Menschlich

GeschichteAllgemein / P12
04.11.2012
19.08.2015
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04.11.2012 985
 
Season 11





Church Washington

Captain Butch Flowers






Washington betrachtete das alte Schild, das er gerade aus dem Wrack geborgen hatte. Er wunderte sich einen kurzen Moment, warum Caboose es überhaupt eingepackt hatte, da er zuhause keine Verwendung mehr dafür haben würde. Wahrscheinlich hatte er einfach alles, was ihm in die Hände gefallen war, eifrig in seine Kiste gestopft, voll Vorfreude, den Canyon für immer zu verlassen.
Weit waren sie nicht gekommen. Wäre ja auch zu schön gewesen, nach zig Jahren am anderen Ende des Universums, in der Psychiatrie, im Gefängnis und unter Irren mal wieder daheim vorbei zu schauen. Streng genommen gab es 'daheim' nicht, aber da hätte sich bestimmt irgendwas einrichten lassen. Vier Wände, eine Matratze, ein kurzer Anruf, „Es tut mir leid! Ja, alles ist meine Schuld, jetzt hör auf damit und komm nach Hause! Die Adresse von Zuhause lautet übrigens XYZ!“, und alles weitere hätte sich irgendwie ergeben.
Aber nein, das Raumschiff musste abstürzen. Das musste man sich wirklich auf der Zunge zergehen lassen – das dämliche Raumschiff stürzt auf einen menschenleeren Scheißplaneten.
Die Panik an Bord war unbeschreiblich gewesen. Menschen, die sich unter Pulte und in Schränke zwängten, in der Hoffnung, nicht zerquetscht zu werden. Menschen, die sich aneinander klammerten, in der Hoffnung, sich genügend Halt zu geben, um nicht gegen die Wände geschleudert zu werden. Menschen, die aufgegeben hatten und weinend am Boden kauerten. Menschen, die schreiend durch die Gänge rannten, auf der Suche nach Rettung.
Es hatte sich als gute Idee herausgestellt, ein Loch in die Außenwand zu sprengen und zu springen. Für die anderen hatte er nichts tun können.

Der Absturz brachte Erinnerungen an den Tag zurück, als York und Tex die Mother Of Invention über Sidewinder angegriffen hatten und dadurch endgültig zerstörten, was bereits von Rissen durchzogen und am Auseinanderbrechen war. Wenn ihm damals jemand gesagt hätte, dass die Männer und Frauen, die er nicht nur als Kameraden, sondern sogar als Freunde bezeichnet hatte, sich daraufhin in alle Himmelsrichtungen verstreuen und nach und nach gegenseitig umbringen würden, hätte er denjenigen ausgelacht und zum Beweis die Aufnahmen der letzten feuchtfröhlichen Weihnachtsfeier herausgekramt, an deren Ende eine lange Predigt des Direktors über angemessenes Verhalten erwachsener Personen gestanden hatte. Nur Connie und Tex waren bei besagter Feier nicht dabei gewesen. Die eine war kurz zuvor gestorben, die andere 'lebte' in ihrer eigenen Welt.

Es bereitete ihm noch immer Schwierigkeiten, die Ereignisse dieses Tages in die richtige Reihenfolge zu bringen. In einem Moment war er noch unendlich erleichtert gewesen, endlich ohne Epsilons Schreie aufzuwachen, auch wenn South seine dröhnenden Kopfschmerzen ignorierte und ihm vorwarf, ihr Leben ruiniert zu haben, im nächsten wurde er schon von drei Soldaten unter einem Container hervorgezogen und erfuhr, dass Maine Carolinas KIs aus ihrem Kopf gerissen und sie – hilflos wie sie war - von der Klippe geworfen hatte. Dass York spurlos verschwunden war und jetzt als Deserteur und Verräter gesucht wurde. Dass North und South einen Lagerraum in Schutt und Asche gelegt und sich klammheimlich aus dem Staub gemacht hatten. Dass 479er schwerverletzt auf der Krankenstation lag und höchstwahrscheinlich ihre Beine verlieren würde.

Wash hatte bloß sein Selbst verloren, und niemand war geblieben, um ihm dabei zu helfen, es wiederzufinden. Mit einer Empfehlung zur weiteren psychiatrischen Behandlung war er auf der Angel On My Shoulder abgeliefert und jahrelang vergessen worden.

Mittlerweile war keiner von ihnen mehr am Leben. Er trug dafür keine Verantwortung, sie hatten ihn im Stich gelassen oder ihn betrogen. Als er Yorks Leiche verbrannt hatte, war ihm wieder eingefallen, wie sie sich zum ersten Mal begegnet waren. York war durch die Tür gekommen, hatte Carolina erspäht, die neben Wash Platz genommen hatte, und sich ohne zu zögern auf Washs Schoß fallen lassen, um 'neben seinem zukünftigen Mädchen zu sitzen'. Es wäre fast zu einer Schlägerei gekommen, bis Carolina beide zu Boden geworfen hatte und sie dadurch unten hielt, dass sie einem ein Knie und dem anderen einen Ellbogen in den Nacken drückte.
Wash fragte sich hin und wieder , ob er mit York gegangen wäre, wenn er gesund gewesen wäre, oder ob York ihn überhaupt darum gebeten hätte.

Er sollte sich lieber auf seine gegenwärtige Situation konzentrieren, statt sich mit müßigen Was-wäre-wenns zu beschäftigen.
Er sah wieder auf das Organigramm in seiner Hand, welches mehrfach verändert worden war. Captain Butch Flowers - Agent Florida - war so tot wie der Rest von Projekt Freelancer, weshalb Church ihn durchgestrichen und seinen eigenen Namen darüber gekritzelt hatte. Church war der Grund gewesen, warum Tex ihren Vernichtungszug begonnen hatte. Unter den überlebenden Soldaten hielt sich standhaft das Gerücht, dass nicht einmal ein Panzer sie hatte aufhalten können, dass sie schnurstracks auf die Brücke marschiert war, um Alpha zu stehlen. Doch als sie ihr Ziel erreicht hatte, hatte sie ihn zurückgelassen. Sie hatte alles riskiert und nichts gewonnen. Dennoch waren an diesem Tag dutzende Menschen gestorben und noch mehr verletzt, Freundschaften zerstört und Herzen gebrochen worden.
Es war so sinnlos gewesen.

Zusammen mit dem Schild hatte Caboose auch seine Buntstifte eingepackt. Wash griff sich den blauen, um eine weitere Änderung vorzunehmen. Der Stift hinterließ nur ein leichtes Kratzen auf der Oberfläche, er war eingetrocknet. Wash warf ihn über seine Schulter und suchte nach einem anderen, den er noch benutzen konnte. Sein Blick fiel auf Grau, seine Farbe. Genaugenommen handelte es sich bei Grau um keine Farbe, es war nur eine Mischung aus den Nichtfarben Schwarz und Weiß und existierte in tausenden Abstufungen. Mal dunkler und mal heller.
Wash strich Churchs Namen durch. Er - Alpha - war zusammen mit Tex während des EMP in der Kommandozentrale gelöscht worden, und Epsilon war mit Carolina verschwunden, ohne sich zu verabschieden.
Dieses Mal stellte sich allerdings nicht die Frage, ob Wash mit ihnen aufgebrochen wäre, wenn sie ihm Bescheid gegeben hätten.
Er hatte jetzt das Sagen und er würde dafür sorgen, dass alle zusammenblieben und überlebten.
Er schrieb seinen Namen neben Churchs. Er gehörte endlich wieder dazu.
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