Empires/Dreams (Cloudrun 2)

GeschichteDrama, Mystery / P16
19.11.2012
17.09.2015
7
79177
3
Alle
10 Reviews
Dieses Kapitel
noch keine Reviews
 
 
 
Vielleicht unnötig zu erwähnen, aber da die Story sich um einige Überraschungen bemüht: Potentielle SPOILERWARNUNG für die Review-Ecken, falls ihr nicht auf dem neusten Stand seid! :-)
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Disclaimer: Dieses Werk basiert auf Figuren und Handlungen von Star Wars. Star Wars, alle Namen und Bilder von Krieg-der-Sterne-Figuren und alle anderen mit Star Wars in Verbindung stehenden Symbole sind eingetragene Markenzeichen und/oder unterliegen dem Copyright von Lucasfilm Ltd. Diese Geschichte verfolgt keinerlei kommerzielle Ziele und wird rein zur Unterhaltung geschrieben und frei zugänglich veröffentlicht.

Zum Verständnis von Empires/Dreams sollte man unbedingt den ersten Teil der Reihe gelesen haben, Skies/Ruins.

phazonshark.de | Optisch etwas elegantere Online-Version der Geschichte; Download-Links zu eBook-Versionen des Vorgängers und aktueller Kapitel (z.B. für den Amazon Kindle); Sternenkarte der verbliebenen Galaxis

A/N: Heyho. Willkommen zurück. Es hat eine Weile gedauert, weil ich Zeit zum Planen wollte und gleichzeitig einen neuen Handlungsbogen für Istari geschrieben hab, drüben bei HdR. Außerdem hab ich ein paar Szenen zu Stormys Alternative Factor beigesteuert. Und hinzu kommt, nun ja, der ganze Non-Fanfiction-Teil des Lebens. Aber jetzt geht’s hier wieder weiter.
Der Auftakt der Geschichte heißt »The Man in the Moon«. Ich hoffe, es ist ein guter Mix aus dem, was man nach dem Finale von Skies erwartet, und dem, was man vielleicht nicht erwartet.
So oder so, viel Spaß beim Lesen! (Hier oder auf meiner Website. Oder auf dem Kindle.)

(Wordcount-Info: Das Kapitel ist etwa 7.700 lang. FF.de rechnet ja immer noch mehr mit ein. Und dazu. Oder es liest heimlich meine ersten Entwürfe. Weia.)






In diesem Augenblick
in einer weit, weit entfernten Galaxis …







Cloudrun 2
EMPIRES/DREAMS




AKT 1



Kali






Ein Schwarm fremdartiger Geschöpfe löste sich von der Schattenseite eines Asteroiden. Wie Tiefseekraken schwammen sie durch die Schwärze des Alls, öffneten und schlossen dabei ihre metallischen Arme in rhythmischen Bewegungen. Mit der Zeit teilte sich der Schwarm, zuerst in kleinere Gruppen, dann in Paare, ehe jeder Droide sich allein seinen Weg suchte.

Auch dann noch kreuzten sie die Routen gewaltiger Raumfrachter, ohne zu zögern. Waffenstarrende Söldnerschiffe fuhren ihre Triebwerke herunter, deaktivierten die Geschütze, und manche löschten sogar die Lichter, als könnten sie so den Photorezeptoren entgehen. Wohin die Scheinwerfer der Suchdroiden auch strahlten, erstarrte der Abschaum der Galaxis zu Eis.

Schließlich entdeckte einer der Droiden die schlafende Frau, die schwerelos durch das All trieb. Silberne Haare umflossen ein bleiches Gesicht, das jung und alt zugleich wirkte. Energieschellen fesselten ihre Hände. Der Droide schwamm über sie, öffnete seinen Kreis von Greifarmen und umklammerte den leblosen Körper. An der Spitze seines Kugelrumpfes erwachte ein goldenes Licht, ein Signalfeuer im All, heller als jeder Stern…

Kali riss die Augen auf.

Die Welt bestand aus grellen Farbflecken und einem Wirbel aus Luftblasen. Ihre strampelnden Füße fanden den Boden nicht. Ein Schlauch führte in ihren aufgezwungenen Mund. Als ihre Hände danach greifen wollten, hielt ein Netz von Fäden sie zurück.

Ein Tank… Ich bin in einem Bacta-Tank…

Eine Hand berührte die Scheibe. Auf der anderen Seite des Glases gaben die Lichtkleckse das Gesicht eines Mädchens frei. Dunkle Lippen auf hellgrauer Haut. Kali kannte sie…

Devi.

Meine letzte Schwester.

Die Frau hinter dem Glas lächelte.

Irgendwann öffnete Kali erneut die Augen.

Unter ihr summten und arbeiteten die Innereien eines Medi-Betts. Über ihr strahlte ein Scheinwerfer heller als jede Sonne.

Kali ächzte und wandte den Kopf ab. »Zu hell…« Die Stimme klang so kraftlos, dass es unmöglich die ihre sein konnte.

»Die Lichter aus«, befahl Devi. »Ihre Augen haben sich noch nicht ganz erholt.« Keine Sekunde später erfüllte wohlige Dunkelheit den Raum. Die Metallringe an Kalis Händen und Füßen öffneten sich.

Als Kali erstmals wieder ruhig atmete, entspannten sich ihre Muskeln. Doch der Hunger hatte nur darauf gewartet. Die stechende Leere breitete sich in Kalis Eingeweiden aus. Sie hatte zu lange kein Leben mehr getrunken und die Stunden im All hatten sie weiter geschwächt.

Kali stemmte ihren Oberkörper hoch. Als Devi sie stützen wollte, schob sie den Arm beiseite. »Wie lange habe ich geschlafen…«

»Zweihundert Jahre.«

Kali starrte sie an. Dann verzog sie das Gesicht. »So lange würde es brauchen, bis du endlich erwachsen wirst, ja.« Sie drehte sich und schwang die Beine über den Rand des Bettes. »Das hier ist wichtig. Wie lange, Devidiya?«

Devi rollte mit den Augen. »Dreiundzwanzig Standardtage. Sie haben dich früh stabilisiert - und sie hatten dich früh aufgesammelt: Du warst nicht länger als drei Stunden… da draußen. Sonst hätte es sehr viel schlimmer kommen können, selbst bei deinen Fähigkeiten.« Devi biss sich schuldbewusst auf die Lippen. »Ab dann haben wir dich schlafend gehalten, bis dein Körper sich erholt hatte.«

Kalis Finger zitterten. Wie ein schwarzes Loch schien der Hunger ihren Körper verschlingen zu wollen, von innen heraus, Zelle für Zelle. Er flehte sie an, endlich auf die Jagd zu gehen und zu trinken. Du bist schwach und leer, flüsterte die Stimme. Ein einziger Mensch, ein einziges Opfer, vielleicht sogar ein Midi mit all seiner Lebenskraft, und es geht dir wieder besser…

Wie so oft schien Devi ihr den Schmerz anzusehen. »Nicht viele hätten das All überleben können. Vielleicht nicht einmal die Anzati von früher. Ich könnte dir jemanden bringen lassen. Du bist hungrig und es ist keine Schande…«

»Nein«, sagte Kali.

»Aber irgendwann musst du trinken.«

»Sehr bald, ja. Aber je früher wir nachgeben, Devi, desto früher kommt der Hunger zurück. Und eines Tages…« Kali sprach nicht zu Ende.

Sie waren die beiden jüngsten von zehn Schwestern - und die letzten. Vielleicht sogar die einzigen Anzati der Galaxis. Das Erbe ihre Volkes hing davon ab, dass sie den Hunger bekämpften, bis zum bitteren Ende.

Kali blickte sich um. Das Personal war aus der Krankenstation geflohen. Keine Zuhörer also. Und die Lebensenergien der Crew nicht schmecken zu müssen, machte es leichter, den Hunger zu ertragen. Nicht viel jedoch. Selbst das Leben der eigenen Schwester begann, wie eine Mahlzeit zu riechen, wenn man seit Wochen hungerte.

Wir sind ein abscheuliches Volk.

»Dreiundzwanzig Tage sind zu lang gewesen«, sagte Kali. »Ich springe nicht aus Vergnügen ins offene All.« Sie setzte die Füße auf den Boden und kämpfte sich vom Bett hoch. »Es sind sehr gefährliche Dinge in Bewegung geraten. Und wir haben dreiundzwanzig Tage verloren.«

»Entschuldige. Schwester.«

Kali hielt sich wacklig auf den Beinen. Sie durfte keine Schwäche mehr zeigen. Sie musste der Crew und den Gardisten glauben machen, dass sie ihre Stärke zurückgewonnen hatte, und das Bild der hilflosen Patientin aus ihren Köpfen löschen. Es würden bereits Märchen die Runde machen, die genauestens schilderten, wie man Lady Siena Kali ihr Schiff gestohlen und sie ins All geworfen hatte.

Und ich muss sogar noch dankbar sein, dass sie die Wahrheit nicht kennen. Kali ballte die Hände zu Fäusten. Bohrte sich die Fingernägel ins Fleisch. Ein Kind. Ein einziges Kind hat all das angerichtet.

Aber nicht irgendeines… Die Nägel stachen tiefer. Der Schmerz übertönte den Hunger und die Angst.

»Wo ist meine Korvette?«

»Sie ist aus dem Splitterwelten-System gesprungen. Wir wissen nicht wohin und wir wissen nicht, wer an Bord war. Die Dauntless war zu weit weg, um den Sprungwinkel zu lesen - ihr Captain hat ausgesagt, dass du ihn fortgeschickt hast.«

»Das habe ich…« Kali schloss die Augen und drückte die blutigen Fingerspitzen gegen ihre Stirn. Der lange Schlaf hatten ihren Verstand gelähmt. Schrecklich langsam tauchten die Bilder aus dem Nebel auf. Nur ein einziger Satz hatte sie durch ihre Alpträume verfolgt: Er lebt.

Altair Valueen lebte. Und Devi durfte es nicht erfahren. Kali vertraute ihrer Schwester, aber nicht bis zum Ende der Galaxis. Nicht mit etwas derart Gewaltigem. Niemand im Zwölferrat würde davon gewusst haben, vielleicht nicht einmal der König selbst, sondern nur…

»Janus. Wo ist Janus?«

»Ebenfalls verschwunden. Wir wissen, dass die Vermillion-Piraten im System waren, dass sie Prinzessin Delfy entführt haben und ihr Schiff gesprengt, kurz nachdem…«

»Vergiss die Prinzessin!«, fiel Kali ihr ins Wort. »Janus ist nicht ins Königreich zurückgekehrt, bist du dir sicher? Weder zur Dauntless, noch zum Sprungschiff? Der Oberste Lord wird seit 23 Tagen vermisst - bist du dir sicher?«

»Ja«, sagte Devi kühl. »Meine Agenten wüssten davon. Warum?«

»Weil ich versucht habe, ihn zu töten. Und er dürfte noch nicht senil genug sein, um einen Anschlag auf sein Leben zu vergessen.«

Endlich huschte ein Hauch von Furcht über Devis Gesicht. »Aber falls er noch lebt, falls er zurückkommt… Dann wird er uns hinrichten lassen!« Sie schüttelte den Kopf. »Warum hast du das getan?«

Vergiss nicht deinen Platz, liebste Schwester.

»Weil er mir die beste Chance in Jahren geboten hat.« Kali eroberte weitere Erinnerungen zurück. »Er ist auf einem der Splitter-Asteroiden herumgeschlichen. Der alte Mann ist allein durch den Dreck gewandert, inmitten von Mördern und Verrückten, weit weg vom Königreich. Ich habe drei Gardisten geschickt. Mehr hätten Aufsehen erregt. Einer hätte genug sein sollen. Keiner hat überlebt, um Bericht zu erstatten.« Kali verschränkte die Arme und beschmierte ihr weißes Krankengewand mit Blut. »Ich habe ihn unterschätzt. Und wenn er noch lebt… Wird er kommen.«

Die Schatten in der Krankenstation schienen zum Leben zu erwachen.

»Licht«, sagte Kali.

Devi betätigte den Knopf. Zwei Leuchtröhren erwachten vorsichtig. Ihre Schwester wollte sie noch immer schonen. Als hätte sie damit nicht schon genug angerichtet.

»Wo sind wir?«, fragte Kali. »Wie weit sind wir von den Splitterwelten entfernt?«

Devi sah zu Boden. »Nicht ganz dreiundzwanzig Tage.«

Kali humpelte durch eine der Türen. Jede Valueen-Korvette der letzten zehn Jahre war nach dem gleichen Prinzip aufgebaut, und jeder Wartebereich besaß ein Panoramafenster in Flugrichtung. Dreiundzwanzig Tage bringen uns bis nach… Kali fand die Antwort, ehe sie das Fenster erreichte.

Hinter ihr erklang Devis Stimme: »Eine Korvette zerstört, eine andere entführt, der Oberste Lord verschollen und die Prinzessin in der Hand der Vermillion-Flotte.« Devi schloss die Tür hinter ihnen. »Ich dachte, der Zwölferrat würde sich versammeln. Und ich dachte, du würdest dabei sein wollen.«

Hinter dem Fenster schimmerte der Azuramond. Die gewaltigste Raumstation ihrer Zeit, überzogen mit einer Milliarde von Lichtern. Jedes einzelne bohrte sich in Kalis Augen und zwang sie, diese zu Schlitzen zu verengen.

Bis vor knapp einem Jahrzehnt hatte die hyperraumfähige Station noch die Königsroute bereist, auf und ab, als eine glitzernde Perle auf der Kette des Valueen Königreiches. Das hatte es Feinden fast unmöglich gemacht, den Mond zu erreichen: Selbst wer auf die gesicherte Königsroute gelangt war, hatte noch immer wissen müssen, an welcher Stelle er den Hyperraum wieder zu verlassen hatte.

Avary Leander hatte es auf die Zehntelsekunde genau gewusst.

Einige behaupteten, das Monster selbst hätte ihm ein Zeichen zugeflüstert. Vermutlich aber hatte er einfach den richtigen Spion am richtigen Ort gehabt. Was es auch gewesen war, die Piraten hatten beim berühmten Zwischenfall den Makro-Droiden des Mondes gestohlen, L1-E12. Ohne dessen Rechenkraft war der Mond abseits aller Welten gestrandet, seit nunmehr neun Jahren, und hatte sich seinerseits in ein System verwandelt.

Kleinere Raumstationen schwebten am Rande seiner Atmosphäre, als die Monde eines Mondes, andere umkreisten ihn in größerem Abstand. Raumstraßen von zivilen Schiffen spannten sich zwischen den Häfen auf der Oberfläche und den zwei riesigen Sprungschiffen. Die Flottenverbände von Lord Nim Pellaeon durchzogen das Mondsystem entlang mehrerer Verteidigungsringe.

Kali legte eine Hand auf die Transparistahl-Scheibe. Dies war ein Ort von Macht. Aber nicht unangreifbar. Es gab nichts in der verblieben Galaxis, das sich nicht zerstören ließ. Nichts, das von Dauer war. Sogar Mutter und Vater waren sterblich gewesen, am Ende. Und zuvor hatten sie den Tod von Sternen gesehen.

Sie drehte sich um.

Devi schien noch kindlicher als vor einem Moment. Draußen führte sie ihre eigene Spezialeinheit von Gardisten an, spionierte die anderen Lords aus und jagte ihre Opfer von System zu System. Aber wenn Janus die Macht des Königreichs auf sie herab hageln ließ, wurde all das bedeutungslos.

»Was«, fragte Kali, »wenn Janus im Geheimen zurückgekehrt ist? Oder eine Botschaft ins Reich geschickt hat, auf welchem Weg auch immer - und dort unten Soldaten auf uns warten?«

»Janus kann nicht beweisen, dass der Mordbefehl von dir kam. Nicht einmal deine Gardisten sind frei von Verrätern.«

Kali wandte sich wieder dem wachsenden Mond zu. »Es konnte damals auch niemand beweisen, dass Hath Usiris den Tod von Allya und Prinz Altair befohlen hat. Das hat den König nicht davon abgehalten, Usiris ins Nichts zu schießen.«

Devis Spiegelbild lächelte. »Wenn das geschieht, finde ich dich. Und sammle dich wieder auf.«

»Wir brauchen mehr Sicherheit. Ich will, dass Du deine Agenten in die Splitterwelten schickst, angefangen auf einem Asteroiden namens Manarai. Sie sollen Janus verschwinden lassen, falls er noch lebt.« Kali zwang sich, ruhig durchzuatmen. »Lady Lemuan hatte dreiundzwanzig Tage Vorsprung. Wenn sie ihn vor uns findet…«

»Es… gibt noch einen anderen Weg«, sagte Devi. »Wir könnten seine Position schwächen. Ich verfolge einige Gerüchte, nach denen Janus im Kontakt zu Avary Leander stand, während der Vermillion-Rebellion. Immerhin waren sie einmal Waffenbrüder, in gewisser Weise…«

Kali seufzte. »Der Zwölferrat würde das mit Haut und Haaren schlucken, weil es ihnen genau so nutzen würde wie mir. Aber am Ende richtet allein der König über den Obersten Lord - und er und Janus kennen sich seit Jahrzehnten. Waffenbrüder, wie Du es nanntest.«

»Aber angenommen, die Gerüchte über Janus’ Verrat sind wahr.« Devi legte den Kopf schief. »Oder ließen sich zumindest beweisen. Selbst der König müsste das akzeptieren und Janus hinrichten lassen.«

»Es wäre eine Absicherung, für den Fall, dass Janus lebend zurückkehrt, ja. Wenn wir diese Beweise hätten. Aber die Angelegenheiten des Obersten Lords sind nicht einmal für Darakaer einsehbar…« Kali blickte sie prüfend an. »Du willst in die königlichen Archive einbrechen.«

»Es wäre nicht das erste Mal.«

»Das macht es nur riskanter.« Doch innerlich hatte Kali schon zugestimmt. Selbst wenn Janus längst tot sein sollte, umgaben ihn noch immer wertvolle Geheimnisse. Darunter der Gefangene im Karbonitblock, an Bord ihres gestohlenen Schiffs…

»Du musst vorsichtiger sein, als je zuvor«, sagte sie. »Diese Archive gehören dem König selbst.«

Devi schloss von hinten die Arme um Kali und schmiegte sich an sie. Kali konnte ihre Lebensenergie schmecken und kämpfte gegen den Hunger. »Der König schert sich nicht um seine Archive. Oder um sonst irgendetwas. Er ist ein uralter Mann, der unten in den Schatten auf seinen Tod wartet. Vielleicht hat er ihn längst gefunden. Du weißt doch, was man sagt: Nicht einmal der größte aller Könige regiert ewig.«

Kali betrachtete ihre Gesichter im Fenster, wie sie dicht an dicht vor dem Azuramond schwebten. Zwei Gespenster des Alls. Nur Kinder in den Augen eines Volkes, das hunderte von Jahren alt werden konnte. Aber sie waren so weit gekommen, seit dem Stillen Schiff.

»Soll ich noch etwas mitbringen?« Devi grinste. »Wo ich schon in den verbotenen Archiven bin?«

»Der Singstahl-Dolch wäre ein Anfang. Falls du zufällig darüber stolperst.«

»Du meinst, falls ich mir Fuß daran aufspieße?« Devi schüttelte den Kopf. »In diesem Fall würde ich ihn behalten. Tradition. Ich hab’ auch diese verfluchte Vibro-Axt noch.«

Kali verzog das Gesicht bei der Erinnerung daran. »Ich glaube, diese eine Waffe würdest du nicht in deiner Sammlung wollen. Vor unserer Zeit, in der Nachtrepublik der Jedi, überreichte man dem Kriegsführer einen Singstahl-Dolch. Wenn er den Krieg gewann, gab er ihn zurück - und wenn er scheiterte, erstach er sich damit selbst.«

»Das«, sagte Devi, »ist eine Tradition auf die wir verzichten können.« Sie legte ihr Kinn auf Kalis Schulter. »Wenn du endlich an Janus’ Stelle trittst, Schwester, ohne diesen schrecklichen Dolch… Als Hand eines greisen Königs… Wirst du die Herrscherin der Kernwelten sein. Und dann gibt es niemanden mehr, der uns angreifen kann.«

Kali konnte ein Lächeln nicht unterdrücken. In Devis Welt sah alles so einfach aus. Und wenigstens für diesen einen Moment gestattete sie sich, an das Märchen zu glauben.

Auf der von Geschützen überzogenen Mondoberfläche öffnete sich ein mechanisches Augenlid, mehrere Kilometer weit, und gab den Blick auf den königlichen Raumhafen frei. Schlafende Riesen hingen in den Docks: Die Princess Delfy mit ihrer verchromten Außenhülle, daneben das nicht weniger imposante Konsularschiff Corona und Lord Pellaeons gewaltige Moonshadow. Devis Korvette bekam einen Andockplatz neben der Empyrean zugewiesen, dem Flaggschiff von Cerenna Lyr. Kali empfand es als Demütigung, auf dem gewöhnlichen Raumer ihrer Schwester hier eintreffen zu müssen.

Hinter der Andockschleuse fanden die Schwestern keine von Janus’ Königswächtern vor, sondern eine Halle mit vierhundert ihrer eigenen Soldaten. Während Kali die Reihen hinauf schritt, deckte der Garnisonskommandant sie mit Statusberichten und Speichelleckerei ein. Sie hörte kaum hin. Es galt ein Spiel zu gewinnen, bei dem all ihre stationierten Armeen keine Rolle spielten. Noch nicht.

Er ist hier, dachte Kali immerzu. 800 Kilometer unter meinen Füßen, irgendwo in den Tiefen dieses Mondes, lebt Daphan Valueen. Warum kann es jeder hier spüren? Warum macht mir der Gedanke auch nach neun Jahren noch Angst?

In Kalis prunkvollen Hallen und Gemächern angekommen, bereitete Devi ihren Einbruch in die Archive vor. Es würde eine Weile dauern, und auch dann gab es keine Garantie, dass sie die Informationen finden und mit ihnen entkommen konnte. Falls es ihr gelang, würden sie einige Wahrheiten über Janus erfahren - nur ließen sich die verbotenen Daten selbst natürlich nicht als Beweise nutzen. Lediglich als Ausgangspunkt für die eigentliche Jagd.

Janus konnte jeden Tag zurückkehren. Wenn das geschah, musste Kali bereits einen Keil zwischen ihn und den Rest des Königreichs getrieben haben.

Also versammelte sie den Zwölferrat.

Während Lord Pellaeon auf dem Azuramond lebte, hatten die anderen Ratsmitglieder ihre Systeme zu verwalten, mitunter Wochen entfernt. Der Rat tagte, wann immer Fragen und Schwierigkeiten das gesamte Königreich betrafen - oder wenn Janus gerade danach war. Jetzt hatte dagegen sein Verschwinden die Lords und Ladys der näheren Systeme zum Azuramond gerufen.

Trotz des Zeitdrucks war Kali gezwungen, noch auf den Lord von Trantor zu warten. Areo Mendosa mochte der nutzloseste von allen sein, eine Spielfigur der Black Sun, aber sie brauchte mindestens sechs weitere Ratsmitglieder. Wenn sieben von zwölf einstimmig eine Entscheidung trafen, war es gleich, was die abwesenden wünschten.

Kali hätte noch auf die Lords von Neu-Plympto und Duro gewartet, die sich meist bereitwillig beeinflussen ließen, aber es würde weitere Wochen dauern, ehe die Nachrichten dieses Ende der Königsroute erreichten. Und mit jedem Tag wuchs die Gefahr, dass auch der Lord von Anaxes eintraf, Arthen Darakaer. Die Anwesenheit des Obersten Richters würde es erschweren, vielleicht sogar unmöglich machen, den Rat gegen Janus aufzubringen.

Somit marschierte Kali am vierten Tag ihrer Ankunft den prunkvollen Säulengang zum Ratssaal hinauf.

Ich muss jeden einzelnen gewinnen. Sie ließ ihr Gesicht zu Eis gefrieren. Für sieben Stimmen gegen Janus.

Ihre Schritte hallten einsam im Gang.

Ohne Beweise ließen sich die Mitglieder nicht zu einem Misstrauensantrag bewegen. Aber es war schon viel erreicht, wenn der Rat den König um eine vorübergehende Amtsenthebung von Janus ersuchte, und um die Wahl eines Stellvertreters. Jeder im Rat wollte Janus’ Titel, auch wenn niemand es laut aussprechen würde. Darauf musste Kali ihre Hoffnungen setzen.

Zu beiden Seiten des Eingangsportals standen zwei echsenhafte Wachen. Schlaksig und gebeugt schienen die Myrkrianer ihre Stäbe weniger zur Verteidigung zu brauchen, und mehr um sich aufrecht zu halten. Ihre goldene Haut schimmerte im Schein des Ratssaals, doch in den winzigen Augen brannte keinerlei Licht. Ebenso roch Kali kein Leben in ihnen, trotz ihres Hungers.

Sie schritt zwischen ihnen hindurch, den Blick stur geradeaus gerichtet. Ihre Augen schmerzten seit Tagen, und die grellen Flächenlichter, die sich im Boden spiegelten, machten es nicht besser.

Als sie den Ratssaal betrat, neigte ein hochgewachsener Kaminoaner den Kopf. Seit Kali im Rat saß, hatte solch ein Wesen den Sitzungen beigewohnt, um anschließend unten in den Königstiefen Bericht zu erstatten. Zumindest gingen sie alle davon aus, denn in der Ratskammer gab es weder Kameras noch Mikrophone. Stattdessen züchteten die Klonlabore entsprechend programmierte Kaminoaner heran. Nach Jahrhunderten voller Gen-Experimente mit dieser Sklavenspezies konnte das nicht viel Zeit in Anspruch nehmen. Vielleicht wenig genug, um jedes Exemplar entsorgen zu können, nachdem es dem König unter die Augen getreten war.

Woher er auch kam und worin genau seine Aufgabe auch bestehen mochte - viel Leben steckte nicht ihm drin. Nach einer solchen Mahlzeit wäre Kali noch hungriger als jetzt. Falls das möglich war.

Der Kaminoaner hob die Hände, legte die Spitzen seiner dürren Finger aufeinander und verkündete: »Es ruft den Zwölferrat des Valueen Königreichs: Die Lady von Treskov, Kommandantin der Königlichen Garde, Siena Kali.«

Kali trat zu dem schwarzen Rundtisch und setzte sich. Über ihr hing eine Holo-Sternenkarte des Königreiches, eine Kette aus blendendem Feuer. Kali war gezwungen, nach unten zu sehen, auf ihre bleichen Hände und die kalte Oberfläche des Tisches. Das Nachbild der Lichtlinien hatte sich in ihre Netzhaut gebrannt.

»Der Lord-Kommandant des Azuramondes«, rief der Kaminoaner, »Oberster Verwalter des Königreiches, Nim Pellaeon.«

Aus dem linken der zwei Seitengänge marschierte ein alter Soldat, grauhaarig, und doch kräftig genug, um jeden von Kalis Rekruten im Nahkampf zu zerbrechen. Pellaeon nickte ihr knapp zu, ehe er sich zwei Sitze von ihr entfernt niederließ.

»Der Lord von Corellia, Levier Aidel Antilles.«

Antilles konnte keine dreißig sein und gehörte zu den drei jüngsten Ratsmitgliedern. Er stolzierte herein, gekleidet in die extravagante Version einer corellianischen Fluguniform, und lächelte Kali und Pellaeon herablassend zu.

»Die Lady von Sarapin, Cerenna Lyr.«

Die Lady Lyr kam mit ungleich weniger Gehabe aus. Hinter einem Gesicht von dunkler Schönheit schienen immerzu die Feuer ihrer Vulkanwelt zu brennen. Sie ließ sich auf dem Sitz ihres Vaters nieder, den der König zusammen mit dem Rest des vorigen Rates hatte hinrichten lassen. Um die Flammen von Sarapin zu besänftigen, hatte Valueen anschließend Cerenna und ihren Zwillingsbruder Trystane in den Zwölferrat erhoben, obwohl sie damals kaum erwachsen gewesen waren. Hinter ihrem Rücken nannten einige die Lady Lyr auch die Lady Luck.

»Der Lord von Trantor, Areo Mendosa.«

Mendosa mochte in Pellaeons Alter sein, besaß jedoch die gepflegten Hände eines arbeitsscheuen Adligen. Der Cereaner deutete eine Verneigung an und kämpfte gegen den Schmerz in seinem Rücken, als er sich setzte.

Der Kaminoaner wartete ausdruckslos, bis Mendosa endlich saß, dann fuhr er fort: »Die Lady von Nubus, Kommandantin der Flüsternden Stimmen, Isi Lemuan.«

Obwohl keine junge Frau mehr, schien Lemuan jugendlich, dazu seltsam ungelenk in ihren Bewegungen. Ihre verschrobenen Augen blinzelten zwischen schwarzen Haarsträhnen hindurch, als sie die anderen Ratsmitglieder zögernd musterte.

Nichts davon war echt. Weder die Unsicherheit, noch die menschliche Haut. Kali hatte längst gelernt, diese Frau nicht zu unterschätzen. Das Nubus-System lag mehrere Wochen von hier entfernt und konnte unmöglich schon von den jüngsten Ereignissen erfahren haben - trotzdem hatte Isi Lemuan den Azuramond als Erste erreicht. Sie hatte ihre Augen überall. Dagegen wusste niemand im Königreich wirklich, was Lemuan dort am Ende der Königsroute eigentlich tat.

Diese Frage stellte sich nicht beim letzten Ratsmitglied, das herzlich wenig zu tun schien.

»Der Lord von Leria Kersil, der Königliche Schatzmeister, Ziu Picou.«

Picou, ein übergewichtiger Zabrak im mittleren Alter, wuchtete sich auf seinen Sitz. Er lächelte erschöpft in die Runde, als wollte er Anerkennung dafür, es ohne Repulsortrage hierher geschafft zu haben. Kali ermahnte sich, Picou genau so wenig zu unterschätzen wie Lemuan, aber beim Anblick dieses Mannes fiel ihr das schwer.

Alle sechs sind hier. Kali ließ ihren Blick über die noch freien Sitze huschen. Darakaer mochte weiterhin den Verbotenen Weg bewachen. Chelo Carivus und Trystane Lyr konnten erst in einigen Wochen eintreffen. Janus kehrte hoffentlich niemals wieder lebendig zurück. Und was das letzte Ratsmitglied betraf…

Der Kaminoaner rührte sich nicht. Kündigte er etwa noch jemanden an? Sollte der letzte der zwölf den Mond ebenfalls betreten haben? Ausgerechnet heute?

Kali wünschte, sie könnte die Türen mit der Kraft ihres Geistes schließen und versiegeln. Die anwesenden Ratsmitglieder konnte sie vielleicht kontrollieren. Aber nicht einen Mann ohne Gesicht. Nicht jemanden, dessen Ziele sich immerzu veränderten, so wie die Klinge seines legendären Lichtschwertes, die bei jedem Streich ihre Farbe wechselte - vom Königsgelb der Gardisten zur Rotglut der alten Sith, binnen eines Herzschlags.

Fast hörte Kali die Stimme des Kaminoaners: »Der Großmeister der Midi…«, schien er zu flüstern, »Naeton Anor…«

Aber der Kaminoaner schwieg. Er schloss die Augen und atmete aus, als hätte sogar ein gefühlloses Werkzeug wie er Anors Eintreffen gefürchtet. »Der Zwölferrat tagt«, sagte er, »mit sieben von zwölf.«

Die Myrkrianer traten ein und alle drei Türen schlossen sich.

Eingesperrt. Für einen Moment wähnte Kali sich wieder auf dem Stillen Schiff, mit seinen engen Korridoren und Gittern und Drucktüren. Du hast alles unter Kontrolle. Keiner der anderen kann dir hier drinnen gefährlich werden.

Dafür jedenfalls sollten die Myrkrianer sorgen. Früher einmal, vor dem Masseschattenkrieg, war diese Spezies noch ungleich primitiver gewesen. Nicht mehr als eine Tierart auf der unbedeutenden Welt Myrkr, deren einzige Besonderheit darin bestanden hatte, um sich herum die Macht erlöschen zu lassen. Doch dann war irgendetwas geschehen und die Ysalamiri hatten Jahrtausende der Evolution in einem Bruchteil dieser Zeit absolviert.

Als herkömmliche Wachen taugten sie wenig. Ziu Picou brauchte nur zu stolpern, um sie unter sich zu begraben. Aber sie raubten den Midi ihre Kräfte. Und Kali würde nicht die einzige Midi unter den Ratsmitgliedern sein. Welche Fähigkeiten einige der anderen auch besitzen mochten, hier drinnen zählte nur das gesprochene und gelogene Wort.

»Beginnen wir«, sagte Kali. »Vor etwas mehr als vier Wochen hat ein Schiff der Vermillion-Flotte eine von Prinzessin Delfy, Lord Janus und mir selbst angeführte Expedition in die Splitterwelten attackiert.« Sie machte eine Pause. »Wie Ihr bereits erfahren haben dürftet, werden Lord Janus und Prinzessin Delfy seitdem vermisst. Zudem wurde eine Korvette zerstört und eine zweite gekapert.« Die größte militärische Niederlage der letzten Zeit. Und das ohne eine Schlacht.

Ziu Picou nickte, soweit ihm sein fehlendes Kinn dies erlaubte. »Und seid Ihr die einzige Überlebende dieses… Zwischenfalls?«

»Die Korvette Dauntless und unser Sprungschiff sind ebenfalls zurückgekehrt. Sie haben sich am Rande der Splitterwelten aufgehalten, konnten also weder eingreifen, noch sonderlich viel sehen.«

Pellaeon schnaubte. »Es war gefährlich, die Schiffe aufzuteilen. Jetzt ernten wir die Folgen.«

Kali blickte ihn kühl an. »Jemand mit Eurer Erfahrung, Lord Pellaeon, wird verstehen, dass ein Sprungschiff verteidigt werden muss. Dazu kommt, dass eine gebündelte Militärpräsenz die Splitterwelten in Aufruhr versetzen könnte. Dieser Ort ist ein Pulverfass.«

»Eines das wir schon viel zu lange geduldet haben. Ganze Verbrecherflotten vor unserer Haustür!«

Picou beachtete Pellaeon nicht. »Ich meine zu erinnern, auch das Schiff der Prinzessin war allein, als es angegriffen wurde. Euer Befehl, demnach, Lady Kali?«

»Ebenso wenig, wie ich ihr befohlen hätte, ihr gesamtes Schiff zu evakuieren, ehe sie hinausfliegt.« Kali würde nicht zulassen, dass diese Versammlung sich in ein Verhör verwandelte. »Die Prinzessin entscheidet, was die Prinzessin entscheidet. Das Gleiche gilt für Lord Janus, der darauf bestand, die Asteroidenstädte ohne eine Eskorte meiner Gardisten zu besuchen.«

Sie hielt inne und sah in die Runde. Jeder von ihnen schien zu spüren, dass ein Puzzleteil fehlte. Gut so. Jetzt lag es an Kali, ein handgefertigtes einzusetzen.

»Ich muss sicherlich niemandem hier erklären, dass die Prinzessin gefangen genommen werden wollte, zu welchem Zweck auch immer. Es wäre nicht das Verrückteste, das sie je unternommen hat.« Kali gab vor, zu zögern, ehe sie sich auf dünneres Eis wagte. »Janus ist dagegen ein überaus vorsichtiger Mann. Was immer er getan hat, wen immer er aufgesucht hat… Vielleicht war das einzig Verantwortungsvolle, es vor dem Rest des Königreiches geheimzuhalten.«

Antilles lehnte sich zurück und lächelte gönnerhaft. »Anzunehmen.«

Picou gab sich entgeistert. »Ihr glaubt, der Oberste Lord hatte etwas mit Delfys Gefangennahme zu tun?«

»Wohl kaum«, log Kali. »Immerhin waren sie einmal Meister und Schülerin. Falls Janus involviert war, falls er die Piraten über unseren Flug in die Splitterwelten informiert hat… Könnte das auf Wunsch der Prinzessin geschehen sein.«

Zögerliches Nicken der anderen.

Mit einem bemüht säuerlichen Gesicht und geradezu gegen seinen Willen sagte Picou: »Es könnte erklären, wie die Piraten von Eurem Kommen wussten.«

Kali machte eine wegwischende Bewegung. »Wobei es mir schwer fällt, zu glauben, dass Janus noch immer die nötigen Kontakte zur Vermillion-Flotte unterhält. Nach allem, was vorgefallen ist.«

Diesmal fiel das Nicken der anderen kräftiger aus. Denn das war das Schauspiel, das sie für den Kaminoaner und den König veranstalteten: Nur unter größten Schmerzen und Vorbehalten würde der Zwölferrat die Idee von Janus’ Verrat auch nur in Betracht ziehen.

Aber würde jeder von ihnen mitspielen? Oder stand Pellaeon durch und durch auf Janus’ Seite? War die Lady Lemuan nicht viel zu vorsichtig, um sich an diesem Theater zu beteiligen, geschweige denn an der notwendigen Abstimmung?

Erneut tat Kali so, als würde sie zögern.

Antilles spielte mit. »Gibt es noch etwas, das gesagt werden sollte?«

»Vielleicht«, antwortete Kali. »Aber es gefällt mir nicht, dass ausgerechnet ich diese… Entwicklungen hier präsentieren muss. Man könnte annehmen, ich würde ihnen Glauben schenken.«

Picou schenkte ihr ein mitfühlendes Lächeln. »Ich denke, der Rat sollte alle Möglichkeiten bedenken, und wenn sie noch so unwahrscheinlich klingen.«

Nim Pellaeon stand auf.

Alle Augen sahen zu ihm.

»Entschuldigt mich.« Er wollte den Ratssaal verlassen. »Mir liegt etwas im Magen.«

Nur mit Mühe blieb Kali sitzen. Sieben Stimmen. Ich brauche Pellaeon. Wie konnte er es wagen, zu gehen? Wenn Kali diesen Rat erst anführte, würde er so etwas niemals wieder wagen.

»Eine letzte Frage, Lord Pellaeon«, sagte sie, bemüht ruhig. »Ihr wart Admiral und Flottenführer während der Vermillion-Rebellion. Wir haben sechs Jahre gebraucht, um Avary Leander zu schlagen - trotz unserer Zahl und trotz unserer ausgezeichneten Admiräle.« Sie hob die Augenbrauen. »Warum?«

Langsam drehte Pellaeon sich um, die kräftigen Schultern gespannt. »Verrat. In unseren eigenen Reihen. Eine Krankheit, die auch heute noch auf diesem Mond zu wüten scheint.«

Kali überhörte den letzten Satz und spielte mit der Antwort weiter, auf die sie gehofft hatte: »Der König hat damals in seiner Weisheit Harravan Khal als Verräter entlarvt und verbannt.« Sie ließ ihre Stimme noch etwas kälter werden. »Aber die Informationsquelle der Piraten schien nicht zu versiegen. Und so hat der König auch die restlichen Mitglieder des Zwölferrats hinrichten lassen.«

Angespanntes Schweigen kam über die Ratsmitglieder. In dieser Gefahr schwebte jeder von ihnen. Das Lichtschwert des Obersten Richters hing über ihren Köpfen und ein einziges Wort des Königs genügte, um es herabfallen zu lassen. Vielleicht hielt Arthen Darakaer das Verschwinden von Janus nicht für bedeutsam genug, um zur Versammlung zu erscheinen. Aber ein Verrat unter den Zwölf? Ein gescheiterter Anschlag auf Janus selbst, und Darakaer und der König erfuhren davon?

Darakaer würde durch diese Tür brechen und…

Kali schob ihre Angst beiseite. Sie richtete den Blick wieder auf Pellaeon, der noch immer auf halber Strecke zwischen Tür und Ratstisch stand. »Die Vermillion Piraten konnten diesen Mond finden und öffnen. Sie wussten sogar, wo sich die Familie des Königs aufhielt.« Kali hätte Pellaeon fast am Uniformkragen gepackt und die offensichtliche Erklärung in ihn hineingeprügelt. »Avary Leander war ein großer Krieger, aber kein Stratege. Und trotzdem konnte er sechs Jahre lang einen Krieg gegen eine Übermacht führen? Um schließlich sämtliche Flotten des Königreichs zu täuschen, um daraufhin den Azuramond ausfindig zu machen und anzugreifen? Um direkt unter Janus’ Augen die Prinzessin als Geisel zu nehmen und den König so zum Waffenstillstand zu zwingen?«

Pellaeon schnaubte. »Eure Bewunderung für Avary Leander spricht nicht gerade für Eure eigene Loyalität dem Königreich gegenüber.«

Kali seufzte. Nein, wollte sie erwidern, nach wem klingt all das? Wen kennen wir, der dazu fähig wäre? Stattdessen sah sie zum Kaminoaner hinüber, dem kein Wort - vielleicht kein einziges Blinzeln - entgehen würde. Zwar wollte der König Rivalität und Misstrauen unter seinen Lords und hatte das gesamte Reich entsprechend strukturiert. Aber Misstrauen gegenüber Janus bedeutete Misstrauen gegenüber dem Urteil des Königs selbst. Kali durfte nicht zu offensiv vorgehen. Nur wie sonst sollte sie Pellaeon überzeugen?

»Ihr liefert Anschuldigungen«, sagte dieser. »Keine Beweise.«

Kali nickte. »Und ich hoffe, dass wir keine Beweise finden werden. Nur solche, die Janus entlasten.« Sie blickte wieder in die Runde, in der Hoffnung, dass Pellaeon blieb. »Lord Janus hat im Masseschattenkrieg Seite an Seite mit Leander gekämpft. Und meine Agenten sind nun auf Gerüchte gestoßen, nach denen diese Freundschaft bis in die Zeit der Rebellion Bestand hatte. Gewisse Treffen. Gewisse Botschaften. Und falls Janus sich auf die Seite der verbliebenen Rebellen gestellt hat… Falls ein Mann, der einmal als das größte militärische Genie seiner Zeit galt, heute die Reste der Vermillion-Flotte unterstützt…« Sie versuchte, eine Spur von Angst in ihre Stimme zu legen. Nicht schwer. Aber vielleicht gerade deshalb so gefährlich. Sie durfte die Maske niemals fallen lassen.

Kali wies auf Lady Lemuan. »Ich würde einfach sehr viel ruhiger schlafen, wenn wir diese Gerüchte gemeinsam aus der Welt räumen könnten. Und wenn wir den Obersten Lord finden könnten. Ihr, Lady Lemuan, besitzt für beides sehr viel mehr Augen und Ohren als ich. Sozusagen.«

Lemuan strich sich eine Strähne aus dem Gesicht und lächelte scheu. »Sozusagen…«

Links von ihr beschloss Picou, dass er zu lange nichts mehr gesagt hatte. »Für den absurden Fall, dass Lord Janus sich nun bei unseren Feinden aufhält… Oder angenommen, ihm ist auf den Splitterwelten etwas zugestoßen, so grässlich der Gedanke auch ist…« Er deutete auf den Platz des Obersten Lords. »Seit der Gründung des Königreiches ist dieser Sitz noch niemals leer gewesen. Und wir waren noch nie ohne unsere Verbindung zum König.«

Antilles beugte sich vor. »Wir brauchen einen Stellvertreter. Zumindest, bis Janus zurückkehrt.«

Sie wollten das Gespräch in ungefährlichere Richtungen bringen. Kali ließ sie gewähren. Sie selbst hatte sich schon weit genug hinauswagen müssen, um Pellaeon zu bearbeiten.

»Allein der König könnte jemanden wählen.« Mendosa räusperte sich bedeutungsvoll. »Und solange Lord Janus noch am Leben sein könnte und seine Verbindungen zu den Rebellen nicht bewiesen sind… Müssen wir abwarten, was geschieht.«

Das genügte nicht. »Wir haben schon einen ganzen Monat verloren«, sagte Kali. »Die Prinzessin ist in der Hand der Vermillion-Flotte.«

Antilles lehnte sich zurück und seufzte. »Wir besitzen einen ganzen Planeten voller Vermillion-Gefangener. Einige davon adlig, einige Kriegshelden… Tauschen wir Delfy doch gegen zehn von denen.«

Picou warf ihm einen geringschätzenden Blick zu. »Eine im Tausch für zehn. Ihr seid kein Geschäftsmann.«

»Ich würde die Prinzessin nur ungern beleidigen.«

Kali ging dazwischen. »Nicht nur, dass wir die Rebellen noch immer dulden - wir machen auch noch Geschäfte mit ihnen?« Sie drückte mit dem Zeigefinger gegen den Spiegeltisch. »Wir haben zehn Flotten. Sie haben ein paar zusammengeflickte Museumsstücke. Und wir haben Haven. Wir haben einen ganzen Planeten als Geisel. Es wird Zeit, dass wir diese Flotte vom Himmel holen.«

Mendosa hüstelte vornehm. »Prinz Altair und Prinz Lucan sind tot. Prinzessin Delfy ist die einzige Erbin des Throns, und die Piraten wissen das.«

Delfy selbst weiß es auch, dachte Kali. Was steckt wirklich hinter dieser bereitwilligen Entführung?

Laut sagte sie: »Wir könnten warten, bis wir vollzählig sind, und abstimmen. Aber wir sprechen hier über die Tochter des Königs, und wir sprechen über Krieg oder Frieden. Wir brauchen jemanden, der uns das Wort des Königs bringen kann. So bald, wie möglich.«

Sie versicherte sich, dass Pellaeon noch immer in ihrem Rücken stand. Aufrecht und stolz blickte er auf das Schauspiel der anderen herab. Aber er blieb.

Kali hob die Hand. »Ich stimme dafür, dass der Zwölferrat den König um die Ernennung eines neuen Obersten Lords ersucht, für die Zeit, bis zu Janus' Rückkehr oder Rettung. Wenn ich um Eure Stimmen bitten dürfte.«

Picou seufzte schwer und winkte dann mit seiner dicklichen Hand. Antilles und die Lady Lyr folgten. Als nächstes kam Lemuan. Und angespornt vom Beispiel der anderen traute sich auch Mendosa.

Kali drehte sich zu Pellaeon um.

Dieser sah sie herablassend an. Genoss den Moment, verborgen hinter seinen steinernen Zügen.

Ich könnte Euer Leben leertrinken. Kali biss die Zähne zusammen. Und sobald ich keine Verwendung mehr für Euch habe, werde ich das tun.

Pellaeon hob langsam die Hand. Sein Blick machte deutlich, dass er jede von Kalis Bemühungen für die Verzweiflung eines Kindes hielt. Janus lebt, schien er zu sagen. Du kannst ihn hier in Frage stellen und du kannst ihm vielleicht sogar seinen Titel nehmen.

Aber er lebt. Und er kommt hierher.

Sofort wandte Kali sich wieder dem Tisch zu und hob ihre eigene Hand. »Dann ist es beschlossen.« Sie verfluchte sich für das leichte Zittern in der Stimme. Sie hatte einen ersten Sieg errungen. Das zählte. »Jeder von uns wird die Frage von Janus’ Verbleib und Loyalitäten untersuchen. Und unsere Bitte um einen Stellvertreter wird dem König vorgetragen werden.«

Der Kaminoaner nickte unmerklich. Die Drucktüren öffneten sich und die Lords und Ladys verließen die Ratskammer. Nim Pellaeon war der letzte. Er sah Kali über den Tisch hinweg an und verharrte eine Sekunde, ehe auch er verschwand.

Kali selbst trat durch den Haupteingang, vorbei an den Ysalamiri-Wächtern. Nach einigen Schritten drehte sie sich zu ihnen um.

Diese Kreaturen waren nicht mehr die Tiere von einst. Jemand oder etwas hatte sie verändert. Vielleicht waren es die Klonforscher gewesen. Vielleicht hatte aber auch die Evolution selbst entschieden, dass die Ysalamiri sich weiterentwickeln mussten, um in dieser zerbrochenen Galaxis Bestand zu haben. Jemand wie Janus würde das nie verstehen. Bei all seinem strategischen Genie blieb er doch ein Fossil aus einer anderen Zeit, im Denken starr und überholt, am Ende so todgeweiht wie die Imperien, die er überlebt hatte.

Kali war anders.

Hätten die alten Anzati heute zusehen können, wie sie in dieser Ratskammer gesessen und mit niederen Beutetieren gesprochen hatte, sie hätten Kali als Missgeburt verbannt. Das hier war nicht die Jagd. Das hier waren nicht die Wälder. Und den Hunger zu bekämpfen, war nicht der Weg der alten Anzati. Aber die Alten waren tot. Kali und Devi mussten sich anpassen. Sie mussten ihre Instinkte besiegen, die Würde der Anzati aufgeben und durch den Dreck kriechen - um zu überleben.

Die Alten mussten das verstehen. Der Fortbestand der Anzati stand auf dem Spiel.

Kali schritt den Säulengang hinab. Nicht einmal der größte aller Könige regiert ewig, hieß es. Sie erlaubte sich das erste Lächeln seit ihrem Sprung ins Nichts. Und bald wird eine Königin dich ersetzen, Daphan.

Als Kali in ihre Quartiere zurückkehrte, fehlte von Devi jede Spur. Ihre Schwester hielt es nie lange an einem Ort aus, schon gar nicht in geschlossenen Räumen ohne Fenster. Devi mochte es hinter einem unbekümmerten Lächeln verbergen, aber auch sie hatte das Stille Schiff nie zurücklassen können.

Am nächsten Tag machte Kali sich erste Sorgen. Sie hatte sogar versucht, Devis Komlink zu erreichen, obwohl mobile Funkgeräte auf dem Azuramond blockiert wurden.

Zwei Tage später wartete Kali noch immer - auf Devis Rückkehr und auf die Antwort des Königs gleichermaßen. Hatte man Devi in den Archiven entdeckt? Schwieg der König deshalb? Oder war Kali zu weit gegangen, als sie um einen Nachfolger für Janus gebeten hatte? Bestrafte er diese Frechheit, indem er ihre kleine Schwester gefangen hielt?

Am vierten Tag schlenderte Devi durch die Tür des abgedunkelten Speisesaals und ließ sich neben Kali nieder. Wortlos, mit einem sanften Lächeln, schob sie ihr ein Datapad herüber, das zwischen Wasserkrug und Graugewebe-Auflauf liegen blieb.

Kali gingen dutzende Fragen durch den Kopf. »Sind das die Daten?«

Devi zuckte mit den Schultern. »Vielleicht sind es Graugewebe-Rezepte für deinen Koch. Nachdem er und ich es langsam aufgegeben haben, dir irgendetwas anderes als Militärkost zu servieren.«

Kali blinzelte nicht.

»Es sind die Daten«, sagte Devi. »Verschlüsselt. Wird eine Weile dauern. Freust du dich nicht, mich zu sehen?«

»Du warst vier Tage fort. Wo?«

Devi starrte auf den Tisch. »In den Archiven. Ich war vorsichtig, so wie du wolltest. Und…« Sie seufzte. »Ich wollte dir den verdammten Dolch bringen. Den Singstahl-Dolch, du weißt schon, ich wollte beweisen, dass ich…«

Kali erhob sich und ihr Stuhl polterte zu Boden.

Erschrocken sprang Devi auf.

Kali drückte sie an sich.

Devi streichelte sanft ihren Rücken. »Okay, es sind doch Rezepte. Die Daten habe ich dem Koch hingelegt. Wäre es nicht witzig, wenn er tatsächlich den Algorithmus knackt, in der Hoffnung auf ein neimoidianisches Staatsgericht?«

Devis Nähe ließ den Hunger stärker werden. »Ein wenig.« Kali löste sich von ihr, um sich wieder in Eis zu verwandeln.

Eine Woche nach der Ratsversammlung, dreißig Standardtage nach Kalis Sprung, beschloss sie, nicht länger auf eine Antwort des Königs zu warten. Zwar hatten ihre Slicer die Archivdaten noch nicht entschlüsselt, aber selbst wenn doch, hätte Kali dem König keine gestohlenen Informationen als Beweis vorlegen dürfen.

»Außerdem«, sagte sie, »weiß ich nicht, ob die anderen Ratsmitglieder ihn nicht heimlich aufgesucht haben, um selbst zur Hand des Königs ernannt zu werden.«

Devi sah von dem sterbenden Wartungstechniker hoch, der auf ihrem Bett lag. Ihre Zungen verschwanden in den Hautklappen. Sie wischte sich über die Lippen, als hätte sie tatsächliches Blut getrunken, und nicht etwa die Lebenssuppe und Erinnerungen ihres Opfers. »Es ist verboten, den König aufzusuchen. Man muss von ihm eingeladen werden, oder? Die Strafe für das Betreten der Königstiefen ist…«

»Ich weiß, ich weiß.« Kali wandte ihren Blick von der Leiche ab. Der Hunger raubte ihr fast den Verstand. »Aber was, wenn Valueen die anderen eingeladen hat? Einen von ihnen - vielleicht sogar alle, bis auf mich?«

Sie ließ Devi im Schlafgemach zurück.

Noch besaß Kali ihre Trumpfkarte. Noch würde sie die einzige im Rat sein, die vom Überleben Altair Valueens wusste. Wenn sie länger wartete, konnte sie diesen Vorteil verlieren - und sie würde dem König erklären müssen, warum sie es für sich behalten hatte. Davon abgesehen konnten Janus und Darakaer jeden Tag auf dem Mond eintreffen, und wenn Kali dann nicht auf dem Sitz des Obersten Lords saß…

Kali zog sich ihre Paradeuniform an und verließ ihre Gemächer. Sie bedeutete den Wachen, ihr nicht zu folgen.

Im Zentrum des Ratskomplexes, ein Dutzend Ebenen unter der Versammlungskammer selbst, lag der Saal der schwarzen Kapsel. Eine geteilte Kugel vom Umfang eines Raumjägers hing dort in einem Kraftfeld, die obere und untere Hälfte zwei Meter auseinander. Darunter klaffte der Abgrund des Liftschachtes.

Kali stieg ein.

Die Kapsel schloss sich, ihre Zähne legten sich aufeinander wie bei einem Gebiss und sperrten jegliches Licht aus. Im Innern der Kugel leuchtete ein Netz aus goldenen Adern auf.

Und es ging abwärts.

Ich begehe einen schrecklichen Fehler, dachte Kali noch, aber nun gab es kein Umkehren mehr.

Die Wände zogen sich zusammen, wie zuvor in der Ratskammer. Die Apparaturen schienen alle Luft aus der Kapsel zu saugen, ähnlich einer Druckschleuse ins All.

Kali atmete schwer. Einbildung, mehr nicht. Sie musste stark bleiben. Wenn sie jetzt ihre Kräfte nutzte und erneut in eine Leichenstarre fiel, oder als ein zitterndes Etwas vor den König trat…

Nein. Diese Kapsel würde nicht ihr Grab werden.

Sie hatte das Stille Schiff überlebt, auf dem sich jeder Korridor und jede Kammer angefühlt hatte wie eine Müllpresse. Wieder und wieder hatten ihre Eltern sie in eine der Stasisröhren gesperrt. Dieser Sarg für die Lebenden hatte sie in einen Halbschlaf gezwungen, um ein wenig mehr Zeit zu gewinnen, und den Hunger am Wachsen zu hindern.

Aber es hatte nicht genug Nahrung für sie alle gegeben. Dicht an dicht hatten sich die Stasisröhren gestapelt, doch die meisten von ihnen waren bereits vor Kalis Geburt geleert worden. Ursprünglich hatten die Überlebenden einer ganzen Zivilisation in ihnen geschlafen, während das Schiff mit Unterlicht-Triebwerken nach bewohnten Welten gesucht hatte. Anstatt welche zu finden, war es selbst entdeckt worden - von einer hungernden Anzati-Familie.

Und Mutter und Vater hatten die Nahrung rationiert.

Jeder in der Familie hielt aus, solange er konnte. Dann wurde ein Schlafender geweckt, getrunken und schließlich gegessen. Das waren Vaters Regeln gewesen. Wir müssen sparsam sein, meine Töchter. Wir müssen überleben.

Irgendwann hatten seine Töchter ihn getötet. Und Mutter. Es hatte ein Festmahl gegeben, als Kalis Schwestern etliche Schlafende aus ihrem Stasisröhren gerissen hatten. Doch nach jedem Mahl war der Hunger zurückgekommen, stärker als zuvor. Und das Stille Schiff hatte bis zum Ende keine lebende Welt erreicht. Die älteren der neun Schwestern waren wilder und wilder geworden - und eines Tages hatten sie eine der ihren getrunken.

Am Ende waren nur noch Kali und Devi übrig gewesen.

Ich muss besser sein. Die Kapsel schnürte Kali die Luft ab. Ich muss den Hunger besiegen. Sonst werde auch ich eines Tages zu einem Monster, das sogar seine eigene Schwester…

Die Kapsel bremste ab und schlug auf dem Boden auf. Dieser schien nachzugeben und katapultierte die Kapsel wieder aufwärts, ehe sie zur Ruhe kam. Vielleicht in einem Kraftfeld.

Begleitet vom Wummern eines Repulsors lösten sich die Zähne um Kali herum und gaben den Blick frei auf…

Blaue Vorhänge. Angeordnet in mehreren Kreisen um die Kapsel herum. Nach oben hin schienen sie kein Ende zu nehmen, nach unten hin lagen sie im Wasser. Die Kapsel war in einem unterirdischen See gelandet. Aus dessen Tiefen brachen Lichter hervor und warfen gespenstische Schatten auf das königliche Blau der Vorhänge.

Zaghaft flüsterte Kali: »Eure Majestät?« Sie wagte sich zum Rand der Kapsel vor. In welche Richtung sollte sie schauen? Um sie herum bewegten sich die Vorhänge wie blaue Nebelschwaden oder die Tücher einer Tänzerin. Es gab keine Geräusche außer dem Plätschern des Wassers.

Kali sank auf die Knie. »Eure Majestät?«, brachte sie heraus, diesmal lauter. »Ich weiß, es stand mir nicht zu, hierher zu kommen. Aber ich wusste keinen anderen Weg!«

Stille.

»Euer Sohn lebt! Prinz Altair ist am Leben! Und die Prophezeiung…« Sie holte Luft. »Die Prophezeiung sagt, er wird unser aller Ende sein!«

Der Mann hinter den Vorhängen schwieg.

Kali blieb auf den Knien und wartete. Sie konnte nicht sagen, wie lange. Irgendwann stand sie auf. »Eure Majestät?« Sie erwartete keine Antwort mehr. »König Valueen?«

Nichts.

Sie blickte sich in der Kapsel um. Gab es irgendetwas, das sie tun musste? Aber sie fand keinerlei Kontrollen. Bis hierhin war alles automatisch geschehen. Was konnte Janus noch getan haben, wenn er allein nach hier unten…

Die Erkenntnis traf sie erst jetzt. »Oh,« flüsterte sie. »Oh, dieser verfluchte…« Ihre Hände ballten sich zu Fäusten.

Seit dem Zwischenfall, hatte nur Janus den König sehen dürfen. Einige hatten es dem Alter zugeschoben, andere den Verletzungen, die Valueen sich im Duell mit Avary Leander zugezogen hatte. In den vergangenen neun Jahren hatte der Zwölferrat niemals eine Nachricht direkt vom König bekommen, immer nur von Janus. Die Holonachrichten für die Bevölkerung bestanden seit Ewigkeiten nur noch aus Archivmaterial. Es hieß, dass selbst Prinzessin Delfy ihren Vater seit damals nicht mehr gesehen hatte.

Nicht einmal der größte aller Könige regiert für immer.

Kali hätte fast gelacht, so gewaltig schien Janus’ Täuschung.

König Valueen war tot. Er war an Altersschwäche gestorben oder war den Wunden seines letzten Duells erlegen. Seitdem hatte Janus regiert.

Der Schattenlord hatte ihnen den Schatten von Daphan Valueen an die Wände gemalt und sie alle in Furcht leben lassen.

Ich hätte noch Jahre auf eine Antwort warten können. Fieberhaft begann Kali zu überlegen. Was jetzt? Wie konnte sie ihr Wissen nutzen?

Im Augenwinkel blitzte etwas auf.

Kali drehte sich um.

Ein Schatten trieb durch das dunkle Wasser. Mit einem Messer im Rücken.

Kali rannte zur gegenüberliegenden Seite der Kapsel.

Die Leiche gehörte einer Frau mit zierlicher Statur und langen Haaren, die sich sternförmig im Wasser ausgebreitet hatten. Der Dolch in ihrem Rücken schimmerte in mattem Gold.

Kali sprang.

Vor unserer Zeit, in der Nachtrepublik der Jedi, überreichte man dem Kriegsführer einen Singstahl-Dolch. Das kalte Wasser umfing sie. Wenn er den Krieg gewann, gab er ihn zurück - und wenn er scheiterte, erstach er sich damit selbst. Sie zog den Singstahl-Dolch aus dem Rücken der Frau. Blut spritzte und färbte das Wasser rot.

Kali packte die Leiche am Arm und drehte sie um.

Devis tote Augen starrten ins Nichts.

Kali konnte nicht einmal schreien. Sie schwamm mit dem leblosen Körper ihrer Schwester zurück zur Kapsel, kletterte hinein und zog Devi nach sich. »A-angreifen?« Sie versuchte zu nicken. »Gut, gut, wir greifen die Piraten an, ja? Und Altair? S-soll ich auch ihn töten?« In der einen Hand umklammerte sie den Singstahl-Dolch, mit der anderen drückte sie Devi an sich.

Die Königstiefen schwiegen.

»Was soll ich tun?«, brüllte Kali. »Ich führe Euren Krieg, ich tue, was immer Ihr befehlt, aber was… Soll ich die Flotten versammeln… Soll ich Haven zerstören? Oder ein Attentat auf Leander, oder…«

Ihre Worte erstarben. Langsam wanderte ihr Blick zu Devi. Sie begriff, wo Daphan Valueen seine Befehle verborgen hatte. Vor wenigen Momenten erst.

Und Kali drehte ihre Schwester herum, ließ ihre Zungenfäden hervortreten und begann zu trinken.

Fortsetzung folgt ...









A/N: Ah… Willkommen zurück? (Weia.)
Ich glaube, das Kapitel erinnert so ein bisschen an einen Prolog, weil es sehr viel »Was bisher geschah« eingewoben hat und quasi die »Villain«-Story beginnt, anstatt unmittelbar die Haupt-Handlungsstränge aus dem Vorgänger fortzusetzen.
Nun… Das kommt nächstes Mal, wenn es quasi wieder nach Hause geht.
Coming up: »Ghosts, Pt. I«.


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