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Tschanz' Brief [Der Richter und sein Henker]

von Ayuzawa
GeschichteDrama / P6 / Gen
25.10.2012
25.10.2012
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25.10.2012 646
 
Die Aufgabenstellung war: "Auch wenn es im Roman nicht ausdrücklich so benannt wird, kann man davon ausgehen, dass Tschanz' 'Unfall' Selbstmord war. Verfasse einen Abschiedsbrief des Tschanz an Anna, in dem er seine Taten, Gedanken und Hintergründe für sein Handeln sowie die Gründe für seinen Selbstmord offenbart."

Viel Spaß beim Lesen!
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Meine geliebte Anna,
es tut mir Leid. Ich wünschte, jemand anders würde Dir dies erzählen, aber dieses letzte Mal ist es an mir, die Wahrheit zu sagen und wenigstens einmal ehrlich zu sein. Ich werde mich umbringen. Wenn Du diese Zeilen liest, werde ich schon nicht mehr atmen.
Ich habe Schmied getötet. Ich weiß, dass es nun sicher schrecklich ist, zu erfahren, dass Du Dich mit dem Mörder Deines Verlobten eingelassen hast, aber ich konnte nicht anders.
Weißt Du, Anna, immer, jeden Tag, war dort dieses Gefühl, seit ich Schmied kenne. Irgendwann erkannte ich, was es war. Neid, Eifersucht, ich wollte das gleiche haben wie er, gleich denken wie er, ich wollte genauso sein wie dieser wunderbare, von allen bewunderte, geradezu hervorragende Kriminalpolizist.
Oh, wie ich ihn hasste! Ich konnte mich kaum beherrschen. Jedes Mal, wenn ich ihn sah, loderte helle Wut und gleichzeitig widerwillige Bewunderung in mir auf. Ich verabscheute seine Perfektion und deswegen habe ich ihn getötet.
Schmied war dabei, für Bärlach Informationen über diesen Gastmann zu finden, er versuchte ihn zu verurteilen. Ich fand seine Aufzeichnungen über Gastmann und dann fasste ich einen Entschluss. Ich würde Schmied töten, den Verdacht auf Gastmann lenken und so die gleiche Bewunderung wie Schmied finden, doch ich hatte mich in Bärlach getäuscht.
Er durchschaute mich vom ersten Augenblick an, und es wurde alles noch schlimmer, als meine falschen Fährten durch Eingreifen von Lutz zerstört wurden. Ich versuchte Bärlach zu überzeugen, die Ermittlungen gegen Gastmann wieder aufzunehmen, doch da verriet ich mich noch mehr, indem ich zugab, neidisch auf Schmied zu sein.
Doch ich versuchte mich noch zu retten, versuchte auch noch Bärlach zu töten, vergeblich. Nun blieb mir nichts anderes mehr übrig, als Gastmann aufzusuchen und ihn zu töten. Ich ließ es so aussehen, als wäre es Notwehr gewesen und jeder glaubte mir, jeder, außer Bärlach. Er durchschaute mich, wie er es immer getan hatte.
Am nächsten Abend lud Bärlach mich zu sich nach Hause ein und nun war es Gewissheit für mich. Er wusste, dass ich Schmied getötet hatte, er wusste, dass ich Gastmann getötet hatte und endlich merkte ich, dass er seit Schmieds Tod nur mit mir gespielt hatte. An diesem Abend wurde sozusagen mein Todesurteil unterschrieben, es gab keine Rettung mehr. Er führte mir sogar noch vor Augen, wie er mich überführt hatte.
Er hat es geschafft, mein Leben vollständig zu zerstören, indem er mir gezeigt hat, dass ich es eigentlich schon selbst zerstört habe, ich brauchte nur noch jemanden, der mir das deutlich machte, und das war schließlich Bärlach.
Nun hat mein Leben keinen Sinn mehr, Anna. Ich habe zwei Menschen getötet, nur um so zu sein wie einer von ihnen. Ich möchte nicht, dass Du Dir Vorwürfe machst, es ist nicht Deine Schuld, sondern ganz allein meine.
Ich liebe Dich, Anna. Auch wenn es letztendlich die Eifersucht war, die mich Dir nähergebracht hat, so ist es dennoch Liebe, die ich Dir gegenüber empfinde. Ich weiß, Anna, dass Du mich nicht liebst, aber ich nehme es Dir nicht übel. Du liebst vielleicht die Schmied-Kopie von mir, aber mein wahres Ich, meine eigene Persönlichkeit kannst Du nicht lieben. Niemand kann so eine verabscheuungswürdige Persönlichkeit wie mich lieben.
Und deshalb werde ich heute die Welt der Lebenden verlassen. Ich wünsche nicht, dass Du mein Begräbnis besuchst, oder mein Grab. Vergiss mich schnell und suche Dir einen guten Menschen, der niemanden umbringt. Wenn Du mir das versprichst, kann ich in Frieden ruhen.
In tiefer Entschlossenheit,
     Tschanz
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Ich hoffe, es hat euch gefallen!
LG, Ayuzawa
 
 
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