Bis dass das Leben uns scheidet...

von bakasi
GeschichteSuspense / P16
Clark Kent Lois Lane
14.10.2012
06.11.2012
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Metropolis, Clarks Apartment, weit nach Mitternacht

Zitternd saß Lois auf Clarks Sofa und umklammerte ein Kissen. Sie starrte zum Fernseher hinüber ohne wirklich auf das Programm zu achten. Die Decke lag unbeachtet neben ihr, denn es war nicht die Temperatur, die ihr Kälteschauer über den Rücken jagte. Eine warme Decke konnte kaum gegen Einsamkeit helfen. Lois hatte Clarks Apartment schon längst verlassen wollen, aber ihr fehlte die Energie aufzustehen oder sich auch nur zu rühren.

„Verdammt noch mal, Clark, wo bist du?“ fragte sie flüsternd, weil sie wusste, dass ohnehin niemand antworten würde.

Ihre Worte waren sinnlos, aber sie verschafften ihr eine gewisse Erleichterung. Sie konnte nicht viel mehr tun als dazusitzen und zu hoffen, dass er zurückkommen würde. Allerdings würde das nicht geschehen, wie sie sich eingestehen musste. Er würde nicht kommen. Lois musste akzeptieren, dass Clark sie nicht wollte. So musste es sein, denn etwas anderes mochte Lois sich gar nicht vorstellen. Die Ängste, die in ihrem Kopf herumspukten, konnten unmöglich Wirklichkeit werden und deshalb gab es nur die Möglichkeit, dass Clark abgehauen war. Lois musste sich der Wahrheit stellen: sie würde allein bleiben. Der Mann, den sie liebte, war nicht bereit sich auf eine Beziehung mit ihr einzulassen. Und so traurig es auch war, sie liebte den Mann nicht, der sie haben wollte.

<...also was denkst du, Jason? Verhält Superman sich in letzter Zeit seltsam?>, fragte einer der Nachrichtenmoderatoren seinen Kollegen und riss Lois damit aus ihren Gedanken.

<Mhh, ich bin mir nicht sicher. Aber warum fragen wir nicht unseren Experten?> , antwortete der andere.

„Experten“, murmelte Lois verächtlich. Sie legte ihr Kissen kurz zur Seite und beugte sich vor um den Sender zu wechseln. Sie wollte nicht wissen, was so genannte Experten über Superman zu sagen hatten. Niemand hatte sie zu diesem Thema gefragt und wer kannte ihn besser als Lois Lane, einmal abgesehen von Clark?

Lois schluckte bei dem Gedanken an ihn. Sie war sich so sicher gewesen ihn zu Hause zu finden. Sie hatte sehr darauf gebrannt mit ihm zu sprechen. Es war ihr gar nicht in den Sinn gekommen war, dass er irgendwo anders sein könnte. Als ihr dann schließlich bewusst geworden war, dass er nicht da war, hatte sie auf seine Rückkehr gewartet. Das war nun vier Tage her und bislang hatte sie noch nicht mal seine Krawattenspitze zu Gesicht bekommen.

Lois konnte noch immer nicht so recht glauben, wie sehr es sie erleichtert hatte Daniel zu sagen, dass ihre Beziehung keine Zukunft hatte. Sie war aufgeregt, kribbelig vor Vorfreude darauf Clark endlich ihre Liebe zu offenbaren. Es hatte lange gedauert, bis sie aufgehört hatte zu verleugnen, was sie für Clark empfand. Lois war weggelaufen, wann immer sie konnte. Es war der unsinnige Versuch dem Moment zu entfliehen, in dem ihr nichts anderes blieb als ihn in ihr Herz sehen zu lassen. Doch nun, da Lois endlich den Mut gefasst hatte, den Tatsachen ins Auge zu sehen und daran zu glauben, das alles gut werden würde, war Clark verschwunden. Er hatte sich nicht einmal die Zeit genommen seine Sachen zu packen, er hatte sich einfach in Luft aufgelöst.

Das war natürlich ihre Schuld. Clark hatte ihr viele Gelegenheiten gegeben die drei magischen Worte zu sagen. Aber sie hatte sich immer wieder davor gedrückt, sich eingeredet dass sie jung war und mehr als genug Zeit hatte, die wahre Liebe zu finden. Sie hatte viel zu lange auf ein Zeichen gewartet, dass die Liebe, die sie für Clark empfand, ewig und unzerstörbar war. Dabei war ihr nicht aufgefallen, dass es selbst für die stärkste Liebe immer ein bisschen Wagemut brauchte.

<Das ist es, was mit Clark geschehen ist, nicht wahr, Lois?>, mokierte sich eine Stimme in ihrem Hinterkopf, der es offenbar gefiel, dass Lois sich schon wieder in einem Mann getäuscht hatte. <Sein Mut hat ihn verlassen. Er hat die Hoffnung verloren, dass du jemals zu Vernunft kommen würdest.>

„Aber er ist doch derjenige, der sich nicht auf eine Beziehung einlassen kann“, widersprach Lois flüsternd und glaubte sich doch selbst kein Wort.

Natürlich war Clark des Öfteren weggelaufen, ohne ihr eine vernünftige Erklärung dafür zu liefern. Doch er war immer wieder gekommen, ein zerknirschtes Lächeln auf seinen Lippen. Dieses Mal allerdings war es anders, denn nie zuvor war Clark seit vier Tage verschwunden gewesen. Was auch immer er für gewöhnlich tat, wenn er wegrannte, Lois glaubte nicht, dass er nur vor ihr fliehen wollte. Sie hatte immer befürchtet, dass seine Gründe nur darin bestanden, doch ernsthaft vorstellen konnte sie es sich nicht.

Aber warum um Himmels Willen war er dann dieses Mal geflohen? Sie hatte Tag und Nacht damit zugebracht, sich darauf vorzubereiten ihm zu sagen, dass sie ihn liebte. Lois hatte gewusst, dass sie sich endlich entscheiden musste, ob der Mann in ihrem Leben Daniel, Clark oder Superman heißen sollte. Dabei war der Drogenfahnder ziemlich schnell aus dem Rennen gewesen. Es war ihr nicht besonders schwer gefallen, sich von ihm zu verabschieden. Von ihm umworben zu werden hatte Lois natürlich gefallen. Aber sie war sich nicht sicher, ob sie sich nicht nur für Mayson Drake gerächt hatte. Sie vermisste Dan nicht einmal besonders. Sich zwischen Superman und Clark zu entscheiden, hatte sich schon als wesentlich schwieriger erwiesen. Und noch immer errötete Lois vor Scham, wenn sie daran dachte, was sie sich heimlich gewünscht hatte, um ihrem Dilemma zu entkommen. Die beiden Männer waren sich in vielem so ähnlich. Wie viel einfacher wäre ihr Leben, wenn Clark Superman wäre?

Die Idee war verlockend, weil sie so vieles erklärt hätte. Aber Lois wusste nun, dass sie falsch gelegen hatte. Sie hätte viel darum gegeben, wenn sie niemals so dumm gewesen wäre, auf eine so einfache Lösung für ihre Probleme zu hoffen. Es war keinem der beiden gegenüber fair gewesen und diese Erkenntnis beschämte sie zutiefst. Sie spielte mit den Gefühlen anderer und das konnte nicht gut ausgehen.

Lois hatte sich vorgestellt, wie Clark auf ihre Liebeserklärung reagieren würde, hatte sich schon in seinen starken Armen gewähnt. Er hätte ihren Mund mit seinen warmen, weichen Lippen bedeckt und sie hätte seine Atem gespürt, der ihr sanft über das Gesicht streichelte. Wenn Lois ihre Augen schloss, konnte sie fast seine Hände auf ihren Schultern spüren, das sanfte Kreisen seiner Finger. Genau so, wie er sie schon öfter berührt hatte, wenn sie angespannt gewesen war. Lois wusste, dass Clark ein begnadeter Küsser war und dass sie sich nirgends sicherer fühlen konnte, als in seiner Umarmung. Sie war darauf vorbereitet gewesen ihm zu begegnen, aber das hatte sie nicht dafür gewappnet ihn nicht zu Hause anzutreffen.

Inzwischen hatte Lois vier Tage damit zugebracht nach Clark zu suchen. Sie hatte ihn bestimmt hundert Mal angerufen, so lange, bis sein Anrufbeantworter sich weigerte noch mehr Nachrichten entgegen zu nehmen. Jedes Mal hatte ihr das Herz bis zum Hals geschlagen, wenn sie seine Stimme hörte. Ihr Puls stieg ins unermessliche, bis sie bemerkte, dass sie wieder nur mit einer Maschine sprach, die sie höflich darum bat auf Band zu sprechen. Immer wieder war Lois zu Clarks Apartment gegangen und hatte gehofft ihn doch noch zu sehen. Sie hatte den Ersatzschlüssel unter dem Blumentopf hervorgeholt und in seiner Wohnung auf ihn gewartet.

Oft hatte sie stundenlang in einem seiner Pullover dagesessen und sich vorgestellt, dass er bei ihr wäre. Sie hatte seinen Duft eingeatmet und die Fotos betrachtet, die von besseren Zeiten zeugten. Doch auch in seinen weichen Kissen zu liegen und die Augen zu schließen, um sich in seine Arme zu träumen, war kein Ersatz gewesen. Egal, wie lange sie darauf gelauscht hatte, seinen Schlüssel im Schloss zu hören und egal, wie lange sie nach Hinweisen auf seinen Verbleib gesucht hatte, es hatte nichts geändert. Er war nicht gekommen. Nicht am ersten Tag und auch nicht an den darauf folgenden Tagen. Clark erschien nicht zur Arbeit und ging nicht nach Hause.

Ihn zu finden war umso schwieriger, da sie Superman nicht um Hilfe bitten konnte. Es wäre ihm gegenüber nicht fair gewesen. Abgesehen davon war er das letzte Mal als sie ihn gesehen hatte ziemlich wütend gewesen – und von da an hatte er sich ziemlich seltsam verhalten. Das war auch Perry aufgefallen.

<Lois, ich möchte, dass sie herausfinden, was mit unserem Helden los ist>, hatte er gesagt. <Er hat noch nie nicht geholfen. Kann es etwas mit diesem roten Kryptonit zu tun haben, dass vor ein paar Wochen aufgetaucht ist?>

Lois hatte Perry verschwiegen, dass sie selbst möglicherweise die Schuldige war. Am liebsten hätte Lois abgestritten, das ihre letzte Unterhaltung mit Superman etwas damit zu tun hatte, dass ihm in letzter Zeit vieles egal zu sein schien. Aber damit hätte sie sich selbst belogen. Es hatte Zeiten gegeben, wo Lois die Aufgaben, die vor ihr lagen, eher als Herausforderung denn als Last angesehen hätte. Doch das war vor Clarks Verschwinden gewesen.

In den letzten Tagen hatte Lois so viel gearbeitet, dass Perry sie nach Hause geschickt hatte. Väterlich hatte ihr der Chefredakteur versprochen ihr bei der Suche nach Clark zu helfen und sie dazu gedrängt sich auszuruhen. Er hatte ihr sogar angeboten, dass jemand den Superman Artikel für sie schreiben könnte, obwohl er seine beste Reporterin an dem Fall haben wollte. Perry wusste nicht, dass Lois wieder einmal zu Clarks Apartment gegangen war. Dort konnte sie genauso gut schlafen, wie in ihrem eigenen Bett. Aber letztlich schlief Lois nirgendwo. Da halfen auch die weichen Kissen nichts, die seinen männlichen Geruch verströmten. Sie spendeten nur ein klein wenig Trost.

Sie hatte sogar versucht die Kents zu erreichen, nur um sich daran zu erinnern, dass sie auf einer zweiten Hochzeitsreise in Europa waren. Kurz nach Clarks Verschwinden hatten sie bei ihm angerufen und Lois hatte das Gespräch angenommen. Auch sie hatten nicht gewusst, wo ihr Sohn steckte. Aber sie hatten ihr geraten sich nicht allzu große Sorgen zu machen und ihr versichert, dass Clark immer zurückkehrte. Seitdem hatte Lois nichts mehr von Martha und Jonathan gehört und sie fragte sich, was sie ihr wohl nun sagen würden.

Jimmy hatte für sie in jedem Krankenhaus in Metropolis angerufen, aber niemand wusste etwas von einem Clark Kent. Es gab auch keine Männer ohne Namen. Die Polizei hatte ihr versprochen nach Clark Ausschau zu halten. Allerdings hatten sie ihr auch erklärt, dass Clark durchaus absichtlich verschwunden sein könnte. Und mit jedem Tag den er fehlte begann Lois mehr zu glauben, dass da etwas Wahres dran sein könnte. Kein Verrückter war aus dem Gefängnis entkommen und sie hatten an keiner gefährlichen Story gearbeitet. Weder Bobby Bigmouth noch einer ihrer anderen Kontakte wusste etwas. Lois musste der Wahrheit ins Auge blicken. Sie hatte ihn vergrault. Oder war doch eingetreten, was Lois eigentlich undenkbar fand? Sie wusste, wer Clark etwas angetan haben könnte, doch das konnte nicht sein.

<...einige Gebäude stehen immer noch in Flammen. Die Polizei konnte bisher noch nicht feststellen, wie viele Menschen bei diesem Brand ums Leben gekommen sind. Bislang werden noch sieben Menschen vermisst. Drei Personen wurden ins Krankenhaus gebracht und schweben in Lebensgefahr. Im Angesicht dieser Tragödie stellt sich einmal mehr die Frage, warum Superman nicht kam um zu helfen. Es gibt keine Berichte über ernstere Katastrophen in anderen Teilen der Welt...>

Nachrichtenfragmente kämpften sich bis zu Lois durch und lenkten sie für einen Moment von ihrem Kummer ab. Warum ließ Superman diese Menschen sterben? Sie konnte sich nur schwer vorstellen, dass der Held jemanden in der Not im Stich lassen würde, es sei denn er könnte nicht anders. Aber in letzter Zeit hatte er einige Hilferufe einfach ignoriert, wenn auch die meisten nicht annähernd so wichtig gewesen waren, wie dieser nun. Wenn er geholfen hatte, dann fast rüde. Er hatte abwesend und verärgert gewirkt. Manchmal konnte Lois sich des Gefühls nicht erwehren, dass das alles ihre Schuld war.

Aber sie konnte nicht der Grund sein. Superman ließ seine Frustration nicht an unschuldigen Menschen aus, das wäre so gar nicht seine Art. Er hatte niemals jemandem wehgetan, wie schwierig die Situation auch für ihn gewesen war. Auf der anderen Seite war es aber auch gar nicht seine Art eifersüchtig zu reagieren. Lois versuchte ihre Ängste beiseite zu schieben. Sie kannte Superman doch und es war unmöglich, dass sie sich in ihm so getäuscht haben konnte. Clark ging es gut, er war einfach nur weg gerannt. Er war nicht bereit für eine Beziehung mit ihr, so einfach war das.

Lois krallte sich noch fester in ihr Kissen und begann zu schluchzen. Wo war Clark nur? Sie brauchte ihn. Er würde ihr sagen können, was nun zu tun war. Superman war sein Freund. Lois wollte wissen, was in ihn gefahren war und welchen Anteil sie daran hatte. Sie wollte wieder gutmachen, was sie vielleicht angerichtet hatte. Früher hätte sie die Sache mit Leichtigkeit auch ohne ihren Partner in die Hand genommen. Aber im Augenblick fühlte sie sich ziemlich hilflos. An Clarks Seite war sie eine bessere Reporterin – und ein besserer Mensch.

Mit einem verärgerten Schnauben richtete sich Lois auf. Was saß sie hier auf Clarks Couch und suhlte sich in Selbstmitleid? Sie brauchte Clarks Hilfe nicht um klar zu kommen. Immerhin war sie Lois Lane, preisgekrönte Journalistin und mit Sicherheit die beste Enthüllungsreporterin die Metropolis zu bieten hatte. Sie konnte das allein in Ordnung bringen. Lois warf das nasse Kissen beiseite und stand auf. Sie war Mad Dog Lane.

<... Polizeiberichten zufolge wurde vor einer Stunde ein Toter aus der Hobbs Bay geborgen. Er konnte bislang noch nicht identifiziert werden...>

Lois erstarrte und ihr Blick wanderte unwillkürlich zum Bildschirm. Sie hatte Angst, dass sie gerade in diesem Moment die Nachrichten sah, vor denen sie sich vier Tage lang gefürchtet hatte. Ihr Herz schlug wie wild, hämmerte in ihren Ohren. *Clark*, dachte sie verzweifelt. *Oh, nein, bitte, nein. Lass das bitte nicht Clark sein!*

Lois alte Unruhe ergriff wieder Besitz von ihr. Sie konnte nicht darauf warten, dass Henderson sie anrief, um ihr die Hiobsbotschaft zu überbringen. Sie musste es mit eigenen Augen sehen, so schmerzlich es auch werden mochte. Diese alptraumhafte Warterei musste endlich ein Ende haben, so oder so. Es war Lois egal, ob sie jemanden würde aufwecken müssen. Einen Moment später hatte Lois ihre Autoschlüssel eingesammelt und war aus Clarks Wohnung gestürmt.

* * *

Metropolis, Suicide Slum, ein wenig später

In der schmalen Straße war außer dem beständigen Klatschen des Regens nichts zu hören. Alles lag im Dunklen und nur ganz wenig Licht spiegelte sich in den Pfützen am Boden. Dieser Teil von Metropolis war mit Abstand der Gefährlichste und Beängstigendste. Die Häuser, die die Straße säumten waren alt und sahen ziemlich abbruchreif aus. Allerdings hatte niemand Interesse, hier etwas anderes zu bauen. Deshalb standen die Gebäude noch immer und starrten mit glaslosen Fenstern in die heruntergekommene Gegend. Alte, mottenzerfressene Vorhänge klebten durchnässt an den Rahmen und ließen die Häuser noch ein bisschen trauriger und verlassener aussehen. Ihre einzigen Bewohner blieben die Ratten, die dort gelegentlich Schutz vor Kälte und Nässe suchten.

Ein Stöhnen beendete die Stille und erschreckte ein paar der sonst ziemlich frechen Ratten, die nach ein bisschen Futter gesucht hatten. Ein leises, metallisches Klirren vermischte sich mit einem weiteren, gequälten Laut, während ein Mann sich langsam zum Sitzen aufrichtete. Er stöhnte erneut, als er versuchte auf die Füße zu kommen. Es dauerte einen Moment, bis es ihm gelang stehen zu bleiben. Er schaute sich ängstlich und gehetzt um. Vorsichtig bewegte er sich vorwärts und griff sich stöhnend an die Seite. Mit der anderen Hand stützte sich der Mann an der nächsten Wand ab. Sein Atem kam in Stößen und er ruhte sich für einen Moment aus, bevor er den nächsten Schritt machte, nun vorsichtiger als zuvor.

Er versuchte in der Dunkelheit etwas zu sehen, aber vergebens. Sein Kopf schmerzte fürchterlich. Wo war er? Er wusste es nicht. Ehrlicherweise hätte er nicht einmal den Namen der Stadt sagen können. Er macht noch einen Schritt und bemerkte dann etwas auf dem Boden, das nicht an einen Ort wie diesen gehörte. Es sah nicht aus wie der Müll, der sonst überall herumlag. Zu seinen Füßen lag eine dunkle Gestalt, vermutlich ein Mann. Aber ohne Licht konnte er das nicht mit Sicherheit sagen. Als er sich der Gestalt näherte wurde ihm klar, dass dort tatsächlich ein Mensch auf dem Boden lag. Ein Mensch, der sich nicht bewegte. Er konnte nur hoffen, dass er noch atmete. Vorsichtig kniete er sich neben der großen Gestalt nieder.

Er wusste, dass er nun nach einem Puls suchen musste. Doch als er sich vorneigte überfiel ihn ein starkes Schwindelgefühl. Er tastet nach dem Hals des Mannes und fühlte etwas Feuchtes an seinen Fingern. Plötzlich schien seine Hand in Flammen zu stehen und der Schmerz, der durch seine Glieder schoss, war schier unerträglich. Er schnappte nach Luft und kämpfte darum nicht einfach umzufallen und dem Schmerz nachzugeben.

Er zog seine Hand weg, bevor er einen Puls hatte finden können. Seine Finger schienen voller Blut zu sein, soweit er das in der Dunkelheit beurteilen konnte. Wer auch immer der Mann war, er brauchte Hilfe. Er tastete ein zweites Mal nach dem Hals des Mannes und der Schmerz überwältigte ihn erneut mit voller Wucht. Er stieß einen gequälten Laut aus und entfernte sich auf allen Vieren von dem Körper des Fremden. So gerne er auch geholfen hätte, in seiner Nähe zu sein war einfach zu schmerzhaft. Er konnte nichts tun, jedenfalls nicht allein.

Sobald er weit genug weg war, verschwanden die Schmerzen und ließen ihn erschöpft zurück. Oder war er vielleicht von Anfang an erschöpft gewesen? Er hätte es nicht sagen können, aber das war auch ohne jede Bedeutung. Der Fremde brauchte Hilfe. Er musste einen Krankenwagen rufen. Die Nummer war 911. Konnte das stimmen? Warum war er sich nicht sicher? Vielleicht weil er höllische Kopfschmerzen hatte...

*Also gut, du rufst jetzt einen Krankenwagen*, redete er sich selbst gut zu und versuchte sich daran zu erinnern, welche Informationen er bei einen Notruf angeben musste. Seinen Standort. Wo war er überhaupt? Da würde er wohl jemanden fragen müssen. Was ist passiert? Wenn er das nur wüsste! Wie viele Menschen brauchten Hilfe? Nun, das war einfach... einer, vielleicht zwei, wenn sein Kopf nicht aufhörte so weh zu tun. Was musste er noch sagen? Ach ja, wer war der Anrufer? Er blieb wie angewurzelt stehen und rieb sich die Stirn. So angestrengt er auch darüber nachdachte, er wusste seinen Namen nicht mehr. Warum hatte er keine Ahnung wie er hieß?

Das war wirklich beängstigend. Er konnte sich nicht erinnern, wann er jemals so erschrocken war. Andererseits konnte er sich an rein gar nichts erinnern, das mehr als ein paar Minuten zurücklag. Er zwang sich dazu weiter zu gehen um Hilfe zu suchen. Er wusste nicht genau, was er jetzt tun sollte, aber eines war sicher. Der Mann, der blutend in der dunklen Straße lag, hatte ernstere Probleme als er. Immerhin würde er nicht sterben.

Zu dem schmerzhaften Pochen in seinem Kopf gesellte sich ein unangenehmes Stechen in seiner Seite, das mit jedem Schritt stärker wurde. Er schaute an sich herunter und sah ein zerrissenes Hemd, das vor langer Zeit einmal weiß gewesen sein musste. Nun war es mit Dreck und Blutspuren überzogen. War es sein eigenes Blut oder das des Fremden? Er wusste nicht, was im lieber war, wirklich nicht.

Der Mann zwang sich dazu, sich wieder auf seine Aufgabe zu konzentrieren. Er musste ein Telefon finden. Ein schneller Überblick über seine Umgebung zeigte ihm, dass - wo auch immer er sich befand - nicht der beste Platz war, um zu verweilen. Und irgendwie bezweifelte er, dass es einfach sein würde in dieser Gegend ein Telefon zu finden. Er musste weiter suchen in der Hoffnung, dass er schnellstmöglich etwas wieder erkennen würde. Etwas musste seine Erinnerung doch zurückbringen. Es war nicht normal, dass er nicht einmal seinen Namen kannte. Mit ein bisschen Anstrengung musste es doch möglich sein sich alles, was er über sich wusste, wieder ins Gedächtnis zu rufen. Leider erreichte er damit nicht mehr, als dass sich seine Kopfschmerzen verstärkten. Sein Kopf blieb komplett leer.

Die Erschöpfung drohte ihn zu übermannen, als er seine schnelle Geschwindigkeit beibehielt. Es dauerte nicht lange, bis er sich wieder ausruhen musste. Alles um ihn herum schien verlassen. Er fing an daran zu zweifeln, dass er überhaupt irgendwo ein Lebewesen finden würde. Aber würde er dann den Weg zurück zu dem Fremden finden? *Fremder*. Er wusste selbst nicht mal seinen eigenen Namen und nannte einen anderen Mann Fremder! Die Ironie ließ ihn lächeln, aber dieses Lächeln verschwand sofort, als er wieder über seine eigene Situation nachdachte.

Wusste er wirklich nichts mehr, nichts, was ihm wenigstens einen Hinweis geben konnte? Aber sein Kopf blieb leer. Er entschied, dass seine beste Möglichkeit darin bestand jemanden zu finden, der ihnen beiden helfen konnte – ihm und dem verletzten Fremden. Er ging weiter. Zu seiner großen Erleichterung sah er Lichter, nachdem er noch ein paar Schritte gelaufen war. Schnell ging er auf sie zu, wissend, dass Licht andere Menschen bedeuten musste. Aber warum wusste er das, wenn er doch sonst alles vergessen hatte? Das war einfach zu sonderbar.

Er ging weiter. Leise Stimmen und das Brummen vorbeifahrender Autos verrieten ihm, dass die Lichter zu einer Straße gehörten. Die Häuser um ihn herum waren definitiv in einem besseren Zustand, als die in der dunklen Gasse. Ein paar Minuten später trat er aus dem Schatten der Häuser auf eine hell erleuchtete Straße. Ein paar Menschen liefen herum, viele von ihnen offenbar obdachlos. Ihre Kleider hingen in Fetzen von ihren Körpern und sie sammelten sich um ein einsames Fass, in dem ein Feuer brannte. Eine Familie ging über die Straße, sie schienen nervös. Sie flüsterten, aber einige Worte waren laut genug, so dass er sie hören konnte.

„Wir sind hier falsch, gib doch zu, dass du dich verlaufen hast“, zischte eine verärgerte Frau dem Mann neben ihr zu.

„Ich geb’s ja zu, aber nun lass uns zusehen, dass wir hier verschwinden.“

Er blinzelte verwirrt. Sie sprachen kein Englisch, aber er konnte sie trotzdem verstehen. Es war Deutsch, da war er sich ziemlich sicher. Aber warum verstand er Deutsch? Und warum war ihm bewusst, dass diese Leute im westlichen Teil dieses Landes wohnen mussten? Das war wirklich verrückt. Die Erkenntnis verblüffte ihn dermaßen, dass er seinen eigentlichen Plan ein Telefon zu finden vergaß. Dann kam ihm ein neuer Gedanke – war er vielleicht in Deutschland?

Okay, darüber musste er nachdenken. Erstens, die Sprache in der er dachte, war Englisch. Das reduziere die möglichen Orte von denen er stammen konnte nur unwesentlich. Viele Menschen sprachen Englisch als Muttersprache. Sein Akzent war sicherlich amerikanisch. Zur Jahreszeit fiel ihm sofort das Wort ‚Fall’ ein. Hatte er ‚Autumn’ je benutzt? Aber wie sollte er sich da sicher sein?

Ärgerlich schüttelte er den Kopf und beschloss, sich lieber auf die drängenden Fragen zu beschränken. Die Familie hatte deutsch gesprochen. Das konnte bedeuten, dass er in diesem Land war oder in Österreich oder in der Schweiz vielleicht. Aber auf der anderen Seite hieß deutsch zu hören, nicht notwendigerweise, dass er sich in einem anderen Land befand. Diese Deutschen könnten genauso gut Touristen sein. Und da die Familie nicht genau zu wissen schien, wo sie waren, handelte es sich eher um Touristen. Er brauchte mehr Informationen. Ohne zu wissen, wo er sich befand, konnte er nicht herausfinden, welche Nummer er für den Notruf wählen musste. Er war sich sicher, dass 911 keine internationale Nummer war.

Er schaute herüber zu den Obdachlosen. Ihre Sprache zu hören, würde ihm sicher einen Hinweis darauf geben, wo er war. Sie waren nicht gerade dafür bekannt ständig über den großen Teich zu reisen, oder? Er näherte sich ihnen langsam. Er nahm an, dass sie ihn in seinem jetzigen Zustand wahrscheinlich für einen von ihnen halten würden. Aber was sollte er sie fragen? Wo er war? Könnte er ihnen erzählen, dass er einen schlimmen Kater hatte und den Weg nach Hause vergessen hatte? Aber alles was sie ihm sagen würden, wäre der Name der Straße und er wusste nicht, ob diese Information eine große Hilfe sein würde.

Fang erstmal mit der Sprache an, ermahnte er sich und überquerte die Straße, immer darauf bedacht auf Gespräche um ihn herum zu achten. Plötzlich hörte er das Quietschen von Bremsen und die Geräusche eines Autos. Er sprang zurück und landete auf seinem Hintern. Die Scheinwerfer blendeten ihn und er bedeckte seine Augen mit der Hand, die nicht auf seine immer noch schmerzende Seite gepresst war. Eine Autotür wurde zugeworfen und er hörte wie sich jemand näherte.

„Sind Sie okay?“ fragte eine weibliche Stimme besorgt. Als sie begriff, dass er nicht sterben würde, schrie sie wütend, „Können Sie nicht schauen, bevor Sie die Straße überqueren?“ Auf einmal war es still und die Frau griff nach seiner Hand und zog sie von seinem Gesicht weg. „Oh mein Gott, Clark!“ flüsterte sie.