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GeschichteAllgemein / P12 / Gen
06.11.2012
06.11.2012
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06.11.2012 4.073
 
heii
also ich bin zml spät dran mit dem hochladen sry v.v
und die kapitel sind nicht in der richtigen reihenfolge  ^^"
hoffe es gefällt euch
LG kat (:

_______~~~~***~~~~_______

Familiensache


Ich lief gerade tränenüberströmt durch den Regen, als ich die Nachricht erhielt.
Meine Schwester rief an und teilte mir mit, dass mein Vater gestorben war.
Was für ein super Tag, dachte ich. Zuerst verlässt mich mein Freund und dann, ganz plötzlich, stirbt mein Vater, mit dem ich das letzte Mal vor 2 Jahren gesprochen habe.
Natürlich hatte ich Gewissensbisse. Nicht wegen meinem Freund, sondern wegen meinem Vater. Schon immer war meine Schwester sein Liebling gewesen und schon immer hat er mich mit Verachtung behandelt- mich und meinen Bruder Jonas.
Meine beziehungsweise unsere Schwester war die jüngste in der Familie und wurde daher immer besonders verhätschelt. Wann immer sie Probleme hatte, eilte Daddy ihr zu Hilfe…
Natürlich liebte ich meine Schwester trotzdem, aber es war einfach ein mieses Gefühl immer die ungeliebte Schwester zu sein. Ich und mein Bruder waren sozusagen das 4. und das 5. Rad am Dreirad.
Selbst wenn meine Schwester Lucy nur Mist baute, war sie noch „perfekt“ und mein Bruder und ich außen vor.
Und so war es auch kein Wunder, dass sie mir die Nachricht überbrachte und danach „Wieso? Wieso nur, Holly?“ rief.
Lucy verlor ihren geliebten Vater und Mentor, ihren Beschützer und Freund. Ich dagegen- und ich bin mir ziemlich sicher, dass es meinem Bruder ähnlich ging- verlor dagegen bloß einen Verwandten, mit dem ich gut ein Sechstel meiner Jugend verbracht habe, ohne ihm dabei nahe zu sein.
Ich bin zwar kein einfaches Kind gewesen, doch das lag vermutlich daran, dass mein Vater mich nicht liebte. Und da ich eben nicht einfach gewesen bin, konnte mein Vater mich schlecht lieben. Was für ein verdammter Teufelskreis!
Doch in diesem Moment, in dem ich tränen- und regenüberströmt hier auf der leeren Straße stand, wünschte ich mir sehr ihn noch ein einziges Mal sehen zu können.
Einfach nur um noch einmal seiner warmen, rauen Stimme zu lauschen, mit der er immer mit, Lucy und Mum gesprochen hatte.
Wie gerne würde ich noch mal mit ihm reden, mich vielleicht sogar mit ihm verstehen oder einfach streiten, so wie fast immer.
Er war kein schlechter Vater- zumindest nicht immer. Er hatte ein gutes Herz und eine gute Seele. Nur zeigen konnte er es nicht.
Wie sehr würde ich mir wünschen die Zeit zurückdrehen zu können, um noch mal von vorne anfangen zu können …

Als ich endlich zuhause war nahm ich zuerst ein heißes Bad.
Ich würde morgen erst zu meinen Eltern - Pardon!- meiner Mutter fahren, die 3 Stunden von mir entfernt wohnte.
Nach dem Bad setzte ich mich mit einer Flasche Wein vom Supermarkt in meiner trostlosen Wohnung einsam auf meine trostlose Couch.
Ich hatte keine Lust mit meiner besten Freundin um die Häuser zu ziehen, auch wenn sie so ziemlich zu meinen einzigen Freunden gehörte.
Ich wollte einfach nur allein sein. Alleine in meiner stillen, deprimierenden Wohnung, in der man selbst eine Stecknadel fallen hören könnte.
Der- oder besser gesagt die einzige, die mir Gesellschaft leisten durfte war meine Katze.
Doch nach langer Zeit des Kraulens, obsiegte die Müdigkeit und ich fiel in einen tiefen Schlaf.
Am nächsten Morgen wirkte alles verschwommen.
Mein Bruder hatte mich schon um sieben Uhr angerufen, um zu fragen, wie es mir geht.
Er war der einzige, der sich um mich sorgte. Zuhause hatte sich alles immer nur um meine Eltern und Chloe gedreht, doch er war immer für mich da.
„Mir geht es beschissen.“, hatte ich ihm warheitsgemäß geantwortet.
„Mir auch.“, war seine Antwort.

Damit war beinahe alles gesagt. Ich habe ihm noch von meiner Trennung und meinen Gewissensbissen erzählt und dann haben wir uns noch etwas über unsere Ängste und Sorgen unterhalten.
Ein ziemliches deprimierendes Gespräch also. Um mich abzulenken schaute ich danach ca. eine Stunde Fernsehen und aß mein Frühstück, doch mir war klar, dass ich langsam mal losfahren sollte.
Im Auto drehte ich das Radio voll auf und summte die Melodie von „I will always love you“- sicher eine Hommage an Whitney Houston- laut mit.
Auf dem Weg zu meinen Eltern und meiner Schwester schrumpfte mein Selbstwertgefühl auf null.
Verschwitzt hielt ich an einer Tankstelle, um mir einen kleinen Snack zu genehmigen, obwohl ich eigentlich auf Diät war.
Aber wie das so mit einer Diät ist, ist sie oft schon beendet, bevor sie überhaupt begonnen hat.
Schließlich versucht man oft, sich selber durchzumogeln, auch wenn es dann nichts bringt.
Und mit „man“ meine ich mich… Und eigentlich alle Frauen.
Während meines kleinen Abstechers an der Tanke erhielt ich einen Anruf von meiner Schwester: „Wo bleibst du denn? Mum ist völlig aufgelöst und ich könnte echt noch gut Hilfe gebrauchen, zum Beispiel bei der Planung der Beerdigung! Wo immer du auch steckst, komm!“, rief sie ins Telefon und ehe ich etwas erwidern konnte, hatte sie bereits aufgelegt.
Also blieb mir nichts anderes übrig als mich wieder auf den Weg zu meiner Mutter und meiner Schwester zu machen, auch wenn ich mir wirklich Schöneres vorstellen konnte.
Als ich gerade so die Landstraße entlang düste, es war ja niemand außer mir weit und breit zu sehen, vibrierte mein Handy.
Ich konnte es nicht glauben, als ich einen Blick auf das Display warf. Die SMS war von meinem Freund! Genauer gesagt von meinem Ex- Freund.
Es tut mir Leid!, stand da.
Ich war ein riesengroßer Idiot. Lass uns bitte noch
mal reden. Ich tu alles, um es wieder gut zu machen…
Liebe Grüße, Dein Daniel.

Hm… ob er das wirklich ernst meinte?
Genau genommen hatte er Recht, er war ein Idiot.
Obwohl ich selber mich auch nicht gerade vorbildlich oder besonders erwachsen benommen hatte.
Mit dem Blick weiterhin auf mein Handy gerichtet, trat ich erneut aufs Gas.
Genau in diesem Moment, hörte ich ein lautes Hupen, bemerkte ein grelles Licht und dann war alles schwarz.

Als ich endlich wieder erwachte, fand ich mich in einem hellen weißen Raum wieder und blickte einer freundlichen, weißgekleideten Frau ins Gesicht.
„Bin ich tot? Sind Sie Gott? Ich wusste, dass Gott eine Frau ist!“
„Tja, um das zu erfahren, müssen Sie wohl noch ein Weilchen warten. Ich bin Ärztin.“
„Oh…“, ich stöhnte laut auf. Jetzt bemerkte ich auch die höllischen Schmerzen, die sich in jede Pore meines Körpers geschlichen hatten.
„Wie fühlen Sie sich?“, fragte mich die Ärztin leicht besorgt.
„Super. So als hätte ich gerade mit einem 200 Kilo- leichten Sumoringer Bodycatchen gemacht…“
„Immerhin ist Ihnen der Humor geblieben.“
Erneut stöhnte ich.
„Es gibt da ein Problem.“, sagte die freundliche Frau. „Unter Ihrem Notfallkontakt konnten wir niemanden erreichen.“
„Das liegt wahrscheinlich daran, dass mein Notfallkontakt kürzlich verstorben ist…“, sagte ich zwar traurig, aber auch leicht sarkastisch.

„Oh, das tut mir sehr Leid.“, meinte die Ärztin mitleidig. Dann sagte sie möglichst aufmunternd. „Dann sollten wir den Kontakt mal erneuern, nicht wahr?! Wen können wir denn erreichen? Können Sie sich an eine bestimmte Nummer erinnern? Wenn nicht macht das nichts, es gibt ja Telefonbücher.“
„Ja, klar weiß ich eine… Aber zunächst einmal: wie steht es denn mit mir?“
„Oh, verzeihen Sie bitte meine Voreiligkeit. Also, zu aller Erst einmal, ich heiße Frau Doktor Müller, und Sie…“, sie warf einen Blick auf die Unterlagen, die sie in den Händen hielt. „… Frau Jackson liegen momentan noch auf der Intensivstation, aber wie ich sehe, geht es Ihnen bereits besser und den Rest kriegen wir auch noch hin. Ist ihr Vater Amerikaner? Sie haben einen sehr interessanten Namen.“
Ich nickte. „Ja, er war es.“
„Verzeihung. Ich scheine heute wohl gerne mal in Fettnäpfchen zu treten.“ Sie lächelte mich entschuldigend an.
„Macht nichts.“, sagte ich erschöpft. Mann, fühlte ich mich platt. So als wäre eine Dampfwalze über meinen Körper gefahren.  „Wie lange muss ich eigentlich noch hier bleiben?“
„Das wissen wir nicht genau, Frau Jackson. Sie haben drei gebrochene Rippen, eine Fraktur im linken Handgelenk, ein gebrochenes Bein, eine Gehirnerschütterung und natürlich noch zahlreiche Blutergüsse und Kratzer, also Glück im Unglück! Eine Weile wird es wohl noch dauern.“ Oh ja, tierisches Glück. Aber die Ärztin hatte schon Recht…
Aber Mann, war die genau. Eine Weile… Ob ich es zur Beerdigung meines Vaters schaffen würde? War die eigentlich schon geplant? In meinem Kopf drehte sich alles und er fühlte sich so an, als würde er gleich zerplatzen.
Als Notfallnummer gab ich natürlich die Handynummer meiner Schwester an, meine Mutter hatte schließlich schon genug Sorgen, und aus einem leichten Rachegefühl, aber auch weil ich ihn vermisste, gab ich auch noch die Nummer meines Freundes, beziehungsweise Ex- Freundes an.
Bevor die Ärztin mein Zimmer hatte, fiel mir noch etwas ein.
„Was ist eigentlich mit dem Typen der mir entgegengerast ist? Ist er… tot?“
„Es war eine Frau. Und sie war… schwanger.“, begann Fr. Dr. Müller mit trauriger Miene. „Sie liegt ebenfalls auf der Intensivstation und musste in ein künstliches Koma versetzt werden. Ihr Kind hat sie verloren… Aber machen Sie sich keine Gedanken, es war nicht Ihre Schuld. Oder zumindest nur zum Teil. Die Frau ist anscheinend ziemlich schnell gefahren und war mit einem sehr großen und vor allem sehr breiten Auto unterwegs. Zu breit für die schmale Straße.“
Keine Gedanken machen? Natürlich machte ich mir Gedanken, sehr viele und schlimme sogar! Wegen mir lag eine arme Frau im Koma und hat ihr Kind verloren! Bestimmt würden mich ihre Angehörigen hassen. Das tat ich ja selbst. Wie sollte ich nur beichten, dass ich es schuld war? Wäre ich in meinen Gedanken nicht so sehr mit Daniel beschäftigt gewesen und hätte nach vorne geguckt wäre das gar nicht passiert. Obwohl zu einem Unfall gehören ja auch immer zwei.
Nach einiger Zeit, zahlreichen Vorwürfen an mich selbst und einem elenden Krankenhausmahl schlief ich für eine Weile ein. Ich träumte von großen Autos, die mich anfuhren, Krankenhäusern, der Beerdigung meines Vaters und schließlich auch meiner eigenen und von Daniel. Auf letzteres hätte ich sogar noch am liebsten verzichtet. Im Grunde hatte ich Daniel ja den Unfall zu verdanken! Aber mir wurde schnell klar, dass es als Erwachsene eigenständige Frau nicht mehr viel Sinn hatte, die Schuld auf jemand anderen schieben zu wollen.
Ich musste dazu stehen, dass ich Mist gebaut hatte und versuchen, das Beste daraus zu machen.

„Glaubst du sie lebt noch?“, hörte ich eine helle Stimme.
„Natürlich. Sonst läge sie doch nicht auf der Intensivstation, sondern schon im Leichenkeller.“, entgegnete eine dunkle und pessimistisch wirkende Stimme, die ich unter normalen Umständen sofort- in meiner jetzigen Situation allerdings erst nach dem Öffnen meiner Augen- erkannte.
„Sie lebt!“, schrie die hohe Stimme nun schrill, die meiner Schwester gehörte.
Die andere gehörte meinem Bruder.
„Hey.“, sagte ich und lächelte leicht, auch wenn das schmerzte. „Ich freu mich, euch zu sehen.“


„Wir freuen uns auch, Süße.“, das war mein Bruder, wohlgemerkt.
„Jo, Lucy?! Wo ist Mum? Habt ihr ihr davon erzählt?“
„Nein. Die hat geschlafen als das Krankenhaus angerufen hat und ich wollte sie nicht wecken. Aber mir hast du einen ganz schönen Schrecken eingejagt! Gut, dass Jo da war, als du angerufen hast, sonst hätte ich nicht zum Krankenhaus fahren können, so zittrig wie ich war.“
Ja, ja, typisch Lucy. Sie machte mir schon immer Vorwürfe und lenkte die Aufmerksamkeit auf sich, wenn eigentlich ich mal an der Reihe war.
Dann sah Lucy sich gespannt um. „Wo ist denn dein ach so toller Freund?“
Ich räusperte mich. „Sie haben sich getrennt.“, sagte Jo.
„Gestritten.“, verbesserte ich. Obwohl ich bis vor kurzem ja auch gedacht hatte, wir hätten uns getrennt.
„Mir hast du gesagt, dass ihr euch getrennt habt!“, sagte Jo halb vorwurfsvoll, halb amüsiert.
„Ja… das dachte ich auch, aber er hat das eigentlich nicht… nicht explizit formuliert.“
„Aha.“, entfuhr es meinem Bruder belustigt. Meine Schwester schaute nur verwirrt von einem zum anderem. „Wie ihr meint… Ist ja jetzt sowieso egal. Wichtiger ist: wie lange bleibst du noch hier? Schließlich ist bald Daddys Beerdigung und es wäre nur von Vorteil wenn du dich da wenigstens mal blicken lassen würdest!“ Wie vorwurfsvoll sie das schon wieder gesagt hatte.
Im Geiste verdrehte ich die Augen und streckte ihr die Zunge raus und erwiderte: „Du meinst wenn ich mich da blicken lassen könnte. Glaubst du, ich liege zum Spaß hier? Weil ich Lust hatte auf ein bisschen Wellnessurlaub, oder was?“
„Jetzt reg dich doch mal ab! Außerdem woher soll ich wissen, dass du das nicht alles nur aus Eifersucht getan hast?“
„Häh?“ Was sollte das denn jetzt?
„Naja, vielleicht…“, begann meine Schwester plötzlich leicht verunsichert.
„Vielleicht was?“
„Vielleicht erträgst du es einfach nicht, dass Dad“- bei dem Wort Dad musste sie kurz schluchzen-„so viel Aufmerksamkeit bekommt und du… nicht!“
„Spinnst du?“ Au, vor lauter Aufregung fuhr mir ein stechender Schmerz in die Brust.
Ich hielt mir verkrampft an mein Herz und sah Jo flehend an.
Der eilte mir (sozusagen) sofort zu Hilfe.
„Jetzt hört doch mal auf rumzuzicken! Ich glaube kaum, dass Holly das aus Eifersucht getan hat. Es war schließlich ein Unfall! Und außerdem bringt es uns nicht weiter uns gegenseitig aufzuregen, klar?!“
„Na schön.“, bemerkte Lucy schnippisch und tat als wäre sie beleidigt.
Jo und ich mussten lachen.
Nach ein paar Minuten ging Lucy sich einen Kaffee holen und- ohne zu fragen, ob sonst noch einer etwas haben wolle-, verließ sie den Raum.
„Da geht sie hin…“, kommentierte ich und kicherte.
Jo setzte sich mit einem der Besucherstühle ganz dicht an mein Bett und sah mich mit einem Anflug von Lächeln an. Dann schaute er zu Boden, strich sich seine dunklen Locken- die ich ebenfalls „besaß“- aus der Stirn und fragte: „Du hast doch nicht versucht dich… ähm… dich umzubringen oder?“
„Nein, natürlich nicht.“, sagte ich beruhigend. Er blickte erleichtert auf.
Ich war allerdings überrascht, dass er mir so etwas zutraute.
„Gut… und wie geht es dir?“
„Gut. Oder zumindest besser.“
„Ich hätte es sogar verstanden, wenn du gewollt hättest dich umzubringen. Ich meine, zuerst die Sache mit Dad, dann das mit deinem Freund und außerdem was hätte dich hier halten sollen?
Deine einzige Freundin, dein schlechtes Verhältnis zur Familie? Oder dein langweiliger Job…“
Ich wette, er hätte noch Stunden so weiter machen können. Und auch wenn er gerade nicht sehr aufmunternd oder megafreundlich zu mir war, hatte er Recht.



Ich hatte wirklich kaum Freunde, mal von meinem Bruder und meiner besten Freundin Miriam abgesehen, und mein „Mordsjob“ war Bibliothekarin, zugegeben wirklich nicht der Job mit dem man Kohle nahezu schaufeln kann, obwohl ich mit dem eigentlich zufrieden war, denn ich liebte Bücher und Geschichten…
„Gibt es einen bestimmten Grund warum du mich fertig machst?“, fragte ich lächelnd und wusste, dass er es nicht so gemeint hatte.
„Ich hab´s doch nicht so gemeint… Eigentlich wollte ich nur-“, doch weiter kam er nicht, denn genau in diesem Moment kam meine Schwester ins Zimmer und warf ihre goldblonden Haare in den Nacken. Sie hatte also etwas zu verkünden. Ihre blauen Augen leuchteten förmlich.
„Ratet mal, wer dich sehen will, Leute!“
„Keine Ahnung…“, sagte ich leicht genervt. Sie redete mal wieder so, als würde gleich der Papst höchstpersönlich das Zimmer betreten.
„Ich wette allerdings, du wirst es uns gleich verraten.“, sagte mein Bruder und schmunzelte.
„Dein Ex-Freund! So was! Woher wusste der denn, dass du im Krankenhaus bist? Oder hast du echt versucht dich umzubringen oder so was?“
„So ein Quatsch! Ich hab ihn anrufen lassen…“
Mein Bruder lächelte. „Na, dann gehen wir mal raus und lassen euch alleine.“
„Warte!“, rief ich und drückte meinem Bruder einen Zettel in die Hand.
„Kannst du nachfragen wo die andere Frau vom Unfall liegt und ihr den Zettel hinlegen?“
„Mit der wollen wir nichts zu tun haben, das ist Familiensache!“
Manchmal verstand ich meine Schwester echt absolut nicht.
„Was hat denn…? Ach, egal. Tu mir den Gefallen, Brüderchen, ja?“
Natürlich war mir bewusst, dass die Frau in ihrem Zustand den Zettel gar nicht lesen konnte, deshalb war er an ihre Angehörigen. Ich entschuldigte mich in dem Brief ausdrücklich und so weiter… Was anderes konnte ich ja nicht tun.
Da betrat endlich Daniel den kühlen Raum und ich konnte förmlich spüren, wie sehr er sich um mich gesorgt hatte.
„Holly! Geht es dir gut? Mein Gott, ich dachte, ich hätte dich wirklich verloren! Es tut mir so Leid. Ich… ich bin so schnell losgefahren wie ich konnte, aber dann stand ich im Stau und-“
„Ist schon okay.“, unterbrach ich ihn bevor er noch alle Leute verschrecken würde mit seinem beinahe hysterischen Geschrei.
„Mir geht es einigermaßen in Ordnung. Die Ärztin meinte ich komme schon durch, also mach dir keine Sorgen.“
„Ach, Gott sei Dank!“, rief er erleichtert und ließ sich auf dem Stuhl vor meinem Bett nieder.
Daniel sah wirklich schrecklich aus. Er war total verschwitzt und aufgewühlt mit zerstrubbelten Haaren, glasigen Augen und unrasiertem Gesicht.
Normalerweise sah er extrem gut und athletisch aus. Mit durchtrainiertem Körper, niedlichen Grübchen beim Lachen und gekämmten, gutaussehenden dunkelbraunen Haaren und kristallklaren blauen Augen.
„Ja, ich hatte Glück im Unglück, sagte die Frau Doktor, aber die Frau mit der ich zusammengeknallt bin liegt im Koma.“
„Oh, das tut mir Leid. Und wer ist Schuld?“
„Na, wir beide eben. Und du.“ Ich schmunzelte, warum auch immer.
„Was? Ich? Aber wieso das denn?“ Daniel wirkte echt aufgebracht.
„Das war nur Spaß. Ich hab deine SMS zufällig bekommen als ich auf dem Weg zu meiner Mutter war, weil… naja, mein Vater ist gestorben. Und da war ich eben abgelenkt. Aber du kannst nichts dafür.“
„Scheiße, Süße! Es tut mir Leid. Vor allem das mit deinem Vater! Ist ja schrecklich. Und auch das mit der SMS, aber ich hab´s ernst gemeint. Ich war echt ein Idiot!“
„Schon gut, genug entschuldigt. Sonst wachsen mir bald meine ersten grauen Haare!“
„Ich hatte ehrlich so einen Schiss. Stell dir mal vor, du wärst gestorben! Dann wären wir im Streit auseinander gegangen, nur wegen einer Zahnbürste!“
„Ehrlich? Hat unser Streit mit der Zahnbürste angefangen?“


„Ja. Und deswegen komme ich mir auch so dumm vor. Ich bin echt froh, dass es dir gut geht!“
„Naja, ich hätte auch nicht so bescheuert reagieren müssen und dann später einfach abhauen…“, gestand ich.
„Als ich den Anruf bekam war ich noch halb am pennen, du weißt ja, wie lang ich manchmal am Wochenende schlafe, und da dachte ich zuerst, du hättest das wegen mir getan…“
Das kränkte mich ein wenig. Warum glaubten alle nur, ich sei Suizidgefährdet?
„Mach dir keine Gedanken.“, entgegnete ich bloß und strich ihm durchs strubbelige Haar.
„Ich liebe dich.“, flüsterte er und gab mir einen Kuss auf die Stirn.
Genau in dem Moment war ich ziemlich glücklich.
Da klopfte es- wie immer in schönen Momenten- an. „Ja?“
„Tut mir Leid, aber die Besuchszeit ist zu Ende. Ihr müsst wohl ein anderes Mal weiterturteln. Wir sehen uns morgen.“
„Lucy hat schon etwas Sadistisches an sich.“, stellte mein Freund gerade fest.
Ich lachte mal wieder, obwohl das schmerzte.
„Gute Besserung!“, sagte er stand auf und beugte sich noch einmal zu mir runter, um mir einen Kuss zu geben. „Ist alles wieder okay?“, flüsterte er mir danach ins Ohr.
„Ja.“, sagte ich. „Alles bestens.“

In der Nacht wälzte ich mich unruhig hin und her. Meine Schmerzen waren doch größer, als ich mir hatte eingestehen wollen.
„So ein Mist!“, fluchte ich. Und nicht einmal etwas zu lesen hatte mir jemand mitgebracht. Ich knipste das Licht an und schaute mich um. Immerhin hatte ich das Zimmer für mich alleine.
Da entdeckte ich in der Ecke des Raumes meine demolierte Tasche. Die hatte es ja ziemlich erwischt bei dem Unfall…
Langsam versuchte ich aufzustehen und auch wenn es trotz der Schmerzmittel, die sie mir und vermutlich auch den anderen Patienten wie Bonbons verteilten, tierisch wehtat, war der „Lesehunger“ stärker und half mir die paar Schritte bis zum Stuhl, auf dem die Tasche stand, zu überleben.
Irgendwo musste da doch noch mein Buch drinstecken. Aha! Da war es ja. Ziemlich zerfleddert und angekokelt, um ehrlich zu sein, aber lesen konnte man darin immerhin überwiegend noch.
Und so verbrachte ich den Rest der Nacht, immerhin drei Stunden lesend und ab und zu auch dösend im Krankenbett.
In den nächsten Tagen ging es mit mir zunehmend bergauf und täglich wurde ich von meinem Bruder, meiner Schwester und meinem Freund besucht und ab dem vierten Tag sogar von meiner Mutter, die es schließlich auch erfahren hatte und völlig aufgebracht war (-auch sie machte mir vorerst Vorwürfe und Schuldgefühle, kriegte sich dann aber wieder ein…).
Irgendwann hatte ich mich sogar relativ häuslich eingerichtet mit meinen Klamotten im Schrank und einem riesigen Stapel Bücher auf dem Nachtisch.
Mein Bruder und mein Freund spielten mit mir Karten, sahen mit mir über den winzigen Fernseher fern- ich war inzwischen auf die normale „gefahrenlose“ Station befördert worden- oder redeten einfach mit mir und hielten meine Hand. Sie wechselten sich meist ab, blieben manchmal aber auch gemeinsam bei mir im Zimmer und nach zwei Wochen dürfte ich endlich nach Hause gehen.
Mein Freund holte mich ab und nahm mich zunächst zu sich nach Hause, da ich doch noch etwas schwach und auf fremde Hilfe angewiesen war.
Schon einen Tag nach meiner Entlassung war die Beisetzung meines Vaters und es wurde ernst.
Daniel besorgte mir von zuhause ein schwarzes Kleid und einen schwarzen Stiefel, da mein rechtes Bein immer noch im Gipsverband steckte. Meine Krücken waren praktischerweise schon schwarz und mit einer schwarz-silbernen Kette peppte ich das ganze noch ein bisschen auf. Als wir mit einer klitzekleinen Verspätung an der Kirche ankamen, kam meine Mutter aufgebracht auf uns zu. „Wo wart ihr denn so lange?“
„Tut mir Leid, Mama.“, sagte ich und deutete mit einer Krücke auf mein Bein. „Aber damit dauert alles eben etwas länger.“

„Aber ihr seid doch nicht gelaufen!“, antwortete meine Mutter wenig verständnisvoll.
Daniel schaute mich ein wenig irritiert an, aber ich winkte ab.
„Vergiss es.“, meinte ich und versuchte trauriger zu wirken, als ich tatsächlich war. Nun war die ganze Familie versammelt und ich fühlte mich beinahe gar nicht zugehörig bei dieser Familiensache.
Ich erntete von allen Seiten mitleidige Blicke und ab und zu auch Worte.
Sowohl für den Tod meines Vaters, als auch für meinen Unfall.     
Das absurde dabei war, dass ich die meisten Leute überhaupt nicht kannte. Schon komisch, dass man die Hälfte seiner Familie eventuell nie im Leben sieht, aber sobald man stirbt, kommen sie und weinen um einen, obwohl man sie gar nicht kannte.
Das schlimmste fand ich, war immer noch, wenn einer der Kindeskinder oder beispielsweise eine Tante der Mutter der Cousine der Nichte meines Vaters mir ihr Beileid aussprechen würde und mich beiläufig fragen würde, ob ich sie denn noch kennen würde. Woher bitte? Das empfand ich echt als ätzend.
Die Messe war ziemlich traurig, aber sie kam mir auch überraschend kurz vor, nur etwa gefühlte zwanzig Minuten, obwohl sie natürlich über eine Stunde gedauert hatte.
Danach wurde der Sarg langsam- und das schien echt eine halbe Ewigkeit zu dauern- rausgetragen, während meine Mutter, meine Schwester und noch etwa hundert andere Leute weinten. Jo, Daniel und ich waren so ziemlich die Einzigen, denen nicht sofort Sturzbäche oder Wasserschwälle aus den Augen schossen.
Das war mir einerseits peinlich, andererseits aber auch durchaus angenehm, da meine Schminke nicht wasserfest war.
Anschließend gingen alle nacheinander zum Grab, in dem inzwischen der Sarg meines Vaters lag und warfen eine Rose oder Blütenblätter ins das offene Grab hinein. Es war relativ kühl und ich zitterte, vielleicht auch ein wenig vor… Trauer.
Ich schickte ein kurzes Gebet an meinen Vater in den Himmel und dankte ihm von Herzen für alles. In den nächsten Tagen würde ich mal wieder zu der Frau im Koma gehen, die- wie ich mittlerweile herausgefunden hatte- Marianne Schließer hieß.
Schon beim ersten Mal hatten sich der Mann und ihre Eltern unheimlich gefreut. Vor allem über den Brief, der ihnen wohl ziemlich an die Nieren gegangen war.
Nach der Abschiedszeremonie rief beziehungsweise schluchzte meine Mutter: „Die Beerdigung ist beendet, meine Lieben.“ Und ging weinend von dannen.
Überrascht blieben alle- sogar meine Schwester- stehen. Mein Bruder zuckte mit den Schultern und sah mich verwirrt, aber dennoch liebevoll an.
Und ich dachte mir: War das etwa schon das Ende? Gab es denn kein Familienessen nach solch einer Veranstaltung? Und genau das gleiche fragte sich gerade auch mein Freund.
„Das kann es doch noch nicht gewesen sein?!“ Ich musste schmunzeln. Plötzlich schien mir das Leben nahezu perfekt.
„Richtig.“, antwortete ich und gab ihm einen Kuss. „Es fängt gerade erst an.“

Ende?!

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P.S.: viele dank an meine liebe freundin vicky :**
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