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Atropos, die zweite Schicksalsschwester

von Yin Yang
GeschichteAbenteuer / P18 / Gen
21.10.2012
08.02.2021
15
49.299
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Überarbeitete Version

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Der Fremde


Die Tage wurden mit jedem neuen Sonnenaufgang unerträglicher. Helena kam es vor, als würde es jeden Tag heißer, noch mehr Hitze würde durch die Wände dringen und sie in ihren Räumen zu Brei kochen. Auch wenn Wasser das Leiden unter der Hitze mildern würde, so gab es keines. Kein Becken trug Wasser, kein Wasserloch war vorhanden. Und das Bisschen, was es gab, musste für den Durst reichen. Auch das wenige Wasser, was sie zum säubern der Wunden hatte, musste sie immer wieder verwenden. Denn Neues gab es einfach nicht.
Doch da die Männer in der Hitze langsamer kämpften, kamen auch weniger Verletzungen vor. Und so war auch Helenas tägliche Arbeit geringer geworden. Im Moment beschränkte sie sich eher auf das Ausmassieren von überarbeiteten und überhitzten Muskeln, die im glühenden Hauch des Tages und unter der Belastung schneller ermüdeten oder verspannten. Hier und da kamen mal kleinere Schnitte oder Platzwunden vor, aber nicht sehr viele.
Ihr fiel auch auf, dass die Hitze auch den Gladiatoren nicht gut tat. Sie versuchte, ihnen mit einigen Kräutern im Brei mehr Kraft zu schenken. Doch bei Mittagstemperaturen wie im brennenden Ofen, half auch das Kräuterwissen der Medica nicht mehr. Und so mussten alle Menschen in den Mauern des Ludus einfach mit der Hitze leben.

Einige Tage befahl Batiatus seine Medica gegen Abend zurück in den Ludus. Eigentlich hatte sie ihre Arbeit schon beendet und hatte vorgehabt sich schlafen zu legen, aber sie sah einen Mann in Ketten, auf einer ihrer Liegen sitzen. Er war blutverschmiert. So betrat sie ihre Räume und holte die Schüssel mit ein bisschen Wasser. Sie stellte den Krug auf der Liege neben ihm ab und tauchte ein Tuch darin ein. Dann wandte sie sich dem Fremden zu und hob die Hand, damit er sah, dass sie nur ein feuchtes Tuch hielt.
„Darf ich?“, fragte sie und zeigte auf seine Wunden.
Er sah sie nur etwas verwirrt, aber auch verwundert an. Sie war die Erste, die ihn nicht wie einen Sklaven behandelte. Also nickte er wortlos. Sie wusch das Blut von seinen Wunden, bis sie erkannte, dass es sich bei ihm nur um ein paar harmlose Schnitte handelte. Eine Wunde davon würde sie trotzdem nähen wollen. Sie war tief, würde auch mit einem Verband heilen, doch mit ein paar Stichen würde keine Narbe entstehen. Also begab sich die Medica in ihrem Vorratsraum und holte eine Schale mit Nadel und Faden.
„Deine Wunden heilen auch von alleine, aber wenn ich sie nähe, werden keine Narben zurückbleiben“, sagte sie und wartete auf seine Reaktion.
Denn sie wusste, dass fremde Männer oft ziemlich wild sein konnten. Sie erkannten nicht, dass sie ihnen nur helfen wollte, ihre Wunden reinigen oder ihnen mit Kräutern etwas Gutes tun wollte. Also wartete sie lieber und fragte höflich nach. Doch wieder nickte dieser nur. So setzte sie die Nadel an und zog seine Schnittwunde mit zwei Nähten zusammen.
Sie schielte immer mal wieder zu dem Mann hoch, als sie an seinem Arm arbeitete. Vor allem wenn sie die Nadel an seine Haut setzte und zustechen musste. Er könnte durch den Schmerz aufschrecken und nach ihr schlagen oder greifen. Alles hatte Helena schon erlebt, daher hatte sie immer ein Auge auf die Männer. Den Gladiatoren dieses Hauses vertraute sie und wusste, dass sie die Zähne zusammen beißen würden.
Mit vorsichtigen Fingern vernähte die Medica also die Wunde und schnitt mit dem Messer am Ende den Faden ab. Sie sah zu dem Fremden auf, doch er beobachtete sie nur bei ihrem Tun. Wenn es dabei blieb, würde sie gar nichts sagen. So legte sie die Nadel ab und holte Salbe und Verband. Die Griechin sah auf, als sie sich etwas Salbe auf die Finger getan hatte.
„Das wird brennen, aber vergeht auch wieder. Doch die Wahrscheinlichkeit, dass du Fieber bekommt, wird dadurch verringert“, erklärte sie ihm, bevor er den Schmerz empfinden würde.
Seine Augen musterten sie ganz genau. Die Medica wartete, bis der Mann nickte. Erst dann trug sie vorsichtig die grünliche Paste auf die Wunde auf. Kurz darauf legte sie ihm einen Verband um den Arm. Der Mann hatte weder einen Ton gesagt, noch nur einmal die Zähne zusammen gebissen. Er hatte jeden Schmerz ohne Regung ertragen. Sie sah ihn an, als Schritte zu höre waren. Kurz darauf betrat Batiatus persönlich den Raum.
„Und?“, fragte er nach.
„Es sind nur Schnittwunden, nichts Ernstes“, antwortete sie.
„Gut, dann lass den Mann ins Bad bringen, aber schneid ihm vorher noch dies Wolle vom Kopf“, befahl er und sie nickte ergeben.
Der Blick des Dominus fiel kurz auf den Fremden. Dann, ohne ein weiteres Wort, verließ er das Medizinzimmer auch schon wieder. Die Medica sah ihrem Dominus stirnrunzelnd nach. Normalerweise erfuhr sie davon, wenn er neue Sklaven kaufte. Seltsam. Vielleicht ein Spontankauf, wie bei Crixus damals.
Sie sah sich zu dem Mann um. Ihre Schritte trugen sie zum Tisch am Fenster und die Medica griff nach einem der Messer. Sie wandte sich wieder an den Fremden.
„Ich bin nicht gut darin, Haare zu schneiden. Wenn du nachher also nicht aussehen willst wie ein verlauster Straßenköter, dann solltest du vielleicht jetzt nicht rumzappeln“, lächelte sie ihn an und hoffte, dass sie ihm damit zeigte, dass sie harmlos war.
Das aber war nicht nötig, denn der Mann saß weiter still auf der Liege, während sie ihm die langen Haare abschnitt. Am Ende legte sie das Messer bei Seite und sah ihn mit einem etwas schiefen Lächeln an. Ihre Finger strichen durch sein jetzt kurzes Haar.
„Hätte schlimmer enden können“, schmunzelte sie.
Doch der Mann reagierte immer noch nicht. Gut, dachte Helena bei sich, besser als wenn er sich gewehrt hätte. So trat sie an die Tür ihres Zimmers und sah zu der römischen Wache hoch.
„Er ist fertig und kann zu den Bädern gebracht werden“, nickte sie.
Helena beobachtete, wie die beiden Wachposten in Uniform den Mann mit sich schliffen. Sie seufzte leise und sah dann das Blut auf der Liege. Und da sie es nicht ertragen konnte, wenn Blut ihre Räume verschandelte, verbrachte sie noch einige Zeit damit es zu entfernen. Erst dann verließ sie den Ludus und stieg die Treppe in die Villa hoch, um sich endlich schlafen zu legen, nach diesem langen, heißen Tag.

Am nächsten Morgen konnte die Medica aber nicht widerstehen am Eingang zu Ludus zu lehnen und auf den Übungsplatz zu sehen. Der Dominus hatte doch neue Männer gekauft und wie jedes Mal, würde er die gleiche Prozedur daran anschließen. Und da in dieser Zeit keiner ihre heilenden Hände gebrauchen konnte, sah sie sich wie jedes Mal dieses Werk an. So standen die neuen Männer auf dem Sand, aufgereiht wie Vieh an einem Querbalken. Die Gladiatoren dagegen standen an den Säulen unter dem Vorbau im Schatten und freuten sich über frisches Blut.
Die ersten Tage würden die härtesten für die neuen Männer werden. Denn die Gladiatoren würden sich nicht zurückhalten. Die Neuen würden also ordentlich Dresche beziehen, bis sie lernten sich zu verteidigen und zu wehren. Aber am Ende würde genau das ihnen Kraft und Stärke geben. Für die griechische Medica eine nur allzu schreckliche Vorgehensweise, aber schon zu oft hatte sie es so gesehen. Zu oft hatte sie Wunden der Männer behandelt, die sich zu leichtfertig gegen die Gladiatoren glaubten.
Dann trat Drago auf den Sand und begutachtete die Männer. Seine Miene starr und abschätzend. Sein Gang sicher und sein Kopf erhoben, sah er sich die Männer ganz genau an. Helena fragte sich oft, wonach Drago entschied oder bewertete. Sie konnte bloß den Körper, die Haltung und so die Gesundheit eines Menschen beurteilen, doch nicht seine Eignung. Was machte einen Mann also zu einem Gladiator?
„Was liegt zu euren Füßen?“, hörte sie die Frage, die der Ausbilder jeden der Neuen stellte.
Sie fragte sich auch, wieso Drago so sehr dafür lebte?
Die Männer waren verwirrt ob der Frage und doch waren sie damit nicht alleine. Denn jeder der hier herkam, wusste nicht die richtige Antwort darauf. Und wenn die Griechin es ehrlich zugab, verstand sie die Antwort bis heute nicht. Auch nach so langer Zeit und nachdem sie es so oft gehört hatte.
„Sand“, sprach einer von ihnen.
Drago starrte die Männer an.
„Was wäre die wahre, die einzig richtige Antwort?“, rief er aus.
„Ehrwürdiger Grund. Mit Blut getränkt und Tränen geehrt“, antwortete Crixus.
Dieser, musste Helena, zugeben, hatte sich sehr gut gemacht. Seit er herkam hatte er gelernt und geübt. Doch egal wie schmerzhaft oder blutig es wurde, er kämpfte sich an die Spitze des Hauses Batiatus. Und er hatte es verdient. Auch wenn sie ihm einige Dinge niemals vergeben konnte. Das er damals Auctus im Kampf getötet hatte, würde sie niemals vergessen und sich bei jedem Anblick Crixus wünschen, es wäre anders gekommen. Doch er war es, der jetzt hier stand und nicht der Mann, den sie geliebt hatte wie einen Bruder.
„Es wird euer Blut sein, eure Tränen, denn hier werdet ihr geschmiedet. Geschmiedet zu etwas besonderem. Und wenn ihr zuhört, zuseht und lernt, werdet ihr überleben. Und jetzt hört eurem Herrn genau zu“, sprach Drago und zeigte hoch zum Balkon wo Batiatus stand.
Die Medica sah ihn nicht, doch konnte sie sich sein Gesicht vorstellen. Wie überlegen er sich präsentieren würde. Dabei war er klein, schwach und alles andere als ein Krieger. Aber er war gerissen und intrigant. Man sollte ihn also nicht unterschätzen.
„Ihr seid von mir auserwählt, hier im Ludus von Quintus Lentulus Batiatus lernen zu dürfen. Beweist das ihr mehr seid als Sklaven und mehr als gewöhnliche Männer.“
Helena wusste schon lange um die hohen Worte die Batiatus gerne schwang. Doch am Ende bedeuteten sie immer dasselbe. Gehorchen hieß leben, verweigern hieß tot.
Doch anders als alle Männer die Helena hier schon hatte ein- und ausgehen gesehen, schien der Eine unter ihnen sich nicht unterwerfen zu wollen. Auch nach dem Übungskampf gegen Crixus und als er um sein Leben betteln sollte, gab er nicht auf. Sie beobachtete, wie er sich lieber den Schädel einschlagen ließ, als aufzugeben. Doch Batiatus hielt Crixus ab, das Geld welches er für den Mann ausgegeben hatte, schien doch mehr zu wiegen, als eine Lektion. Ein seltsamer Mann, der Fremde. Die Medica war gespannt, was er alles in diesen Ludus tragen würde.
Dann ging alles seinen gewohnten Weg. Drago begann die Männer auszubilden, während Helena sich wieder in ihrem Medizinraum zurückzog. Doch der Rest des Tages brachte nicht viel Interessantes. Dem Männern schien es so heiß zu sein, das sie gar nicht erst in der Lage waren, sich eine Verletzung zuzuziehen. So hatte auch Helena an diesem, weiteren heißen Tag wenig bis nichts zu tun.
Den Mann, der gestern Abend hier auf ihrer Pritsche saß, hatte sie trotzdem gesehen. Kurz beobachtete sie den Thraker. Wild und unberechenbar sollen diese Menschen sein. Sie wusste nicht, ob das stimmte, denn bis jetzt hatte sie noch nie einen Menschen dieser Landesgruppe getroffen. Die Griechin war also gespannt, wie lange er seine Gegenwehr aufrechterhalten konnte.
Gegen Abend verließ sie ihren Medizinraum und sah die Neuen noch immer auf dem Sand üben. Selbst als sie sich schlafen legte, hörte sie immer noch Dragos Peitsche draußen knallen. Aber Gedanken machte sie sich an diesem heißen Tag nicht mehr.

Die Medica hatte am nächsten Tag nur so nebenbei mitbekommen, wie Glaber vorbei gekommen war. Da sie damit nicht viel zu tun hatte, war dies auch nichts, was sie sehr interessiert. Davon abgesehen, das sie den Mann nicht mal zuordnen konnte. Aber anscheinend irgendein hoch angesehener Römer.
Später am Abend setzte sie Kerza eine Naht über dem Auge. So erfuhr sie, dass Spartacus sich wohl schlecht unter Kontrolle hatte. Er wäre ausgerastet und hätte ihn dann zusammen geschlagen.
„So schlimm ist es nicht“, lächelte sie und tupfte dann die vernähte Wunde trocken.
Im Augenwinkel sah sie noch, wie Drago mit Batiatus an ihrem Raum vorbei ging. Der Dominus schien aufgeregt. Doch er würde wieder etwas aushecken, um auch einen Mann wie Spartacus zu zähmen. Sie war sich sicher, denn wenn Batiatus etwas konnte, dann sein Geschick in Intrigen und Verrat spinnen. Sie wusste es nur zu gut und hatte schon mit eigenen Augen gesehen, zu was der Mann bereit war, um zu bekommen was er wollte.
Dann sah sie von Kerza auf und erblickte Pietro in ihrem Zimmer. Sie sah den Jungen schon fast liebevoll an. Er war ein kleiner, schwacher und trauriger Sklavenjunge gewesen, als er herkam. Doch Barcas hatte etwas an dem Jungen gefunden und das war auch gut so.
„Was kann ich für dich tun, Pietro?“, fragte sie und salbte noch die Wunde an der Augenbraue des Gladiators auf der Liege.
„Würdest du mir ein paar deiner Kräuter überlassen?“
„Natürlich, was brauchst du denn?“, fragte sie und zeigte dabei Kerza, das er gehen konnte.
„Die du immer in Öl legst, um die Muskeln zu entspannen.“
„Brauchst du das denn?“
„Nicht für mich. Für Barcas“, hörte sie den Jungen sagen.
Helena schmunzelte. Die beiden passten wirklich gut zusammen. Davon abgesehen das Pietro jemanden gefunden hatte, der ein Auge auf ihn werfen konnte. Sie mochte den Jungen sehr. Er war immer nett, freundlich, respektvoll. Wie eine Art kleiner Bruder, auch wenn sie nie einen gehabt hatte. Denn in ihrer Familie war sie das jüngste Kind gewesen und hatte daher nur ältere Brüder gehabt.
„Hier, bitte“, lächelte sie und gab ihm ein Hand voll grüner Kräuter mit.
„Danke“, nickte er und lief wieder aus dem Raum.
Sie lächelte und fing dann an das bisschen Blut weg zu schrubben, bevor dieses bei der Hitze in die Steine und Laken eintrocknete.

„Was kann ich für dich tun?“, fragte Helena, als sie einen jungen blonden Mann in ihrer Tür stehen sah.
„Drago schickt mich.“
„Und warum?“
Die Augen der Medica glitten schnell und abschätzend über seinen Körper. Doch sie sah keine Verletzung und nirgendwo Blut. Also würde er sagen müssen, was ihn schmerzte.
„Der Nacken“, gab er ihr die Antwort, die sie brauchte.
„Dann setzt dich“, nickte sie und legte den Lavendel aus der Hand.
Sie trat an die Liege, auf die er sich niedergelassen hatte. Er war groß, stark und hatte kurze, blonde Locken. Sie stand vor ihm und beobachtete ihn. Ihre Hände legten sich an seine Wangen und sie drehte seinen Kopf nach rechts und links, nach vor und nach hinten. Ihre feinen Hände griffen an seinen Hals und mit dem Daumen bewegte sie über sein Kinn, seinen Kopf.
„Du bist Griechin!?“
Helena wusste nicht ob das eine Frage oder eine Feststellung war.
„Ja.“
Sie trat neben ihn und ihre Hand legte sich auf seine Schulter. Er spürte Druck und sah, wie sich die kleine Frau an seinem Arm festhielt. Dann kletterte sie hinter ihm auf die Liege. Dort kniete sie und er spürte ihre weichen Finger auf seiner Haut. Wie ihre Finger über seinen Nacken glitten, bis hoch an seinen Haaransatz. Wieder legten sie sich um seinen Hals, doch dieses Mal von hinten. Dann auf einmal wurde ihr Griff fester und sie dirigierte seinen Kopf schräg zur Seite.
„Das könnte kurz schmerzen, aber bitte nicht bewegen“, hörte er ihre zarte, feine Stimme und plötzlich riss sie seinen Kopf zur Seite.
Seine Knochen knackten und er dachte schon dass sie ihm das Genick zu brechen versuchte. Er zuckte, doch ihre Hände hielten ihn so fest wie sie es vermochten.
„Nicht bewegen“, hörte er ihre Anweisung.
„Ich dachte du wärest Heilerin“, knurrte er, als der Schmerz nachgelassen hatte und sie seinen Kopf etwas zur anderen Seite legte.
„Nicht bewegen“, erklang erneut ihre Befehl.
Sie zerrte seinen Kopf jetzt in die andere Richtung. Wieder hörte man ein Knacken und wieder knurrte der Mann. Doch jetzt entspannte sie ihre Hände und glitt mit den Fingern über seine Haut. Mit leichtem Druck massierte sie die Muskeln. Erst danach stieg sie wieder hinter ihm von der Pritsche. Als sie wieder in sein Blickfeld trat, sah er sie mürrisch an. Ihre Hände hoben sich und sie merkte wie er etwas zurück wich. Sie lächelte, doch dann legte sie ihre Finger an seinen Wangen und bewegte seinen Kopf noch einmal hin und her. Jede Reaktion beobachtete sie genau. Ihre Finger setzte sie an seinen Hals und massierte sanft die vorderen Halsmuskeln aus.
„Ich hörte die Griechen hätten bessere Medizin als die Römer“, meinte er und seine Augen lagen auf ihr.
„Die Griechen hatten schon immer mehr Interesse an Heilung, als an Krieg und Versklavung.“
Die Römer hatten nur das Wissen aller anderen Völker zusammen getragen und es dann ihres genannt. Helena ließ ihre Hände sinken und sah den Mann an.
„Beweg mal deinen Kopf zur Seite und sag mir, ob es besser ist“, meinte sie und sah zu wie er ihrer Anweisung folgte und seinen Kopf in Bewegung setzte.
Dann sah der Mann sie an.
„Besser“, gab er zu.
„Gut“, lächelte sie, „Wie ist dein Name?“, fragte sie noch nach.
„Varro.“
„Helena.“
„Ich weiß.“
„Woher?“
„Batiatus hat uns am ersten Abend in der Zelle gesagt, dass wenn dir einer zu nahe kommt, er mit seinem Schwanz bezahlt“, antwortete er ihr ehrlich.
Sie hob die Hand und wischte ihm etwas Dreck von der rechten Wange.
„Das kam bis jetzt zum Glück nur einmal vor“, sagte sie und sah ihn an, als ihr Daumen an seiner Wange entlang wischte.
Sie sah ihn schlucken und sie ließ ihre Hand sinken. Es war gelogen, doch das wusste er ja nicht. Doch wirkte der Mann vor ihr anders, sehr nett für einen wilden Sklaven der Gladiator werden wollte. Trotzdem sah sie ihm nach, als er aufstand. Was hätte der Mann für schöne Kinder, dachte sie, als sie ihn so betrachtete. Groß, stark und sein Haar so blond, das es dem ihren glich.
„Wenn dich etwas quält oder dir Schmerz bereitet, steht meine Tür offen“, sagte sie noch.
Der Mann wandte sich in der Tür noch einmal um. Er nickte ihr zu, bevor er dann wieder Richtung Übungsplatz verschwand. Recht zurückhaltend für einen Gladiator, würde sie es mal ausdrücken. Allerdings auch sehr angenehm, wenn einem sonst nur unberechenbare Wilde gegenüber aßen.

Einige Tag später stand der Abschlusstest für die neuen Männer an. Jeder Mann musste die Prüfung bestehen um als Gladiator im Ludus verbleiben zu dürfen. Und jeder versuchte sein Bestes, denn alles andere bedeutete die Mienen und so auch den Tot.
So viel Helena gesehen hatte, war Varro gerade zum Gladiator geworden. Der platinblonde Mann hatte schon ein paar Mal auf ihrer Liege gesessen. Seinen Nacken und Hals hatte sie wieder eingerenkt und ihm so den stechenden Schmerz im Genick genommen.
Doch als Barcas gegen Markus antreten sollte, sah das nicht gut aus für den neuen Mann. Barcas war ein schwerer Gegner und leider kam es auch genau so. Denn schon der erste Schlag von Barcas Schwert, schickte Markus ins Schattenreich. Auch wenn Helena so etwas immer wieder mit erschrecken ansah, würde es sich hier in diesen Wänden niemals ändern. Menschen würden sterben und niemanden schien das zu stören.
Und dann standen sich auf der kleinen, aufgebauten Bühne Crixus und Spartacus gegenüber. Helena war gespannt, was die Schicksalsschwestern hier entscheiden würden? Und ob Atropos einen Schicksalsfaden hier enden lassen würde? Doch fiel ihr der düstere Blick des Thrakers auf. Dieser Blick war seltsam, eine Art Leere und doch zeigte er den Willen alles zu tun. Sie wusste nicht, was diesen Mann antrieb? Was dieser Mann durchgemacht hatte? Es schien ihn zu schmerzen, aber gleichzeitig auch Mut und Leidenschaft anzufachen. Wie Feuer, welches im Herzen eines Menschen brennen konnte. Und das für die unterschiedlichsten Dinge, die diesem wichtig waren.
Helena wollte eigentlich gar nicht hinsehen. Solche Kämpfe ließ sie sonst hinter sich und kümmerte sich um andere Dinge. Doch heute wollte sie wissen, was dem wilden Thraker mit den dunklen Augen passieren würde. Und was Crixus aus ihm machte. Ihre Schwerter klirrten aufeinander, trafen die Schilde und doch schien keiner besser als der andere. Spartacus verlor sein Schwert und es sah für sie so aus, als würde der Kampf gleich enden. Doch der Mann schien von den Göttern gesegnet, denn sie taten ihm eine neue Chance auf. Als er unter dem Schwert und Schild von Crixus zu sterben schien, packte der das Band, welches er die ganze Zeit über wieder in die Finger bekommen wollte und so verlor Crixus seinen Halt und fiel. Nicht auf die Bretter der Bühne. Nein, er stürzt bis auf dem Sand des Platzes herunter. Der Aufschlag sah nicht gut aus. Er hatte ihm bestimmt den Atem geraubt. Und jetzt war es Spartacus, der über dem Gallier stand und dessen Schwert sich an seine Kehle legte. Doch ging Batiatus dazwischen.
Er hielt Spartacus auf, bevor der Crixus sein Schwert in den Leib stechen konnte. Was für ein furchtbarer Kampf, dachte sich die Medica. Wieso machte solcher Hass einen Gladiator aus? Und wieso war ein Test der Grund einen Mann sterben zu lassen? Helena wandte sich ab. So oft hatte sie solche Gräueltaten gesehen, solch unnütze Verschwendung von Leben. Wie sehr sie sich wünschte niemals wieder jemanden sterben sehen zu müssen.

Nach dem Erhalt des Brandmals stand Spartacus im Medizinraum der griechischen Medica. Varro hatte er hier gesehen und gehört, wie er von der schönen Griechin geschwärmt hatte. Und das sie eine sehr schöne Frau war, konnte auch er nicht leugnen.
„Setzt dich“, sagte sie nur.
Während er sich auf einer der Liegen niederließ, verschwand sie im Nebenzimmer. Seine Augen folgten ihr, als sie wieder in den Raum trat und eine Schale mit sich führte. Auf der Pritsche neben ihm, stellte sie das Gefäß ab und holte noch ein weiteres mit Wasser gefüllt. Da hinein tauchte sie ein Tuch.
Spartacus beobachtete die kleine, blonde Frau, als sie seinen Arm säuberte. Sie hatte etwas an sich, dass ihn irritierte. Es war, als gehörte sie hier irgendwie nicht hin. Sie passte nicht zu den Sklaven des Hauses. Sein Gefühl sagte ihm, dass sie nicht hier sein sollte. Aber eigentlich sagte es ihm, dass niemand hier sein sollte.
„Wieso bist du hier?“, fragte er sie also gerade hinaus.
Sie fädelte den Faden in die Nadel ein.
„Ich bin Sklave und genau wie du, hat Batiatus mich gekauft.“
Diese Antwort war es nicht, die er wollte. Doch ihr leichtes Lächeln zeigte, dass sie das wusste und mit Absicht so formuliert hatte. Aber er konnte sich denken, wieso eine Frau wie sie hier war. Die Römer hatten ihr Dorf überfallen, gemordet und die, die es wert waren, versklavt. Genau wie bei ihm.
„Varro sagte, dass du seinen Nacken geheilt hast“, sagte er und sah dabei zu, wie sie die Nadel an seine Haut setzte.
„Das wird bei dir nicht ausreichen“, schmunzelte sie und sah zu ihm hoch.
Er nickte, weil er ahnte, was ihr Blick andeuten sollte. Er würde ihr nichts antun. Wieso auch, sie wollte seine Wunde heilen. So schloss er kurz die Augen, als die Nadel in seine Haut stach, doch den Rest nahm er mit innerer Stärke.
„Man nennt mich Spartacus.“
Ihre meerblauen Augen sahen zu ihm auf und ein lächeln trat auf ihr Gesicht. Ein Lächeln in dem sich jeder Mann verlieren könnte.
„Ich weiß“, sagte sie, was sie Tage zuvor von Varro hatte gehört.
Sie nahm ein Messer und schnitt den letzten Faden ab. Dann tupfte die das übrige Blut von seinem Arm. Mit einem kleinen Schälchen trat sie wieder neben ihn.
„Das wird schmerzen“, sagte sie und sah den großen Mann an.
„Nicht so sehr wie mein Herz.“
Sie stockte kurz, doch trug dann vorsichtig die Salbe auf seine Schnittverletzung auf.
„Wieso schmerzt dein Herz?“, fragte sie nach, als sie sich die Hände in einer größeren Schale wusch.
„Meine Frau.“
„Lebt sie noch?“
„Ja.“
Spartacus sah wie die blonde Frau schluckte. Doch als sie sich zu ihm umdrehte und einen Verband in der Hand hatte, lächelte sie wieder.
„Wenn sie lebt, gibt es Hoffnung.“
Er beobachtete die Griechin, als sie seinen Arm verband. Ihre Augen waren dunkel.
„Du hast jemanden verloren, den du liebst“, stellte er fest.
Sie nickte. Doch erst als sie fertig war und zu ihm aufsah, hörte er wieder ihre Stimme.
„Fertig.“
Sie hatte wieder ein Lächeln aufgesetzt. Wie oft schon hatte diese Frau gelächelt, obwohl ihr zum weinen zu mute gewesen war? Besser er wüsste es nicht.
„Wenn du noch Schmerzen haben solltest, komm morgen wieder“, sagte sie noch und nahm schon die ersten Schalen mit.
Spartacus sah ihr nach. Diese Frau konnte von Glück sagen, dass sie Medica war. Denn sonst hätten sich die Freudenhäuser gegenseitig überboten, um sie zu erwerben. Solch hübsche Mädchen waren als Huren sehr gefragt. So hatte sie vermutlich noch Glück, dass sie hier in der Gladiatorenschule gelandet war.
Er sah auf, als die Wache in die Tür trat. So verließ der Mann die nach Lavendel duftenden Räume der griechischen Medica.
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