Die Konkubine - 2. Teil

GeschichteDrama, Romanze / P18 Slash
Divia Lacroix OC (Own Character)
18.11.2012
08.05.2013
41
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Vorabinfos:

Die Geburt eines Kindes verunreinigt nach römischem Glauben das gesamte Haus. Daher muss dieses am 8. bzw. 9. Tag rituell gereinigt werden.

Nach der Geburt wurde für die Göttin Juno Lucina ein gedeckter Tisch im Atrium aufgestellt, der am Tage der Namensgebung (bei Mädchen der 8., bei Jungen der 9. Tag), der sog. Nominalia, wieder abgeräumt und weggebracht wurde.

Luciulus = kleiner Lucius

Bulla = Goldene Kapsel in Form eines Apfels, in der verschiedene schadenabwehrende Amulette, Zauber oder Gebete enthalten waren, die das Kind schützen sollten. Die Bulla trugen vor allem frei geborene Knaben bis zu ihrer Volljährigkeit (Mädchen trugen eher sichelförmige Anhänger oder Gemmen).

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97. Kapitel




Seit dem frühen Morgen des 23. Februars waren sämtliche Haussklaven Lucius‘ damit beschäftigt, die Villa rituell zu reinigen. Einige Bedienstete räumten im Atrium den gedeckten Tisch für Juno Lucina ab, machten ihn sauber und trugen ihn fort. Andere waren dabei, sämtliche Türschwellen des Hauses mit Mörserkeulen zu schlagen oder mit Reisigbesen sauberzufegen. Sogar der Haushofmeister kehrte mit seinen Gehilfen den großen Hof, um sich an der rituellen Reinigung des gesamten Gebäudes zu beteiligen. Denn die Verunreinigung, die durch die Geburt des kleinen Lucius entstanden war, musste vollkommen getilgt werden, ehe man wieder selbst das Haus verlassen oder jemanden darin empfangen konnte.

Am Nachmittag erwartete man einige geladene Gäste des Herrn, die an der Nominalia des Filius teilnehmen und danach die gelungene Geburt des kleinen Römers feiern sollten.

Der Auslöser des ganzen Trubels hingegen blieb von den Geschäftigkeiten um ihn herum völlig unbeteiligt, schlief die meiste Zeit und weinte immer nur dann, wenn er Hunger bekam. Ansonsten war das Knäblein ein recht angenehmes Kind, das seinen Eltern und der übrigen Umgebung allein durch seinen Anblick viel Freude bereitete. Divia war hingerissen von ihrem Brüderchen und sogar die alte Quella, die doch vor der Geburt des Jungen immer gegen diesen eingenommen gewesen war, hatte den kleinen Römer ins Herz geschlossen. Was konnte schließlich so ein armes Würmchen dafür, dass sein Vater ein ungehobelter Barbar war?

„Er sieht ganz und gar so aus wie Melina einige Tage nach ihrer Geburt“, behauptete die alte Griechin und war selbst überzeugt von dem, was sie sagte. Alle anderen hingegen, Melina eingeschlossen, erkannten in dem Gesichtchen des Neugeborenen viel Ähnlichkeit mit Lucius. Allein das kleine, vorstehende Kinn mit dem Grübchen und der leicht spöttisch verzogene Mund wiesen ihn als Sprössling des verdienten Feldherrn aus. Einzig die großen Augen, noch von hellblauer Farbe, und die dunklen Locken hatte der Junge von seiner Mutter geerbt. Doch man unterließ es geflissentlich, die alte Quella darauf hinzuweisen. So lange diese in dem Knaben vor allem Melina sah, würde sie dieses Kind lieben und mit dazu beitragen, alles zu tun, damit es ihm gut ging. Es hatte fast den Anschein, dass der Kleine der Alten dabei half, sich mit der Beziehung ihres Lämmchens zu dem römischen Offizier abzufinden. Es gab nun nichts mehr daran zu rütteln, dass Melina die Mutter des Erben von Legatus Marcellus war.

„Ach, er ist so ein liebes Kind“, seufzte Quella gerade, als sie wieder einmal in die Wiege hineinblickte, in der das Knäblein lag und schlummerte. Dann bedachte sie die apfelförmige, kleine, goldene Kapsel, die an einem Goldkettchen um den Hals des Kindes hing, mit missbilligenden Blicken und wandte sich an Sidori und Divia, die ebenfalls mit den Augen an dem Säugling hingen. „Muss mein junger Herr denn unbedingt dieses Ding tragen?“

„Selbstverständlich!“ erwiderte Divia in strengem Ton. „Luciulus ist schließlich ein frei geborener, römischer Bürger und die Bulla hält böse Kräfte von ihm fern. Du willst doch nicht etwa, dass ihm was Schlimmes zustößt, oder?!“

„Natürlich nicht“, antwortete die Alte und schaute wieder auf den Säugling hinab.

Divia streckte ihre Hand nach ihm aus und strich behutsam über die Wange des Kleinen, worauf dieser erwachte und sofort zu schreien begann.

„Oh, hat dieses unachtsame Mädchen dich geweckt, mein Liebchen“, sagte Quella sanft zu dem Knäblein und begann, die Wiege leicht zu schaukeln, um ihren jungen Herrn zu beruhigen. Doch dieser weinte nur noch lauter, so dass Melina davon erwachte.

„Komm, Sidori, bring mir meinen Sohn“, forderte sie gleich darauf das Mädchen auf, das ihr sofort gehorchte. Laila indessen hatte ihrer Herrin dabei geholfen, sich etwas aufzusetzen und eine ihrer vollen Brüste zu entblößen, damit die junge Mutter ihr Kind stillen konnte.

Während es sich der kleine Lucius schmecken ließ und dabei von seiner Mutter, seinem Kindermädchen und Laila beobachtet wurde, sahen sich Quella und Divia gegenseitig wütend an. Dann drehte sich die Elfjährige zu Melina und sagte: „Entschuldige, Mama, aber ich möchte bei den Vorbereitungen für die Feier heute Nachmittag helfen.“

„Geh ruhig“, erwiderte die junge Griechin freundlich. „Es wäre aber auch schön, wenn du dich nachher für das Fest ein wenig zurechtmachen würdest. Wir erwarten schließlich einige Gäste und du willst doch gewiss einen guten Eindruck machen, nicht wahr? Von dir als unserer hübschen, großen Tochter können dein Vater und ich das inzwischen erwarten, von Luciulus noch nicht.“

Divia lachte und verließ dann den Raum.

„Verzeiht, Herrin, aber findet Ihr es richtig, der Eitelkeit dieses verzogenen Mädchens auch noch Vorschub zu leisten?“ wandte sich Quella daraufhin an Melina.

„Divia ist die Tochter des Hauses und kommt allmählich in ein Alter, in dem sie repräsentieren muss“, entgegnete die Angesprochene. „Hör also auf, an dem Mädchen herumzumäkeln. Sie bemüht sich nach Kräften, uns alle zu entlasten und uns Freude zu machen.“

„Aber sie hat den Kleinen eben geweckt!“ kritisierte die Alte missmutig.

„Er wäre ohnehin gleich aufgewacht, weil er hungrig war“, nahm Sidori die Tochter ihrer Herrschaften in Schutz. „Außerdem kannst du es der Filia nicht zum Vorwurf machen, wenn sie ihren kleinen Bruder streicheln will. Sie liebt ihn genauso wie wir alle.“

In dem Augenblick hörte der Säugling auf zu trinken und gab zufriedene Laute von sich.

„Ach, wer könnte dich denn nicht gernhaben, du kleiner Fratz?“ seufzte Melina und küsste ihren Sohn sanft auf die Stirn. Dabei schaute sie ihn liebevoll an. „Du bist so süß, dass ich dich auffressen könnte, Luciulus.“

Der kleine Junge gab wieder einige Laute von sich und Melina wiegte ihn sanft in ihren Armen, bis er einschlief. Dann reichte sie ihn Sidori zurück, die ihn in die Wiege legte, während ihre Herrin sich an Laila wandte: „Es wird allmählich Zeit, mich für das Fest herzurichten.“

Die Ägypterin schlug daraufhin Melinas Bettdecke zurück und half ihr beim Aufstehen. Ihre Herrin war drei Tage nach der Geburt bereits aufgestanden und einige Schritte im Zimmer herumgegangen. Sie übte seitdem regelmäßig und seit drei Tagen ging es fast so gut wie vor der Zeit ihrer Schwangerschaft.

Quella war an Melinas Seite geeilt und bot sich an, ihr ebenfalls zu helfen. Doch die junge Griechin schüttelte den Kopf und sagte in freundlichem Ton zu ihr: „Nein danke, Quella. Es ist zwar sehr lieb von dir, aber du solltest dich um Divia kümmern.“

„Die Tochter Eures Lebensgefährten lässt sich von mir kaum etwas sagen, sondern gibt mir immer wieder zu verstehen, wie wenig sie mich benötigt“, erwiderte die Alte.

„Nun ja, Divia wird langsam erwachsen“, meinte Melina und lächelte. „Aber sie schätzt dich trotz allem immer noch. Und bitte, sprich in einem freundlicheren Ton mit ihr. Sie ist immerhin deine Herrin!“

Quella schwieg, um die junge Mutter nicht aufzuregen, denn sie selbst sah sich keineswegs als Dienerin der verwöhnten, kleinen Römerin, sondern fühlte sich immer noch Melina verpflichtet.

„Nun, worauf wartest du?“ fragte sie sie gerade, da die Alte sich nicht von der Stelle bewegt hatte. „Willst du nicht zu Divia gehen und ihr helfen?“

„Natürlich, wenn Ihr es wünscht, Herrin“, antwortete die Angesprochene, drehte sich um und verließ den Raum. Melina sah ihr besorgt nach, bevor sie sich an Laila wandte.

„Ich fürchte, ich mute Quella zu viel zu. Schließlich ist sie nicht mehr die Jüngste, doch ich habe das bisher nicht richtig wahrgenommen. Divia ist für sie womöglich sehr anstrengend. Vielleicht sollte man für meine Stieftochter eine jüngere Leibsklavin besorgen.“

„Es gibt genügend Sklavinnen im Hause, Herrin“, meinte die Ägypterin. „Wäre es nicht besser, Sidori würde mit Quella tauschen?“

Die kleine Ibererin, die das gehört hatte, warf Laila einen entsetzten Blick zu.

„Nein, ich möchte, dass Sidori die Kinderfrau meines Sohnes ist. Quella könnte ihr zwar bisweilen zur Seite stehen, aber eigentlich glaube ich, meine alte Kinderfrau sollte nicht mehr so viel arbeiten“, erklärte Melina, die sich inzwischen auf einen Stuhl vor den Spiel gesetzt hatte und nachdenklich hineinsah, während Laila begann, vorsichtig das lange Haar ihrer Herrin zu kämmen…

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Nachdem bis zur Mittagszeit das Haus gründlich gereinigt und dann für das Namensfest geschmückt worden war, versammelte sich der gesamte Haushalt von Lucius vor dem Familienaltar, um den Göttern, Laren und Manen noch einmal Dankesopfer dafür darzubringen, dass Mutter und Kind die Geburt unbeschadet überstanden hatten.

Dann zog Melina sich mit ihrem Sohn in ihr Zimmer zurück, um ihn zu stillen, da der Kleine wieder zu weinen begonnen hatte. Begleitet wurde sie von Sidori, Laila und noch einer Sklavin, die ihr dabei zur Seite stehen sollten. Lucius hingegen begab sich ins Atrium, um die bald eintreffenden Gäste zu begrüßen, während Divia in den Speisesaal ging.

Das römische Mädchen freute sich sehr darauf, Crassus bald wiederzusehen. Es war eine Menge Zeit vergangen, da sie ihn das letzte Mal sah, und dementsprechend aufgeregt fühlte sie sich. Sie war froh gewesen zu hören, dass er die Verlobung mit ihrer Mutter aufgelöst hatte. Ihr Freund befand sich demnach also nicht mehr in Gefahr. Nun stand einer Verbindung zwischen ihnen beiden eigentlich nichts mehr im Wege. Sie hoffte nur, dass er ihr nicht übelnahm, die Tochter von Selene zu sein. Denn dass ihr Vater von Crassus angetan sein würde, stand sowieso außer Frage. Onkel Appius und Melina mochten ihn bereits. Ach, vielleicht könnte sie bald ihre Verlobung mit Crassus feiern.

Divia war so in diese beglückenden Gedanken vertieft, dass sie gar nicht bemerkte, dass Melina mit dem Kleinen im Arm und in Begleitung von Sidori den Speisesaal betrat.

„Nun, du scheinst an etwas Schönes zu denken“, sprach ihre Stiefmutter sie an und schreckte damit das Mädchen auf.

„Ja, das ist wahr, Mama“, gab Divia zu und nickte. „Ich bin ja auch so froh, dass es dir und Luciulus gut geht. Außerdem freue ich mich auf unsere Gäste. Wir waren so lange nicht mehr in Gesellschaft gewesen.“

„Du hast recht“, meinte Melina und lächelte nun. „Endlich beginnt sich unser Leben wieder ein wenig zu normalisieren. Es ist wirklich langweilig, die meiste Zeit nur im Bett zu liegen.“

„Dafür haben wir jetzt aber unseren kleinen Luciulus, Mama.“

Divia warf einen liebevollen Blick auf ihren Bruder, der in den Armen Melinas lag. Die junge Griechin lächelte und strich ihr zärtlich über die Wange.

„Du bist so ein liebes Mädchen, Divia.“

Die Elfjährige wollte etwas erwidern, doch sie kam nicht mehr dazu, denn die ersten Gäste traten nun in den Raum, erblickten ihre Stiefmutter mit dem Säugling auf den Arm und begrüßten sie lautstark, so dass sich Melina ihnen zuwenden musste. Divia wurde kaum beachtet, aber das machte ihr nichts aus. Sie wusste ja, dass dieses Fest zu Ehren ihres jüngeren Bruders veranstaltet wurde. Daher erhob sich das Mädchen, um Silvia Valeriana Platz zu machen. Diese bedankte sich kurz und ließ sich dann neben Melina nieder, während ihre Tante sich mit ihrem Adoptivsohn auf die andere Seite neben die junge Griechin setzte. Der Senator nahm natürlich neben seiner Frau Platz und lächelte. Alle betrachteten sich interessiert den kleinen Jungen, der in den Armen seiner Mutter schlief.

Als nächstes betrat Flavius Senior mit seinen beiden Söhnen den Raum und die drei begrüßten zunächst auch die Herrin des Hauses. Dann erhob sich Silvia, um ihren Verlobten zu umarmen, während Publius Divia breit anlächelte und dann auf sie zukam.

„Ich freue mich, dich so wohlauf zu sehen, Divia“, sagte der Jüngling freundlich. „Es ist lange her, dass wir uns sahen.“

„Es ging nicht anders“, erwiderte das Mädchen ebenso freundlich, während es den Eingang des Saals nicht aus den Augen ließ. „Wie du weißt, ging es meiner Stiefmutter nicht besonders gut. Aber das ist zum Glück nun alles überstanden.“

„Ja, und dafür seien die Götter gepriesen“, bestätigte Publius. „Mein Vater, mein Bruder und ich sind auch sehr froh, die Lebensgefährtin deines Vaters ebenso wohlauf zu sehen wie ihren Sohn. Gefällt dir dein kleiner Bruder?“

„Ja, er ist irgendwie süß“, meinte Divia und lächelte, während sie einen kurzen Blick zu Melina und den Säugling warf.

„Dein Vater hat wirklich großes Glück, eine so gute Gefährtin gefunden zu haben“, redete der Jüngling weiter. „Jeder Mann kann sich glücklich schätzen, wenn er eine gute Partnerin besitzt.“

„Bestimmt, Publius.“

„Du wünscht dir doch bestimmt auch einen Gefährten, den du magst und mit dem du dich gut verstehst, wenn du erst heiratsfähig bist, nicht wahr?“

„Aber natürlich“, sagte Divia, deren Lächeln sich dabei in ein Strahlen verwandelte, da in ihr das innere Bild von Crassus als ihrem Bräutigam aufstieg. „Es gibt wohl kaum ein größeres Glück.“

„Caecina und Vitus wollen übrigens im Oktober heiraten“, berichtete Publius munter weiter. „Aber wahrscheinlich werde ich dann nicht mehr in Rom sein.“

„Warum?“

„Im nächsten Monat habe ich meine Ausbildung vollständig abgeschlossen und man hat mich bereits einem Heer in der Armee von Legatus Adranus zugeteilt. Wir werden im April für einen längeren Zeitraum nach Africa gehen.“

„Das ist sehr weit“, meinte Divia betroffen. „Manchmal bin ich wirklich froh, ein Mädchen zu sein.“

„Darüber bin ich auch froh“, gab Publius zurück und schenkte ihr einen liebevollen Blick. „Mach dir keine allzu großen Sorgen um mich, Divia. Ich freue mich auf Africa.“

„Tatsächlich?“

„Natürlich! Einer der Vorteile als Soldat der römischen Armee ist es, dass man viel in der Welt herumkommt. Außerdem soll Africa ein geheimnisvolles Land sein, das seltsame Wunderdinge in sich birgt. Ich muss gestehen, ich bin schon sehr neugierig darauf.“

Divias Interesse war erwacht und sie seufzte.

„Ach, ich würde zu gerne mitgehen und mir all das selbst anschauen“, meinte sie sehnsuchtsvoll.

„Vielleicht ließe sich das eines Tages einrichten“, erwiderte Publius. „Schließlich ist Africa eine römische Provinz. Wenn es mir gefällt, könnte ich mich dort stationieren lassen.“

„Dann würdest du nie wieder nach Rom zurückkommen? Und was ist mit deiner Familie? Was sagt denn dein Vater dazu?“

„Vater lebt sein eigenes Leben. Er hat sein Auskommen, seine Sklaven versorgen ihn gut und inzwischen hat auch seine Einsamkeit ein Ende gefunden. Denn die neue Küchensklavin ist seit kurzem seine Geliebte geworden und er ist glücklich mit ihr.“

„Du… sprichst du…?“ Divia konnte es nicht fassen, wollte es nicht glauben. „Sprichst du etwa von Odalind?“

„Ja, ja, so heißt sie“, meinte Publius lächelnd. „Eine nette Frau. Dank ihrer Pflege und Fürsorge geht es Vater gesundheitlich so gut wie schon lange nicht mehr. Vielleicht beschert uns seine neue Liebe sogar ein Geschwisterchen.“

„Was?“ fragte das Mädchen verwirrt.

„Halb so wild“, meinte Publius grinsend. „Meinen Bruder und mich würde das nicht weiter stören. Hauptsache, Vater ist glücklich. Odalind sorgt wirklich hervorragend für ihn.“

In diesem Augenblick kam Crassus Heraclius in Begleitung von Melinas älterem Bruder herein und Divia lenkte ihren Blick sofort auf ihn. Sie konnte ihre Augen nicht von ihm nehmen, während er sich zunächst ihrer Stiefmutter zuwandte, wie es sich gehörte. Gleich hinter ihm und Leandros traten ein paar gute Freunde ihres Vaters, zu denen auch die Stabsoffiziere gehörten, mit ihren Frauen herein und verdeckten die Sicht auf den geliebten Mann. Divia sah ein, dass ihr nichts anderes übrig blieb, als abzuwarten, bis sich für sie eine Gelegenheit ergeben würde, allein mit Crassus zu sprechen. Sie setzte sich auf einen der Diwane. Publius ließ sich sofort neben ihr nieder, aber sie achtete kaum auf ihn oder auf das, was er zu ihr sprach. Stattdessen hoffte sie, dass Crassus sich zu ihr setzen würde.

Wenig später erfüllte sich der Wunsch Divias und sie strahlte glücklich, während ihr Vater, der inzwischen auch mit ihrem Onkel hereingekommen war, in der Mitte des Raumes stand, seinen Sohn in den Armen hielt und darüber sprach, wie glücklich er sei, endlich einen Erben zu haben, der seinen Namen weiterführen würde.

„Lucius Melinus soll der Knabe heißen!“ verkündete er abschließend und die Gäste applaudierten. Dies führte dazu, dass der Säugling erwachte und zu weinen begann. Alle lachten, während sich der Gastgeber seinem Sohn zuwandte und mit ruhiger Stimme sagte: „Na, na, mein Junge, hast du denn schon wieder Hunger?“

Dann küsste er das schreiende Kind auf die Stirn und übergab es Melina, die es in ihren Armen zu wiegen begann. Nach einer Weile beruhigte sich das Knäblein und hörte zu weinen auf.

„Lasst uns auf meinen Sohn trinken!“ rief Lucius aus und hob seinen Becher. Die Gäste taten es ihm gleich. „Glück, Gesundheit und ein langes Leben für Lucius Melinus!“

Alle Anwesenden wiederholten den Spruch, doch der, dem er galt, begann erneut zu schreien. Melina erhob sich und meinte in entschuldigendem Ton: „Ich glaube, der Kleine hat tatsächlich wieder Hunger. Bitte verzeiht, dass ich mich mit meinem Sohn zurückziehe.“

Lucius und seine Gäste nickten ihr mit freundlicher Miene zu, worauf sie mit dem Säugling und Sidori in ihr Zimmer verschwand.

„Ein prächtiger Knabe, Legatus!“ sagte Regulus laut, nachdem Mutter und Kind fort waren. „Ihr müsst stolz sein, ein so kräftiges, vitales Kind gezeugt zu haben. Aber von Euch war selbstverständlich nichts anderes zu erwarten!“

Lucius lächelte geschmeichelt und nickte seinem stellvertretenden, ersten Offizier zu.

„Mein Bruder soll bei seiner Geburt auch ein recht kräftiges Kerlchen gewesen sein“, bemerkte Appius in leicht ironischem Ton, um die Stimmung etwas zu entspannen. Aus Erfahrung wusste er, dass es schnell in Lobhudeleien für Lucius ausarten konnte, wenn alle seine Offiziere auf einmal zu Gast in dessen Hause waren. Gewiss, diese Männer bewunderten seinen Bruder wirklich, aber ihn deswegen auf einer privaten Familienfeier in den Himmel zu heben, war äußerst unpassend. Schließlich ging es um seinen kleinen Neffen und auch um dessen Mutter, für die die Geburt des Kindes nicht einfach gewesen war.

„Es liegt in unserer Familie, kräftige Männer hervorzubringen“, führte Appius weiter aus. „Schließlich bin auch ich kein dünnes Hemd, meine Herren!“

Lucius, seine Offiziere und die übrigen Gäste brachen in lautes Lachen aus und prosteten dem Rechtsanwalt zu. Dieser war zufrieden, dass er es geschafft hatte, eine Kultfeier um seinen Bruder zu verhindern. Nun meinte er, noch Melina würdigen zu müssen, und sagte daher: „Lasst uns nun auf die Mutter des kleinen Lucius Marcellus anstoßen. Melina Aigikoreusa lebe hoch!“

Alle Gäste taten es ihm gleich und Lucius machte einen sehr glücklichen Eindruck. Dann endlich begann man, Gespräche untereinander zu führen. Der Hausherr wandte sich seinem Bruder zu und fragte leise: „Was macht eigentlich der Antrag auf die römische Staatsbürgerschaft für Melina?“

„Glaub mir, Lucius, ich arbeite daran“, antwortete Appius ebenso leise. „Aber allem Anschein nach macht da irgendjemand Schwierigkeiten.“

„Wer könnte ein Interesse daran haben zu verhindern, dass Melina Römerin wird?“

„Zum Beispiel Selene!“

„Nun, meine Ex-Gattin hat wohl kaum Einfluss darauf. Sie ist schließlich nur eine Frau!“

„Aber sie hat einen Bruder, der Verbindungen zu einigen wichtigen Leuten hat.“

„Mag sein! Doch warum sollte Pavo verhindern wollen, dass ich Melina heirate?“

„Blut ist dicker als Wasser, Lucius, und Pavo ist immerhin Selenes Bruder.“

„Sie hatten keine sehr enge Bindung zueinander. Ich glaube nicht, dass Selene oder ihre Familie dahintersteckt. Es bringt ihnen doch nichts ein! Ganz im Gegenteil. So wie ich Pavo kenne, würde er nichts tun, was mich verärgert. Du weißt gewiss, dass er gesellschaftlich weiterkommen will und einen hohen Posten anstrebt?“

„Aber keinen in der Armee – und deswegen ist er nicht gezwungen, dein Wohlwollen zu gewinnen, Bruderherz! Und niemand außer Selene hat etwas gegen deine Melina. Ihre Familie muss hinter den Schwierigkeiten stecken, die ich habe, um für deine Geliebte die römische Staatsbürgerschaft zu erwirken.“

„Mit welcher Begründung wird Melina die römische Staatsbürgerschaft verweigert?“

„Vor allem, dass ihr Vater maßgeblich an der Rebellion in Athen beteiligt war.“

„Und was hat Melina damit zu schaffen?“ murmelte Lucius verärgert.

„Ach, komm, Bruderherz! Du weißt genau, dass dies ein schwerwiegender Ablehnungsgrund ist. Die Tochter eines Feindes des Imperiums wird wohl kaum jemals römische Staatsbürgerin werden können!“

„Der Kaiser hat es mir aber versprochen!“

„Was, Lucius?“

„Er versprach, dass Melina unsere Staatsbürgerschaft erhält und ich sie zu meiner rechtmäßigen Gattin machen kann.“

„Dann solltest du mit Vespasianus noch einmal darüber reden. Mir werden in dieser Angelegenheit Steine in den Weg gelegt und jeder meiner Widersprüche wurde bisher abgewiesen“, erklärte Appius. „Natürlich lasse ich nicht locker, aber es ist zermürbend. Eine Anweisung des Kaisers müsste allerdings sofort befolgt werden. Du solltest wirklich mit ihm reden.“

Lucius nickte und schwieg. Wohlweislich behielt er für sich, dass Vespanianus‘ Versprechen an die Bedingung gebunden war, den Posten als Proconsul von Attika anzunehmen. Verdammter Kuhhandel! Warum konnte man ihm, einem verdienten Legatus der römischen Armee, nicht einfach gefällig sein, indem man ihm ermöglichte, die Mutter seines Erben zu seiner legalen Ehefrau zu machen? Schließlich hatte er viel für Rom getan!

In diesem Augenblick kam Melina ohne ihren Sohn zurück in den Speisesaal und setzte sich neben ihren Mann.

„Ich habe den Kleinen in die Wiege gelegt, Liebling“, erklärte sie ihm leise. „Hoffentlich bist du mir deswegen nicht böse. Aber ich glaube, unserem Sohn ist es hier zu laut und er braucht seinen Schlaf. Außerdem hat ihn ja jeder der Gäste einmal gesehen.“

„Es ist in Ordnung, Honigmädchen“, antwortete Lucius und küsste sie auf die Wange, während er sie an sich zog. Dann strich er ihr zärtlich durch das Haar und flüsterte: „Ich liebe dich, Melina, und niemand wird jemals etwas daran ändern.“

Die junge Frau schmiegte sich an ihn und wisperte: „Du bist so lieb, Lucius.“

„Unser Sohn ist mein Haupterbe! Und du gehörst zu meiner Familie“, sagte ihr Mann in fast trotzigem Ton. „Ich und Appius werden alles daran setzen, dass du so bald wie möglich auch meine rechtlich anerkannte Ehefrau bist!“

„Darauf kannst du dich verlassen, Melina“, bestätigte Appius die Worte seines Bruders und nickte.

Das griechische Mädchen sah von einem zum anderen und meinte: „Ich verstehe nicht, wovon ihr sprecht.“

„Das macht nichts, Liebling“, erwiderte Lucius lächelnd. „Überlass all das uns und mach dir keine weiteren Gedanken. Ich wollte nur, dass du weißt, dass wir dich als ein vollwertiges Mitglied unserer Familie betrachten, Melina Marcella.“

„Melina Marcella klingt gut“, griff Appius dies auf und umfasste seinen Becher. „Darauf sollten wir trinken, Lucius.“

Der Hausherr nahm nun ebenfalls seinen Becher und stieß mit seinem Bruder an.

„Auf Melina Marcella!“ sagte Appius.

„Auf Melina Marcella!“ erwiderte Lucius.

Dann setzten sie die Trinkgefäße an die Lippen und leerten sie in einem Zuge.

Melina hingegen beobachtete ihren Gefährten und ihren Schwager und schüttelte nur den Kopf. Männer waren manchmal seltsame Geschöpfe und wahrscheinlich hatten sowohl Lucius als auch Appius schon ein wenig zu viel Alkohol im Blut, sonst würden sie nicht einen solchen Blödsinn von sich geben. Melina Marcella! Was für ein Unsinn! Diesen Namen sowie den Titel Matrona würde sie nur dann führen können, wenn sie die rechtmäßig anerkannte Ehefrau von Lucius wurde – und das blieb ihr als Griechin für immer verwehrt…