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Freund der Nacht

GeschichteThriller / P12 / Gen
22.10.2012
22.10.2012
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538
 
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2 Reviews
Dieses Kapitel
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22.10.2012 538
 
Schreibzirkelgeschichte
Wörter vorgegeben:
Beschützen
Asphalt
Becher
Glück
Tinte

Verwendet habe ich jedes bis auf Beschützen. Link zum Projekt:  http://forum.fanfiktion.de/t/14212/13

Viel Vergnügen beim Lesen :)

Freund der Nacht

Manchmal, in meinen Träumen, stelle ich mir das Glück wie einen unendlich großen, unmöglich zu überblickenden See vor. Darin ist das pure Glück zu finden. Vor dem See steht ein Becher, der vor lauter kleiner Steinchen besetzt im abendlichen Licht funkelt. Für mich ist an jenem Ort in meinem Kopf stets der Zeitpunkt gekommen, wo die Sonne beginnt, ihren nächtlichen Ruheweg zu bestreiten. Exakt dort bleibt dieses Bild stehen. Nichts bewegt sich mehr, noch nicht einmal ein Grashalm, von einem Lufthauch gestreift. Denn es ist nicht der geringste  Zug eines Lüftchens zu erspüren. Die Zeit ist scheinbar stehen geblieben.

Vor diesem See stehe ich, hin und her gerissen. Ist es mir gestattet, diesen schweren und kostbaren Becher in die eine Hand zu nehmen und ein kleines bisschen Glück herauszuschöpfen?

Bevor ich mich entscheiden kann, werde ich von einer unsichtbaren Macht fortgezogen, rückwärts, in einem mörderischen Tempo, die jäh loslässt. Aufkommender Wind peitscht mir ins Gesicht, so stark, dass ich die Augen zukneifen muss. Dann fühle ich das Wasser, das schnell höher steigt, dank der Regenmassen, die nun aus den Wolken stürzen.
Schon umspült das reißende Nass meine Knie. Der See aus purem Glück läuft rasch über. Ist er wütend?

Jedes Mal stelle ich mir das Wasser süßlich-fruchtig vor, aber wenn es meinen Mund erreicht, ist es nicht mehr als eisiges Salzwasser, so kalt, dass es meine Glieder zum Erstarren bringt. Nicht einmal um Hilfe schreien kann ich. Komischer Weise stehe ich wie ein Fels, den nichts umzuschmeißen vermag.  Egal, wie kräftig und gewaltig sich nähernde Wellen erzürnen, meine Füße bleiben mit dem Boden verbunden. Weil ich ihnen nicht ausweichen oder nachgeben kann, klatscht mir jede einzelne als kräftiger Schlag gegen mein Gesicht.

Schon ist auch mein Kopf unter Wasser getaucht. Das Salz reizt meine Augen, die brennen. Trotzdem halte ich sie offen, lasse sogar den Blick nach unten wandern. Alles in mir schreit nach Luft, während ich überraschend klar die Schlingpflanzen sehe, die an meinen Beinen emporklettern. Sie haben blass gelbe Augen und kleine Münder mit spitzen Zähnen, die sie in meine Beine schlagen...

Ich erwache auf hartem Untergrund. Meine klammen Hände ertasten rauen, etwas älteren Asphalt. Wenn ich den Kopf drehe, werde ich dort etwas liegen sehen, wie ich intuitiv weiß. Jedes Mal ist es etwas anderes, weshalb ich jenen Moment, des bis zum Zerreißen angespannt seins, abwarte, ihn noch in die Länge ziehe, bis ich endlich den Kopf drehe.
Dabei bemerke ich klar umzeichnete Sterne, die am wolkenlosen Himmel ihr Licht verbreiten sowie den altbekannten Mond, den Freund der Nacht.

Würgend spucke ich einen Schwall Salzwasser, mein Magen rebelliert. Angewidert versuche ich, den bitter-säuerlichen Geschmack loszuwerden. Schließlich erhasche ich einen Blick auf den Gegenstand und hebe ihn vom Boden auf. Einen länglichen, schweren Briefumschlag umfasst meine Hand nun. Sein helles Papier ist vollkommen trocken, obwohl die Straße noch feucht ist. Von einem früheren Regengusses herführend?

Vorsichtig wende ich den Umschlag. Als ich lese, was mit schwarzer Tinte auf ihm geschrieben steht, landet selbst mein letzter Mageninhalt plätschernd auf dem Boden.
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