Mein Ende begann mit einem Neuanfang

GeschichteDrama / P12
14.10.2012
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Mein Name ist Max von Welt. Ich bin Lehrer von Beruf und lebe schon mein ganzes Leben in Güllen. Doch jetzt ist mein Ende gekommen, welches ich selber verantworten muss, weil ich versucht habe, die Welt ein bisschen gerechter zu machen. Jetzt stehe ich hier, gefesselt an einen Baum und meine eigene Tochter richtet eine Waffe auf mich. Ich frage mich, wie ich in diese Situation geraten bin.
Mein Ende begann mit einem Neuanfang. Schon der erste  Tag war besonders wichtig für die Zukunft meines kleinen Städtchens und ich habe wochenlang mit dem Chor geübt, damit nichts schief läuft. Ich beeilte mich zum Bahnhof zu gelangen zusammen mit dem Pfarrer, dem Bürgermeister und Ill, an dem die Hoffnung aller hing. Ich sehnte sie, unsere Rettung, schon seit Tagen herbei: Claire Zachanassian. Man fragte mich, wie denn ihr Betragen gewesen sei und ihre Schulnoten, als Information für die Begrüßungsrede. Ich war ehrlich, aber ich hatte nicht vor sie zu kränken, dennoch vertraute ich dem Bürgermeister.
Der anrauschende, wahrhaftig haltende Zug riss mich aus meinen Gedanken. Mir war klar, es war der Zug.
Der Zug, der in unsere Zukunft führt, ob nun gut oder schlecht. Auf jeden Fall wird er mein Leben und auch das von Claire grundlegend verändern.
Dann sah ich sie aus dem Zug steigen. Man schleppte alle Koffer der Milliardärin zum „Goldenen Apostel“. Es war ein wahrer Freudenzug, doch ich hegte andere Gedanken.
Wie sich Klara doch verändert hat, so dunkel, kalt und unheimlich, wie eine Schicksalsgöttin.
Später warteten wir alle auf die Rede des Bürgermeisters. Er lobte sie in höchsten Tönen.
Was für ein Schwindel… sie kann doch die Wahrheit ertragen. Wer, wenn nicht sie?
Klara korrigierte ihn und offenbarte damit die peinliche Situation des Bürgermeisters. Dann sah ich diesen Mann an Klaras Seite und es war der Mann, der mir ewig im Gedächtnis bleiben würde: Oberrichter Hofer, der nun, nach vielen Jahren, alt und schwach zurückgekehrt war. Plötzlich wusste ich, dass Klara nicht einfach so ihr erschlichenes Geld hier lassen würde, nicht in dieser Stadt, die einst ihren Ruin bedeutet hat.
Es muss etwas mit Ill zu tun haben, die einzig mögliche Verbindung.
Klara erhob das Wort und erzählte von ihrem Vorhaben, der Milliarde, von der ich auch profitieren könnte. Doch jetzt war ich mir sicher, dass dieses Geld nicht für jeden die Rettung bedeuten würde. Nicht für Ill, denn sein Tod wurde gefordert.
Genau das würde passieren, wenn ich nichts unternahm. Ich muss die Rolle der Gerechtigkeit übernehmen, denn Klara sieht nur durch einen Schleier der Wut und der Rachsucht und alle Bürger wissen nichts von wahrer Gerechtigkeit.
Ich zerbrach mir den Kopf darüber, was ich tun könnte. Ich lief nach Hause, mein Rückzugsort. Diese Worte bedeuteten mir nichts.
Was ist schon ein Zuhause? Dort wo die Familie ist, dort wo Liebe und Ruhe herrscht. Bin ich dann jetzt nach Hause gekommen oder wünsch ich mir das nur? Ich war alleine, schon immer. Dieser eine Verlust vor langer Zeit zerriss mir das Herz und stahl mir das wichtigste auf Erden. Ich konnte nie „neu“ lieben, es ging nicht.
Ich war neugierig und konnte mir nicht verkneifen, einen Blick auf Klara zu werfen. So nahm ich mir vor zum Hotel „Goldener Apostel“ zu gehen. Als ich nicht mehr weit entfernt vom Gebäude war, hörte ich schon ihre gebieterische Stimme. Sie sprach mit ihrem Butler und ließ sich von Roby Musik vorspielen. Bald darauf erschien ihr Gatte und sie unterhielten sich über die verflossenen Ehemänner von ihr. Ich wollte nicht weiter lauschen, denn das Gespräch stimmte mich traurig.
Klara spielt nur mit den Gefühlen und dem Geld ihrer Männer, um sie nach einer gewissen Zeit wieder fallen zu lassen.
Dann sah ich Ill, nur noch ein verstörtes, ängstliches Häufchen Elend. Wahrscheinlich hat er im Gegensatz zu den anderen Bürgern die Indizien des Wandels in seiner Panik bereits bemerkt. Baukräne stehen auffällig zwischen den Häusern und große Plakate, die zum Reisen aufrufen, schmücken den Bahnhof. Ich eilte zu ihm und machte ihm einen Vorschlag, den er nicht ausschlagen konnte, denn er könnte seine Rettung sein. Ich sagte zu ihm, er solle fliehen und zwar so weit weg wie möglich. Außerdem erklärte ich ihm, er solle nicht auf mein Schauspiel in der Öffentlichkeit hereinfallen, denn das könnte wiederum meine Rettung sein. Ill überlegte und schwieg eine Weile, machte sich dann aber auf den Weg.
Später sah man ihn mit einem Koffer durch die Straßen hetzen. Jeder wusste, wohin er wollte.
Als ich den Bahnhof erreichte, war Ill bereits von ganz Güllen umringt. Die Bürger bedrängten ihn und deswegen konnte er nicht in den Zug steigen. Alleingelassen brach er noch am Bahnsteig zusammen. Er hatte, genau wie ich, alle Hoffnung verloren. Ich war von mir und meinem halbherzigen Rettungsversuch enttäuscht.
Es muss doch noch etwas geben, das Klara umstimmt.
Zu Hause ertränkte ich meine Sorgen im Alkohol. Die Wut und die Machtlosigkeit wichen einer dumpfen Leere, die mir nur allzu gut bekannt war. Ich trank mehr und mehr, bis mir schwarz vor Augen wurde.
Ich erwachte im Krankenhaus. Unser guter Arzt, mein Freund Doktor Nüßlin, beugte sich über mich und fragte mich nach meinem Befinden. Ich sagte, dass die Kopfschmerzen langsam nachlassen würden und ich wieder klar denken könnte. Sofort kam mir eine Idee. Ich wusste, dass man mit unserem Arzt alles bereden konnte und dass er mir sicher bei meinem Vorhaben helfen würde. Ich erklärte ihm, dass Güllen gerettet werden könnte, ohne dass Ill dafür sterben müsste. Er billigte meinen Vorschlag und versprach, mich zu unterstützen.
Wir wollten Klara einen Besuch abstatten und erfuhren, dass sie sich derzeit in der Peterschen Scheune aufhielt.
Dort angekommen, versuchten wir sie von der Idee zu überzeugen, alle Ruinen, äußerlich und wirtschaftlich heruntergekommen, aufzukaufen und damit unser Städtchen wieder zum Leben zu erwecken. Ich appellierte an ihre Menschlichkeit und betonte, dass sie uns nicht noch die letzte Hoffnung nehmen  könnte. Klara jedoch offenbarte, dass sie einst diese Standorte blühender Wirtschaft kaufte, nur um sie zu zerstören.
Wie kann sie das nur sagen? Wieso hat sie uns das angetan? Für sie ist es ein Spiel mit Menschen als Spielfiguren. Für uns ist es die Wirklichkeit…
Und was kann ich jetzt noch für Ill tun? Muss er jetzt wirklich sterben?
Sie vertrat stur ihre Meinung, war immer noch die Schicksalsgöttin, die den Mantel der Rache trug und die nun über Leben oder Tod entschied.
All dieses Geld macht gute Bürger zu schlechten Menschen und einst niedliche Mädchen zu verbitterten, kaltherzigen Frauen. Es gibt immer ein Opfer der Konjunktur. Doch musste das Ill sein?
Der letzte Ausweg, der noch blieb, schien das Preisgeben meines lang gehüteten Geheimnisses zu sein.
Und ich werde es tun….
Am nächsten Tag besuchte ich Ills Laden. Ich dachte immer, ich sei mutig, aber um dieses unbekannte Rätsel zu lösen bedurfte es Alkohol. Ich fragte nach einem starken Getränk und stürzte dieses Glas für Glas herunter. Auch die Presse war anwesend.
Was für ein Zufall…
Ich habe viel zu lange versucht die Wahrheit zu verbergen, doch jetzt ist es Zeit im Namen der Gerechtigkeit zu handeln und Ills Schicksal zu verändern.
Doch wie soll ich demjenigen helfen, der sich selbst für schuldig befindet? Und wie soll derjenige helfen, der wirklich schuldig ist?
Ich setzte oft an, doch niemand wollte mir zuhören. Selbst Ill verwehrte meine Hilfe, er wollte nicht mehr kämpfen. Er wusste, dass er sterben würde. Ich spürte wie der Alkohol mein Blut zum Kochen brachte. Doch ich fühlte mich nüchtern und immer mehr wie ein Mörder, den anderen Bürgern gleich.
Irgendetwas in mir gab Ill und auch mein eigenes Streben nach Gerechtigkeit und Humanität langsam auf.
Jetzt bleibt nur noch eine Sache zu tun, deren Folgen ich hinnehmen muss.
Leichtsinnig wie ich war, verließ ich den Laden und schleppte mich zum „Goldenen Apostel“. Klara war gerade dabei, sich für ihr letztes Treffen mit Ill im Konradsweilerwald fertig zu machen, als ich ihr Zimmer betrat. Mein Herz klopfte wild.
Warum habe ich solche Angst?
Ich begrüßte sie.
Was soll ich sagen?
Sie lächelte vorsichtig und guckte mich misstrauisch an.
Wie soll ich es sagen?
Dann meinte ich, dass ich etwas Wichtiges mitzuteilen hätte.
„Klara, Kläri Wäscher, Claire Zachanassian, ich muss ehrlich zu Ihnen sein.“
„Was wollen Sie von mir?“
„Wer sind Ihre Eltern?“
„Die Familie Wäscher.“ erwiderte sie kalt.
„Das stimmt, jedoch nur zur Hälfte. Klara, ich bin dein Vater…“
Stille, für wenige Sekunden. Ich zählte fünf Herzschläge.
„Das überrascht mich nicht. Meine Mutter war ständig untreu.“
„Aber wir haben uns geliebt. Sie erzählte mir von meinem Kind, von dir, aber sie war bereits mit dem alten Wäscher verheiratet. Wäre es herausgekommen… nun, ich säße nicht hier. Man hätte uns beide verstoßen und so wählten wir den einzig möglichen Weg. So konntest du unbeschwert aufwachsen und ich konnte weiter meinen Beruf ausüben. Dennoch habe ich dich nie aus meinem Blickfeld verloren, habe dich stets beobachtet und ich war erst dann glücklich, wenn du es auch warst. Bitte, verurteile mich nicht. Ich wollte dich nie alleine lassen und ich konnte, nachdem ich dich verloren habe, niemand anderes lieben als dich. Ich bin ein armer, alter Mann geworden. Doch jetzt wünsche ich mir, dass du dein Vorhaben noch einmal überdenkst. Klara, du hast immer vor Freude gestrahlt, als du mit Ill zusammen warst. Ihr ward so verliebt und ich glaube, dass er sich mit dem Kind überfordert gefühlt hat. Er hat emotional entschieden und die Verwirrung machte ihm zu schaffen. Bitte Klara, verzeih ihm und lass ihn leben.“
Sie zuckte nicht einmal mit der Wimper und stand auf. Claire Zachanassian verließ den Raum, ohne sich auch noch einmal umzudrehen.
Es ist vorbei.
Tränen rollten über meine Wangen.
Sie weist Ill zurück. Sie hasst mich.
Ich ging mit hängenden Schultern nach Hause und musste mich darauf vorbereiten, was heute Abend passieren würde. Es war der Tag der Bürgerversammlung.
Ich sah die vielen  Menschen im „Goldenen Apostel“. Man lauschte den Worten des Schwindels, man sog sie auf wie ein Schwamm das Wasser. Mit jedem Satz, den der Bürgermeister sagte, schwand in mir das Verlangen nach Humanität.
Jetzt weiß ich, was den Menschen die Gerechtigkeit bedeutet.
Sie zelebrierten den Mord vor den Augen der Welt. Aber die Welt schaute weg.
Die Welt will betrogen werden.
Sie will nichts von Unrecht und von Schuldzuweisung hören. Alles ist schön.
Ill starb aus Freude, sagten sie.
Ich dachte nie, dass die Menschen bereits so verdorben sind.
Ich verließ den Saal und kehrte den Ereignissen den Rücken zu.
Jetzt bist du ein reicher Mann.
Ich lachte leise.
Nein, du bist ärmer als je zuvor. Du hast versagt und konntest Ill nicht retten. Was nützt einem schon der Glaube an das Gerechte im Menschen und das Vertrauen in Respekt und Moral, wenn Geld alles zerstören kann…
Ich weiß jetzt, dass nicht die Bürger Ill getötet haben.
Es war das Geld.
Später am Abend besuchte mich der ehemalige Oberrichter Hofer, Claires Butler. Er richtete mir von seiner Herrin aus, dass sie mich liebend gerne treffen wollte. Am nächsten Tag, gleich in der Früh, im Konradsweiler Wald. Er sagte, sie hätte bei unserem Gespräch überreagiert und könnte sich nun mit mir aussprechen. Gedankenverloren willigte ich ein.
Am nächsten Tag begab ich mich in den Konradsweiler Wald und sah, dass Claire mich bereits erwartete. Sie wirkte sehr zufrieden und in sich ruhend.
Meine Gedanken überschlugen sich.
Was will sie denn jetzt noch besprechen? Claire interessiert sich nicht für mich. Doch warum bestellt sie mich dann hierher?
„Max, wie schön, dass du gekommen bist. Unser beliebter Lehrer von Welt, der nie im Leben Güllen verlassen hat und es auch nie tun wird.“ Ihr entwich ein dumpfes, böses Lachen.  
„Weißt du eigentlich wie die Welt dort draußen ist? Ich kann es dir sagen.
Sie ist erbarmungslos und ungerecht. Derjenige, der Geld hat, besitzt Macht. Derjenige, der Macht hat, entscheidet. Genauso wie ich jetzt…“
Jemand sprang hinter den Bäumen hervor und packte meine Arme. Die Person war stark und sie zerrte mich zu einem Baum. Man fesselte meine Hände, nachdem meine Arme um den Stamm geschlungen wurden.
Claire stand schweigend da. Dann sah ich, wer mich überwältigt hat. Es war Roby oder Toby, einer ihrer beiden Hünen. Er gab Claire irgendetwas in die Hand. Ich konnte zunächst nicht ausmachen, was es war, doch dann sah ich, dass meine eigene Tochter eine Waffe auf mich richtete.
Nun stehe ich hier, dem Tod ins Auge blickend, und denke nach.
Mein Ende begann mit einem Neuanfang.
Wie treffend formuliert. Der Neuanfang für die Stadt und für die Bürger. Ein Neuanfang in Sachen Beziehung zu meiner Tochter, die denkt, dass ich sie verstoßen habe, genauso wie Ill es mit ihrem Kind getan hat.
Sie will mich bestrafen.
Mein letzter Gedanke war, dass dies die erste ungerechte Tat ist, die ich verstehen kann. Dann hörte ich einen Schuss.
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