Die Konkubine - 2. Teil

GeschichteDrama, Romanze / P18 Slash
Divia Lacroix OC (Own Character)
18.11.2012
08.05.2013
41
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Die Konkubine


~ Zweiter Teil ~


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Die folgende Geschichte erzählt etwas aus der menschlichen Vergangenheit des Lucien LaCroix, als er noch der römische Legat Lucius war. [1] Es schildert die Ereignisse, die schlussendlich dazu führten, dass er zum Vampir wurde.



Die Idee zu dieser Story wurde angeregt durch die kurzen Flashbacks über LaCroix‘ Vergangenheit als Römer in zwei zeitlich weit voneinander entfernten Folgen (Eine in Staffel 2 und eine in Staffel 3 von „Forever Knight“), in denen man kaum etwas über ihn erfährt.

Demnach war er ein römischer Offizier mit dem Vornamen Lucius. In der Serie wird er als „General“ angesprochen, ein Titel, den es in der römischen Armee zu dieser Zeit  (1. Jh. n. Chr.) nicht gab. Der Titel „Legatus“ käme dem in etwa gleich, weshalb diese Anrede auch in der folgenden Story gewählt wurde.

Des Weiteren hatte er mit einer Frau namens Selene eine Tochter, welche Divia hieß und sehr an ihm hing. Es wird in der Serie vage gehalten, welche gesellschaftliche Stellung Selene bekleidete. In englischsprachigen Fankreisen geht man wie selbstverständlich davon aus, dass sie Betreiberin eines Bordells war. Dagegen spricht allerdings der Umstand, dass im Atrium des Hauses eine große Büste mit dem Abbild von Lucius steht. Sein Stand als Legatus weist ihn als einen Mann der Oberschicht aus, der eingedenk seiner hervorragenden Karriere sich bestimmt gehütet hätte, seine Büste in einem Freudenhaus zur Schau zu stellen. Üblicherweise tat man dies im Atrium seines eigenen Wohnhauses. Demnach könnte Selene auch seine Ehefrau gewesen sein, da sie in der Serie als Gastgeberin und Hausherrin fungiert. Das deutliche Missbehagen, das beider Mimik ausdrückt, als Lucius nach langer Zeit von einem Kampf in Gallien heimgekehrt ist und sie sich zum ersten Mal wiedersehen, passt dazu. Die Beziehung scheint ziemlich abgekühlt zu sein und lediglich die Vorstellung eines intimen Zusammenseins mit ihr zaubert ein Lächeln auf Lucius‘ Gesicht.

Wie das Verhältnis zwischen Selene und Divia ist, bleibt in der Serie ebenfalls im Dunkeln. Es sieht für den Zuschauer aber ganz so aus, als ob das Mädchen den Vater bevorzugt und sich für die Mutter überhaupt nicht interessiert.



Da die Geschichte länger wird, als abzusehen war, habe ich mich dazu entschlossen, sie in mehreren Teilen zu posten, um es für euch, meine lieben Leserinnen und Leser, etwas übersichtlicher zu halten. Die Nummerierung der Kapitel werde ich aber fortführen, so dass Teil 2 mit Kapitel 96 beginnt.



Und nun wünsche ich euch viel Vergnügen bei der weiteren Lektüre dieser Geschichte.

Konstruktives Feedback ist immer willkommen.



Eure Kim

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96. Kapitel




Februar 77 n. Chr.:

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Am späten Nachmittag des 14. Februars hing für jeden gut sichtbar ein Kranz aus Ölzweigen am Tor der Villa von Lucius Marcellus. Deutlicher Hinweis auf ein freudiges Ereignis, das auch Aemilia Antonia, die seit Januar wieder in Rom weilte, und ihrer Tochter Selene am selben Abend von mehreren Bekannten auf ihrer Cena zugetragen wurde.

„Wie schön, dass Lucius endlich den ersehnten Sohn bekommen hat“, meinte die Gastgeberin strahlend.

Während Aemilia Antonia sich wirklich aufrichtig für ihren ehemaligen Schwiegersohn und seine neue Gefährtin freute, machte ihre Tochter ein Gesicht, als hätte sie in eine saure Zitrone gebissen. Und mehrere der anwesenden Damen warfen ihr hin und wieder spöttische Blicke zu. Selene wusste natürlich, dass dies nicht nur daraus resultierte, dass sie Lucius keinen Sohn geschenkt hatte, der länger als ein paar Tage überlebte, sondern auch dem Umstand zu verdanken war, dass Crassus Heraclius ihre Verlobung gelöst hatte.

Zum Glück hatten weder ihre Mutter noch ihre Schwägerin oder ihre beiden Freundinnen deshalb ein Wort verloren. Doch alle anderen Römer der gehobenen Schicht, vor allem die Damen, zerrissen sich darüber das Maul. Da Selene jedoch keiner Einladung mehr gefolgt war, bis ihre Mutter wieder in der Stadt weilte, blieb ihr die eine oder andere bissige Bemerkung darüber erspart. Doch das Thema war mittlerweile nicht mehr aktuell, denn es gab interessanteren Gesprächsstoff.

Dass Lucius Marcellus gesund und strahlender denn je siegreich aus einem Feldzug heimgekehrt war, kam einer Sensation gleich. Und die Berichte über ihn, seine Verletzung und die wundersame Heilung durch eine gallische Druidin bildete fast drei Wochen lang das Hauptgesprächsthema. Auch der Umstand, dass man Bündnisse mit einigen der gallischen Barbaren eingegangen war, beschäftigte die Römer und trug dazu bei, die Gallier mit anderen Augen zu betrachten. Zumindest besaßen sie Heilkundige, die fast so gut waren wie die griechischen Medici und darum nicht als Barbaren gelten konnten.

Flavius Junior trug ein Übriges dazu bei, als er in Umlauf setzte, dass die Kräutermedizin jener Druidin, der Legatus Marcellus sein Leben verdankte, sogar das Fieber der Konkubine des verdienten Armeeführers rasch senkte und zu deren baldiger Genesung beitrug.

Überhaupt fand die junge, griechische Fürstentochter jetzt überaus großes Wohlgefallen in den Augen der meisten Patrizier. Warum das so war, vermochte jedoch niemand recht zu erklären. Selene vermutete den Grund in dem Mitleid, welches die römische Oberschicht durch den vermeintlichen Tod Lucius‘  für sie empfunden hatte, das dann in Freude umschlug, als sich diese Meldung als Irrtum herausstellte. Zudem war Lucius neben Adranus einer der siegreichen Feldherren, der das römischen Volk wieder einmal das köstliche Gefühl des Triumpfs spüren ließ, ihre Feinde bezwungen zu haben. Und viele der gefangenen, gallischen Aufrührer fanden in der Arena des Circus Maximus ihren Tod, da man sie nicht als Sklaven verkaufen wollte. Zu groß schätzte man das Risiko ein, dass diese wilden Kerle in Rom einen Sklavenaufstand heraufbeschwören könnten.

Die Römer standen demnach also im Gegensatz zu den Galliern als zivilisiertes Volk da, und Lucius bildete quasi eine strahlende Kultfigur. Natürlich rundete eine griechische Prinzessin als Lebensgefährtin und Mutter seines Kindes dieses positive Heldenbild ab. Und alle schwärmten jetzt von der Schönheit Melinas, deren Vater doch ebenfalls einen Aufstand gegen Rom anzettelte. Aber anscheinend hatten die Römer dies vergessen.

Selene empfand nun jedesmal einen Würgereiz, wenn man ihr von Melina Aigikoreusa vorschwärmte, der kultivierten, jungen Griechin aus noblem Hause. Doch es gelang ihr, sich zu beherrschen und gequält dazu zu lächeln. Sogar ihre beste Freundin Gordia lobte Melina nun über alle Maßen und meinte, man könne dem Mädchen keinen Vorwurf daraus machen, dass sie die Konkubine von Lucius geworden sei.

„Natürlich ist es für dich nicht gerade leicht gewesen, Selene“, meinte Gordia tröstend. „Aber sieh mal: Lucius und Melina haben sich ineinander verliebt – und dein früherer Gemahl hat sich doch recht anständig dir gegenüber verhalten.“

„Du verstehst sicherlich, dass ich dazu nichts sage“, erwiderte Selene kühl.

„Selbstverständlich, meine Liebe“, versicherte ihr ihre Freundin. „Bei so viel Glück überall kann es jedoch nicht ausbleiben, dass auch du von Fortuna bedacht werden wirst. – Oh, ich hoffe, dass man Melina bald die römische Staatsbürgerschaft verleihen wird. Sie ist wie eine von uns. So tugendhaft und gut erzogen. Und ihr Bauch soll so stattlich geworden sein, dass man ein kräftiges Kind erwarten konnte. Was meinst du, ob Lucius uns wohl einladen wird, wenn sein Sohn in neun Tagen seinen Namen erhält?“

„Höchst unwahrscheinlich. Schließlich seid ihr weder mit ihm noch mit Melina befreundet. Aber es ist ja noch nicht gesagt, dass der Knabe bis dahin am Leben bleibt.“

Obwohl dieser Gedanke schmerzhaft für Selene war und sie niemandem wünschte, das eigene Kind zu verlieren, trug er dazu bei, sie nicht völlig verzweifeln zu lassen. Schließlich waren ihre Zwillinge auch kurze Zeit nach der Geburt gestorben und sie besaß eine viel robustere Natur als die dumme, kleine Griechin mit den Kuhaugen. Wer wusste überhaupt, wie die Geburt verlaufen war und in welchem Zustand sich Melina und Lucius‘ Sohn befanden? Das würde man erst in neun Tagen erfahren, wenn sich die Tore des Hauses nach der rituellen Reinigung wieder geöffnet hatten. Womöglich überlebte ihre Konkurrentin nicht einmal das Kindbettfieber und Lucius wäre gewiss froh, wenn sie ihm dann seine Hilfe anbot. Ach, sie würde etwas darum geben, seinen kleinen Sohn zu sehen.

„Crassus Heraclius ist auch nicht mit ihnen befreundet und dennoch bat Lucius seinen Bruder, ihn zum Namenstag des Neugeborenen mitzubringen, wenn es so weit sein sollte“, verriet Gordia.

„Woher weißt du das?“ fragte Selene, die diese Nachricht aus der Fassung brachte.

„Von Flavius Senior natürlich, der es meinem Mann erzählte. Lucius möchte gerne den Mann kennenlernen, der seinem Bruder und seiner jungen Frau so hilfreich beigestanden hat, und ihm persönlich dafür danken.“

„Es ist nicht zu fassen!“ entfuhr es Selene. „Crassus war ein sehr guter Freund meines Bruders, dann war er mein Verlobter und jetzt, da er unsere Verlobung gelöst hat, sieht es so aus, als wolle mein geschiedener Mann mit ihm Freundschaft schließen!“

„Warum auch nicht? Crassus ist ein ehrenwerter Offizier. Vielleicht beruhigt er sich auch wieder und kehrt zu dir zurück“, versuchte Gordia ihrer Freundin Mut zu machen. „Versteh doch, Selene, er war sehr gekränkt über das, was du zu ihm gesagt hast. Aber ich bin mir sicher, dass er dich immer noch liebt. Vielleicht legt gar Lucius ein gutes Wort bei ihm für dich ein.“

„So ein Unsinn! Lucius weiß doch gar nicht, dass ich mit Crassus verlobt gewesen war.“

„Sein Bruder, Melina oder Divia haben es ihm ganz bestimmt erzählt.“

„Es ist mir gleich! Ich bin fertig mit Crassus!“

„Nun beruhige dich erstmal, meine Liebe. Gib Crassus noch etwas Zeit und er wird zu dir zurückkehren. Denk doch daran, wie sehr sein Onkel dir gewogen ist. Consul Arbitius singt bei jeder sich bietenden Gelegenheit dein Loblied und bedauert es unüberhörbar, dass Crassus die Verlobung mit dir löste. Sei gewiss, dass er und seine Frau alles daran setzen, um euch beide wieder zusammenzubringen“, sagte Gordia lächelnd.

„Ja, Consul Arbitius ist einer der wenigen Menschen, die mich schätzen“, seufzte Selene und dachte daran, wie freundlich er und seine Frau ihr immer wieder begegneten. Sie hatten sie auch mehrfach zu sich eingeladen, doch Selene war bisher nicht hingegangen. Ihr war es immer noch zu peinlich, dem Consul zu begegnen. Doch das süße Geheimnis, das sie miteinander teilten, konnte sie sicherlich zu ihrem Vorteil nutzen.

Die stolze Römerin warf einen Blick zu ihrem Bruder hinüber, der mit seiner Frau neben Mutter saß und sich eingehend mit einem ihrer Bekannten, einem Senator, unterhielt. Offensichtlich versuchte Pavo alles, um seine Karriere voranzutreiben. Sie erinnerte sich noch gut daran, dass ihr Bruder ihr nach der Lösung des Verlöbnisses heftige Vorwürfe darüber gemacht hatte, sich vor Crassus gefühlsmäßig gehenzulassen. Es tat ihr auch leid, dass er sich gezwungen sah, seine Freundschaft mit dem Offizier wegen ihr zu beenden. Immerhin stellte er sich damit wenigstens nach Außen hin auf ihre Seite, doch in Wirklichkeit hatte sich Pavo seitdem von ihr distanziert, mied den Kontakt, lud sie nicht ein und behandelte sie wie Luft, wenn er ihr irgendwo begegnete. Und wenngleich er ihr mit seinen überzogenen Ansprüchen früher immer auf die Nerven gefallen war, empfand sie das jetzige Verhältnis als sehr belastend. Sie hoffte, es zum Positiven verbessern zu können, wenn sie Consul Arbitius an sein Versprechen erinnerte, etwas für ihren Bruder zu tun…

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Melina lag erschöpft im Bett und lächelte Lucius an, der auf dem Rand saß, eine ihrer Hände hielt und sie mit einem zärtlichen Blick bedachte. Stephanos hatte ihm vor kurzem versichert, dass seine Geliebte sich nicht in Lebensgefahr befand, sondern die Geburt gut überstanden hatte und sich nur einige Tage lang ausruhen musste.

„Meine tapfere, kleine Frau“, murmelte er. „Ich bin so froh, dass die Geburt ohne Schwierigkeiten verlaufen ist und es dir nun wieder besser geht. Offensichtlich haben die Götter meine Gebete erhört.“

„Offensichtlich, Lucius“, antwortete Melina leise. „Deshalb solltest du nicht versäumen, ihnen für die gute Geburt zu danken und dafür, dass wir einen gesunden, kräftigen Sohn bekommen haben.“

Die junge Frau richtete ihren Blick auf die Wiege neben ihrem Bett, an der Sidori und Quella wie zwei Wachhunde saßen und immer wieder entzückt hineinsahen. Die Alte würde das iberische Mädchen in alle Geheimnisse der Kindererziehung einweihen, denn Sidori sollte die Kinderfrau des kleinen Lucius sein.

Melina war froh, dass ihr Mann allen ihren Wünschen nachkam, obwohl er zuerst nicht verstand, weshalb sie ihren Sohn selbst säugen wollte, wo es doch zahlreiche Sklavinnen gab, die diese Aufgabe übernehmen konnten. Aber ihrem Einwand, dass ihr Sohn nicht von fremden Frauen ernährt werden müsse, wenn ihre eigenen Brüste voller Milch seien, konnte er nichts entgegensetzen. Und als er schließlich sah, wie sie den Kleinen das erste Mal an die Brust gelegt bekam und das Kind gierig daran saugte, gab er ihr endlich recht.

„Er ist so hübsch“, seufzte sie.

„Ja, ein hübscher Junge“, bestätigte Lucius und strich ihr über das Haar. „Und nun ruhe dich aus, meine Melina, und erhol dich von den Strapazen der Geburt. Gute Nacht, Liebling.“

Er küsste sie sanft auf die Stirn, während sie sich ihm wieder zugewandt hatte und ihn müde anlächelte. Dann schloss sie die Augen und war gleich darauf eingeschlafen. Vorsichtig erhob er sich und trat an die Wiege heran. Sidori wich sofort zu Seite, um dem Herrn Platz zu machen. Mit glücklichem Lächeln betrachtete Lucius sich den Säugling, der fest gewickelt da lag und ebenfalls schlief. Ein kräftiger Junge, dessen erster lauter Schrei heute Nachmittag dem ganzen Haus verkündete, dass ein neues Familienmitglied angekommen war. Lucius erinnerte sich daran, welch große Freude er empfand, als Stephanos ihm mitteilte, dass es ein Knabe war, und dass dieses Kind keinerlei körperliche Makel aufwies, als man es ihm nackt zu Füßen legte. Als er den Kleinen aufhob und in seinen Armen wiegte, hatte er ein warmes Gefühl in seiner Brust gespürt und den Eindruck gehabt, dass die Freude über seinen eigenen Sohn gleichzeitig die Wunde heilte. Er war wahrlich ein gesegneter Mann.

Als er den kleinen Lucius weiterhin schweigend betrachtete, wurde er von dem heftigen Wunsch erfasst, ihn aufwachsen zu sehen. Es musste erhebend sein, die Verwandlung eines winzigen Säuglings zu einem ansehnlichen Knaben und schließlich einem stattlichen Jüngling zu beobachten und ihn zu einem Römer zu erziehen. Melina war bestimmt eine gute Mutter, aber ein Knabe brauchte eine männliche Hand. Deshalb wollte er seinen Sohn keinesfalls nur seiner Frau oder der Obhut von Sklavinnen und Lehrern überlassen, sondern ihn selbst formen. Doch das konnte er nicht, wenn er ständig als Legatus im Auftrag des römischen Imperiums unterwegs war, um entweder Verhandlungen zu führen oder gegen Feinde zu Felde zu ziehen.

Lucius lächelte. Ihm schien, dass sich Melinas Wunsch mit seinem deckte. Aber noch sah er keinen Weg, wie man dies bewerkstelligen könnte. Auf keinen Fall würde er jedoch nach Athen gehen. Es musste eine andere Möglichkeit geben. Dank der Verletzung, die der gallische Hund ihm zufügte, hatte er jedoch zunächst einmal bis September Ruhe vor etwaigen Aufträgen des Kaisers. Erst danach wollte Vespasianus mit ihm besprechen, wie es weiterging. Und bis dahin konnten sich die Umstände geändert haben…

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Megara schritt durch die Empfangshalle ihrer Villa, der sie als Matrona Patricia Nigella vorstand. Als sie vor etwa drei Monaten nach mehreren Haltestationen am Tage in verschiedenen Luxusherbergen vor dem Anwesen des Sorex Nigellus in Pompeji eintrafen, nahm Qara wieder das Aussehen des alten Römers an und wurde von den Sklaven, die den Haushalt während der Abwesenheit ihres Herrn weitergeführt hatten, sofort ehrfürchtig begrüßt. Stolz stellte er ihnen Megara als seine Ehefrau Patricia vor, der die Sklaven sofort Treue gelobten.

Die Griechin lächelte, als sie daran zurückdachte. Endlich hatte man sie so behandelt, wie es ihr zukam: Als Herrin des Hauses, der man Achtung erweisen musste.

Und die Sklaven von Sorex schienen wirklich froh zu sein, ihren Herrn wohlbehalten wiederzuhaben. Allerdings waren es Menschen und Qara traute ihnen nicht. An dem Abend seiner Ankunft, nachdem die Bediensteten ihnen reichlich Speisen und Getränke serviert hatten, zog er sich in das Arbeitszimmer des Hausherrn zurück und bestellte einen Sklaven nach dem anderen allein dort hinein. Später verriet Qara ihr, dass er die Diener hypnotisiert und ihnen befohlen hatte, ihn unter allen Umständen zu schützen – wenn es sein musste, sogar mit dem Leben. Megara war beeindruckt und erleichtert. Endlich war es ihr vergönnt, sich nach langer Zeit wieder einmal auszuschlafen und nicht ständig ihren dämonischen Liebhaber zu bewachen. Das taten jetzt ihre Bediensteten, die die strikte Anweisung hatten, für niemanden das Tor zu öffnen, wenn die Herrschaften es nicht befahlen. So konnte Qara es sich in einem kleinen Raum ohne Fenster gemütlich machen, in dem er tagsüber in seinem Sarkophag ruhte, ohne dass irgendjemand unbequeme Fragen stellte.

Trotz allem erzählte Megara ihren Sklaven, dass der Herr an einer seltenen Augenkrankheit leide, die er sich wohl in Ägypten zugezogen hatte, und deshalb das Sonnenlicht meiden müsse, um nicht zu erblinden.

Natürlich wusste sie, dass die Bediensteten diese Geschichte weitertrugen, wenn sie auf Sklaven aus anderen Haushalten trafen, und so war in Pompeji bald allgemein bekannt, dass der bedauernswerte, alte Sorex Nigellus aufgrund seiner Krankheit am Tage das Haus nicht verlassen konnte.

Megara genoss es, in Pompeji zu leben, denn niemand störte sie in ihrer selbstgewählten Ruhe und man akzeptierte auch, dass sie und ihr Mann zunächst keine Abendeinladungen annahmen. Aber die Griechin ließ es sich nicht nehmen, persönlich Absageschreiben zu verfassen und unter vielen Entschuldigungen zu erklären, dass ihr Mann aufgrund seiner Krankheit eine längere Zeit brauchen würde, um sich wieder an das Leben in Pompeji zu gewöhnen. Erst danach könne man daran denken, wieder an Gesellschaften teilzunehmen.

Und die Römer in Pompeji hatten überaus viel Verständnis dafür und empfanden Mitgefühl für Sorex Nigellus. Gleichzeitig schrieben sie der noch unbekannten Matrona Patricia, wie sehr sie deren Hingabe und Pflege für ihren Ehemann bewunderten und wie gern man sie persönlich kennenlernen würde.

Auf diese Weise lebten sie sehr zurückgezogen und unbehelligt seit drei Monaten in der Venusstadt, in der es ihnen beiden sehr gefiel. Das Einzige, das Qara zu bemängeln hatte, waren die manchmal auftretenden, leichten Erdbeben, die ihm auf die Nerven gingen.

„Da hat man schon einmal einen schönen Ort gefunden und dann so etwas“, meinte er ärgerlich zu seiner Geliebten. „Dabei hatte ich vor, hier das Zentrum meiner Macht zu errichten, denn diese Stadt ist einfach ideal dafür. Der Hafen wird unsereinen immer mit frischen Menschen versorgen und im großen Garten könnte ich mir eine persönliche Pyramide errichten.“

„Was kann ein Erdbeben dir schon anhaben?“ fragte Megara.

„Eigentlich nichts, denn ich bin ja schon tot“, antwortete er spöttisch und lächelte dann. „Du hast recht, liebste Freundin, vermutlich bin ich zu empfindlich. Wird Zeit, dass ich mich allmählich in Pompeji und Umgebung einlebe und wieder auf die Jagd gehe.“

„Du solltest aber auf jeden Fall vorsichtiger sein als in Athen“, ermahnte ihn die Griechin. „Ich möchte nicht, dass man uns entdeckt und vernichtet.“

„Keine Sorge, Megara, ich habe aus meinen Fehlern gelernt und meine Gier jetzt besser im Griff“, behauptete Qara. „Es macht ja auch viel mehr Spaß, die Menschen an der Nase herumzuführen und sie im Dunkeln zu lassen. Deshalb suche ich mir meine Opfer mal hier, mal in eine der Nachbarstädte und vielleicht auch mal weiter weg. In der Nacht kann ich sehr schnell von einem Ort zum anderen fliegen. Niemand wird mir auf die Schliche kommen, vor allem nicht, wenn ich die Menschen in Pompeji verschone.“

„Es wird auch Zeit, meinen Rachefeldzug weiterzuführen“, sagte Megara unvermittelt. „Du erinnerst dich noch an das Versprechen, das du mir gabst?“

„Natürlich! Sag mir, was du vorhast und ich helfe dir dabei.“

„Ich will meine Stieftochter finden!“

„Das Mädchen, das von diesem mächtigen Römer mit Gewalt zur Frau genommen wurde, um deinen früheren Gemahl zu bestrafen?“ fragte Qara uninteressiert.

„Ja, ich meine Theodoros‘ Tochter“, antwortete Megara. „Aber ich bezweifle, dass Legatus Marcellus Melina zu irgendetwas gezwungen hat. Wenn ich mich recht erinnere, gefiel sie ihm ausnehmend gut. Ganz sicher hat er ihr den Hof gemacht, ehe sie seine Gefährtin wurde. Ich möchte zu gern wissen, was sie jetzt macht und wie es ihr geht. Erst dann kann ich einen Plan entwickeln, wie ich mich am Besten an ihr rächen werde.“

„Was hat dir die Kleine getan?“

„Sie hat meinen Bruder auf dem Gewissen! Wenn sie ihn geheiratet hätte, würde er jetzt immer noch leben!“

„Tatsächlich? Wie kann ein junges Mädchen einen Mann umbringen? Wollte er sie mit Gewalt nehmen und sie wehrte sich?“

„So ähnlich! Alexandros plante, das widerspenstige Ding zu entführen und zu heiraten, da Theodoros plötzlich gegen eine Hochzeit war. Doch der Plan ging schief und Alexandros starb bei dem Versuch, sich die ihm versprochene Frau zu holen. Melinas Bruder Leandros soll ihn mit dem Schwert getötet haben.“

„Nun, liebe Freundin, mir scheint, du müsstest dich an deinem Stiefsohn rächen und nicht an dem Mädchen. Obwohl der junge Mann nur die Ehre seiner Schwester verteidigte.“

„Wenn Melina eine gehorsame Tochter gewesen wäre, hätte Leandros meinen Bruder als seinen Schwager akzeptiert. Deshalb ist sie die Hauptschuldige am Tode Alexandros‘.“

„Deine jungen Stieftochter beginnt, mich zu interessieren“, meinte Qara amüsiert. „Menschen mit einem starken Eigenwillen passen möglicherweise gut zu unserer neuen Familie.“

„Unserer neuen Familie?“ fragte Megara verständnislos.

Der Dämon lachte laut auf.

„Natürlich, meine Liebste! Ich wähle mir einige unter den Menschen aus, die mir gefallen, und mache sie zu meinesgleichen; und du, Megara, wirst meine Königin sein!“

Die spitznasige Griechin lächelte unwillkürlich, meinte dann jedoch: „Ich will nicht, dass du Melina zu einer der unseren machst! Ich hasse sie und ich will, dass sie für den Tod meines Bruders bezahlt! Sie soll leiden, ehe du sie tötest und zu ihrem geliebten Vater in den Hades schickst!“

„Nun, dann sag mir, wo deine Stieftochter jetzt ist!“ entgegnete Qara, dem die Worte seiner Gefährtin nicht passten. Doch er war klug genug, dies vor ihr zu verbergen. Insgeheim beschloss er, diese Melina zu verwandeln, falls sie ihm gefallen sollte. Megara würde sich dann damit abfinden müssen, eine weitere Geliebte neben sich zu dulden. Er war der Herr und sie hatte sich ihm zu fügen, auch wenn sie seine Hauptfrau blieb.

„Ich weiß es nicht genau“, gab die spitznasige Griechin zu. „Fabius sagte zwar, Melina sei die Gefährtin von Legatus Marcellus und ich gehe davon aus, dass er in Rom lebt, aber um Genaueres zu erfahren, müsste ich mich umhören. Was hältst du also davon, wenn wir eine Abendgesellschaft geben und einige der vornehmen Römer von Pompeji zu uns einladen? Der eine oder andere von ihnen kennt gewiss den Legatus!“

„Meinetwegen, liebe Freundin“, antwortete der Dämon, doch man sah ihm an, dass es ihm nicht passte. „Aber diese Menschen sind lange vor Morgengrauen aus dem Haus, verstanden?!“

„Die römischen Abendgesellschaften sind meistens kurz nach Mitternacht zu Ende und ich sorge schon dafür, dass all unsere Gäste rechtzeitig die Villa verlassen“, versprach Megara schnell, um Qara zu beschwichtigen. So lange der Blutsauger sie nicht richtig verwandelt hatte, musste sie ihn bei Laune halten. Doch sobald sie ebenfalls ein Wesen seiner Art war, würde sie sich nicht mehr alles von ihrem Liebhaber bieten lassen. „Mach dir keine Sorgen, Liebster, wir haben schon ganz andere Sachen bewältigt, nicht wahr?“

„Du hast recht“, meinte der Dämon beschwichtigt. Dann drehte er sich um und verließ den Raum. Die Griechin sah ihm sinnierend nach. Qara würde von seiner Jagd gewiss erst in ein paar Stunden zurückkehren. Zeit genug, sich zu überlegen, wen von den vornehmen Römern aus Pompeji sie zu ihrer baldigen Cena einlud…