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Dead Inside - Das Leben von Mia Walker

GeschichteKrimi, Thriller / P16
Detective Woodrow "Woody" Hoyt Dr. Garret Macy Dr. Jordan Cavanaugh Dr. Mahesh "Bug" Vijayaraghavensatyanaryanamurthy Dr. Nigel Townsend Lily Lebowski
04.10.2012
09.11.2012
5
8.411
 
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04.10.2012 1.869
 
Als ich an der High School Griechisch und Latein als erweiterte Fremdsprachen wählte hätte ich nie gedacht, dass ich jene jemals aktiv in meinem künftigen Beruf brauchen würde. Allerdings war mir auch bis zu dem Zeitpunkt, an dem Jordan in den Raum gestürmt kam, auch nicht klar, dass ein Mensch so grausam, hasserfüllt und raffiniert sein könnte. Erst im Nachhinein fielen mir die vielen kleinen Hinweise auf, die der Lyric-Killer an jedem Tatort hinterlassen hatte. Lyric-Killer… diesen Namen erhielt er zu Recht… wäre ich nur früher darauf gekommen…

Verwirrt sahen Nigel und ich uns die Röntgenaufnahme von John Does Brustkorb an. Diese Aufnahme war… außergewöhnlich, faszinierend und grausam zugleich… merkwürdige Zeichen waren auf die Rippen eingraviert. Sie sahen etwa so aus. Allerdings waren die Zeichen etwas krakeliger und ungleichmäßiger:

Ι'μ εφερνθινγ νοου'φ χαντεδ,               
Ι αμ φε ονε χο'σ χαουντινγ υοου,           
Ι αμ φε ευεσ ινσιδε οφ υοου, σταρε βακκ ατ υοου.  
θερε'σ νοφινγ λεφτ το λοσε,               
θερε'σ νοφινγ λεφτ το προφε.               
Χατ υοου γοτ, χατ υοου χαντ, χατ υοου νεεδ;     
Εφερυτχινγ'σ γοννα κραχ ανδ βρεακ.          
Ιτ'σ τιμε το ρεδεφινε υοουρ δεοφοβικ μινδ     
Δον'τ χεσιτατε, νο εσκαπε               
Φρομ σεκρετσ ον θη ινσιδε.               
Ι'μ φατχνγ υοου,                    
Καουσε υοου νεεδ με...
               
Diese Zeichen waren nur auf der linken Seite der Rippen eingraviert. Auf der Rechten war das zu erkennen:

‚Erkennst du den Hinweis?
Sei schlau.
Sei schnell.
Sonst wird dein altes Leben
dich einholen.
Sonst wirst du
mehr Schuld auf
dich laden.
Sonst werden alle sterben.
Und ganz allein du
wirst die Schuld tragen.
Die Zeit läuft…antio, ‘

Wir waren ohne Worte. Unsicher sah ich Jordan an. Sie beantwortete meine unausgesprochene Frage sofort, "Ante mortem."
Ich schluckte, während ich wieder zur Aufnahme sah. Sie war… ich wusste nicht, wie ich sie nennen sollte… unheimlich??? Diese Zeichen… ich wusste, ich hatte sie schon einmal gesehen… Im Nachhinein sage ich, ich hätte sie sofort erkannt, wenn sie ordentlicher geschrieben worden wären. Ich konnte, als ich diesen Text verfasst hatte nicht die Ungleichmäßigkeit imitieren, die der Mörder an den Tag gelegt hatte.  Deshalb scheint dies alles leichter zu erkennen zu sein, als damals. Mich schauderte es. Der Schmerz, den John Doe unmittelbar vor seinem Tod erleiden musste… ich konnte mir nichts Annäherndes vorstellen. Nein… das war eine Lüge. Ich wusste, was ungeheurer Schmerz bedeutet. Ich WOLLTE ihn mir aber nicht vorstellen. Doch als ich wieder auf das Röntgenbild sah, kam ich auch nicht ganz hinweg, eine gewisse Genialität im ‚Pinselstrich‘ des Täters zu erkennen. Doch gleichzeitig war er ein Wahnsinniger. Abgeschottet in seiner eigenen Welt, aber zeitgleich spielte er einen normalen Menschen. Dies zeigten die zwei verschiedenen Schriften.
Nach einer Weile löste ich noch einmal meinen Blick davon und sah zu Nigel, "Ich denke, ich werde die Analyse übernehmen…"
Er war sprachlos. Er nickte nur. Dann ging er wieder zu seinem Arbeitsplatz. Unsicher sah ich zu Jordan. Ermutigend nickte sie mir zu, doch dann verschwand sie aus dem Labor.
Mit einem schweren Seufzer sah ich zu meiner neuen Aufgabe. Sekunden zuvor dachte ich, es wäre eine gute Idee gewesen, die ‚Gravuren‘ zu übernehmen… doch in diesem Augenblick… war ich mir sicher, dass dies eine schlechte Idee gewesen war. Doch was hätte ich machen sollen? Ich war mit meiner Arbeit fertig. Und das war mein erster Tag. Wenn ich gesagt hätte Nigel sollte das machen –mal ganz davon abzusehen, dass ich so etwas nie machen könnte oder würde- hätte dies ein schlechtes Licht auf mich werfen können.
Ich setzte mich wieder auf den Schreibtischstuhl, auf dem ich auch gesessen hatte, als ich die Hintergrundgeräusche der Aufzeichnung analysiert hatte. Ich scannte die Aufnahme zuerst ein und öffnete das Bild im Computer. Danach vergrößerte ich die Zeichen auf den Rippen. Mit einer Schrift- und Zeichenerkennungssoftware versuchte ich diese zu analysieren. Allerdings war dies nicht gerade hilfreich. ‚No results.‘ Na toll. Ich habe diesen Vorgang in einigen Sätzen beschrieben, aber… in Wirklichkeit dauerte dieser Vergleich über zwei Stunden. Genervt knackte ich mit meinem Genick. Erst legte ich meinen Kopf auf die rechte –locker hängende- Schulter, dann auf die linke. Es war eine laute, störende Reihe von ‚Knacksern‘, allerdings musste ich das auch machen. Meine Rückenwirbel verschoben sich ständig ineinander. Deshalb bekam ich eine Blockade, in der ich meinen Kopf nicht mehr bewegen konnte. Manche –viele- Menschen fanden dies ekelhaft, störend oder nervend… aber es musste sein. Reflexmäßig –ich wusste nicht einmal, ob Nigel noch im Raum war- sagte ich, „Verzeihung.“
Ich streckte meine Arme durch und machte mich wieder an die Arbeit. Wenn die Aussage des Mörders wahr war, dann hatten wir keine Zeit mehr. Aber… wen meinte er mit ‚du‘? Was hatte er mit ‚altes Leben einholen‘ gemeint? Und… antio???
Auf einmal fiel es mir wie Schuppen vor die Augen. Natürlich!!! Antio!!! Griechisch!!! Zwar etwas deformiert, aber… dies waren griechische Zeichen!!!
Sofort öffnete ich eine neue Word Datei. Nach Stunden ein Fortschritt!!! Endlich!!! Meine Lebensgeister, mein Enthusiasmus wurde wieder geweckt. Eine Spur! Glücklich sah ich mir die erste Rippe an. Doch genau in diesem Augenblick erstarb meine Freude wieder. Das waren zwar griechische Buchstaben… aber nicht die dazugehörige Grammatik.
I’m epherything yoou chanted.
"Verdammt.", murmelte ich.
Wie konnte das sein? Das war griechisch! Aber keine mir bekannte Sprache… Dennoch ‚übersetzte‘ ich weiter. Naja übersetzen war zu viel gesagt. Ich schrieb dieses Alphabeth ins Lateinische/Hebräische um
‘I am the one chio’s chiaounting yoou
I am the eyes inside oph yoou, stare bakk at yoou
There’s nothing lepht to lose
There’s nothing lepht to prove.
Chiat yoou chiot, chiat yoou chiant, chiat yoou need?
Epherytching’s gonna krach and break
It’s time to rediphine yoour deophobik mind
Don’t hesitate, no eskape
Phrom sekrets on the inside
I’m phatching yoou               
Kause yoou need me…’
Ich war verwirrt. Auf der einen Seite verstand ich die Nachricht. Doch auf der anderen… gab dies einfach keinen Sinn… WAS war das?!? Es hatte eine Ähnlichkeit mit Englisch… Doch… irgendwie war es doch englisch… Allerdings half mir auch diese Tatsache nicht weiter. Meine Augen durchstreiften Zeile um Zeile die Übersetzung, danach die Nachricht in verständlicher Sprache, dann wieder die griechischen Zeichen.
Immer und immer wieder.
Zeile um Zeile.
Buchstabe um Buchstabe.
Rippe um Rippe.
Sekunden vergingen wie Minuten.
Minuten wurden Stunden.
Nach einer Weile seufzte ich und schlug meine Hände vors Gesicht. Müde war ich nicht wirklich. Ich war topfit, wenn auch etwas genervt. Ich konnte mittlerweile die Zeichen auswendig. Die verständliche Nachricht. Genau wie die ‚romanisierung‘ der Zeichen.
Doch ich konnte mir keinen Reim auf die Bedeutung machen. Es klang wie ein Gedicht. Naja… mehr oder weniger. Irgendwie war das tiefgründig… wenn man bedenkt, dass diese Nachricht von einem Mörder in die Rippen eines unschuldigen Mannes geritzt wurde.
"Und hast du schon Ergebnisse?"
Erschrocken fuhr ich zusammen. Ich war so auf meine Arbeit fixiert, dass ich nicht einmal bemerkte, wie sich Nigel hinter mich gestellt hatte. Mit rasendem Herzen wandte ich mich nach rechts um und sah in seine Augen. Er lächelte. Schlagartig wurde mir wieder klar, warum ich vor einer gefühlten Stunde einen Stotteranfall hatte.
"Wenn du jetzt nichts herausgefunden hast, wirst du heute Nacht auch nichts mehr herausfinden.", meinte er. Erst jetzt bemerkte ich, dass er seine Jacke über den Arm gelegt hatte, "Wollen wir was trinken gehen?"
So gerne hätte ich mit ‚Ja‘ geantwortet, doch mein Charakter ließ dies nicht zu, "Meine Schicht ist doch noch gar nicht vorbei. Wie spät ist es denn? 9p.m.?"
Verwirrt sah er erst mich, dann seine Armbanduhr, dann wieder mich, an, "Knapp um sechs Stunden verfehlt. Du arbeitest seit etwa sechseinhalb Stunden an diesen Gravuren."
Ich dachte, er wollte mich veralbern, deshalb riskierte auch ich einen Blick. Er hatte recht. Ich konnte es kaum fassen…
"Komm schon. Um sieben geht’s wieder los.", er hielt mir seinen Arm hin, "Eigentlich war deine Schicht zwischen neun und elf zu Ende."
Um Vergebung suchend sah ich ihn an. Mein Herz raste, während ich ihm leider eine Abfuhr verpassen ‚musste‘ "Wenn es nur vier Stunden dauert, bis meine Schicht wieder beginnt, würde ich gerne hier noch arbeiten. Das würde sich gar nicht rentieren nach Hause zu gehen… und ehrlich… wenn Leben davon abhängen, dass ich diese Nachricht hier löse, dann könnte ich nicht einmal ruhen… oder an etwas anderes denken… es tut mir so leid… Aber… ich würde das gerne mal nachholen.", so ‚süß‘ ich konnte, versuchte ich ihn anzulächeln. Ich hoffte, er könnte mir vergeben.
Aber ohne ein weiteres Wort verließ er das Labor. Ich seufzte. Ich hatte immer so ein Talent mich so in die Arbeit hineinzusteigern, dass ich nicht mal meine sozialen Kontakte pflegen konnte. Er, den ich so unglaublich attraktiv fand, hatte mich gefragt, ob wir etwas zusammen trinken wollen… und ich hatte ihn abserviert!!! Wie dumm konnte man sein?!? Warum konnte ich nie abschalten. Dies war das erste Mal seit… sieben Jahren, dass ich so etwas wie Gefühle einem männlichen Wesen gegenüber zeigen konnte und was hatte ich getan??? ‚Ich würde lieber arbeiten.‘ Ich hasste mich in diesem Moment. Gleichzeitig beneidete ich die normalen Menschen. Jene, die keine Workaholics waren. Die abschalten konnten. Die keine Angst vor sozialen Kontakten hatten. Die, die –wenn sie einen Baum sahen- dachten ‚Oh, wie schön ist dieser Baum!‘ und nicht ‚Wann wird dieser Baum sterben?‘. Die Menschen, die lebten und nicht psychisch tot waren… Als ich in diesem pathologischen Institut begonnen hatte, hatte ich die Hoffnung, dass ich mich lebendiger fühlen würde… leider war das zu jenem Zeitpunkt nicht der Fall.
Ein charakteristischer Geruch stieg mir in die Nase. Es roch nach –wie ich ihn immer nannte- ‚Bürokaffee‘.
Verwundert wandte ich mich um und dachte erst, ich halluzinierte. Doch er war wirklich da. Nigel stand in der Tür – ohne Jacke- und hielt zwei Kaffeebecher in der Hand. Er lächelte.
"Ich dachte, du wolltest nach Hause?", ich war verwundert.
"Ach, meine Schicht beginnt in etwa vier Stunden. Das würde sich gar nicht lohnen.", erwiderte er mit einem gewissen Nachdruck, dass er wegen mir bliebe. Mein Herz raste. Vielleicht würde ich hier doch soziale Kontakte pflegen können.
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