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Irgendwo gibt es immer jemanden, der dich gerade vermisst

Kurzbeschreibung
GeschichteSchmerz/Trost, Liebesgeschichte / P18 / MaleSlash
28.10.2012
05.03.2019
10
26.270
1
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Dieses Kapitel
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28.10.2012 3.691
 
Hallo und willkommen zu meiner neuen Geschichte. Ich hoffe, sie wird euch gefallen. Auf meinem PC war sie schon fertig geschrieben, aber dennoch werdet ihr ein wenig auf die einzelnen Kapitel warten müssen - ich habe sie noch einmal umgeschrieben. Über eure Rückmeldungen freue ich mich, aber ich bettele auch nicht darum. Gute Unterhaltung beim Lesen.

***

Mit einer ärgerlichen Handbewegung klappe ich meinen Notizordner zu. Da sitze ich nun schon bei der „Goldenen Möwe“, und trotz meines Lieblingsburgers will mir so recht nichts für meine neue Geschichte einfallen.

Genervt schiebe ich mit dem Fuß meinen Rucksack zurecht, um den Ordner hineinzustecken, als ich einen dumpfen Schmerz an meinem Bein fühle. Sekundenbruchteile später stürzt ein junger männlicher Körper an meinem Gesicht vorbei und fällt mit dumpfem Poltern auf den Boden, während der Inhalt seines Getränkebechers sich über mein Sweatshirt entleert.

Besorgt beuge ich mich über den jungen Mann, der dort vor meinen Füßen liegt.
„Ist Ihnen was passiert?“ frage ich.

Er schüttelt seine blonden Dreads. „Ist schon okay“ murmelt er und betrachtet fasziniert, wie die Cola von meinem Shirt auf den Boden tropft. „Aber jetzt hab ich Ihnen das Shirt total versaut!“

Ich zucke mit den Schultern. „Erstens ist das ein altes, und zweitens habe ich Ihnen  wohl ein Bein gestellt. Tut mir leid ...“ Ich reiche ihm die Hand, um ihm aufzuhelfen.

Für einen Moment treffen sich unsere Blicke. Dann sehen wir uns nur noch verblüfft an.
„Meine Güte ...“ entfährt es mir. Dem jungen Mann bleibt der Mund offen stehen.
„Ha … hallo, Herr Schilling ...“ stottert er.
„Sascha?“
„Genau der!“ erwidert er grinsend.
„Und du kannst mich jetzt ebenfalls duzen, ich bin schließlich nicht mehr dein Lehrer. Ich heiße Georg.“
Er lächelt unsicher. „Sie sind … du bist echt nicht sauer wegen deinem Shirt?“
„Nein, Sascha. Du hast mir früher oft genug in der Pause Kakao übers Hemd geschüttet“ lache ich.
„Dass du mich jetzt damit aufziehen musst“ grummelt Sascha, doch sein Missmut ist nur gespielt, das sehe ich seinen Augen an. Schöne, blaue Augen. So schön, dass ich fast wieder davor flüchten muss, wie damals …

„Dann gehen wir erst mal auf die Toilette und sehen, ob dein Sweatshirt noch zu retten ist“ lächelt er, und bevor ich noch irgendetwas sagen kann, zieht er mich schon am Handgelenk fort. Ich schaffe es gerade noch, meinen Rucksack zu schnappen, bevor ich hinter ihm her stolpere.

Sascha ist inzwischen ebenso groß wie ich, bemerke ich im Gehen. Er schiebt mich auf die Herrentoilette, und während ich dort mein Shirt ausziehe, kramt er einen Moment im Rucksack und zieht einen neuen Hoody daraus hervor. „Hier, hab ich eben gekauft, müsste dir passen“ bemerkt er, während er ihn mir in die Hand drückt.

„Aber das kann ich doch nicht annehmen …“ versuche ich abzuwehren. Sascha grinst mich nur an und steckt mein Shirt zusammengerollt in seinen Rucksack. „Kannst es mir ja zurückgeben, und ich wasche deins. Okay?“ Verblüfft nicke ich und ziehe mir den Hoody über. Schönes Teil, gefällt mir sogar, dunkelblau und mit Aufschrift.

Ein wenig später, nachdem er sich eine neue Cola geholt hat, sitzen wir noch zusammen. Ich gebe Sascha meine Visitenkarte, und im Gegenzug schickt er mir eine SMS, damit ich seine Handynummer speichern kann, was ich sofort tue.

„Darf ich dich was Persönliches fragen?“ beginnt Sascha hierauf unsicher.
„Klar, ob ich darauf antworte, entscheide ich selbst“ erwidere ich. Sascha grinst mich schon wieder so spitzbübisch an, dass ich ihn am liebsten … stopp. Nicht schon wieder. Alles auf Null.

„Warum bist du eigentlich von unserer Schule weggegangen?“
Seine unschuldige Frage trifft mich bis ins Mark. Natürlich könnte ich ihm jetzt die Wahrheit erzählen … er ist jetzt achtzehn, oder müsste es bald werden, er ist nicht mehr mein Schüler … doch ob er es verstehen würde? Ich beschließe, diplomatisch zu bleiben.

„Ich bin nicht gut mit dem Direktor ausgekommen, und dann hatte ich ein Angebot von dieser Privatschule … es bot sich halt an.“
Zu meiner Erleichterung schluckt der Junge das. „Bist du da jetzt Lehrer, also an dieser Privatschule?“ Er nimmt den Becher und saugt kurz am Strohhalm, während er mich interessiert anschaut.
Ich schüttele mit dem Kopf. „Nein, die mussten letztes Jahr schließen. Seitdem arbeite ich selbstständig, und schreibe Bücher.“

Sascha fällt fast der Becher aus der Hand. „Wow! Du schreibst Bücher!“
„Ja, nur leider will die keiner kaufen“ entgegne ich missmutig.
Er lächelt tröstend, streichelt mir leicht über den Arm. Da ist er wieder, der liebe Junge, der anderen hilft, obwohl er selbst doch viel mehr Unterstützung verdient hätte. Das erinnert mich an etwas, und wie um von seiner kleinen Geste abzulenken, frage ich:
„Und wie stehts bei dir?“
Sein Gesicht verfinstert sich. Mit einer fast schon heftigen Bewegung wickelt er das Papier von seinem Burger, beißt hinein. Wahrscheinlich braucht er jetzt einen Moment, denke ich und spiele ein wenig mit der leeren Pommestüte auf meinem Tablett.
Schließlich antwortet Sascha: „Bin von zuhause weg, in eine Jugend-WG. Kurz nachdem du von unserer Schule weggegangen bist, bin ich zum Jugendamt, wie du es mir geraten hattest. Die haben mich sofort da rausgenommen und mir die WG vermittelt.“
Mich schaudert, als ich an das „da“ denke, mich an die blauen Flecke und die Schnitte auf seinen Armen erinnere, die er so mühsam zu verstecken suchte, an sein häufiges Fehlen … ich muss schlucken und kann nur nicken. Meine nächste Frage klingt darum auch ein wenig gepresst.

„Gehst du … hrm … noch zur Schule?“
„Na sicher doch! Du hast mir damals übrigens sehr geholfen, als ich alles aufgeben wollte.“
„Das war schon richtig so, ich habe doch gesehen, was an Begabung in dir steckt. Leistungsfächer?“
„Kunst und Sport“ grinst er.
„Nee, nä? Jetzt ver … ah … äppelst du mich aber!“
„Klar, Herr Lehrer. Also, klar veräppel ich dich. Ne, im Ernst, Mathe und Physik … deine beiden Fächer.“ Ich fühle mich ein bisschen geschmeichelt. Aber das ist genau die richtige Wahl für ihn, wie ich Sascha auch mitteile.

Erst als wir uns vor dem Mäcces verabschiedet haben und zu unterschiedlichen Straßenbahnhaltestellen gehen, fällt mir ein, was ich ihn noch alles fragen wollte. Naja, vielleicht wäre das auch ein wenig aufdringlich gewesen.

Zuhause angekommen, stellen sich die Ideen sofort wieder ein, und ich schreibe mit Elan das neue Kapitel meiner Story.

***

Blaue Augen. Strahlend blaue Augen, mit einem blonden Wuschelkopf darüber. Ein einziges Augenpaar von fünfundzwanzig, die mich im Unterricht neugierig, interessiert, manchmal sogar begeistert anblicken, während die anderen vierundzwanzig gelangweilt oder verständnislos dreinschauen. Diese Augen gehören einem vierzehnjährigen Sascha, der zwar nie seine Hausaufgaben macht, aber dafür schon Gleichungssysteme mit mehren Unbekannten auf Anhieb fehlerfrei löst. Einem Jungen, den man einfach gernhaben muss: frech, lausbübisch, intelligent – und an anderen Tagen wieder verschlossen, in sich gekehrt und missmutig.
„... und so stellte Sir Isaac Newton fest, dass Massen sich gegenseitig anziehen.“ beendet er seinen kurzen Vortrag. Alle anderen Schülerinnen und Schüler rollen mit den Augen, und Thorben, das Sport-Ass der Klasse, murmelt sogar: „Klugscheißer“. Ich sehe nur Sascha an. „Sehr gut“ kommentiere ich und schreibe fein säuberlich eine „1“ in mein Notizbuch.
In der Pause sehe ich, wie Sascha auf der Lehrertoilette verschwindet. Ich seufze. Selbst wenn er mein Lieblingsschüler ist, doch das geht eindeutig zu weit. Ich gehe hinter ihm her, um ihn zur Rede zu stellen. Er steht vor dem Waschbecken, hat sich die Ärmel seines Pullis hochgeschoben und betrachtet seine Arme. Als ich darauf sehe, erschrecke ich. Sie sind voller Hämatome und mit feinen Schnittwunden übersät. Ich räuspere mich, Sascha dreht sich um, sein Blick verrät Panik. Auf seinen Wangen sind feuchte Spuren. Er hat geweint. Ich gehe auf ihn zu, nehme ihn in die Arme, als es klingelt …


Verschlafen suche ich mein Handy auf dem Nachttisch und stelle den Weckton ab. Halb sechs. Warum muss mein derzeitiger Auftraggeber auch so weit weg sein. Naja, heute ist Freitag, und nächste Woche habe ich frei. Ab ins Bad.

Später im Zug überlege ich, warum ich ausgerechnet von Sascha geträumt habe. Weil wir uns gestern zufällig getroffen haben? Ich treffe öfter ehemalige Schüler, doch für gewöhnlich träume ich nicht von ihnen. Das sind aber auch nicht die, wegen denen ich die Schule und schließlich sogar den Beruf gewechselt habe.

Das Seminar, das ich gerade halte – Mathematik für Studienbewerber – macht Spaß, die Studenten sind nett … doch ich ertappe mich mehrmals bei dem Gedanken, wie gerne ich jetzt Sascha hier im Kurs sitzen hätte. Obwohl – so ein Seminar hat er wahrscheinlich überhaupt nicht nötig.

Auf dem Heimweg geht der Junge mir nicht aus dem Sinn. Wie viel von seinem Wesen ist dem jungen Mann wohl geblieben, der er jetzt ist? Was konnte er entwickeln, was wurde vernachlässigt? Schlagartig wird mir bewusst, dass ich schon wieder als Pädagoge denke. Das sollte ich bei Sascha jedoch nicht mehr. Er ist nicht mehr mein Schüler – und das ist auch gut so, es wäre zu gefährlich, für ihn wie für mich. Seufzend vertiefe ich mich wieder in den Roman, den ich gerade lese.

***

Am nächsten Tag klingelt gegen Mittag mein Handy. Sascha ist dran.

„Dein Shirt ist wieder sauber“ informiert er mich nach einer kurzen Begrüßung.
„Oho, du hast es gewaschen?“
„Nee, die Waschmaschine in der WG“ lacht Sascha.
„Blödmann“ grinse ich ins Telefon und ertappe mich bei dem Wunsch, dass diese Flachserei ewig so weitergehen möge.
„Soll ich es dir vorbeibringen?“ bietet er mir an.
„Ups, auf der Karte steht ja meine Adresse“ fällt es mir viel zu spät ein.
„Gee – nau, und von jetzt an werde ich dich stalken, alter Mann!“
„Hey, Frechdachs, nicht in dem Ton“ lache ich, während es bereits klingelt. Als ich die Tür öffne, ist es tatsächlich Sascha, das Handy noch am Ohr.
„Du bist ja fix“ staune ich gekünstelt. „Ich dachte immer, Beamen wäre noch gar nicht erfunden?“

„Das nicht, ich bin gerade aus dem Hyperraum gefallen“ grinst der großgewachsene Junge mit den blonden Dreadlocks und spaziert unbefangen an mir vorbei in meine Wohnung. Ich weiß nicht, ob ich das jetzt zum Lachen finden oder schimpfen soll – schließlich sieht es bei mir jederzeit recht chaotisch aus. Sascha scheint das jedoch überhaupt nichts auszumachen. Er nimmt seinen Rucksack von den Schultern und zieht das frisch gewaschene Sweatshirt hervor.
„Hier, bitteschön, mit einer Entschuldigung für das Begießen.“
„Danke.“ Ich nehme das Kleidungsstück entgegen, bringe es in mein Schlafzimmer und gebe ihm seinen neuen Hoody zurück.
„Ich bin allerdings noch nicht zum Waschen gekommen“ gestehe ich.
„Das macht nichts.“ Hastig räumt Sascha seinen Pulli in den Rucksack. Dann scheint er ein wenig herumzudruchsen.
„Ja? Du willst doch irgendwas loswerden?“ versuche ich ihm zu helfen.
„Ähm … also … ja ...“
„Dann raus damit, bevor du dran erstickst, wäre schade um so einen netten Kerl.“
Er lächelt mich dankbar an. „Hast du heute Abend schon was vor?“
„Nichts Besonderes.“
„Ich hab ein paar Freunden erzählt, dass ich dich zufällig getroffen habe, und sie würden auch gerne mal wieder was von dir hören. Hast du Lust?“ Er schaut mich erwartungsvoll an.

In meinem Kopf schwirrt es. Ich überlege kurz, schüttele mit dem Kopf. „Entschuldige, ich bin noch nicht so weit.“
Ein wenig verletzt schaut Sascha mich an, bis er den Sinn meiner Worte begreift. „Oh,“ sagt er leise, „ich wusste nicht, dass es dich so mitgenommen hat ...“
Ich kann nur stumm nicken. Er streichelt mir kurz über den Rücken, dann greift er nach seinem Rucksack. „Ich glaube, ich gehe besser wieder“ meint er resigniert.
„Sascha, bitte. Sei mir nicht böse, und sag deinen Freunden, dass ich sie gerne mal treffen würde … aber ich brauche noch ein paar Tage, okay?“
Er nickt und lächelt traurig. „Klar. Ich dachte nur … ich hab mich so gefreut, dich wiederzusehen ...“
„Hey, ich hab mich auch gefreut, Sascha“ lächele ich zurück. „Sogar wenn du mich zur Begrüßung mit Cola überschüttet hast.“
Jetzt muss er doch grinsen. „Dann lass es mich doch wieder gut machen, Georg. Nein, okay, ich sag Thorben und Laura Bescheid …“
Ich glaube, mich verhört zu haben. „Thorben?“ frage ich ungläubig. „Der dich in der achten Klasse als Klugscheißer und Streber beschimpft hat?“
„Tja, Menschen können sich ändern“ grinst Sascha. „Inzwischen ist er mein bester Freund.“
„Das ist … überraschend“ stelle ich fest, obwohl … Naja, pubertäre Rangkämpfe lassen halt nach, wenn die Jungs und Mädels älter werden.

Sascha winkt mir ein kurzes „Tschüss“ zu und geht wieder. Was war das denn jetzt? Ich stehe ratlos vor der Tür, die er hinter sich zugezogen hat. Früher machte er das jedesmal so, wenn jemand seine … Tränen nicht sehen sollte …

Den Rest des Tages verbringe ich damit, im Internet nach einem neuen Lokal zu suchen. Meine bisherige Lieblingskneipe hat den Besitzer gewechselt, und damit das Publikum. Eine Neueröffnung fällt mir auf, ein wenig weit zwar, jedoch gut mit der Straßenbahn zu erreichen. Ich lasse mir Zeit bei der Auswahl meiner Klamotten, mache mich ein wenig zurecht (soweit das bei einem Mittdreißiger noch geht) und fahre danach in die Stadt.

***

Die Location gefällt mir gut – und ja, das Lokal heißt tatsächlich „The Location“. Es ist eine Mischung aus Kneipe, Bistro und Billardlokal, ein bisschen amerikanisch, doch das gefällt mir. Erinnert mich an meine Zeit in den USA. Ich setze mich erst einmal an die Bar, bestelle mir ein Bier und versuche erfolglos den Gedanken zu verdrängen, dass ich ja jetzt mit Sascha und seinen Freunden hier sitzen könnte. Okay, das Publikum hier ist gemischt, ich sehe einige gleichgeschlechtliche Paare, und ebenso Hetero-Paare und Singles wie mich. Ich wende mich meinem Thekennachbarn zu, einem Mann in meinem Alter, und beginne ein unverbindliches Gespräch. Eine Weile unterhalten wir uns, bis sich ein junger Brite auf Olivers andere Seite setzt und ihn sehr offensichtlich anflirtet. Na toll, wieder mal zu spät gemerkt, auf welcher Seite das Brot gebuttert war, seufze ich innerlich und bestelle mir ein zweites Bier.

Als mein Blick erneut zur Tür streift, erstarre ich beinahe. Vier junge Leute betreten das Lokal, zwei Männer und zwei Frauen. Die jungen Frauen kenne ich nicht, die Jungs hingegen sehr wohl. Blonde Dreadlocks fallen dem einen bis zur Hüfte, der andere, ein breitschultriger, fast zwei Meter großer Hüne, hat seine einst braunen Haare zwar schwarz gefärbt und trägt grüne Strähnen darin, doch das runde Gesicht verrät noch die ein wenig einfältig wirkenden Züge. Sascha und Thorben. Ich versuche, mich zu ducken, aber der Zwei-Meter-Mann überblickt kurz die Menge und erkennt mich sofort. Erstaunt stupst er seinen besten Freund an, und gemeinsam stürzen die vier förmlich auf mich zu.

Thorben findet – zu meiner Überraschung – als erster die Sprache wieder. „Herr ...“ will er mich begrüßen, doch ich winke ab. „Ab jetzt nur noch Georg für euch“ lächele ich ihn unsicher an. Er reicht mir seine Pranke, und ich habe Sorge, sie heil wiederzubekommen, doch Thorbens Händedruck ist zwar fest, aber nicht gewaltsam. Ein wenig verwundert bin ich schon, dass er sich ganz offensichtlich freut, mich zu treffen.

Jetzt tritt Sascha ebenfalls auf mich zu und klopft mir auf die Schulter. „Willkommen im Land der unwahrscheinlichen Zufälle“ lacht er. Ich kann nicht mehr anders, ich springe vom Barhocker und nehme ihn in die Arme. Ungestüm drückt er mich zurück und flüstert in mein Ohr: „Jetzt ist es fast so wie früher.“

Dann werde ich den Mädchen vorgestellt. Laura, die Blonde, ist erst nach meinem Weggang zugezogen, und ihre beste Freundin Nina ging in Saschas und Thorbens Parallelklasse – daher kannte ich die beiden nicht. Die jungen Leute schleppen mich gleich zu einem Tisch, den wir mit Beschlag belegen. Unvermittelt finde ich mich auf der Bank am Kopfende wieder, sozusagen als Vorsitzender und eingekeilt zwischen den jungen Leuten, was mir zunächst ein leichtes Unbehagen verursacht. Doch das verfliegt nach ein paar Minuten unverbindlichen Geplauders.

Die Jungs quetschen mich indessen unbarmherzig aus, und ich revanchiere mich mit ebenso gezielten Fragen. So erfahre ich, dass Thorben vor kurzem volljährig geworden ist, dass er Sport und Englisch studieren will, und dass die vier öfter zum Billardspielen hierher kommen. Sascha, der neben mir sitzt, hält sich währenddessen sehr zurück und mustert mich verstohlen, mitunter mit einem flüchtigen Lächeln, dann wieder sehr nachdenklich. Während ich mich den Mädchen zuwende, holt Thorben eine Runde Getränke für uns alle – was aufgrund seiner Statur sehr schnell geht.

***

Später tun wir das, wozu die jungen Leute hergekommen sind – wir spielen Billard. Zunächst eine Runde jeder gegen jeden, was – wie Sascha blitzschnell berechnet hat – zehn Spiele dauert. Das kürzeste davon bestreiten Sascha und ich, und wir gehen punktgleich aus dem Match hervor.
„Na, da hat mein Physikunterricht ja Früchte getragen“ zwinkere ich Sascha zu.
„Er war ja auch immer dein Lieblingsschüler“ mault Thorben.
„Hey, hätteste einfach aufgepasst, dann wärst du vielleicht auch Lehrers Liebling gewesen“ springt Sascha mir zur Seite. Oh, was ist das denn, er nimmt mich gegen seinen besten Freund in Schutz? Aber der Hüne nickt nur einsichtig. „Hast ja Recht, Kleiner, ich bin halt ne dumme Nuss.“
„Soo hart würde ich das nicht sagen, Thorben.“ Ich klopfe ihm begütigend auf die Schulter. „Bist halt mehr der Sprachentyp.“ Er lächelt mir dankbar zu. „Und du bist immer noch der nette Kerl, wie damals in der Schule“ gibt er zurück. „Sorry, dass wir dich manchmal geärgert haben ...“
„Na, da bin ich Schlimmeres gewohnt“ lache ich. „Wollen wir was essen?“

Wir suchen unseren Tisch wieder auf und bestellen Essen. Auf Thorbens Anraten nehme ich wie er ein Steak, das wirklich sehr gut ist. Die Mädchen entscheiden sich für Salate, und Sascha nimmt ein Riesenschnitzel, bei dem ich vom Anschauen schon satt bin, mit Pommes dazu. Aber er verdrückt es ohne größere Probleme.

Als wir fertig gegessen haben und uns gerade wieder zuprosten wollen, beugt Thorben sich über den Tisch und sagt halblaut zu Sascha: „Schau mal, der süße Typ dahinten, wär der nicht was für dich?“

Saschas Reaktion kommt für mich völlig unerwartet. Er springt auf, schüttet seinem besten Freund das halbvolle Glas Mineralwasser ins Gesicht und rennt zur Tür. Ich komme gerade noch dazu, hinter ihm herzustürzen und finde ihn draußen, wo er sich mit beiden Händen an der Wand des Nachbarhauses abgestützt hat. Die Ärmel seines schwarzen Pullis sind hochgerutscht, und zu meiner Erleichterung bemerke ich, dass er sich seit langer Zeit nicht mehr geritzt hat. Vorsichtig spreche ich ihn an.
„Sascha?“ Keine Antwort.
Ich trete einen Schritt näher. „Sascha?“ frage ich ein wenig eindringlicher. Er wendet mir den Kopf zu.
„Hm?“
Diesmal kann ich ihn nicht mehr so einfach in die Arme nehmen. Er ist kein Junge mehr, und ich bin nicht mehr sein Lehrer.
„Was ist los? Was war das gerade?“ frage ich ruhig.
„Das ist Thorbens verdammt liebenswürdige Art, mich zu verkuppeln“ stößt der Blonde gereizt hervor. „Und diesmal hat ers sogar geschafft, mich vor dir zu outen.“

Jetzt muss ich mich erst mal neben ihm an die Wand lehnen und fische meine Zigaretten aus der Hosentasche. Sascha stößt sich von der Wand ab und fragt herausfordernd: „Krieg ich auch eine?“
„Klar, nimm dir nur.“ Ich reiche ihm das Päckchen und gebe ihm Feuer. In meinem Kopf jagen die Gedanken einander. Das ist nicht mehr der Sascha, den ich einmal kannte. Drei Jahre sind eine lange Zeit … jedoch nicht lang genug, um erwachsen zu werden. Nachdenklich ziehe ich an meiner Zigarette und warte ab. Schließlich beginnt Sascha zu reden.
„Ja verdammt, ich bin schwul. Thorben und die Mädels haben kein Problem damit, der Rest der Schule schon. Jedenfalls hatte ich Thorben gebeten, dass er es dir nicht sagt, falls wir uns treffen, aber mitdenken ist echt nicht seine Stärke ...“ Hastig nimmt er einen Zug aus seiner Zigarette, sieht zu Boden.

„Dachtest du, ich hätte ein Problem damit?“ frage ich den jungen Mann. Er nickt.
„Schau mich bitte an, Sascha. Sehe ich gerade so aus, als hätte ich Probleme mit Schwulen?“
Er schüttelt seine Dreads zurecht und sieht mir ins Gesicht. „Nein, nicht wirklich“ räumt er ein.
„Eben, sonst käme ich ja mit mir selber nicht mehr klar“ bemerke ich leichthin.
Es dauert einen Augenblick, bis er versteht, dann landet seine halb aufgerauchte Zigarette auf dem Boden.
„Du … du auch?“ stottert er verwirrt. „Dann hätte ich dir das damals …“ er bricht unvermittelt ab, und ich führe seinen Satz fort
„... überhaupt nicht verschweigen müssen, dass du schwul bist? Nein, hättest du nicht. Du musstest doch auch nicht alles sagen, ich war ja nur dein Lehrer und nicht dein ...“ Jetzt muss ich abbrechen und das gefährliche V-Wort hinunterschlucken. Sascha lacht freudlos auf und zerquetscht die arme Kippe mit einem Fuß. „Leider nicht mein Vater“ sagt er verbittert. „Denn sonst hätte ich wahrscheinlich eine schönere Kindheit gehabt und wäre nicht geschlagen und getreten worden.“ Er sieht auf. „Gehen wir wieder rein? Ich will mich bei Thorben entschuldigen.“
Kopfschüttelnd folge ich ihm.

***

Drinnen reden die beiden Mädels auf Thorben ein, der sich inzwischen abgetrocknet hat. Sascha geht auf seinen Freund zu und reicht ihm die Hand. „Sorry, bin mal wieder ausgerastet“ sagt er leise.
„Ist schon okay, war ja diesmal nur Wasser“ grinst Thorben und schüttelt die dargebotene Hand.
„Oh, macht er das öfter?“ frage ich interessiert.
„Nur so zwei- bis dreimal die Woche“ antwortet der Recke ungerührt. „Aber das ist okay, solange es ihm hilft, und meistens hab ichs ja verdient.“ Ich staune über Thorbens Gutmütigkeit. Er muss Sascha wirklich sehr gern haben.

„Hattet ihr mal was miteinander?“ frage ich Thorben nebenher, während wir uns setzen.
„Himmel, nein“ lacht der Angesprochene. „Wir sind wie Brüder, und außerdem bin ich stockstraight!“
„Und ich ich stehe nicht auf Muskelprotze ohne emotionale Intelligenz“ grinst Sascha.
„Ja, hab dich auch lieb, Schätzchen“ lacht Thorben zurück und macht sich auf, um neue Getränke zu besorgen.

Ich schaue in die Runde und beginne : „Und was erfahre ich heute noch alles so? Der Pubertätsflegel Thorben hat sich in einen gutmütigen Hünen gewandelt, der für seinen besten Freund das Opfer der Aggression macht. Der kluge, zurückhaltende Sascha ist zur Dramaqueen mit Sprengfallenfunktion mutiert. Was ist denn mit den anderen? Felix, Florian, Benjamin?“
„Och die“ winkt Sascha ab. „Das sind nur noch notengeile Streberlein, die um die Lehrer rumschleimen.“
„Du urteilst ganz schön hart, junger Freund“ kommentiere ich seinen Spruch.
„Ich darf das, ich hab mehr vom Leben gesehen als die alle zusammen.“ Bei diesen Worten zuckt Thorben erkennbar zusammen und sieht Sascha traurig an.

Als wir den Abend beschließen, habe ich das Gefühl, von der wahren Geschichte der jungen Leute gerade einmal die Oberfläche kennen gelernt zu haben.
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