Mit Schweigen sich niemand verrät

von RowenaR
GeschichteAngst / P16
17.10.2012
17.10.2012
1
1919
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A/N: Auf Wunsch zweier einzelner Damen in der tatort_fandom community auf LJ (failte_aoife und sandrine sind schuld), Bukow und König und Bukow/König, wenn man sich ganz dolle anstrengt. Sie haben sich so geziert und gewehrt, da hab ichs nicht übers Herz gebracht, sie zu irgendwas zu zwingen :D Wir können immer einfach auf die nächste Folge hoffen...

~*~


Mit Schweigen sich niemand verrät


“I talk to you as to a friend
I hope that’s what you’ve come to be
It feels as though we’ve made amends
Like we found a way eventually.

It was you who picked the pieces up
When I was a broken soul
And then glued me back together
Returned to me what others stole.”

The Perishers, “Sway”


Langer Tag. Langer, langer beschissener Tag. Job beschissen, Kollegen beschissen, Fall beschissen, Verdächtiger beschissen, alles beschissen. Und dann raus zur Molly, mit König, weil man ja nichts Besseres zu tun hat, nicht zuhause sein müsste bei Vivian und den Kindern, keine Berichte schreiben müsste, irgendwo anders sein sollte, nur nicht bei König.

Nur nicht bei König.

Und dann macht man es doch, setzt sie ins Auto, nimmt sie mit, wirft sie ihrer Vergangenheit zum Fraß vor. Warum man das macht? Weiß er doch nicht. Vielleicht Rache oder Anstand oder was dazwischen. Und dann schaut man ihr zu, wie die Vergangenheit sie verschlingt und wieder ausspuckt, aber setzt sie sich dann vielleicht wieder ins Auto, wo sie hinsollte, wo man sie sehen kann? Nein.

Sie rennt los, die dumme Kuh, und sucht sich irgendeine Bushaltestelle, als würde es hier eine geben, die noch bedient wird, was für ein Scheiß. Und das Beschissenste, das Beschissenste ist, wenn man denkt, man hat sie eingeholt, ist sie weg. Wie vom Erdboden verschluckt oder vielleicht vom Meer geholt. Stuss, denkt man, aber man hat schon ganz andere Sachen Frau Kriminalhauptkommissarin Katrin König passieren sehen.

Dann fährt man nach Hause oder vielleicht doch nur zurück nach Rostock und denkt immer und immer wieder an ein weißes, stilles Gesicht auf einem weißen, makellosen Krankenhauskissen. Drecksgesicht, denkt man, und Dreckskrankenhauskissen und Dreckskoma und Dreckskriminalhauptkommissarin, die unbedingt alleine nach Hause musste, weil das da draußen ja auch so einfach und so klug und so ungefährlich ist.

Was für ein blöder Rotz, denkt man dann und erinnert sich an die Knarre, die Frau Kriminalhauptkommissarin trägt und mit der sie umgehen kann, wenn sie nicht gerade von so einem blöden Arsch zusammengeschossen wird. Irgendwie wird sie schon zurück gekommen sein. Warum also ist man immer noch nicht zuhause, sondern kreuzt ziellos durch die Straßen in ihrer Nachbarschaft?

Weil Vivian und die Kinder zuhause sind, deswegen. Und weil kein Licht an ist in Königs Wohnzimmer und auch nicht im Schlafzimmer. Ist nichts Ungewöhnliches dabei, dass man weiß, welches Zimmer zu welchem Fenster gehört ist. Irgendwer musste ja in der Wohnung nach dem Rechten sehen, als König lieber mit dem weißen Gesicht auf dem weißen Krankenhauskissen lag.

Ist auch nicht Ungewöhnliches, dass man weiß, dass 20.00 Uhr noch nicht Königs Schlafenszeit ist. Außerdienstliche E-Mails werden für gewöhnlich zwischen 22.00 Uhr und 23.00 Uhr abgeschickt, aber keine Sekunde später und nie früher. Und deswegen muss man sich doch verdammt noch mal Sorgen machen, wenn da um kurz nach acht kein Licht mehr brennt.

Später wird man sich fragen, was das sollte, was man damit bezwecken wollte, warum das jetzt sein musste. Später fragt man sich immer solches dummes Zeug. Aber Später ist nicht jetzt. Später ist nicht der Moment, in dem man die verdammte Treppe hochhetzt und sich gar nicht mit der Klingel aufhält, sondern gleich an die Tür hämmert.

Später ist nicht der Moment, in dem König die Tür öffnet und ihn mit diesem „Was soll der Bullshit, Bukow?“-Blick ansieht und fragt: „Was ist denn?“

Sie sieht müde aus.

So müde, wie man sich auf einmal bei diesem Anblick selbst fühlt. Müde genug, dass einem die Worte fehlen, einfach weg, eben waren sie doch noch da, was ist passiert müde genug. „Ich wollte nur…“ fängt man an zu stammeln und begreift, dass man im Später angekommen ist.

„Sie wollten nur was, Herr Bukow?“ Gute Frage, denkt man, und es dämmert einem langsam, dass der schweißnasse Rücken vielleicht der Treppe geschuldet ist, die schweißnasse Stirn aber andere Gründe hat. Gott sei Dank kommt das einzige Licht in dieser Szene von der Leselampe an Königs Sofa. Dass man die gar nicht von draußen gesehen hat, kommt einem schon seltsam vor.

„Ich dachte…“ Und schon wird einem der zweite Fehler klar.

Sie mustert einen mit diesem komischen Blick von oben bis unten und schon denkt man, sie wird mit „Sieht nicht so aus, als hätten Sie“ antworten, aber dann bleibt der Blick an seinem Gesicht hängen und sie scheint nach etwas zu suchen, viel zu lange.

„Setzen Sie sich hin, ich hol Ihnen was zu trinken.“ Sieht nicht so aus, als hätte sie es gefunden, aber in Katrin König hat man sich nicht nur einmal getäuscht. Vielleicht ist das der Grund, warum man unschlüssig im Türrahmen stehen bleibt, bis man zu hören bekommt: „Herrgott, Bukow, jetzt machen Sie schon. Raus oder rein, Sie müssen sich schon entscheiden.“

Man geht auf die Couch zu, die kennt man schon und entdeckt ein halbvolles Glas Wein, bei dem schon ein Rand gebildet hat, neben einem Laptop mit dunklem Bildschirm, der auf Standby läuft. Kriminalisteninstinkte sagen einem, dass König stocknüchtern ist und seit Stunden hier sitzen muss. Der Laptop klingt, als hätte er einen Treppenmarathon hinter sich.

Während sie in der Küche nach irgendwas sucht, setzt man sich doch, nur so auf den Rand, man will ja nicht lange bleiben. Dann ist sie wieder da, mit einem zweiten Weinglas in der Hand und der angefangenen Flasche und man fragt sich schon, wie sie auf die Idee kommen kann, dass man dem gepanschten Zeug irgendwas abgewinnen kann. Sie sieht einen an, wieder zu lange.

Dann: „Ich weiß, das ist nicht so Ihre Preisklasse, aber…“

Man schüttelt mit dem Kopf und sagt so was völlig bescheuertes wie: „Ich muss noch fahren.“ Als hätte man es irgendwie eilig, nach Hause zu kommen.

Ihre einzige Reaktion ist so ein komisches Nicken und der Gang zurück in die Küche. Ehe man es sich versieht, hat man schon an der Mouse gewackelt… passwortgeschützt, natürlich. Wie idiotisch anzunehmen, ausgerechnet Katrin König hätte nicht… „Ich hab… recherchiert. Sie hatten Recht, bei dieser Sache mit der Molly. Das muss gewesen sein, bevor ich… adoptiert wurde. Ich hab versucht, das Alter der Fotos rauszufinden. Da gibt’s so Websites, die haben sich spezialisiert auf…“

Ist ja nicht auszuhalten.

„Tut mir leid.“ Jetzt hat man sie völlig aus dem Konzept gebracht. Mal was ganz Neues.

„Was… was jetzt genau, Bukow?“ Sascha. Sascha sollte sie sagen, wie jeder andere auch. Sascha sollte sie sagen, weil sie schon zu lange miteinander arbeiten und weil man sie nie wieder loswerden wird und weil man sich lieber in ihrer Wohnung wie der letzte Arsch fühlt als in der eigenen.

Sascha wird sie nie zu ihm sagen. Wenn man gut aufpasst, wird sie es nie sagen und das ist wohl auch besser für alle Beteiligten. Man winkt ab. „Nicht so wichtig.“ Ist es auch nicht. Es ist nicht wichtig, ob man sich wünscht, man hätte sie nie auf diese Reise geschickt, weil man weiß, dass es nicht gut enden wird. Es ist nicht wichtig, weil man wusste, dass man es trotzdem tun muss. Man muss doch so verdammt gut aufpassen.

Jetzt schaut sie so, wie man das kennt. Als glaube sie, man würde sie verarschen. Meistens liegt sie damit richtig.

Sie braucht noch einen Augenblick, dann kommt sie näher, ganz langsam und stellt das Glas Wasser neben ihr Weinglas, bevor sie sich neben ihn setzt. Man war ihr schon näher, hat sie verdammt noch mal zum Krankenwagen getragen. Aber man war ihr noch näher in ihrer eigenen Wohnung. Der Teufel muss einen geritten haben, dass man jetzt hier sitzt, dass man nicht aufgepasst hat und sieht anschaut, ohne weg zu zucken.

Plötzlich bereut man es, hergekommen zu sein. Weil plötzlich der Moment da ist, den sie immer in bescheuerten Schnulzen besingen, der Moment, in dem man sich nur bewegen müsste und es würde etwas passieren. Der Moment, in dem sich alles verändern würde, würde man sich nur bewegen. Und deswegen, deswegen bewegt man sich keinen Millimeter.

Deswegen ist man so froh und so erleichtert, dass sie den Moment mit „Wollen Sie sehen, was ich bis jetzt gefunden habe?“ zerstört, dass man ja sagt. Und dann lacht sie kurz und scheucht einen zur Seite, um sich den Laptop heran zu ziehen, zu entsperren und in Profiler-Manier zu erklären. Ihr eigenes Leben, denkt man. Sie analysiert ihr eigenes Leben wie das einer ihrer Mörder. Schon wieder regt sich das verdammte Schuldgefühl.

Vielleicht bringt auch das einen dazu, plötzlich „Sascha“ zu sagen, als sie ihn schon wieder mit Bukow anspricht und noch hinterher zu schieben: „Warum sagen Sie nicht einfach Sascha?“ als sie einen ganz entgeistert ansieht.

Da ist… schon wieder dieser Moment, der eigentlich das endgültige Signal zum Aufbruch sein sollte, aber sie lächelt unsicher und fährt dann einfach fort. Man unterbricht Katrin König nicht, wenn sie ihre Analyse ausbreitet. Wenigstens heute Abend mal nicht.

Oder vielleicht sitzt man nur noch hier, weil man so scheiß dankbar ist. So scheiß dankbar, dass sie nicht ein einziges Mal gefragt hat, ob man nicht woanders sein sollte gerade. Vielleicht braucht man einfach mal jemanden, der einen nicht fragt, ob man nicht gerade woanders sein sollte. Vielleicht braucht man einfach nur mal jemanden, der keine Fragen stellt, einen nur sein lässt. Und heute Abend ist sie das.

Nur heute Abend, nur dieses eine Mal, verspricht man sich. Dann lehnt man sich zurück auf der Couch und hört zu und vergisst ganz kurz, dass man eben noch was ganz anderes im Kopf hatte. Weil man manchmal jemanden braucht, dem man zuhören kann. Und weil das heute Abend Katrin König ist. Nur heute Abend. Versprochen.
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