
„Nein, es geht wieder.“ sage ich mit belegter Stimme und räuspre mich. Mir ist nicht klar was mich mehr verunsichert, der Unfall oder der Typ dessen Blick noch immer besorgt auf mir liegt.
„Was ist mit deinem Kopf?“ fragt er und zieht skeptisch eine Braue hoch. Er scheint mir nicht zu glauben, steckt das Handy aber wieder weg.
„Helm..“ antworte ich knapp und greife mir unter das Kinn um den Verschluss zu öffnen. Es ist stickig heiß und ich will den Helm endlich loswerden. Er hat seine Arbeit getan und mich vor Schlimmerem bewahrt.
„Warte.“ bittet der Fremde und streift ihn mir vom Kopf.
Er lächelt und zeigt mir so seine strahlend weißen Zähne. Und ich muss auch lächeln. Die kleinen Grübchen stehen ihm. Er scheint erleichtert zu sein dass mein Schädel keine äußeren Verletzungen aufweist.
„Kannst du aufstehen?“
Wieder nicke ich. Und wieder lächelt er.
Er hilft mir auf die Beine als ich  plötzlich wankend zur Seite kippe. Sofort sind seine Arme um mich geschlungen und halten mich eng an ihn gedrückt. Genauso schnell wie er mich gefangen hat legt sich auch wieder der besorgte Ausdruck auf sein Gesicht.
„Du musst ins Krankenhaus.“
„Ich muss arbeiten.“ kontere ich leise.
„Hast du dir mal dein Bein angesehen?“ fragt er und sieht mit verzogener Miene an mir herunter. Ich folge seinem Blick und schlucke hart. Mein linkes Bein ist blutüberströmt und die Radlerhose meiner Firmenkleidung zur Hälfte aufgerissen. Regelrecht zerfetzt.
„Ich hab eine wichtige Sendung-..“
„Du hast andere Probleme Kleiner!“ sagt der hübsche Unbekannte streng und macht keine Anstalten seinen sicheren Griff um mich zu lockern.
„Aber es ist wichtig. Mein Chef-..“
„Dein Chef wird dafür Verständnis haben dass du erst mal ärztlich versorgt wirst.“ wieder werde ich unterbrochen. Ich hasse das. Aber diese Augen lassen es mich dem Fremden verzeihen.
Ein Lächeln legt sich auf mein Gesicht als sich unsere Blicke treffen. Wie fürsorglich er ist.
Und wie gut er riecht. Der Duft passt zu ihm-maskulin aber nicht penetrant. Ein Duft den man gerne  lange riecht.
„Ich konnte mir das Nummernschild nicht merken. Aber er fuhr einen roten Renault.“
Ich stutze als er mich aus den Gedanken holt. Dann ist er also gar nicht der Fahrer? Ich war felsenfest überzeugt dass ich sein Opfer bin um das er sich jetzt kümmert. Und ich muss gestehen dass ich die Opferrolle nicht gerade als die schlimmste ansehe wenn ich mir die starke Brust vorstelle an die ich sanft gedrückt werde. Wie er sich um mich sorgt und mich keine Sekunde aus den Augen lässt schmeichelt mir.
„Mir geht es gut.“ wiederhole ich.
„Mit deinem Bein musst du zum Arzt.“
„Aber ich muss die-..“
„Kein Aber! Du wurdest gerade angefahren und hast andere Probleme als irgendeine Sendung. Für deine Situation wird jeder Verständnis haben, egal wie wichtig die blöde Sendung ist.“
Gut, dann darf ich also nicht ausreden aber wer braucht schon vollständige Sätze?
Als sich ein Arm von mir löst seufze ich lautlos. Er zieht sein Handy wieder hervor und wählt eine Nummer.
„Ich brauche einen Wagen zur Wahlerstrasse 5..vielen Dank.“
Mein namenloser Held steckt das Handy in seine Tasche und prompt legt sich auch sein zweiter Arm wieder um mich.
„Ich würde dich ja selbst fahren aber ich habe gleich einen wichtigen Termin.“ erklärt er und lächelt. „Du fährst zum Krankenhaus und lässt dich durch checken.“ er zwinkert mir zu.
Aber natürlich! Wie lange habe ich auf so Jemanden gewartet! Der mich nicht ausreden lässt und einfach bestimmt was ich zu tun und zu lassen habe. Ein Fremder. Obwohl sich alles in mir dagegen sträubt nicke ich wortlos.
Was soll das? Habe ich den Verstand verloren? Wieso reicht ein Blick aus um mich verstummen zu lassen? Sonst habe ich doch auch eine große Klappe. Mein Herz klopft kräftig gegen meine Brust und es wird noch schlimmer als er mir mit zwei Fingern die Haare aus der Stirn streicht.
Hör auf so zu lächeln! Und sieh mich nicht so an! Kein Wunder dass ich mein Gleichgewicht nicht halten kann wenn er so ein starkes Herzklopfen in mir auslöst.
Ich bin völlig neben der Spur und höre auch nicht den Taxifahrer der bereits das zweite Mal hupt um seine Anwesenheit zu verdeutlichen. Doch ich bin nicht der einzige der leicht zusammenfährt. Auch der heldenhafte Fremde scheint erschrocken zu sein und starrt perplex zu dem Taxi.
Diese Schocksekunde nutze ich.
„Ich bring nur schnell die Sendung weg..ich fahr danach sofort zum Arzt.“ sage ich schnell damit ich nicht wieder unterbrochen werde. Mein Pflichtbewusstsein ist stark ausgeprägt und solange ich nicht in Einzelteilen auf der Straße liege kann ich arbeiten.
Ich lächle mein Gegenüber tapfer an doch der hat sich schneller gefasst als erwartet und zieht seine Augenbrauen zusammen. „Du fährst ins Krankenhaus. Danach kannst du machen was du willst.“ beschließt er und greift mir unter die Arme dass ich gar keine andere Möglichkeit habe als mit ihm zu dem wartenden Taxi zu gehen. „Mach dir um dein Fahrrad keine Sorgen, ich kümmre mich darum.“
Wie in Trance nicke ich und lasse mir auf die Rückbank helfen. Kann ich auch noch etwas anderes als nicken?
Sofort will der Fahrer protestieren. Ich kann ihn verstehen. An seiner Stelle hätte ich auch Angst dass ich ihm den Wagen versaue.
Nachdem mich der Fremde in den Wagen gesetzt hat reicht er mir noch meinen Rucksack. Bitte wann habe ich den denn ausgezogen?
„Fahren Sie ihn in Krankenhaus. Und beeilen Sie sich.“  Beeindruckend wie mein Held den Taxifahrer zum schweigen bringt. Ein strenger Blick und ein paar ernste Worte genügen. Mein Herz kann sich gar nicht beruhigen als er sich über mich beugt um mich anzuschnallen. Wieder treffen sich unsere Blicke. Er ist so nah. Ich schlucke.
Hat mein Kopf doch Schaden genommen? Ich erkenne mich selbst nicht wieder. So aufgeregt bin ich doch nie. Und so nervös. Der Unfall muss meine Nerven angeschlagen haben.
„Hier..das sollte auch für eine Innenreinigung reichen.“ Großzügig drückt mein Held dem Fahrer einen Fünfzig Euro Schein in die Hand und richtet sich auf.
Die Türe wird geschlossen und gedanklich verabschiede ich mich von meinem Helden. Er ist so schnell weg wie er gekommen ist. Er lässt mich zurück ohne einen Anhaltspunkt wer er ist.
Plötzlich wird die Türe wieder aufgerissen.
Der Fremde steckt den Kopf in den Wagen und ohne auch nur die kleinste Vorwarnung werden mir seine Lippen auf die eigenen gepresst. Meine Augen weiten sich. Mit so einer Attacke habe ich nicht gerechnet. Sie lässt mich die Schmerzen vergessen und alles was je in meinem Kopf Unterschlupf gefunden hatte. Alles ist weg.
Ich kann der Szene nur stumm zusehen. Mein Körper ist wie gelähmt und unfähig zu reagieren.
Mein Herz setzt aus, alles dreht sich. Ganz von allein fallen meine Augenlider zu. Ich ergebe mich den stürmischen Lippen und will gerade den Kuss erwidern als ich einen Luftzug spüre und die Türe zugestoßen wird.
Verdattert öffne ich meine Augen. Wo ist er hin? Habe ich mir das gerade nur eingebildet?
Der Wagen fährt los.
Mein Herz rast wie wild in meiner Brust und meine Lippen brennen wie Feuer.
Hat er mich gerade wirklich geküsst? Mein ganz persönlicher Held ist schwul und küsst mich?
Ich schüttle den Kopf bei diesem Gedanken.
Wieso sollte ein Vorfall wie ein Fahrradunfall mit anschließender Fahrerflucht mir Glück bringen?
Es ist völliger Irrsinn so zu denken.
Ich hatte kein Glück, nie. Nicht mit meiner Familie, nicht mit meinen Schulfreunden und in der Liebe weiß ich gar nicht dass es so etwas wie Glück überhaupt gibt.
Mein Glück besteht daraus den Lieferdienst zu rufen, mit einer großen Thunfischpizza vor dem Fernseher zu hocken und mir ein paar Biere zu gönnen.
Den Typen werde ich nicht mehr wiedersehen. Es war kein Glück sondern Zufall dass ich in seinen Armen gelandet bin. In seinen starken Armen die mich an seine breite Brust drücken.
Ich hätte ihn nach seinem Namen fragen können. Ich hätte ihm meinen Namen verraten können. Aber wer denkt in so einer Situation schon daran?
Ich Trottel!

Die Sonne brennt hell am Himmel als ich nach über einer Stunde das Krankenhaus verlasse.
Ich bleibe stehen und sehe an mir herunter. Mein linker Oberschenkel wurde mit weißen Mullbinden bandagiert. Auch Wade und Fuß zieren ein Verband. Ich sehe aus wie eine Mumie und bezweifle dass ich eine Hose besitze in die ich jetzt noch reinpasse. Ich trage gern eng und betont, warum auch nicht? Ich weiß meine Vorteile zu betonen. Nur dass es jetzt ein Problem darstellen wird. Ich seufze leise und streiche mir die Haare zurück die sich in meine Stirn verirrt haben.
Bis auf einen verstauchten Knöchel habe ich nur Kratzer und Schrammen abbekommen. Es sieht schlimmer aus als es ist. Die Krücken unterstreichen mein jämmerliches Bild zusätzlich.
Ich soll den Fuß nicht belasten und alle drei Tage die Verbände wechseln lassen. Dafür brauche ich aber nicht immer ins Krankenhaus zu gehen sondern kann es bei meinem Hausarzt machen lassen. Das ist mir auch wesentlich lieber denn der hat seine Praxis in der Nähe meiner Wohnung. Zum Krankenhaus käme ich nur mit dem Bus, das Fahrrad fällt die nächsten zwei Wochen aus.
Ich mache mich frustriert auf den Weg zur Bushaltestelle auf der anderen Straßenseite doch bevor ich die Straße überqueren kann klingelt mein Handy. Ich hole es aus der Seitentasche meines Rucksacks und versuche die Nummer auf dem Display zu erkennen aber die Sonne blendet so sehr dass ich blind dran gehe.
Ich will den unbekannten Anrufer gerade freundlich begrüßen doch keine Chance.
"Was glaubst du eigentlich wofür du bezahlt wirst?!" schnauzt mein Chef des Kurierdienstes.
"Herr Schulze, ich kann Ihnen das erklären! Ich.."
"Wieso ist die Sendung noch nicht in der Agentur?"
Wieso werde ich heute eigentlich ständig unterbrochen wenn ich mich rechtfertigen will?
"Ich hatte einen Unfall Herr-.."
"Spar dir deine Ausreden Josh! Ich hab genug davon! Vor zwei Wochen stirbt dein Onkel und heute hast du einen Unfall. Mir reichts wirklich! Ich brauche zuverlässige Leute und keine kleinen Jungs die sich nachmittags lieber ein Eis im Park gönnen!!" werde ich angeschnauzt und überlege ernsthaft ob ich es noch einmal versuchen soll meine sogenannte Unzuverlässigkeit zu dementieren. Dazu kommen ich nur nicht.
"Hör zu Josh, der Kunde braucht die Sendung dringend und ruft hier im Minutentakt an und beschwert sich! Also bringst du sie ihm und zwar AUF DER STELLE! Und danach kannst du dir einen neuen Job suchen, du bist gefeuert!"
Ein Knall folgt, dann ist unsere Verbindung unterbrochen.  Herr Schulze muss mit aller Kraft den Hörer auf die Gabel geknallt haben, das macht er gerne.
Ungläubig starre ich auf mein Handy.
Einen neuen Job? War das sein Ernst? Ich bin so geschockt dass ich nicht atmen kann.
Er hat mich nicht mal ausreden lassen! Für meine Situation sollte jeder Verständnis haben, so sagte mein Held doch. War es naiv zu denken dass ich mich erst habe verarzten lassen? Mit klaffenden Wunden hätte mich niemand in sein Büro gelassen. Ich hätte die teuren Böden und womöglich noch die Inneneinrichtung ruiniert. Wie professionell sieht es aus wenn ein Fahrradkurier mit zerfetzter Hose und blutverschmiertem Bein fröhlich pfeifend „Post ist da“ geträllert hätte?
Ich ziehe scharf die Luft ein. Blöder Choleriker.
Mein Held hat sich geirrt.
Wie schlimm kann dieser Tag noch werden? Erst werde ich angefahren und dann gefeuert aus eben dem Grund weil ich angefahren werde.
Wirklich fair.
Scheiß Leben!
Und zur Krönung darf ich die Sendung noch austragen die ich in meinem Rucksack habe. Muss ich das? Ich bin gefeuert und arbeite nicht mehr für den Kurier. Aber mein Gewissen siegt und so mache ich mich auf den Weg zur Wahlerstrasse, heute bereits das zweite Mal.
Ich nehme den Bus und fahre zwanzig Minuten lang durch die überfüllte Innenstadt. Mit dem Fahrrad hätte ich den Weg in zehn geschafft. Ich kenne die Stadt und jede noch so kleine Straße und Abkürzung. Als Fahrradkurier lernt man schnell seine Vorteile kennen. Kein Weg ist nicht für Fahrräder gemacht, ich komme überall hin ohne auf Verkehr und Ampeln achten zu müssen. Natürlich gehört auch eine Portion Dreistigkeit dazu. Ich besitze sie.
Als ich auf die Uhr sehe ist es schon vier Uhr am Nachmittag. Ich stehe vor dem roten modernen Gebäude in der ich die Sendung abzugeben habe. Kopfschüttelnd fällt mein Blick auf den Boden. Hier war es. Hier wurde ich angefahren. Ich war so nah dran meinen Job zu erfüllen und jetzt?
Jetzt habe ich den Job nicht mehr. Und auch kein Fahrrad. Mein Held hatte versprochen sich darum zu kümmern doch ich kann es nirgends entdecken. Weder an einer Laterne, noch an den Wänden der Häuser. Auch von meinem Helm fehlt jede Spur. Vielleicht hatte er beides an die Seite gestellt und es wurde geklaut. In dieser Welt ist alles möglich. Wenn sogar Autofahrer verletzte Fahrradfahrer zurücklassen überrascht mich nichts mehr.
Mit genervtem Gesichtsausdruck und angespannter Haltung gehe ich durch das klimatisierte Foyer zum Fahrstuhl. Die Agentur Hilger liegt im achten Stock wie ich es anhand der kleinen Schilder neben den Knöpfen im Fahrstuhl erkennen kann.
Die können sich geehrt fühlen, immerhin ist diese Agentur mein letzter Kunde. Eine kleine Stimme in meinem Kopf fragt sich wer von den Anzugträgern wohl dermaßen Druck gemacht hat. Aber es ist egal, ich verdränge die Stimme denn es tut nichts zur Sache wem ich den Wutausbruch meines Chefs zu verdanken habe.
Dennoch spüre ich die Wut in mir aufsteigen als ich durch die gläserne Türe trete und zum Empfang humple. Den großen Umschlag habe ich im Aufzug schon aus dem Rucksack geholt und unter meinen Arm geklemmt.
Kaum stehe ich an dem Tresen werde ich von einer vollschlanken blonden Dame mittleren Alters skeptisch beäugt. "City Life-Kurier..ich habe eine Sendung für Herrn Golding.." ich bin natürlich höflich und lasse meinen Ärger nicht an der Dame aus obwohl auch sie zu den potentiellen Tätern gehört die meinen Job auf dem Gewissen haben können.
Eine der viel zu dick aufgemalten Augenbrauen wandert nach oben. Sie schnaubt leise. "Rechter Gang, zweite Türe links.." sagt sie. Man kann hören dass sie mindestens genauso genervt ist wie ich. Ich nicke lächelnd und mache mich mit meinen Krücken und dem Umschlag auf den Weg.
Ich höre noch wie die Dame nach dem Telefon greift und jemanden anruft.
Augenverdrehend gehe ich den rechten Gang hinein und stehe vor der zweiten linken Türe des Ganges. Ich atme tief durch und mache mich mental darauf bereit gleich einen hysterischen alten Sack in grauem Designeranzug anzutreffen der nur darauf wartet mich zusammenzuscheißen.
Kaum habe ich die Klinke durchgedrückt , da geht es auch schon los.
"Zwei Stunden zu spät! Ich habe ausdrücklich gesagt dass ich die Unterlagen bis SPÄTESTENS vierzehn Uhr brauche!" werde ich aufs Höflichste begrüßt als ich endlich im Raum stehe und auf einen Rücken im Anzug starre. Der Schnösel macht sich nicht mal die Mühe sich umzudrehen während er mich anblafft.
Er kramt irgendwelche Papiere und Mappen in seine schwarze Ledertasche auf der Fensterbank und schreit mich an ohne mich auch nur eines Blickes zu würdigen. Sein Atem geht laut und schnell.
"Haben Sie auch nur die leiseste Ahnung wie wichtig die Unterlagen sind?" fragt der breite Rücken und erwartet hoffentlich keine Antwort von mir. Der Griff um meine Krücken festigt sich.
Hat der Kerl auch nur die leiseste Ahnung wie wichtig der Kurierjob für mich war?
Und dann sehe ich es. Wie erstarrt bleibt mein Blick in der Ecke des Büros haften, dann löst er sich und wandert zu dem Rücken der lautstark verkündet wie unverschämt meine Verspätung sei.
Die Stimme, die vor wenigen Stunden noch so fürsorglich und verständnisvoll klang ist nun zu einem tosenden Donnern mutiert.
Der Held ist nicht wiederzuerkennen aber er ist es. Wer sonst würde ein verbeultes Fahrrad samt Helm in seinem Büro lagern?
In mir krampft sich alles zusammen. Ich stoße wütend die Luft aus meinen Lungen, dann ist es mit meiner Selbstbeherrschung vorbei.
Ein Klatschen ist zu hören und unterbricht den Monolog des Anderen.
Ich habe beschlossen mir diesen Vortrag nicht weiter anzuhören. Er verschwendet ohnehin nur meine Zeit. Stattdessen habe ich die Mappe mit den Unterlagen einfach auf den Parkettboden geworfen. Soll er doch glücklich werden damit! Und mein Fahrrad kann er auch behalten. Als Andenken an den inkompetenten Kurierfahrer der sich mutwillig anfahren ließ.
Benutzen kann ich mein Rad sowieso nicht mehr. Es ist hin, völlig verbeult und das Hinterrad ähnelt der Strecke des Nürburgrings.
Wütend verlasse ich das Büro ohne die Türe hinter mir zu zuziehen. So schnell es mein Bein zulässt stapfe ich den Gang zurück, am Empfang vorbei und durch die gläserne Eingangstüre.
Den fragenden Blick der Dame am Tresen ignoriere ich gekonnt. Ich habe gerade ganz andere Probleme als mich um Etikette und Anstand zu kümmern und fröhlich "Einen schönen Tag" zu wünschen. Der Tag ist nicht schön. Er ist grauenhaft.
Nicht nur dass ich von einem ignoranten Arschloch angefahren werde der sich einen Dreck um sein Opfer schert, jetzt darf ich mir anhören wie inkompetent ich bin und das von dem Kerl der vor zwei Stunden noch ein Held in meinen Augen war. Wie hatte er es ausgedrückt? "Es gibt Situationen in denen jeder Verständnis haben sollte"-klar!
Alle sollten Verständnis für so einen Zwischenfall haben. Jeder versteht wenn man durch einen Unfall nicht rechtzeitig wichtige Umschläge und Pakete austragen kann. Jeder andere, nur Mister  Wichtig selbst nicht!
Dieser arrogante Schnösel der meinen Job gekostet hat- mein ganz persönlicher ach so toller Held!
Wie naiv von mir seinen Worten Glauben geschenkt zu haben.
Schnaubend betrete ich den Fahrstuhl und kann es kaum abwarten das Gebäude zu verlassen als ich eine dunkle Stimme hinter mir rufen höre. Anscheinend hat der Kerl gecheckt dass ich nicht mehr zuhöre und ihn einfach stehen gelassen habe. Hat es ihm denn nicht gereicht? Will er wirklich dass ich mir seine Standpauke bis zum Schluss anhöre? Die Glastüre wird mit Wucht aufgestoßen. Schnelle, schwere Schritte sind zu hören.
„Was glaubst du eigentlich wer du bist?!“ hallt es durch den Flur. „Erst lässt du zwei Stunden auf dich warten und dann wagst du -..“ Er hat den Fahrstuhl erreicht und steht genau vor der offenen Kabine.
Große Augen starren mich an. Mein Anblick scheint ihm die Sprache verschlagen zu haben.
Er hat mich erkannt. Seine Augen tasten mein mumifiziertes Bein ab und bleiben in Höhe meiner Augen stehen.
Ich sehe ihn an und erkenne nichts mehr von dem heldenhaften Gentleman in ihm.
Seine Mimik verändert sich. Er wird schlagartig ruhiger und öffnet den Mund doch diesmal überlasse ich ihm nicht das Wort. Ich will keine Entschuldigung hören oder andere versöhnliche Floskeln. Und den Kuss kann er sich sonst wohin stecken!
„Jeder hat Verständnis, ja?“ zische ich. Es kostet mich meine ganze Kraft nicht laut zu werden.
Ich will mich jetzt nicht aufregen, nicht noch mehr. Es genügt dass ich innerlich vor Wut brodle. Und ändern kann ich auch nichts. Meinen Job bin ich los und den Traum von meinem Held ebenfalls.
Die stählernen Türen schließen sich und ich presse noch ein „Toller Held!“ heraus bevor sich der Fahrstuhl in Bewegung setzt und mich vom Anblick meines untergegangenen Helden befreit.
Wie war das mit dem Glück?
Review schreiben