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Arnies Kosmos - Leseprobe

Kurzbeschreibung
LeseprobeHumor, Liebesgeschichte / P18 / MaleSlash
31.10.2012
20.01.2013
7
16.229
10
Alle Kapitel
359 Reviews
Dieses Kapitel
34 Reviews
 
 
31.10.2012 3.180
 
Die Geschichte „Arnies Kosmos“ war vom 31.10.2012 bis zum 02.02.2014 komplett auf Fanfiktion.de veröffentlicht.

Hier der Link: http://www.amazon.de/Arnies-Kosmos-ziemlich-unperfekte-Gay-BDSM-Liebe-ebook/dp/B00I9EF69Y/ref=la_B00AMXQ6BC_1_3?s=books&ie=UTF8&qid=1391879802&sr=1-3

In der heteresoxuellen Variante ist der Roman unter dem Titel „Schmerzherz“ und dem Pseudonym Vio Carpone beim Cupido Books Verlag erschienen.
http://cupido-books.com/portfolio-item/schmerzherz-vio-carpone/

Tausend Dank an alle, die mich durch diese Geschichte begleitet haben, die für mich mit sehr viel persönlicher Freude und Schmerz verbunden ist.




Die anonymen Glücksspieler

Mit offenem Mund lauschte ich ihren Worten, und ein bisschen fühlte ich mich wie in einer Fernsehsendung, die man selbst synchronisiert. Ich mache das ja immer gerne: Ton aus, und dann in verschiedenen Stimmen den Moderatoren vom Esomatrix-Shopping-Kanal eigene Texte möglichst lippensynchron in den Mund legen. Aber es war die Stimme meiner Mutter. Eindeutig.
„Arnie, vielleicht weißt du es nicht, aber vergiss alles, was sie dir über Mutterliebe erzählt haben. Sie erreicht ihren Gipfel, wenn du acht bist – dann beginnt die erste Phase, in der eine Mutter zwanzig Minuten am Stück telefonieren kann, ohne unterbrochen zu werden. Wenn du nach deinem Abschluss nicht ausziehst, nimmt sie ab achtzehn stetig ab. Gute Chancen, weiterhin geliebt zu werden, bestehen, wenn das Kind mit, sagen wir, spätestens zwanzig auszieht. Aber wenn es mit einundzwanzig noch das freie und erwachsene Leben der Erziehungsberechtigten beeinträchtigt, dann stirbt die Mutterliebe endgültig.“
Ich glotzte sie vermutlich ein wenig dämlich an, und obwohl ich theoretisch der Meister der schlagfertigen Antworten bin, sagte ich, als hätte eine Keule mich am Kopf getroffen: „Was heißt das?“
„Zieh aus! Du bist einundzwanzig. Ich habe es satt, über deine Ordnung zu stolpern und deine Haarprodukte auf meinem Waschbecken stehen zu haben, und ich will mich verdammt noch mal nicht verstecken, wenn ich kiffe! Ich will Männer mit nach Hause bringen. Dutzende! Und Dinge kochen, die ich mag – und nicht du mit deinem Autistengeschmack! Zieh aus! Bitte!!“
„Meine Haarprodukte?“, fragte ich fassungslos.
„Bitte!“ Sie rang mit den Händen und sah sehr erschöpft aus.

Ich persönlich denke ja sie war mit neunzehn Jahren viel zu jung, als sie mich bekommen hat. Es fehlte ihr die nötige Reife, und ich musste dadurch einen Gegenpol in ihrem Leben darstellen, um sie zu stabilisieren. Ich versuchte immer ein wenig Ordnung in ihr Leben zu bringen, aber sie wurde wütend, wenn ich ihre Stricksachen ordnete oder ihre Bücher farblich einsortierte. Nichtsdestotrotz lebte ich gern mit ihr zusammen. Außerdem bedeutete unsere gemeinsame Wohnung mehr Geld für mich, um mir meine Anzüge und rahmengenähten Schuhe zu finanzieren, die das einzig Erfreuliche an meiner Tätigkeit als Bankkaufmann darstellten. Ich dachte ja, als ich die Lehre begann, bald in einer Art Büro-Loft zu landen und die Geschicke der Welt von dort aus zu lenken, aber in Wirklichkeit saß ich bei der Sparmenia in einem fensterlosen Raum, mit stets lauwarmem Filterkaffee. Das Pulver mussten wir selbst beim Discounter kaufen. Kopieren machte noch den meisten Spaß. Außerdem bin ich für wirtschaftliche Zusammenhänge nur mittelbegabt. Ich atmete immer auf, wenn ich einen Kunden zufällig nicht in den Ruin trieb. Deshalb waren meine Handlungsspielräume recht klein, und ich saß in einer Filiale, in der die Kundschaft meistens nur ihren Scheck vom Sozialamt einlöste oder Bargeld einzahlte. Nicht einmal ausländische Devisen wurden hier getauscht.

„Früher lebten Generationen friedlich miteinander unter einem Dach!“, hielt ich meiner Mutter vor Augen.
Sie schaute mich an, als wäre ich geistig völlig zurückgeblieben.
„Weißt du nicht, wie nett es war, als Max auch noch hier gewohnt hat?“, erinnerte ich sie.
Max ist mein ehemaliger Freund, der oft von zu Hause floh, was dazu führte, dass ich mein Zimmer ein knappes Jahr gerne mit ihm teilte.
„Schön?“ Sie lachte. „Ja, es ist großartig, morgens nicht ins Bad zu kommen, mittags einen leer gefressenen Kühlschrank vorzufinden und, wenn man um zwölf Uhr nachts von der Arbeit kommt, mit Teeniebelangen vollgelabert zu werden! Gibt nichts Schöneres in meinem Leben.“
Sie ist fürchterlich egoistisch. „Frauen in deinem Alter können froh sein, wenn sie von der Jugend an ihrem Leben beteiligt werden.“
Sie steckte sich den Finger in den Hals und machte ein wenig damenhaftes Kotzgeräusch, bevor sie mich fragte: „Warum wohnst du immer noch hier? Gib mir einen nachvollziehbaren Grund! Ich bin mit siebzehn ausgezogen. Und das kam mir schon viel zu spät vor!“
Ich kann es nicht beschwören, aber sie schien der Verzweiflung nahe. „Ich wollte sparen, bis ich mir ein Penthouse kaufen kann“, gab ich meiner Mutter zur Antwort.
„Willst du Geld?“ Ihre Stimme klang hoffnungsfroh. „Ich suche mir ‘nen Zweitjob!“
„Ich kann nicht glauben, dass meine eigene Mutter mich rauswirft!“ In der Tat war ich außerordentlich empört. Ich bin sauber wie eine Katze und ebenso pflegeleicht. Füll den Kühlschrank, lass mir ein wenig Ansprache zuteilwerden, und schon bin ich zufrieden. Sie erhob sich vom Küchenstuhl und zog sich ihre Jacke über. „Du verdienst mehr als ich, Arnie, bitte such dir eine Wohnung. Ich liebe dich, das weißt du, aber ich werde wahnsinnig, wenn du weiter mit mir zusammenlebst und bei jeder Zigarette, die ich rauche, hüstelst und mit einem antiseptischen Lappen hinter mir her wischst. Du solltest über dein Leben nachdenken. Mach eine Therapie, such dir Freunde, mach Sport oder fick endlich mal!“
„Das ist alles gar nicht so einfach!“, protestierte ich.
„Das sagst du schon, seitdem du zwölf bist. Und du hast Recht, es ist alles gar nicht so einfach. Mach Action! Mach irgendwas. Esomatrix-TV kann nicht die Lösung sein.“ Sie nahm mich kurz in den Arm und sagte leise: „Es tut mir leid, dass du wegen mir so geworden bist. Ich hab alles falsch gemacht. Aber jetzt bist du zu alt, als dass wir es ändern könnten.“
„Es ist wissenschaftlich bewiesen, dass die Mütter nicht Schuld an der Homosexualität ihrer Kinder sind“, tröstete ich sie und sie seufzte.
„Ich habe eigentlich nicht das gemeint.“
Wusste ich ja. Ich selber bezeichne mich als Individualisten, andere finden mich komisch, obwohl eigentlich eher das Gegenteil zutrifft. Die anderen sind komisch, wenn man es objektiv betrachtet.

„Wo gehst du hin?“, wollte ich wissen, als sie die Wohnungstür ansteuerte. Ich stoppte, als sie sich umdrehte, wie ein wildgewordenes Gorillaweibchen. „Ich bin vierzig Jahre alt! Ich muss nicht sagen, wohin ich gehe!“
Ups. „Weißt du denn so ungefähr, wann du wiederkommst? Nur ungefähr?“, fragte ich ehrlich ganz unverbindlich und verständnis- voll. Ihr Mund öffnete sich und das Letzte, das ich sah, war ihr Mittelfinger, bevor die Tür krachend ins Schloss fiel. Ich fand, sie könnte allmählich wirklich ein wenig erwachsener reagieren, wenn ich harmlose Fragen stellte, und beschloss mir bei einem Bananenjogurt zu überlegen, wie ich sie überzeugen konnte, wenigstens noch so lange bei ihr wohnen zu dürfen, bis ich einen besseren Job gefunden hätte.

Ich taperte zum Kühlschrank und überprüfte – wie immer – erst einmal, ob die wenigen Lebensmittel auch noch innerhalb des Verfallsdatums lagen. Dann schnappte ich mir beruhigt das Milchprodukt der Firma Schneeland. Ich aß jeden Tag genau einen Bananenjogurt. Niemals Erdbeere, nicht Himbeere, nicht zwei oder drei. Meine Verachtung für Maracuja-Pfirsich ist übrigens immer noch ungebrochen. Während des Verzehrs verdeutlichte ich mir stets, dass die kleinen Fruchtstücke in Wirklichkeit harmlose, gezüchtete Pilzkulturen sind. Das erhöht den Ekelthrill beim Essen ungemein und gestaltet jeden Jogurt zu einer Herausforderung, was man allerdings nicht unter seinen Kollegen bei der Sparmenia erwähnen sollte, will man nicht als Exzentriker gelten.

Ich war ohnehin ein „Eine-Sache-Typ“. Zum Beispiel gab es nur genau eine Art Bleistift, den ich für meine täglichen Notizen benutzen konnte; einen einzigen Supermarkt, der mir akzeptabel erschien und einen Pornoclip, den ich wie den Bananenjogurt genau einmal täglich konsumierte. Ich hatte mich in ihn verliebt, obwohl er kurz war, aber alles stimmte daran. Er wurde mir nie langweilig und war zugegebenermaßen nicht gerade die Sahnehaube der Erotikvideos.
Er ist so amateurhaft, dass Menschen mit Stil oder Geschmack sich schaudernd abwenden, weil keiner darin gut aussieht. Und an zwei Stellen verschwinden die Protagonisten sogar komplett aus dem Bild. Bis heute könnte ich den Verstand über die Frage verlieren, was in dieser halben Minute geschehen ist. Ich habe mich sogar beim Amateurkanal angemeldet und Luca37 angeschrieben, um es in Erfahrung zu bringen, aber er hat mir nie geantwortet.

Also schaute ich löffelnd die täglichen fünfzehn Minuten an, um danach den Suchbegriff „Selbsthilfegruppe“ in meinen Computer einzugeben. Ich fragte mich, welcher Selbsthilfegruppentyp ich sein könnte. Krankheiten fielen aus. Dafür war ich zu gesund Phobien? Hmm? Zwangsneurosen? Nein, damit hatte ich ja gar nichts am Hut. Für Frauen gab es jede Menge exotisch klingender Stuhlkreise, und fast wünschte ich mir ein gestörtes Kind, denn für die gab es die meisten Problemfelder, aber soweit war ich noch nicht. Unerfüllter Kinderwunsch? Nur Heteros. Heuschnupfen? Allergiker waren in der Regel Langweiler, die glaubten, ihre geschwollene Katzenhaar-Nase interessiere irgendjemand anderen als sie selbst.
Nein, keine Allergiker, entschied ich. Arbeitssüchtige waren mir fremder als Außerirdische, wo ich doch jede Pinkelpause bei der Bank ins Unendliche ausdehnte. Was redeten Inkontinenzler in einer Selbsthilfegruppe miteinander? Und ob eine Sitzung bei erwachsenen ADHSern wohl so enervierend war wie in meiner Vorstellung?
Das einzig halbwegs Attraktive stellte die Selbstinitiative anonymer Glücksspielabhängiger dar. In meiner Fantasie trafen sich dort eine Menge schwerreicher Männer, die ihre Millionen auf Rot oder Schwarz setzten und ein viel verwegeneres Leben führten als ich in meinen kühnsten Träumen. Ich spiele ja nicht mal SOS-Affenalarm um meiner Ehre willen, weil ich so ein schlechter Verlierer bin. Waren Glücksspieler schwul, tendenziell? Vielleicht sollte ich mich direkt an einen der zahlreichen Homo-Coming-Out-AIDS-Aktivisten-Verbände halten, aber ich bin ein Individualist. Ich mag nicht gruppenweise darüber nachdenken, wie schwul und rechtlos ich bin und irgendwelche Aktionen planen, um mich irgendwo zugehörig fühlen zu müssen. Meine Mutter hat mich mal zu einer Schwulenparade gezwungen und ich war schon ganz gerührt, über ihre fürsorglichen Tendenzen, mein Selbstbewusstsein zu fördern.
„Das nächste Mal komm ich mit, Arnie“, log sie aufmunternd. Also bin ich gegangen. Es könnte doch ganz lustig werden, dachte ich, bis ich es mir dann doch anders überlegte. Schließlich kannte ich da keinen und es begann zu regnen.
Wieder zu Hause, musste ich entdecken, dass ihre plötzliche Sorge um meine schwule Identität ein billiger Trick war, um eine Internetbekanntschaft aus einem One-Night-Stand-Portal zu vertiefen … nun ja, ich möchte nicht ins Detail gehen, wie ich die beiden vorfand. Eltern sollten so etwas nicht tun. Sie sollten damit aufhören, sobald sie Kinder bekommen haben.
Kurzum: Soziales Engagement entspricht nicht meinem energie- sparenden und Fantasiewelten-meißelnden Wesen. Meistens mangelt es mir schon an der notwendigen Motivation, ins Kino zu gehen. Es gab so viel Interessanteres. Zum Beispiel die Anonymen Glücksspieler. Ich würde etwas Neues, Aufregendes lernen und meine Mutter beruhigen können. Obendrein bestand die Chance mit einem Roulette spielenden Supermann durch die Welt ziehen und Abenteuer zu erleben. Als Nächstes informierte ich mich über die Rouletteregeln und lernte sie so gut es ging auswendig, inklusive korrekter Aussprache. Es war ein gutes Gefühl eine Gruppe aufzusuchen, deren Probleme man nicht teilte.

Die Kernproblematik ist nicht, dass ich niemanden abkriegen könnte, wie man das so salopp formuliert. Ich bin keine Schönheit, aber ich bin jetzt auch nicht so abartig, dass niemand mir seinen Pullermann freiwillig einführen würde oder umgekehrt, ich habe nur zwei große Makel, die es mir schwer machen, jemanden zu finden: Ich bin leider Gottes verklemmt, was so weit geht, dass ich am liebsten mit Unterhose baden würde, aber im ironischen Gegensatz dazu innerlich total pervers. Außerdem bin ich sexuell devot, aber das würde ich niemals jemanden gestehen. Das ist so peinlich. Zum Zweiten habe ich überdimensionierte Ansprüche. So weit, so gut. Hohe Ansprüche kann man sich dann leisten, wenn man ihnen selber entspricht, aber nicht, wenn man notorisch faul, einzelgängerisch und ein wenig fixiert auf gewisse Abläufe ist. Ich denke, das sind liebenswerte kleine Macken, aber mein erster und letzter Freund attestierte mir am Ende unseres gemeinsamen Jahres, komplett plemplem zu sein. Was natürlich nicht stimmt. Individualistisch: ja. Verklemmt auch. Ängstlich? Ein wenig, aber nicht verrückt. Keinesfalls.
Ich mag es eben, wenn die Dinge geordnet, nach Größe aufgestellt oder farblich abgestuft sind. Ist das ein Verbrechen? Ich fand auch, mein Haar sollte gut liegen, und damit es das tat, brauchte ich natürlich die zahlreichen Stylingprodukte, die meine Mutter so störten.
Ich begab mich ins Badezimmer, rückte meine Fläschchen dicht aneinander und stellte das Pflegeöl, die Wunderkur und den Haarspitzenstabilisator meiner Mutter demonstrativ vor meine eigenen Produkte, um ihr meinen guten Willen zu zeigen.

Meine Mutter war sehr erleichtert, als ich ihr erzählte, nun eine Therapiegruppe aufsuchen zu wollen. „Was ist es denn für eine?“, wollte sie wissen und ich behauptete: „Ungesellige Postjuvenile bis 25 mit invasiven psychoakuten Stagnationstendenzen.“
„So was gibt es?“
Ich nickte bedächtig.
„Und wann sagtest du, ziehst du konkret aus?“, hakte sie nach.
„Nun – Hartmut, der Gruppenleiter, ein ausgebildeter Sozialtherapeut“, sofort entstand das Bild eines schnauzbärtigen Fünfzigjährigen mit durchgrautem Zopf in Hochwasserhosen in meinem Hirn, „sagte, das vorrangige Ziel sei, ein eigenständiges, sozial eingebundenes Leben zu führen.“ Das wollte sie hören. Die Selbsthilfegruppenforschung hatte mich mutig gemacht, psychologisches Halbwissen selbstbewusst vorzutragen. Ich klang wirklich überzeugend, dafür, dass ich weder ein geselliges noch ein sozial eingebundenes Leben anstrebte.
„Es ist aber nicht so wie damals, als du behauptest hattest, deine Klassenlehrerin habe gesagt, man dürfe dein außerordentlich kreatives Talent und deinen überdurchschnittlichen IQ nicht in die Mittelmäßigkeit zwingen, indem du am Sportunterricht teilnehmen musst? Und anständige Mütter hätten sich schon längst um ein Langzeit-Attest bemüht?“, fragte sie misstrauisch.
Ich wurde rot, als ich an den fingierten Brief dachte, den ich auf einem extra angeschafften Bogen Büttenpapier verfasst hatte, weil ich überzeugt war, Germanistinnen schrieben nur auf handgeschöpftem Papier. Meine Schrift hatte ich schnörkelig verstellt. „Nein. Heute bin ich erwachsener. Ich bin innerlich mehr als bereit, dich zu verlassen. Ich brauche nur noch einen Anstoß von außen. Sagt Hartmut.“
„Gott sei Dank“, murmelte meine Mutter und streifte ihre Pumps ab.
Unter Aufbietung all meiner Disziplin unterdrückte ich den Zwang, sie parallel nebeneinander zu stellen und meine Mutter für die abgewetzten Stellen zu rügen. Ein wenig Lederöl und sie sähen aus wie neu. Wir verabschiedeten uns; sie, um ein Bürogebäude zu putzen und ich, um mich in Hartmuts väterliche Arme nehmen lassen.

Ich weiß nicht, wann mir einfiel, an diesem Abend die Anonymen Glücksspieler aufzusuchen, so sehr hatte ich mich bereits auf die Ungeselligen Postjuvenilen bis 25 versteift.
Das ist überhaupt ein weiteres Problem: Ich stelle mir alles viel zu lebhaft vor. So auch die Selbsthilfegruppe, für die ich mir eine neue Krawatte gekauft hatte. Silbergrau mit cremefarbenen Punkten. Ich wollte ja schließlich nicht gegen die Roulettemilliardäre abstinken, die auf Kreuzfahrtschiffen und in eleganten Kasinos ihr Geld verballerten.

Die Anonymen Glücksspieler waren der größte Fehler meines Lebens. In meiner Naivität und auch meiner Distanz zu derartigen Dingen bedachte ich nicht die Existenz von Glücksspielautomaten in Kneipen und Zentren des Abschaums, so genannten Spielhallen, die ich nie betrat. In meinem korrekten Anzug rückte ich ungewollt in den Mittelpunkt des Geschehens der tendenziell ein wenig verlotterten Gruppe. Auch der Selbsthilfe-Club-Raum war alles andere als elegant oder klinisch eingerichtet. Die Wände waren vergilbt und geziert mit motivierenden Postern. An der Wand hing das Bild einer venezianischen Gondel im Sonnenaufgang, unter der stand: „Heute ist der erste Tag vom Rest meines Lebens.“
Mir drang auch erst hier ins Bewusstsein, dass echte Süchtige ernste finanzielle Probleme schultern müssen, obwohl ich vorher hätte drauf kommen können. So lächelte ich höflich in die Runde und nickte interessiert, während die Anderen über ihren Kampf gegen die Sucht nach dem Spiel an blinkenden Zufallskästen berichteten.
Hartmut hieß Claudia und war sehr verständnisvoll, aber sie trug keinen Schnäuzer, was mir unangenehm auffiel. Mir gegenüber saß ein Mann, der mich unverhohlen musterte. Vielleicht ein paar Jahre älter als ich. Er trug Schnürturnschuhe mit Löchern, und eine kleine Lücke teilte seine rechte Augenbraue, was ich durchaus charmant fand. Er beteiligte sich nicht am Gespräch, sondern saß schweigend mit verschränkten Armen da. Sein Ohr war so silber-beringt, dass ich mich fragte, ob er beim Gehen den Kopf in die andere Richtung neigte, um das Gewicht auszugleichen. Er sah aus, als besäße er keinen Spiegel, aber wirkte auf seine eigene Art cool. Ich zählte acht Silberringe, und gerade als ich meine Spekulationen über mein Gegenüber gedanklich weiter vertiefen wollte, war ich an der Reihe.
„Magst du etwas über dich erzählen?“ Claudia hatte eine sehr warme und erbauliche Stimme. Ich wollte am liebsten zwanzig bemitleidenswerte Störungen erfinden, um ihr einen kleinen Gefallen zu tun. „Äh.“ Oje. „Also, ich heiße Arnold und meine Mutter will, dass ich endlich ausziehe.“
Mist. Falscher Text. Der Typ gegenüber zog die zerbrochene Braue aufwärts, und die Anderen fragten: „Wie alt bist du denn?“, oder „Du siehst aus, als ob du eine Beschäftigung hast.“
„Ruhe. Jeder darf reden, ohne dass wir ihn unterbrechen.“ Claudia lächelte mich an und ich fuhr fort: „Was nicht geht, weil ich durch meine Spielsucht all mein Geld verloren habe.“ Logisch, oder? Ach so, verständnisvolles Nicken. „Na ja, das war’s auch schon.“
„Wir freuen uns, dass du da bist. Vielleicht magst du erst einmal nur ein bisschen zuhören und dann vielleicht ein Stück weit mehr von dir erzählen, Arnold.“
„Ja, das wäre ... also, genau.“ Meine Hände waren schweißnass, als Claudia uns eine Zigarettenpause gönnte.

In der Pause ging ich. Sofort und ohne mich umzuwenden. Ich trat aus dem Ladenlokal. „Ich geh eine Runde um den Block. Ich gewöhne mir gerade das Rauchen ab“, informierte ich die desinteressierte Gruppe mit gespielter Heiterkeit und fügte noch hinzu: „Das war sehr erbaulich für mich. Ganz toll. Ich höre jetzt mal in mich rein, was das mit mir macht.“ Dann bemühte ich mich, ruhig zu gehen, anstatt zu rennen.
Als ich mich in Sicherheit wähnte, atmete ich auf und erstarrte dann zur Salzsäule, weil sich eine Hand auf meine Schulter legte. „Falls du eine günstige Wohnung suchst: hier.“
Langsam drehte ich mich um. Der Ohrringtyp. Konnte der bei all dem Metall im Kopf nicht beim Gehen scheppern, anstatt mich so zu erschrecken? Er streckte mir die Hand entgegen, auf der eine Visitenkarte lag. „Uh. Danke. Äh. Suchst du einen Nachmieter?“
Vermutlich wollte er mich auf seiner Räumungsklage sitzen lassen.
„Nein, ich suche einen Mieter.“
„Was ist das für eine Wohnung?“
„Eine für Verzweifelte“, antwortete er und grinste auf eine gruselig anziehende Weise bösartig. „Aber sehr günstig.“
Dunkle Schatten lagen unter seinen Augen, aber sein Haarschnitt gefiel mir. „Ich denke darüber nach.“
Er lächelte mich an, als glaubte er mir nicht, und wandte sich zum Gehen. Sofort fühlte ich mich schuldig, weil ich nicht wirken wollte, als wäre seine Wohnung mir nicht gut genug. „Also, ich würde sie mir liebend gerne ansehen.“
Er winkte ab. „Melde dich einfach bei Interesse. Ich muss wieder zur Gruppe!“
„Ich heiße übrigens Arnold“, rief ich ihm hinterher, als hätte ich das vorhin nicht schon erwähnt.
„Herzlichen Glückwunsch“, kam es zurück, und tief verwirrt steckte ich die Karte in die Innentasche meines Jacketts.
Die Begegnung mit einem milliardenschweren Glücksspieler hatte ich mir irgendwie anders vorgestellt …
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