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Chatul

von Shalott
KurzgeschichteDrama, Liebesgeschichte / P16 / MaleSlash
Jesus Christus Judas Iskariot Simon Zealot
19.11.2012
19.11.2012
1
4.433
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19.11.2012 4.433
 
A/N: Und hier bin ich mal wieder - und hab schon wieder ein neues Fandom im Schlepptau. Aufgrund diverser Besuche dieses Musicals musste es jetzt sein ;) Nein, ich bin keine gläubige Christin, aber auch kein Atheist (wer weiß schon, was da oben über uns ist..) und ich möchte keinem auf die Füße treten. Daher gleich gesagt - Slash, wen es stört, der braucht es nicht lesen. Bleibt eventuell einteilig, könnte auch zweiteilig werden :D
Zum Titel der Geschichte: Chatul ist Hebräisch und heißt (hoffentlich) Katze. Die Erläuterung zum Sternchen findet ihr ganz unten :) Jetzt aber viel Spaß mit der Story und ich freu mich über Kritik! :)


~


Leises Stimmengemurmel, das Knacken des Holzes im Feuer und die Kühle der nahenden Nacht sind die drei Dinge, die Simon überdeutlich wahrnahm weil er sich im Gegensatz zu den Anderen nicht in ein Gespräch vertieft befand. Es war später Abend und ihre Gemeinschaft hatte nach einem langen Tag endlich ihr Lager aufgeschlagen und fand Zeit für sich.
Verstreut saßen sie in kleinen Gruppen um das knisternde Feuer, teilten hier und da noch ein Stück Brot oder rückten näher zusammen, weil die Nächte merklich kälter geworden waren.

Johannes versuchte allem Anschein nach wieder jedem einzelnen Wort von Jesus heutiger Predigt das nötige Gewicht zu geben, gestikulierte er doch aufgeregt mit den Händen und seine Augen strahlten. Petrus hörte zu, nickte, schien zu bekräftigen. Die restlichen Gesprächsthemen waren nicht direkt ersichtlich und Simon hatte keinen Elan, sich um diese überhaupt Gedanken zu machen. Erschöpfung lag in jedem seiner Knochen und irgendetwas sagte ihm, dass es Jesus neben ihm ähnlich erging. Ihr Herr hatte sich wortlos vor einiger Zeit neben ihn gesetzt und als Simon höflich das Gespräch suchen wollte, hob er nur beschwichtigend die Hand. Als wenn er von der Mattheit wusste, ließ er die Stille für sich sprechen und es war keine der unangenehmen Sorte. Sondern eine, der weichen, warmen Art.

Worte erschienen ihnen gerade als etwas überflüssiges, da sie eh nicht das Passende zu sagen vermochten. Der Tag war anstrengend und ereignisreich gewesen, in guter, wie in schlechter Hinsicht. Römische Wachen hatten sich im Hintergrund von Jesus Predigt gehalten und waren von Schreibern begleitet worden. Diese hatten sich scheinbar jedes Wort notiert oder Vermerke dazu niedergeschrieben und Simon war sich sicher, dass gerade viele Worte gefährlich wurden. Taten mussten folgen oder all das Gesagte würde eine undurchsichtige Gefahr darstellen. Natürlich hatte das Volk ihrem Herrn wieder zugejubelt, Glauben und Hoffnung gefunden, sie nahezu belagert.
Doch da waren stets diese zwei Seiten der Münze und in Simon wuchs neben den Träumen von einer Revolution diese unbestimmte Unsicherheit.

Kurz huschte ihm ein Lächeln über die Lippen, trotz der schweren Gedanken, denn diese Zweifelhaftigkeit erinnerte ihn an Judas. Allein dieses wage Erinnern ließ Simons Herz ein wenig schneller schlagen, ihn wieder wacher werden. Die anderen Jünger sahen in Judas immer nur den ewigen Zweifler, den Sikarier*, der Blut vergossen hatte oder auch einfach nur den Narren. Laut aussprechen würden sie es nie, denn gerade wegen seiner Abstammung hielt sich manches Mal eine unbestimmte Angst. Was für Narren sie nur waren – Judas würde niemals einem von ihnen auch nur ein Haar krümmen. Viel eher wollte er mit seinem Verhalten und seinen Worten verhindern, dass jemand von ihnen ein Haar gekrümmt wurde.

Simon verspürte den Drang, nach dem kupferfarbenen Haarschopf zu spähen und richtete sich ein wenig mehr auf. Eigentlich suchte er nicht nach einem Haarschopf, sondern nach der Gestalt mit der Kapuze und dieser einen widerspenstigen Locke, die immer herauslugte. Egal wie sehr Judas auch versuchte sie zu verstecken. Judas wollte nicht durch seine durchaus ungewöhnliche Haarfarbe auffallen und in letzter Zeit hatte er sich selbst in ihrer Gemeinschaft angewöhnt, die Kapuze aufzubehalten. Manches Mal glaubte Simon, dass auch unendlich viel Furcht unter diesem selbstbewussten Lockenschopf versteckt sein musste.

Allerdings machte er niemanden verhüllten aus und als er rasch zählte, kam er nur auf zehn Jünger. Simon ließ seinen Blick durch die Oase schweifen, doch auch hier machte er keine typisch wandernde und rastlose Gestalt aus. Er wusste, dass Judas wie so oft einen Spaziergang unternehmen wollte und war dabei in Richtung Nordosten der Wüste aufgebrochen. Jedoch hätte er schon längst wieder heimkehren sollen, das Feuer war schon fast niedergebrannt und es mussten Stunden vergangen sein.

In seiner plötzlich aufkommenden Sorge sprang Simon auf, nur um sich sofort darauf wieder auf seine Decke zu setzen. Niemand der Anderen hatte es bemerkt, Jesus jedoch drehte sich zu ihm und fragte verwundert:
„Was ist geschehen, Simon?“

Vorsichtig rückte der Angesprochene noch ein Stück näher und flüsterte den Satz in Jesus Ohr, weil da immer noch diese Unsicherheit an ihm haftete und er sich furchtbar beobachtet fühlte. Obwohl niemand Notiz von ihm nahm:
„Herr…habt ihr Judas heimkehren sehen?

Nun war es Jesus, der überrascht den Kopf schüttelte und in den sonst so ruhigen braunen Augen blitzte auch Sorge auf:
„Hast du ihn gehen sehen?“
„Ja, in Richtung Nordosten. Ich dachte, es ist eine seiner üblichen Spaziergänge, Herr.“

Die darauf folgende Reaktion überraschte Simon nicht.
„Ich bitte dich Simon, such ihn. Du findest sicherlich Zugang zu ihm. Wenn ich nun aufbrechen würde…“
Jesus brauchte den Satz nicht zu beenden, Simon verstand. Manches Mal sprachen die Jünger davon, dass Judas sich nur absonderte, damit ihm dafür besondere Aufmerksamkeit ihres Herrn zu Teil wurde. Heute war ein denkbar schlechter Tag, um die eh aufgewühlte Stimmung weiter zu erhitzen. Daher nickte Simon nur und erhob sich unauffällig. Als er schon einige Schritte gegangen war hörte er Jesus Stimme noch einmal:
„Lauf nicht zu weit hinein, egal wie sehr dein Herz danach verlangt. Er wird wiederkommen.“

Er sprach in diesem bestimmten, so ruhigen Tonfall, bei dem man sich bewusst wurde, dass er immer im Bilde war. Simon stolperte fast und beeilte sich, weiter zu laufen. Da war diese Ahnung, dass Jesus von seinen Gefühlen und Gedanken wusste, in ihnen lesen konnte wie in einem offenen Buch. Und da war Furcht, Angst, dass es falsch war was er empfand. Dass er im Allgemeinen falsch war, seine Idee von der großen Veränderung nicht erwünscht war. Jesus blieb immer ruhig, schien zu Zorn oder sonst einer negativen Gefühlsregung gar nicht fähig und das machte so schwierig, ihn zu verstehen.

Simon fröstelte  und drehte sich noch einmal um, ihre Gruppe und der Schein des Feuers waren schon merklich kleiner geworden. Im Gegensatz zu Judas war ihm Einsamkeit verhasst, vor allem hier, und das Gefühl von Beklommenheit legte sich wie ein schwerer Mantel auf seine Schultern. Die immer wüstenähnlichere Landschaft schwieg bei Nacht und der Sand verschluckte sogar das Geräusch seiner Schritte.

Fast schon von Panik befallen drehte er sich erneut um und ihre Gemeinschaft war nun wirklich nur noch ein Schemen, benetzt mit etwas Licht. Simon versuchte sich selber zu beruhigen, sich klar zu werden, dass sein Herr ihn geschickt hatte. Wenn er ihn aussandte, würde keine Gefahr ihm etwas anhaben können. Und selbst wenn er kämpfen müsste, er wüsste für wen und kein Tropfen Blut wäre ihm zu Schade. Entschlossen stapfte er eine Düne hinauf, um den Überblick zu wahren und vielleicht etwas zu erspähen.

Gerade als sich so etwas wie Mut in ihm festige, vernahm er eine Stimme und für eine Sekunde hatte er keinen Zweifel, dass er wahnsinnig geworden war.
„…warum schickst du ihm nicht Menschen, die seine Botschaft unterstützen? Menschen, die ihn verdienen? Nicht solche Narren!“
Das letzte Wort ist ein wütender Schrei, eine Anklage in ihrer reinsten Form und Simon fiel ein viel zu schweres Gewicht von seinem Herzen. Judas.

Dieser hatte ihn aber allem Anschein nach noch nicht bemerkt, stand er doch mit dem Rücken zu ihm auf dem höchsten Punkt und hob die Hände gen Himmelszelt. Wie flüssiges Silber tränkte das Licht des Mondes und der Sterne seine Gestalt. Ließ die kupferfarbenen Locken dunkel glitzern und bemalte die filigranen Hände mit Licht. Er war schon fast fürchterlich schmal und bei seinem Anblick hätte man meinen können, dass selbst das Silber des Himmels ihn entzweien könnte. Die Decke um seine Schultern war nur ein zaghafter Versuch, sich zu schützen – vor der Weite um ihn und der Kälte in ihm.
Simon konnte seinen Blick nicht lösen, die Schönheit des Moments war viel zu kostbar, zu einzigartig, als dass er wieder einmal banale Worte folgen lassen wollte.

Ewigkeit war der einzige Wunsch, der blieb. Jetzt, für immer unter diesen Millionen von Sternen stehen und so nah bei Judas sein. Niemals wollte er den Augenblick teilen, fast war Simon in dieser Sekunde eifersüchtig auf Gott, der über sie wachte. Das hier sollte nur ihm gehören.

„Gott!“, ein wütender Aufschrei, ein Laut der auch von einem verletzten Tier hätte stammen können, so hoch und unmenschlich verließ er Judas Lippen. Simons Hab und Gut dieses Moments zerbrach in all seine Einzelteile und aus Reflex entkam seine Kehle eine besorgte Erwiderung.
„Judas!“

Dieser wirbelte herum, seine Hand zog sofort aus dem Futteral an seiner Hüfte den Dolch, den er nie ablegte. In einer fließenden Bewegung stand er vor Simon, die Waffe hocherhoben und die smaragdgrünen Augen und das leise Fauchen ließen ihn an eine Raubkatze erinnern.
Davon blieb jedoch nur noch ein Seufzen, als er erkannte, wer vor ihm stand. Augenblicklich ließ Judas den Dolch sinken, verstaute ihn pflichtbewusst und zog sich gleich darauf die Kapuze seines Gewands über.

„Was machst du so weit weg von uns, Judas? Wir haben uns gesorgt. Es ist gefährlich hier draußen.“

Nur ein schales Lachen verließ die schmalen Lippen, bevor er sich dann doch für eine Antwort entschied:
„Jesus hat sich gesorgt. Und es ist auch gefährlich für dich hier draußen.“
„Ich habe mich auch gesorgt!“, viel zu schnell entglitten Simon die Worte und ihm war überhaupt nicht klar, was er sagte. Sie standen sich direkt gegenüber, Judas einen halben Kopf kleiner als er.

„Vielleicht hast du dich gesorgt. Aber die anderen Jünger interessieren sich nicht für mich, keinen Deut. Ihnen wäre es lieber, wenn ich hier an einem Schlangenbiss verende oder in eine Karawane Räuber laufe.“

„Sag sowas nicht! Und selbst wenn es so wäre, ich…mag dich. Du bist mir wichtig.“

Simon fiel kein Wort für das ein, was er gerade empfand, als er Judas mit gesenktem Kopf vor sich sah, über ihnen das Himmelszelt und unter ihnen nur der ewige Wüstensand. Sein Herz schlug viel zu schnell, lief ihm voraus und formte viel zu früh Wörter.

„So wichtig, dass du blindlings nach mir suchst und dich in Gefahr begibst?“
Auf den Lippen spiegelte sich ein Hauch von einem Lächeln, es war nichts Ganzes und nichts Halbes, doch Simon schwindelte. Judas strich sich die widerspenstige Locke aus dem Gesicht und schaute ihn nahezu aufmunternd an.

Für eine Sekunde mochte er erzählen, dass Jesus ihn geschickt hatte und ihr Herr über sie wachte. Doch etwas in ihm entschied sich dagegen, vielleicht war es der Stolz eines kleinen Kämpfers.
„Was sollte mir passieren? Ich bin genau wie du kein Narr…“
Vorsichtig schob Simon sein Gewand ein Stück höher, so dass Judas das lederne Etui um seine Hüfte ausmachen konnte.

Was darauf folgt war viel zu schnell, als dass Simon es auch nur ansatzweise hätte nachvollziehen können. Judas zog ihn näher und da waren Lippen an seinem Ohr, die fast so etwas wie Spott aussprachen:
„Ihn zu tragen, heißt noch lange nicht zu wissen, wie man ihn benutzt...“
„Dann zeig es mir!“
„Eifer nicht den falschen Vorbildern nach, Simon.“

Immer noch standen sie sie sich so nah, dass Simon Details an Judas ausmachen konnte, die er vorher noch nie so bewusst wahrgenommen hatte. Den feinen Bogen der Lippen, die vereinzelten Sommersprossen auf seiner Nase, die Nuance von dunklerem Grün in seinen Augen und die langen Wimpern. Da war keine Ahnung in Simon, woher das Gefühl kam, nur das er es Platz geben musst, diesem unbestimmten Willen einen Ausdruck. Seine Hände, die sich irgendwie steif und blutleer anfühlten, griffen nach Judas Kapuze, zogen das feine Gesicht noch näher zu sich, wenn das überhaupt möglich war. Eine letzte Bewegung überwindete jegliche verbliebene Distanz – und Simons Lippen lagen auf denen von Judas, kosteten diesen so süßen und verbotenen Traum.

Judas Lippen waren so unendlich weich und kühl, dass Simon fast Sorge um seinen Zustand hatte. In einem Anflug von Mut suchte seine Zunge, die des anderen und zögerlich stimmte Judas mit ein. Ganz tief in Judas vergrub sich das Gefühl, dass dies hier falsch war. Denn so sehr er Simon auch schätzte, mochte und auch so gut diese Nähe tat – da waren eine unbestimmte Anspannung, die sich falsch anfühlte. Es war nicht die Tatsache, wen er hier küsste, nein, es war vielmehr ein Verrat an seine Gefühlswelt.

Doch dieser Verrat war gerade zu bittersüß, zu unwirklich und schlicht zu schön, um ihn wirklich als Verrat geltend zu machen. Deshalb erwiderte Judas den Kuss, suchte bedächtig die Nähe, während Simon die Kapuze fast schon ungestüm abzog und in den Locken Halt suchte.
Judas wurde langsam wärmer und Simon machte es sich in diesem Moment zur Aufgabe, behutsam leben in den Körper zu küssen. Die Küsse waren leidenschaftlich, aber dennoch ruhig und irgendwann ließ Simon von Judas ab, streifte ihm die Decke von den Schultern und breitete sie auf dem sandigen Boden aus.

Spielerisch ließ er sich auf das provisorische Lager fallen und zog an Judas Hand, bedeutete ihm, zu ihm zu kommen. Erneut zögerlich ließ er sich hinab und nur Augenaufschläge später hatte Simon Judas ihm Arm, engumschlungen, küssend und voller Neugierde. Vorsichtig strich er die Lockenpracht beiseite, befleckte die Stelle hinter seinem Ohr mit Küssen und Judas schloss halb die Augen. Wieder einmal fiel Simon auf, dass Judas ihn an eine Katze oder manchmal an ein Raubtier erinnerte.

Seine Art zu gehen die immer mehr an ein geducktes Schleichen erinnerte, seine Vergangenheit als Jäger, seine Reaktionen, diese natürliche Portion große Vorsicht, die gewollte Einsamkeit, all das waren schon keine menschlichen Attribute mehr. Aber gerade diese Eigenschaften zeichneten ihn aus und Simon glaubte an zwei Herzen in dieser Brust.

Mittlerweile war er mutiger geworden, schob das locker anliegende Gewand ein wenig höher und entblößte so Judas Brust. Viel zu helle Haut für ihr Klima, voller Sommersprossen und Muttermale. Jedoch störte etwas das perfekte Bild, unterbrach es und ließ Judas so unendlich zerbrechlich wirken. Unter dem Schlüsselbein entlang zog sich eine feine, hellweiße Linie, sauber und akkurat, gut eine Handspanne lang. Bedächtig strichen Simons Finger über dieses mahnende Relikt aus der Vergangenheit und sofort spürte er, wie sich Fingernägel in seinen Rücken bohrten. Wie Krallen des besagten Raubtieres, nur schien er jetzt kein Jäger mehr zu sein, sondern ein Gejagter.

Augenblicklich richtete Judas sich auf, fuhr sich durch den Haarschopf, zupfte schon fast hektisch an seinem Gewand und zog die Kapuze wieder auf. In den Augen dieses grüne Funkeln, eine unbestimmte Gefahr sehend. Niemand durfte diese Spuren berühren, denn Judas schämte sich für sie.
Niemals würde er seine Vergangenheit ganz zurücklassen können, immer wieder würde er erinnert werden.
An törichte Fehler, die ihn beinah das Leben gekostet hatten, an eine Zeit, in der er es manchmal nicht zu atmen gewagt hatte, in der jede Sekunde Schlaf den Tod bedeuten konnte. In der es keine Freunde gab, außer seinen blutbefleckten Dolch. In der Blut einen Rausch wie eine Droge hervorrufen konnte,  er zu einer Bestie wurde.

Diese Bestie war für immer auf seine Haut gezeichnet und Simon war der Erste, der eine Linie dieses Porträt berührt hatte. Judas war so viel empfindlicher an dieser Stelle gewesen, er hatte sich wieder so verletzlich gefühlt, dass nur Gegenwehr blieb und diese Erinnerungen wie dunkle Wolken.

So in Gedanken versunken bemerkte Judas überhaupt nicht, wie Simon ein Stück Abstand zwischen Sie gebracht hatte, im Wüstensand saß und ihn ängstlich musterte. Gerade das war das Letzte was Judas wollte, niemand brauchte mehr Angst vor ihm zu haben.

Mit einem sanften Lächeln auf den Lippen streckte er seine Hand aus und berührte Simons Wange, strich zärtlich über die weiche Haut unter seinen Fingern. Danach stand er auf, schüttelte die wollene Decke gründlich aus und legte Sie wieder über seine Schultern. Mit einem weiteren Lächeln bedeutete er Simon, zu folgen und kurz darauf hatte er den Größeren an seiner Hand.

Behutsam legte Judas die Decke auch über Simons Schultern und verschränkte die Finger fest mit ihm, bevor sie den Heimweg antraten. Unbemerkt musterte Judas Simon und da war so viel Gefühl in diesem zitternden Körper, dass er wahrscheinlich mehr als nur falsche Hoffnungen geweckt hatte. Sein „Es tut mir Leid, Bruder“ ist dennoch zu leise, verlief sich ungesagt im Wüstensande und Simons Finger hielten noch mehr an ihm fest.

Dieses Mal hatte Simon keine Angst, fühlte sich beschützt von Judas, der den Weg kannte. Der heftige Widerstand gegen diese so kleine Berührung hielt sich aber in seinen Gedanken und er wünschte sich nichts sehnlicher, als näher an Judas zu kommen. Ihn weiter kennen und lieben zu lernen, er wollte seine Vergangenheit verstehen. Und vielleicht ließ er es zu, so nah wie er ihm jetzt schon sein durfte. Das Lächeln schlich sich ungefragt auf Simons Lippen und er achtete gar nicht auf seine Schritte, sondern ließ sich weiter von Judas leiten.

Sie wechselten kein Wort, liefen still durch die nächtliche Wüstenlandschaft und für Simons Geschmack kam ihr Lager viel zu schnell wieder in Sichtweite. Er verkniff sich den Seufzer, als er sich von Judas löste – doch dieser hielt ihn zurück, hielt fest an der Hand. Auch wenn Judas genau wusste, dass jetzt der passende Momente gewesen wäre um weitere Hoffnungen im Keim zu ersticken. Doch Judas war in dieser Nacht so unendlich schwach, alte Wunden waren aufgerissen und er fühlte sich so verletzlich wie lange nicht mehr. Einsamkeit schien heute nicht zu genügen, war kein Allerheilmittel und deshalb sprach er leise zu ihm:
„Schämst du dich für mich, Simon?“
„Nein, niemals!“

Hastig verschränkte er wieder die Finger mit Judas und einen Moment standen sie unschlüssig dort, bis Simon die Führung übernahm und ihn zu seinem Schlafplatz dirigierte. Die anderen Jünger schliefen, bis auf Jakob, der die Feuerwache übernommen hatte. Allerdings nahm er nicht einmal ansatzweise Notiz von dem ungleichen Paar. Auch ihren Herrn konnte Simon nicht ausmachen. Fast war er enttäuscht, dass er nicht gewartet hatte, doch als sie sich den Weg zu ihrem Schlaflager bahnten, machte Simon auf seinem Platz eine Gestalt aus.

Jesus saß auf seiner Decke und bedachte sie beide mit einem warmen, sanften Lächeln, vielleicht war da sogar ein Hauch von Erleichterung in seiner Stimme:
„Hast du unseren Judas wieder heimgebracht?“

Dieses eine Wort traf Simon ungewohnt, wie der präzise Stich eines Dolches an die richtige Stelle. „Unser“. Ohne dass er darüber nachdachte oder dass er es wollte formte sich der Gedanke, dass es kein „unser“ geben sollte. Ein Seitenblick von ihm auf Judas, der eines seiner so seltenen Lächeln Jesus schenkte und nickte. Zu seiner großen Verwunderung zog er sogar die Kapuze ab und fuhr sich fast verlegen durch den Lockenschopf.

Wieder diese Eifersucht, die eine wahre Sünde war und Simon wusste dies, aber das Gefühl wich nicht. Für einen Moment schloss er die Augen, rief sich in Erinnerung, was sie gerade eben alles geteilt hatten. Es gab keinen Grund eifersüchtig auf diese Kleinigkeit zu sein. Nur ein kurzes Kopfnicken als Erwiderung, ein weiteres Lächeln von Jesus, noch ein verdammtes Lächeln von Judas und danach emotionslose Stille.

Wortlos war Jesus zu seinem Schlaflager in ihrer unmittelbaren Nähe aufgebrochen und legte sich zur Ruhe, ihnen den Rücken zugewandt.

Das Lächeln war fortgewischt von Judas Mundwinkeln, nachdenklich schürzte er die Lippen und ließ sich schlussendlich aber auf Simons Platz nieder. Mit seiner Hand klopfte er neben sich und bedeutete Simon, zu ihm zu kommen. Viel zu rasch kam dieser der Aufforderung nach, breitete Decken über sie aus, hielt aber einen gewissen Abstand zwischen ihnen ein.
Bis Judas sich an seiner Halsbeuge vergrub, sich wieder einmal so katzenartig fremd verhielt und sich dicht an ihn presste. Er sah so unendlich müde und erschöpft aus, als hätte er Nächte keine Ruhe gefunden.

Nur Augenaufschläge später glitt er hinüber in einen vorerst traumlosen, tiefen Schlaf. Judas fühlte sich annähernd sicher, so sicher wie er sich fühlen konnte. Die Erschöpfung von albtraumbehafteten Nächten tat ihr Übriges.

Simon hingegen war zu aufgewühlt, zu wach, zu fasziniert von dieser neuen Stufe der Nähe, als dass er Schlaf finden konnte. Stattdessen begaben sich seine Hände wie von selber auf Wanderschaft, schoben erneut das Gewand des Anderen ein stückweit nach oben, dieses Mal am Rücken. Auch hier war Judas gezeichnet, die Narbe nur weit länger und tiefer, schlechter verheilt. Scheinbar hatte irgendein Feigling versucht ihn von hinten zu überlisten, war aber gescheitert. Vermutlich hatte es ein Römerleben gekostet. Zu Recht, wie Simon fand.

Verträumt fuhr er die blasse Linie nach, die Haut fühlte sich angespannt und fremd an, die Faszination ließ jedoch nicht nach. Diese schmale Linie trennte Judas von Leben und Tod. Simon hatte noch nie Todesängste erlitten und fragte sich, wie sich so etwas anfühlen musste.
Wie sehr Judas zersplittert sein musste.
Wie viel mehr er noch unter der Oberfläche gezeichnet sein musste.
Seine Finger tanzten über die Narbe, vor und zurück, in unregelmäßigen Bewegungen.

„Simon, du solltest Grenzen anerkennen und sie achten.“
Er fuhr vor Schreck zusammen, doch er erkannte Jesus Stimme sofort.
„Was tue ich Unrechtes, Herr?“
Simon war in dieser Stimmung, in der alles nach Rebellion verlangte, nach Aufruhr, nach Klarheit. Er wollte seinen Herrn verstehen.

„Siehst du nicht, dass es ihm missfällt?“
Zum ersten Mal wandert Simons Blick zu Judas Gesicht, die Hände immer noch auf der alten Wunde. Judas feine Gesichtszüge waren verzerrt von Angst, Schemen und Schatten jagten ihn scheinbar durch seine Träume. Die Augenlider flatterten, die Lippen murmelten einen unverständlichen Fluch.

Vor Schreck über den Anblick verließen Simons Hände augenblicklich ihre Position und strichen stattdessen immer wieder beruhigend über die Locken.
„Du übernimmst die letzte Feuerwache heute, bitte.“
„Ja, Herr.“

Es war kein Rüffel oder Tadel, sondern schlicht und ergreifend wie immer eine Bitte mit angemessener Freundlichkeit. Trotzdem, oder gerade deswegen, fühlte Simon sich unsagbar schlecht, eilte zu seiner Aufgabe. Wie konnte er nur Judas Schlaf so missbrauchen. Scham stieg in ihm auf und er wärmte sein Gesicht an ihrer Feuerstelle, starrte gedankenversunken in die Glut.

Jesus sah Simon noch einen Moment nach, bevor er den Kopf schüttelte und erneut einen Blick auf Judas warf. Dieser warf sich zur Seite, wurde immer unruhiger und schien weiterhin mit Schatten zu kämpfen. Behutsam ließ sich Jesus neben ihm nieder und Judas nahm sofort wieder seine alte Position neben dem wärmenden Körper ein.

Sanft fuhr Jesus durch die kupferfarbenen Locken, strich über die verschwitzte Stirn, den Nacken hinunter bis hin zu seinem Rücken, immer darauf achtend die Grenzen zu wahren.
Oh Judas. Sein Judas, sein ewiger Kämpfer ohne Frieden, sein Gegenstück, dieser kleine engelsgleiche Teufel mit den wirren Locken.
Wie viel er an diesen einen Menschen hing. Doch er wusste, dass es nicht falsch sein konnte, egal wie eigensinnig und schwierig Judas vor allem in ihrer Gemeinschaft war. Judas war, wie er war, und genauso liebte Jesus ihn.
Nicht brüderlich, nicht in reiner Nächstenliebe, nein, eine viel zerstörerische Liebe, die Jesus bis dahin nicht kannte.

Die er erst an dem Tag kennenlernte, als er den verwundeten Judas in einem völlig verwüsteten Haus vorfand. Nie würde Jesus den Blick aus diesen grünen Augen vergessen, dieser alles entflammende Blick voller Stolz. Doch just in der Sekunde, in der er sich neben ihn hockte, mit größter Vorsicht über die heiße Wange strich, zerbarst all das in Scherben und Judas griff nach seiner Hand. Hielt sie so fest, dass niemand ihn hätte fortreißen können, egal wie sehr derjenige es gewollt hätte.
Die Berührung so kühl, zugleich doch heiß und dazu diese grünen Augen, die nur noch von Schmerz sprachen und so etwas wie Scham.

Jesus brachte ihn zu ihnen, sie versorgten seine Wunden und in der allersten Nacht wachte er an seinem Krankenlager. Versuchte ihn so gut wie es nur möglich war zu beschützen und ihm Kraft zu schenken.

Diese Nacht erinnerte Jesus sehr an diese erste Begegnung. Auch heute versuchte er mit aller Macht die lauernden Traumjäger von Judas fernzuhalten. Nur fiel es ihm dieses Mal wesentlich leichter, konnte er sich doch Berührungen und Nähe zu nutzen machen. Ließ Judas seinen Trost zu, entspannte sich vollkommen unter dem Arm, der sich schützend um ihn legte. Damals war Judas noch bei jedem leichten Lufthauch zusammengezuckt, manches Mal sogar aufgesprungen, mit gezücktem Dolch.

~

Mittlerweile graute jedoch schon der Morgen und Jesus wusste, dass Judas bald wieder unnahbarer sein würde. Die Nacht war eine seltsame Zeit zwischen den Schatten, die vieles möglich machte, die Dinge in ein anderes Licht rückte. In der Vergangenheit und Gegenwart sich trafen.

Judas war schon immer ein Frühaufsteher gewesen und der erste Sonnenstrahl weckte ihn, er hatte so gut wie lange nicht mehr geschlafen. Seine Träume waren nur ertragbare Schemen gewesen, nur eine Ahnung von Angst, bis auf diese eine Erinnerung, die ihn gejagt hatte.
Immer noch der Körper neben ihm und Judas empfand so eine tiefe Dankbarkeit, dass er sich enger an ihn schmiegte. Er hätte nie gedacht, dass Simon ihm das schenken konnte.

Irgendwie wollte er dieser Dankbarkeit Ausdruck verleihen und mit der Erinnerung an den letzten Abend hob er mit geschlossenen Augen den Kopf. Suchte die Lippen des Anderen und fand sie in einem seelensuchenden Kuss. Ein Kuss, der viel weicher als gestern war, doch trotzdem leidenschaftlich, in seiner Wärme und Ruhe aber an jemanden anderen erinnerte…

Schlagartig war Judas wach, sah in die braunen Augen über ihm, sein Herz stolpernd über den eigenen Takt. Panisch sprang er auf, vergaß sogar seine Kapuze und wie immer war da diese schlechte Angewohnheit aus alten Tagen einfach seinen Dolch zu suchen. Warum er die Klinge überhaupt zog, das wusste Judas nicht, starrte auf seine Hand mit der Waffe.

„Judas, dieser Dolch kann dich nicht immer verteidigen.“

Jesus Stimme war eine Nuance zu hoch, eine Spur zu aufgeregt für seine Verhältnisse. Auf seinen Lippen noch der Nachgeschmack von Judas und etwas in seiner Brust, dass zu zerspringen drohte. Etwas, dass außerhalb seiner Kontrolle lag.

Genauso wie Judas.

Dieser warf noch einen letzten Blick auf das Silber in seiner Hand, ließ ihn fallen, als hätte er sich an der Waffe verbrannt und rannte auf bloßem Fuß los, den gleichen Weg wie er ihn gestern genommen hatte.

Jesus sah ihm nicht nach, sondern hob den Dolch aus dem staubigen Wüstensand auf, wischte ihn an seinem Gewand ab und verstaute ihn sicher unter seinem Gürtel.

~

*Sikarier: kommt vom Lateinischen "sica" - "Dolch" und war eine Gruppe die Attentate gegen die Römer und ihre Besatzung verübten, vorzugsweise mit eben jenem Dolch. Hypothesen zu Folge war Judas Ischariot eventuell ein Anhänger dieser Bewegung.
(Quelle: wikipedia.de)
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