Vom Träumen und Sehen

GeschichteAbenteuer / P12
14.11.2012
14.11.2012
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Ein kleiner Oneshot - ich habe mir sagen lassen, man nennt es eine „Missing Scene“ -, entstanden, aus dem Wunsch heraus, ein bisschen was über Pandora zu fabulieren.
Tausend Dank an meine Beta, der ich mit der Rohversion echt eine Zumutung abgeliefert habe *schäm*.
„Sturzflieg“ ist das Wort des Tages.

Disclaimer: Alles gehört James Cameron (und tausend anderen Leuten). Nur nicht mir.

Enjoy.



Vom Träumen & Sehen


In den Plexiglasscheiben der leeren Tanks brach sich das bläuliche Licht der flackernden Neonbeleuchtung. Ein Klick - es wurde dunkel.
Nach dem Abschalten der Lampen - als die scharfen Konturen der Konsolen, Computerterminals, Monitore, Elektronenstrahlbelichter und Projektoren im grauen Dämmerlicht verschwammen -, wirkte das RDA-Labor viel weniger deplatziert in dieser Welt, obwohl es auf ganz Pandora sicher keinen Ort gab, der farbloser war. Das Schnurren der Stromgeneratoren ging mit viel gutem Willen als das Geräusch eines großen Tieres durch.
Die Basis war der letzte Rest Erde auf diesem Planeten. Für Menschen bedeutete sie Sicherheit. Die Energieversorgung stellte, der Solarzellen sei Dank, kein Problem dar. Norm Spellman und Dr. Max Patel arbeiteten außerdem an einer Apparatur, mit denen sie Fleisch und Früchte dehydrieren und daraufhin wieder mit gefiltertem H2O anreichern konnten, wodurch die Nahrungsmittel Pandoras nicht nur für Menschen essbar wurden, sondern auch genießbar blieben. Die beiden zählten zu dem knappen Dutzend Wissenschaftlern, denen es erlaubt war, weiterhin auf Pandora zu bleiben. Die Zahl der Menschen, die bleiben wollten, war weit geringer. Norm blieb aus freien Stücken. Max eher, um sich den Fragen der RDA nicht stellen zu müssen, die mit dem erzwungenen Ende des Unobtanium-Abbaus ganz und gar nicht einverstanden sein würde.

Ob sie zurückkehren würden?
Eine Überlegung, deren Aufklärung nur die Zukunft kannte, und die antwortete nicht auf Fragen. Viel sprach dafür. Zu viel. Es gab nur eines, das stärker war als die Rachsucht eines großen industriellen Konzerns: Profit.
Wenn man bedachte, in welchem Tempo die Menschen sich von Planet zu Planet arbeiteten, und so nach und nach das ganze Universuch durchpflügten, musste man nicht auf Glück hoffen, indem man annahm, die RDA würden vor dem Gegenschlag einen Planeten finden, der noch wertvollere Ressourcen versprach als Pandora.
Geld wog schwerer als Rache. Und Rache war teuer.
Trotzdem war die Basis ein wichtiger Stützpunkt, denn nur von hier aus war man in der Lage, ankommende Raumschiffe frühzeitig zu sichten und Vorsichtsmaßnahmen zu treffen, um die Na’vi-Clans zu schützen.
Norm war es, der das Leben Pandoras filmen und dokumentieren, und mit diesen Forschungsergebnissen bewaffnet zurück zur Erde und in einen bürokratischen Krieg ziehen wollte. Er hatte vor, bei der UNO einen Schutzantrag für diese einzigartige Welt zu stellen, dessen Annahme der RDA sowie allen Mitbewerbern endgültig verböte, weiterhin Raubbau zu betreiben.
Die Basis war demnach nötig, und nicht zuletzt war sie sicher.

Jake fühlte sich darin fremd.
Ebenso fremd, wie in der Kleidung, die er am Leib trug. Der Hosenbund drückte an den untersten Regionen seines Körpers, über die er Empfindungen hatte, und an seinem Hals kratzte der Saum des Shirts. Selbst im menschlichen Körper roch er inzwischen die Chemie der Substanzen, mit denen diese Kleidungsstücke gereinigt wurden. Er fühlte sich klein.
Fremd.
„Zeit, hier zu verschwinden“, murmelte er. Er wollte seinen Rollstuhl wenden und hinaus fahren, wo er erwartet wurde. Aber inmitten der Bewegung hielt er plötzlich inne.
Nur wenige seiner Art würden begreifen, warum er den Schutz der Basis für immer verlassen wollte, um ein Leben an jenem Ort zu wählen, den die meisten Menschen als Hölle titulieren würden, nur weil es hier nichts von dem gab, was sie als geordnete Sicherheit empfanden. Er konnte es ihnen kaum verübeln. Viel weniger konnte er es ihnen erklären.
„Himmelsmenschen können nicht sehen“, hatte Mo‘at gesagt. „Vielleicht konnten sie es einst. Aber wenn, dann haben sie vergessen.“
Norm würde den letzten Schritt nicht gehen, und das lag nicht einmal daran, dass seine Arbeit als Mensch vonnöten war. Er wollte es nicht. Nicht einmal Dr. Grace wäre ohne Vorbehalte geblieben, da war Jake sich sicher. Im Wald wären ihr die Zigaretten ausgegangen, sowie - und das wäre die wahre Tragödie gewesen - die sterilen Projektträger für ihre Proben. Der Gedanke ließ ihn schmunzeln.
Die wenigsten Menschen verfügten über Augen, mit denen man diese Welt wirklich sehen konnte, und keiner von ihnen über den Körper, in dem es sich hier überleben ließ.
Er stieß sein linkes Knie mit dem Handballen an, fühlte gar nichts, und fragte sich nicht zum ersten Mal, wie lange er als Mensch außerhalb dieser Wände überleben würde. Die Zeitspanne war eher in Sekunden zu messen, als in Minuten.

„Sie taugen nichts. Ich bin froh, wenn ich sie los bin.“ Mit diesen Worten hatte er Neytiri seine Beine erklärt, doch sie hatte darüber gelacht und die Nase kraus gezogen.
„Eywa hat dich erhört, Jake. Du hast die Stämme der Na’vi vereint. Du bist mit Toruk geflogen. Und redest so?“
„Ja“, war seine amüsierte Antwort gewesen, „denn einem Palulukan gegenüber würde ich nach wie vor die Flucht ergreifen wollen, während du nichts Besseres zu tun hast, als auf ihm in die Schlacht zu reiten. Was glaubst du, wie schnell ich mit meinem Schlitten hier rollen kann, wenn einer deiner schwarzen Freude um die Ecke kommt?“ Allein beim Gedanken, wie das sechsbeinige, schwarzglänzende Raubtier seinen stacheligen Kragen zornig ausbreitete, hatte er die Ohren anlegen wollen … was als Mensch nur zu einem äußerst dämlichen Gesichtsausdruck führte.
Neytiri hatte den Blick gesenkt, dann den kurzen Moment schwermütiger Erinnerung abgeschüttelt, die seine Worte ungewollt in ihr weckten.
„Immer noch bist du ein skxawng, der nicht sieht, was vor ihm ist“, war ihre liebevolle Antwort. „Du wärst nicht hergekommen, wenn du Beine hättest, wie alle anderen sie haben. Wie kannst du sagen, sie wären nicht gut?“
Ihre Argumente brachten ihn im Nachhinein zum Lächeln. Aber er konnte dennoch nicht behaupten, den Körper dieses Marines nicht mit Freuden hinter sich zu lassen.
Es war nicht länger der seine, es war nur noch ein Traum.

Die Menschen verstanden, warum er nicht mit den anderen zurück zur Erde flog. Was wartete dort auch schon auf ihn? Eine kahle Wohneinheit, irgendwo in einer der Hochhausschluchten, die alle Länder bedeckten, wie das satte Grün der Wälder es hier tat. Er könnte ein paar Bilder aus Erinnerungen an die weiß getünchten Wände hängen und Freitagabends zum Billardspielen gehen. Na toll. Nein, es gab nichts, das ihn zurückzog. Jeder wusste das.
Doch kaum ein Mensch konnte nachvollziehen, dass er die Sicherheit der Forschungsstation zurückließ, wo es all das gab, wovon sie annahmen, dass man es brauchte. Den Avatar, mit dem man sich jederzeit verlinken, sich aber auch wieder von ihm trennen konnte. Einen sicheren Platz für die Nacht. Antibiotika, sterile Projektträger, Turnschuhe mit Air Suspection. Whiskey. Ah ja, und dazu passend: Kopfschmerztabletten.
Sie sollten es besser gar nicht erst verstehen.
Und dennoch wendete er den Rollstuhl im Halbdunkel, fuhr noch ein letztes Mal zurück an seinen Arbeitsplatz und fuhr das Betriebssystem hoch, obgleich er es eben erst ausgeschaltet hatte.
„Hey“, sagte er leise ins Mikrophon und zwang sich zu einem kurzen Blick in die Kamera, ehe er seine Augen schnell wieder von dem Objektiv abwandte. Er hatte dieses bescheuerte Protokoll immer gehasst.
„Post Skriptum zu Videolog 98.“ Ein Räuspern. „Vielleicht gibt es einige, die sich fragen, wie dieser Vollidiot von Marine es schaffen konnte, Toruk zu bezwingen. Falls das im Nachhinein noch jemanden interessiert. Nun, die Wahrheit ist … es gelang mir überhaupt nicht.“ Er lachte leise, schüttelte den Kopf. „Aber ich will von dem Tag erzählen, wie ich Toruk Makto wurde. Vielleicht seht … nein, vielleicht versteht ihr danach, warum ich weiß, dass ich hier sein muss. Endgültig.“ In einer abgehakten Bewegung fuhr er sich durchs Haar. Es war eigenartig kurz, vor allem aber irritierend leblos. Fremd.
„Na ja, vermutlich seid ihr nach dieser Geschichte eher endgültig überzeugt, dass Jake Sully einfach nur seinen Verstand im Dschungel verloren hat. Aber sei’s drum.“ Er atmete tief durch und fuhr mit den Fingern über das Exo-Pac auf seinem Schoß. Auch das würde er bald nicht mehr brauchen.
„Dies sind meine letzten Aufzeichnungen. Und zugleich meine letzten Stunden als Alien. Ich war ein Traumwanderer, der erwachte. Als mir klar wurde, dass das Träumen ein Ende finden musste, lag mein Gesicht in den verbrannten Überresten des Kelutrel, des Heimatbaumes.“

***

Asche trocknete seine Kehle aus und weckte einen Geschmack in seinem Mund, der an Salz und Seife erinnerte. Er hustete, spuckte und rang um Luft. Jeder Atemzug sog beißenden Qualm in seine Lungen, und noch schärfere Erkenntnis in seinen Verstand.
Zerstört. Alles zerstört.
Schuld war kein Ausdruck. Das Wort reichte weder in der menschlichen Sprache, noch in der der Na’vi im Entferntesten an das heran, was unter dem Entsetzen in ihm anschwoll.
Soweit er den Rauch durchblicken konnte, ließ sich nichts anderes erkennen, als vernichteter Wald. Der Himmel hing drückend tief, wie eine Decke aus Blei, die bei der kleinsten Erschütterung über ihm zusammenbrechen würde. Risse und Krater im Boden zeugten von den abgeworfenen Brandbomben. Die Asche klebte unter seinen Füßen, teilweise noch warm, oder wurde in Flocken von seinen Schritten und dem Wind aufgewirbelt. Hier und da war noch nicht alles restlos vernichtet; an diesen wenigen Orten schwelten kleine, glühende Holzreste vor sich hin. Geschlagen, nur die letzten Aasgeier aus Feuer nährten sich noch an ihnen und spien harzig riechenden Qualm aus. Rauchsäulen bahnten sich kreiselnd ihren Weg in den Himmel, verloren sich im Wind und trugen den Geruch des verendeten Waldes mit sich über das Land.

Quaritch hatte die Omaticaya mitten ins Herz getroffen.
Weil Jake Sully ihm gezeigt hatte, wie es schlug.

Ein Geräusch durchbrach die leblose Stille. Heiseres Krächzen, dazu ein lautes Schlagen. Gewaltige Umrisse schälten sich aus dem Grau. Jake dachte an Toruk, und dass er es wohl verdient hätte, ihm schutzlos gegenüber zu stehen. Doch dann erkannte er, wer da auf ihn zukam und ihm vertrauensvoll den Kopf entgegenstreckte. Sein Ikran blinzelte verwirrt und neigte den Schnabel, damit Jake ihn klopfen konnte.
Du bist der Letzte, der mir noch vertraut, mein Freund. Und das auch nur, weil du keine Ahnung hast, wer ich wirklich bin.
Er strich über den mit Asche bedeckten, lederartigen Körper, entblößte die darunterliegende, in vielen Farben gemusterte Haut.
Ein Gefühl, welches er nicht zu benennen wagte, rüttelte an seiner Resignation.
Toruk.
Warum nicht?
Jake hatte nichts zu verlieren, er hatte bereits alles verloren.
Er biss die Zähne zusammen. Als er das Band schloss, den Herzschlag des Drachenwesens wie seinen eigenen spürte, durchfuhr ihn ein plötzlicher Ruf, wie ein Stoß aus Elektrizität.
Er spürte im Puls des Ikrans die weitreichenden Klänge von Trommeln, in der Harmonie von Wut und Zorn geschlagen. Sie spielten ein Kriegslied. Ein sehr altes Lied, das von Pandoras Trommeln erzählte, die zum Krieg riefen. Sie riefen … nach ihm. Eywa rief nach ihm.

Zumindest redete er sich damit die abgrundtiefe Dummheit jener Pläne schön, die sich in seinem Kopf ausbreiteten, wie Pilze auf feuchtem Boden.
Die Na’vi vereinen, wie es schon gelungen war, vor langen Zeiten.
Er hatte es in den flüsternden Stimmen der Ahnen gehört.
In Liedern sangen sie davon, wie es gelang.
Toruk. Der Letzte Schatten.
Toruk und der Reiter, den er erwählte. Toruk Makto.
Mit den Händen befreite er mehr Körperoberfläche seines Ikrans von der schmierigen Asche, fuhr die braunen Linien auf mint- und lavendelfarbenem Grund nach. Das waren die Farben, mit denen er in die Schlacht ziehen wollte.
Er wusste nun, dass es eine Schlacht geben würde.

Der Ikran erhob sich mit einem Schrei und trug Jake in den Himmel hinauf. Schon bald verflog der Rauch, die Luft wurde klarer. Weit unter ihnen wurde totes Grau wieder zu Grün in all seinen lebendigen Schattierungen, durchzogen von den glitzernden, aquamarinblauen Linien der Flüsse und Bäche, die in einzelne Seen mündeten. Einzelne Farbklekse in Orange, Rot, Violett oder grellen Gelb wiesen immer wieder auf Ansammlungen besonderer Pflanzen hin. Vor ihm tauchten die schwebenden Berge aus einem Meer aus Wolken hervor und er flog zwischen ihnen hindurch, sodass die Gischt der ins Leere stürzenden Wasserfälle seine Haut wusch und seinen Kopf kühlte.
Linker Hand, ganz in der Nähe von einem der breitesten Flüsse, lag der im tiefsten Dschungel verborgene Baum der Seelen. Bogenförmige Felsformationen schützen ihn in ihren Schatten. Durch die Kronen der Bäume konnte Jake die bis zum Boden hängenden, lumineszierenden Tentakel nicht erkennen. Es beruhigte ihn, dass dieser heilige Ort gut versteckt lag und die Hubschrauber ihn bei ihren Erkundungen nicht finden würden. Tsu’Tey würde die Omaticaya dorthin führen, sie würden für eine Weile sicher sein.

Jake trieb seinen Ikran steil gen Himmel, bis die Farben unter ihm die Konturen verloren und im Nebel ineinander verliefen. Der Wind zerrte an seinem Haar und trieb ihm Tränen in die Augen, während der Ikran höher und höher stieg. Jake ließ den Luftstrom durch seine Finger fließen, als tauchte er die Hand in einen reißenden Wasserfall. Er spürte die Energie in der Luft - ihre Kraft - und lauschte dem fordernden Trommelschlag, der ihn nach wie vor zu leiten schien. Der Ruf wurde lauter und Jakes Puls trommelte längst den gleichen, wilden Rhythmus. Die punktförmigen, lumineszierenden  Dermaglyphen, die sich von seiner Stirn aus über das Gesicht bis zur Brust zogen, brannten vor anschwellender Erregung bis auf die Knochen. Und als er in der Ferne einen grauenerregenden Schrei vernahm, der das Tier unter ihm zusammenfahren ließ, da wusste er, dass er dem richtigen Ruf gefolgt war.
„Höher!“, rief er und zerstreute mit der Zuversicht des Windes die Furcht des Ikrans wie seine eigene. „Über ihn!“

Er zog eine weitläufige Schleife um einen der größeren Felsen der schwebenden Berge, gewann noch weiter an Höhe, bis die Luft so dünn wurde, dass ihm schwindelte. Und dann machte er ihn unter sich aus: Den gewaltigen Körper von Toruk. Über fünfundzwanzig Meter war er breit, und seine scharlachrote Haut war von schwarzen und gelben Linien überzogen. Wie ein gigantischer, brennender Pfeil schoss er durch die Luft. Jake wusste, dass sein Ikran dieses Tempo nicht lange würde halten können, so blieb ihm keine Zeit, zu zögern. Er ließ ihn niederschießen. Im gleichen Augenblick, als Toruk sich dem unerwarteten Angriff bewusst wurde, sprang er.

Alles Folgende geschah in einer einzigen Sekunde. Bruchstückhafte Gedanken verflossen zu einem Ganzen.
Blaue Füße, Knie und Hände bildeten einen absurd erscheinenden Farbkontrast zu flammender Haut.
Der durchdringende, zornige Schrei des gewaltigen Wesens.
Im Augenwinkel sah er seinen Ikran die Flucht ergreifen.
Die unglaubliche Geschwindigkeit Toruks, die immense Kraft.
Das Tsahaylu, das durch den Wind in Jakes Richtung geweht wurde, zwischen seinen Fingern. Ein Gefühl von Triumph.
Er musste es nur noch schließen, er musste …

… er musste einsehen, dass er rein gar nichts begriffen hatte, von dem, was Neytiri ihn lehrte.
Toruk flog eine enge Kurve, warf sich in Schräglage und entriss ihm das Band und damit jede Sicherheit, die Jake zu haben geglaubt hatte.
Hastig griff er nach dem oberen Flügel, um nicht in die Tiefe zu stürzen, fand Halt an der Stelle, an der der Hals in die Schwinge überging, und versuchte mit der freien Hand nach dem Band zu greifen. Toruk jedoch peitschte sein Tsahaylu-Tentakel außerhalb Jakes Reichweite wild herum. Er stieg höher auf. Höher, als Jake je geflogen war. Die Lungen seines Avatars waren diese Belastung nicht gewöhnt, sein Atem verebbte zu einem flachen Keuchen. Der Wind riss an ihm, zerrte wie mit Händen an seinem Körper. Seine Finger begannen zu kribbeln, während er versuchte, eine Möglichkeit zu finden, sich festzuhalten. Der rettende Hals des Tieres schien so weit weg wie der nächste Mond.
Plötzlich verfiel Toruk in einen Sturzflug und Jake erkannte, dass sie den schwebenden Bergen wieder ganz nah gekommen waren. Wieder warf Toruk sich auf die Seite, sodass Jake hilflos an seinem Flügel hing. Toruk schoss so eng zwischen zwei Felsen hindurch, dass Jake glaubte, die scharfkantigen Steine würden die Haut seines Rückens ritzen. Das Scheißvieh wollte ihn abstreifen, wie ein lästiges Insekt. Die Wucht des Aufpralls, würde seinen Körper zerschmettern. Jake schnappte erleichtert nach Luft, als sie vorerst wieder aus der Klamm zwischen zwei der größten schwebenden Berge auftauchten.
Halleluja! Das hier war sowas von Halleluja, dass ihm fast übel wurde.
Er ließ mit einer verkrampften Hand los, um neu nach Halt zu suchen. Im gleichen Augenblick warf Toruk sich um 180 Grad herum. Jake rutschte über die gesamte Flügelweite und drohte, in die Tiefe zu stürzen. Toruks lederne Haut bot keine Möglichkeit, den Schwung seiner Bewegung abzufangen. Schon mit dem ganzen Körper in der Luft fliegend, griff Jake nach dem Einzigen, was er noch greifen konnte: Einer steinharten Klaue des sich erneut herum werfenden Tieres. Ob er sich an dieser festklammerte, oder Toruk ihn buchstäblich im Griff hatte, war ihm nicht klar. In jedem Fall war er am Arsch.
Toruk kreischte, drohend und wild. Jake, aller besseren Argumente beraubt, brüllte im gleichen Tonfall zurück.
„Ich muss ihnen helfen, verdammt! Du Drecksvogel, sie schaffen es nicht ohne uns!“
Er brüllte, bis ihm mit den Flüchen auch die Luft ausging.

Toruk derweil hatte längst einen neuen Plan, mit dem er sich seiner unerbetenen Last entledigen konnte. Er stoppte sein wahnwitziges Tempo unvermittelt ab, drehte sich und schleuderte Jake von sich. Jakes Hände rutschten an der glatten Klaue ab. Wie ein Geschoss wurde er in eine Nebelwolke katapultiert. Im Flug drehte er sich, an der naiven Hoffnung haltend, sich abfangen zu können. Vor ihm schälten sich die Umrisse eines schwebenden Berges aus dem Grau. Der Aufprall folgte keine Sekunde später und presste ihm durch die Wucht sämtliche Luft aus den Lungen. Doch Jake hatte mehr Glück als Verstand (darin war er geübt). Statt auf zerklüfteten Felsen schlug er an einer Stelle gegen die Bergwand, die von Farnen überwuchert war. Die Pflanzen milderten den Aufprall nur gering, doch gelang es ihm, seine Finger im Farn zu Fäusten zu verkrampfen. Violette, vogelähnliche Tiere, die an der Felswand nisteten, stoben in alle Richtungen davon. Der Berg schwankte unter dem Aufprall.
Jake brauchte einige japsende Atemzüge, um sich seiner selbst wieder bewusst zu werden. Zunächst war alles taub. Kraftlos hingen seine Beine herab und Panik flutete seine Gedanken. Warum tat ihm nichts weh?
Dann spürte er den beißenden Schmerz einsetzen, mit dem die Farne in seine Handflächen schnitten. Das Brennen seiner aufgeschlagenen Knie. Seine Knochen mochten stabiler sein, als die eines Menschen, aber das hinderte seine Rippen nicht daran, zu schmerzen, als wäre jede einzelne bereits in mundgerechte Häppchen geteilt.
Selten zuvor hatte Jake sich über Schmerzen gefreut. In diesem Moment hätte er beinah laut gelacht.

Kurz darauf gelang es ihm, seine Füße zu bewegen und zitternd mit den Zehen nach Halt zu suchen. Es wurde auch allerhöchste Zeit, denn ein Schrei, der von zu nah ertönte, machte ihm klar, wie dringend er nun fliehen musste. Der Berg kippte langsam unter Jakes Gewicht, als er an den Felsen bedeckenden Farnen und Wurzeln hinauf kletterte. Nester fielen in die Tiefe, begleitet von den schrillen Rufen der panisch herum flatternden Elterntiere.
Nur mühsam kam Jake voran, da jeder seiner Knochen zu vibrieren schien. Doch er fand zu der nötigen Kraft zurück. Wie zur Warnung verstimmten plötzlich die Vogelstimmen, die Tiere flohen. Jake fluchte. Toruk, der verdammte Geier.
War ja klar, dass das Vieh zurück kam.
Gut so, gut. Sollte er nur kommen.
Als Toruk mit einem Schrei aus dem Nebel auftauchte, schwang Jake sich an eine Wurzel geklammert zur Seite und entging den Klauen mit Not. Keine Armlänge neben ihm gruben sich die Krallen knirschend in den Berg und rissen Pflanzen vom Stein. Von feuchten Erdklumpen begleitet fielen sie in die Tiefe. Die mit dolchscharfen Zähnen gespickten Kiefer schlugen lautstark zusammen. Beide linken Flügel peitschten Jakes Körper erneut gegen den Felsen. Der Berg schwankte unter Toruks Gewicht, geriet weiter in Schräglage. Die ihn an seinem Platz haltenden Wurzelverbindungen ächzten und stöhnten unter der Last. Das Geschrei etlicher Tiere schwängerte die Luft.

Jake kämpfte sich so schnell er konnte weiter nach oben, keuchend vor Anstrengung. Toruk verfolgte ihn, flügelschlagend kletterte auch er den Felsen hoch. Erneut schnappte das gewaltige Maul nach Jake, verfehlte ihn um Haaresbreite. Jake sah sich selbst in den schwarzen Augen widergespiegelt.  Seine eigenen gelben Augen leuchteten im Schreck weit aufgerissen, seine Ohren waren eng angelegt, die Zähne drohend gefletscht, als glaubte er, im Kampf eine Chance zu haben. Ein Mensch, der glaubte, er wäre ein Na’vi.
Er wollte fluchen. Stattdessen schoss ein Fauchen aus seiner Kehle, erfüllt von all der Aussichtslosigkeit und noch viel mehr Wut. Auf dieses geflügelte Vieh, auf die Habgier der Menschen, auf seinen Verrat und sich selbst. Ganz besonders auf sich selbst.
Er fauchte sich selbst an, im Auge des Letzten Schattens.

Und dann riss dieser die Wurzeln vom Felsen, an denen Jake sich festhielt. Mitsamt dem Wurzelwerk wurde er erneut durch die Luft geschleudert. Toruk stieß sich vom Felsen ab und folgte der Beute, mit der er nur noch zu spielen schien, wie eine fliegende Katze - eine gewaltige fliegende Katze -, mit der Maus. Unter sich erkannte Jake sattes Grün. Er hatte unsagbares Glück, auf einen weiteren fliegenden Berg zu stürzen.
Grün ist die Hoffnung, oder wie hieß es?
Krachend durchbrach sein Körper die Baumkronen. Dicht bewachsene Zweige bremsten seinen Fall, mit letzten Kräften packte er während seines Sturzes immer wieder zu, brach Zweige und Äste, schürfte sich an Lianen die geschundenen Hände noch weiter auf. Dennoch schaffte er es, sich soweit abzufangen, dass er auf den Füßen landete, zumindest für eine kurze Illusion von Sicherheit.
Einen Lidschlag darauf erschien Toruk am Boden. Geschmeidig glitt er zwischen den Bäumen hindurch, nicht ein Ast schien den gewaltigen Körper auch nur zu streifen. Er landete wenige Schritte vor Jake, wobei er seine Krallen tief in die Erde grub, die Flügel wie zur Demonstration seiner Überlegenheit weit spannte und einen lauten Schrei ausstieß.

„Das war’s dann wohl mit den Theorien“, flüsterte Jake. Sein Körper sackte in die Knie. Die Gedanken kreiselten wie ein energetischer Fluxwirbel, keiner davon war mehr greifbar. Irgendwo in seinem Inneren - in seinem menschlichen Inneren - schrie eine Stimme, er solle aufwachen.
Aufwachen, du Idiot, aufwachen! Gib den Avatar auf und rette deinen gottverdammten Arsch.
Klang irgendwie nach Norm. Die Idee war derart absurd, dass er lachen musste. Er lachte, grub die Finger in die weiche, von Toruks Kraft erzitternde Erde und senkte den Kopf. Eher würde er sterben, als das Leben aufzugeben, das ihm etwas bedeutete. Er war aufgewacht. Und er wollte verdammt sein, wenn er nicht als Na’vi den Tod finden würde.

Der Moment dehnte sich. Womöglich empfand er das auch nur so, vielleicht zog sich das Leben im Angesicht des Todes ein letztes Mal verzweifelt in die Länge. Er dachte an Tom und dann an Neytiri, die wegen ihm, statt um ihn weinen würde. Das war nicht gut, nicht gut.
Erst als ein Windstoß ihn berührte und ein Atokirina, einer der quallenähnlichen Samen des heiligen Baumes der Seelen, in munteren Auf-und-ab-Bewegungen an ihm vorbei glitt, wurde er sich bewusst, dass seine Zeit nicht still stand. Sie lief weiter. Toruk dagegen, der stand still und sah auf ihn herab. In Jakes Erinnerung gespeicherte Worte Neytiris warfen in seinem Kopf Echos.
Wir nehmen die Energie nicht von Eywa. Wir borgen sie nur. Wir danken dafür.
Erweise dich als würdig, indem du ein guter Kämpfer bist. Aber vergiss die Demut nicht. Verlange nicht, ein Wesen zu unterwerfen, das dir überlegen ist.
Jake sah auf - durch Augen, die sich ihm erst jetzt geöffnet hatten. Toruks Band hing fast bis zum Boden, die empfindlichen Tentakel darin bewegten sich bereits, wie auf der Suche nach einer Verbindung. Er spürte sein eigenes Tsahaylu verlangend kribbeln. Es flüsterte in seinem Kopf.
Er hat dich gewählt.
Toruk wählt Toruk Makto.
Schwankend kam er auf die Füße. „Du nimmst mir die Cowboy-Nummer nicht übel, oder?“ Langsam trat er näher. „Ich wollt‘ mich eigentlich nur vorstellen.“
Als er nach Toruks Band griff, sah er sich erneut im Auge des Tieres. Doch war es kein Traumwanderer mehr, der zurückblickte. Der Omaticaya war erwacht und … sah.
Er schloss das Band. Eine Welle von unbändiger Kraft durchfloss ihn und im gleichen Moment ahnte er, dass er von mehr erwählt worden war, als nur von einem sagenumwobenen Riesen-Ikran.
Er kletterte ohne ein Zögern auf Toruks Nacken. Mit einem Schrei aus beider Kehlen stiegen sie auf. Jake hörte die Stimme Eywas in diesem Schrei.