Objekte der Begierde

KurzgeschichteHumor, Romanze / P12 Slash
26.10.2012
26.10.2012
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Das Leben einer Bardin ist hart. Nicht nur, dass das Frau-Sein einem ständig im Weg steht, nein, wenn man auch noch Geschichten erzählt, nehmen die meisten direkt reissaus, wenn man anfängt. Trotzdem möchte ich das Risiko hier eingehen Euch eine meiner Geschichten zu erzählen. Und diese Geschichte geht so:

Xena stand gerade an dem Verkaufsstand eines fahrenden Waffenhändlers. Gut sah sie aus in ihrem blitzenden Brustharnisch und der frisch geölten Lederrüstung. Ihr schwarzes Haar spielte neckisch im Wind um ihr Gesicht, als sie den Waffenhändler fragte: "Was!? Zwei Taler für dieses rostige Schwert? Das gebe ich doch nie im Leben aus! Nicht mal für einen halben Taler würde ich es anfassen!" Der Waffenhändler antwortete beschwichtigend: "Aber edle Kriegerin, das Schwert ist von der allerfeinsten Qualität. Frisch aus Damaskus eingetroffen! Für anderthalb Taler kann ich es Euch überlassen, aber nicht weniger!" So zog sich der Dialog eine ganze Weile hin und ich schaute mich träge auf dem Marktplatz um. Manchmal war dieses Abenteurerleben ganz schön langweilig, vor allen Dingen, wenn ich nichts zu tun hatte. Xenas Schwert hatte während unserer letzten Begegnung mit ihrer Erzfeindin Callisto eine nicht unerhebliche Seitwärtsbiegung, die die Klinge wie eine schlechte Parodie eines Clownschwertes aussehen ließ. Das konnte eine edle Kriegerprinzessin natürlich nicht im Kampf führen, wie sah das denn aus?

Im Gegensatz zu Xena war Kämpfen noch nie meine Stärke, und vermutlich würde es es auch nie eine werden. Ehrlich gesagt waren mir die ganzen abgetrennten Köpfe, quellenden Gedärme und all das Blutgespritze viel zuviel. Als ich mich damals mit Xena auf den weiten Weg ins Abenteurerinnenleben gemacht hatte, war mir nicht bewusst, dass viele Barden beim Singen von Heldenliedern diesen schmutzigen Teil ihrer Erlebnisse oft aussparten. Ist ja auch klar. Ein "Der mächtige Krieger hackte der Hydra alle drei Köpfe mit einem Schlag ab" macht sich besser als ein "Er hackte auf den ersten Kopf ein, schaffte es nicht, ihn ganz abzutrennen, woraufhin der Kopf herunterbaumelte und der Held wild und ohne Plan solange auf die Hydra einhackt, bis sie nur noch Mus ist, während der Barde sich drei Mal übergeben musste".

"Gabrielle, komm mal her!" rief Xena zu mir herüber, während ich einem Obsthändler dabei zuschaute, wie er fachmännisch und ohne Gedärmemus einen Rettich zerteilte. "Schau mal, was hälst Du von diesem Schwert?" Es war ein hübsches Schwert, mit einem Löwenkopf am Ende des Griffes und zwei Flügeln, welche den Ursprung der blankgeschliffenen Klinge flankierten. "Oh, ja, hübsch." Mein Urteil fiel knapp aus. Xena sollte ihr blödes Schwert kaufen, damit wir endlich zum Amazonenwettkampf in die Arena gehen konnten. Nackten, geölten, muskelgestählten Kriegerinnen beim Ringkampf zuzusehen würde mich sicherlich auf andere Gedanken bringen und vielleicht sprang dabei ja auch eine neue Bardengeschichte heraus.

"Gabrielle, ich werde niemals ein gutes neues Schwert finden, wenn Du mir nicht Deine Meinung sagst. Schließlich stehst Du neben mir, wenn ich das Schwert halte. Es färbt auch ein bisschen auf Dich ab."

Ich seufzte widerwillig. "Okay, wenn Du es genau wissen willst, finde ich den Griff ein wenig zu protzig. Etwas nüchterneres, pragmatischeres würde dir vielleicht besser stehen. Und selbst ein Taler wäre für dieses Ding zuviel."

"Protzig?!" Xena schaute mich schräg an. "Okay, zugegeben, es ist vielleicht ein wenig dick aufgetragen. Aber darf ich mir denn nicht auch mal was gönnen? Wobei, bei dem Preis hast Du recht."

Wie gut Xena doch aussah mit ihrer frischgeputzten Rüstung. Wir hatten heute morgen ein Bad in einem Weiher vor der Stadt genommen und uns für den Markt herausgeputzt. Sie redete die ganze Zeit darüber, was für ein neues Schwert sie gerne hätte, während ich nur träumerisch die Muskeln auf ihrem Körper zählte. Vielleicht konnte ich bald Anatomin werden, da würde ich sicherlich besser verdienen als Bardin.

"Leg endlich das blöde Schwert weg und lass uns zum Amazonenwettkampf gehen. Außerdem habe ich Hunger und es ist heiß und meine Füße tun weh" nölte ich und starrte missmutig ein Loch in den Himmel. Mir war das Schwert eigentlich ziemlich egal.

Ohne Schwert betraten wir also die Wettkampfarena. Es war heute Women-Only-Tag, ganz in der Tradition der Amazonen. Nur ein paar verloren wirkende männliche Verkäufer schoben sich durch die Massen, wurstschwenkend und weinpreisend. Viele Frauen hatten sich Amazonenrüstungsimitate aus Stoff geschneidert und schwenkten kleine Fähnchen von ihren Lieblingsamazonen. Aufgeregt zerrte ich Xena hinter mir her und schob uns auf unsere Plätze. "Gabrielle, müssen wir uns das unbedingt antun?" - "Ja, Xena, wie kannst du dir das entgehen lassen? Die heroischen Kämpferinnen, die alles dafür geben, um in der Arena zu siegen? Trainierte Körper, wehende Haare, zähnefletschende Amazonen, hach, ich bin so aufgeregt!" - "Pfff, kämpfen, ringen, was auch immer. Ich dachte immer, Dir würden unsere Abenteuer auch reichen. Hey, immerhin sind wir auch zwei Frauen! Und einen trainierten Körper habe ich auch!" Xena, wenn Du wüsstest, dachte ich mir nur, und ich beschloss mir meine Laune nicht verderben zu lassen.

"Hört her! Hört her!" Eine strahlende Schönheit in opulenter Amazonenfesttracht betrag mit grazilen Schritten die Kampfarena. "Die Spiele werden bald beginnen und ich hoffe, dass ihr alle euer Kännchen Öl dabei habt, um die Kriegerinnen zwischen ihren Wettkämpfen zu salben. Leider ist uns eine unserer Wettstreiterinnen ausgefallen, nachdem sie heute morgen einen kleinen Zwischenfall mit ihrer Reisegefährtin hatte, die vorzeitig ins gemeinsame Zimmer zurückkehrte... Ihr wisst, was ich meine." Sie zwinkerte verschwörerisch. Xena sah reichlich verwirrt drein. Ich rollte nur mit den Augen. Die Amazone fuhr fort: "Jedenfalls suchen wir noch eine weitere Kontrahentin, um gegen unsere mutigen Kämpferinnen anzutreten." Sie machte eine ausladende Handbewegung und neun grazile und muskulöse, vollkommen splitterfasernackte Frauen betraten den Ring. "Der Gewinnerin winkt eine Reise nach Lesbos für zwei und dieses prächtige Schwert aus feinstem Stahl, veredelt mit prächtigen Goldverzierungen."

In meinem Kopf drehte sich alles, imaginäre Glocken begannen zu läuten und mein Kreislauf wusste gar nicht, wohin er das Blut zuerst pumpen sollte. "Xena!" Ich drehte mich so energisch um, dass meine Weggefährtin erschrocken zusammenzuckte. "Zieh dich sofort aus! Ich halte so lange deine Rüstung und einölen kann ich dich auch!"

So verließen wir an diesem Nachmittag die Arena, beide zufrieden grinsend. Xena hielt ihr neues Schwert stolz in den Händen und ich, nunja, schwelgte in meinen frisch gewonnenen Erinnerungen. Ich würde später am Abend eine Geschichte aufschreiben, eine Geschichte über nackte Haut, salbendes Öl, ringende Körper und prächtige Schwerter in kunstvollen Schwertscheiden. Vielleicht würde ich sie sogar illustrieren. Vielleicht würde ich die Geschichte sogar Xena selber irgendwann vorlesen, wenn... Aber lassen wir das. Dafür bin ich viel zu schüchtern.

Gerade deswegen ist das Bardenleben wohl so schwierig: meistens fehlt das richtige Publikum. Manche Geschichten eignen sich halt nur für gewisse Kreise. Nachdem ich diese Geschichte beendet habe, werde ich sehen, wer noch auf seinem Platz geblieben ist und mir Eure Gesichter genau merken. Denn dann weiß ich ganz genau, welche Geschichte ich das nächste Mal erzähle...