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Dead Inside - Das Leben von Mia Walker

GeschichteKrimi, Thriller / P16
Detective Woodrow "Woody" Hoyt Dr. Garret Macy Dr. Jordan Cavanaugh Dr. Mahesh "Bug" Vijayaraghavensatyanaryanamurthy Dr. Nigel Townsend Lily Lebowski
04.10.2012
09.11.2012
5
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04.10.2012 2.026
 
Für mich galt immer: Die Arbeit ist mein Leben. Und auch heute noch bestätigt sich diese Aussage. Wenn auf der Arbeit etwas Unvorhersehbares geschah, dann war dies auch immer mit meinem Privatleben verbunden. Sei es durch eine Beziehung oder der kleinen Victoria, die ich in dem modrigen Keller dieser Grundschule gefunden hatte…

Ich war froh, als wir die Pathologie erreicht hatten und ich feststellte, dass Jordan und Woody vor uns angekommen waren, denn von letzterem wurde ich angewiesen in eines der freien Zimmer zu gehen und auf ihn zu warten. Er wollte sie verhören. Unterdessen hoffte ich, dass Tory, wie ich sie begonnen hatte zu nennen, auch vielleicht ein paar Stunden ohne mich klar kommen würde, da ich immer noch Arbeit zu tun hatte. Eigentlich hätte ich die Leichen ihrer Eltern obduzieren sollen…

Also… ich saß auf der Couch, neben Tory und wir warteten auf Detective Hoyt. Tory saß einfach nur da und starrte den Boden an. Sie stand immer noch  unter Schock. Die sieben Worte, die sie am Tatort gesprochen hatte waren die einzigen gewesen. Ich spürte ihre Angst und wollte ihr diese nehmen, in dem ich beruhigend auf sie einsprach… aber irgendwie… hatte dies auch keinen Zweck.
Dann, irgendwann, ging die Glastür auf. Es war Woody, der sie hinter sich wieder schloss. Er hatte einen Lutscher in der Hand. Freundlich kam er auf uns zu, „Hallo Vicki. Mein Name ist Woody.“
Ich merkte, wie sich ihr Blick hob. Nun sah sie ihn, mit ausdrucksloser Miene, an.
„Willst du etwas? Ich habe dir einen Lutscher mitgebracht. Aber ich kann dir auch was anderes besorgen.“
Sie schwieg. Anscheinend konnte sie ihn nicht hören. Sie war zu tief in ihren Gedanken versunken.
„Kann ich dir ein paar Fragen stellen?“
Keine Antwort.
„Kannst du dich an die Person erinnern, die dir und den Menschen in dem Raum das angetan haben?“
Eine Träne rann ihre Wange hinunter. Sie tat mir leid. Ich wusste in diesem Moment nicht, ob ich einschreiten sollte, oder nicht. Ich entschied mich still zu bleiben… Vorerst.
„Weißt du, wie lange ihr dort unten wart?“
Ein Schluchzen. Was sollte ich tun? Ihn stoppen? Er tat doch nur seinen Job. Immerhin hatte er ein wenig Einfühlungsvermögen. Er schien Mitleid zu zeigen.
„Waren diese Menschen deine Mama, Papa und dein Bruder?“
Sie begann etwas mehr zu weinen. Zur Beruhigung legte ich meine linke Hand auf ihre linke Schulter. Ich wollte ihr zumindest ein wenig Trost spenden. Ich konnte nur zu gut fühlen, was sie fühlte: Die Angst, den Hass, die Trauer… und mehr. Sie war emotional am Ende. Ich konnte mir nur zu gut vorstellen in einem solchen Keller eingesperrt worden zu sein. Ein schrecklicher Gedanke…
„Bitte Detective… können sie nicht ein wenig nachsichtiger sein?“, ich wusste, dass ein meiner Stimme ein leichter Ton der Verzweiflung war.
Doch Detective Hoyt schien mich zu ignorieren, „Hattest du gesehen, wie sie getötet wurden?“
Victoria begann auch jetzt zu zittern. Was dachte er sich dabei?!? Hatte er komplett den Verstand verloren?!? „Detective!“, ich war empört.
Auch dieses Mal nahm er keine Notiz von meinem Einwurf. Er beugte sich zu ihr. Hatte er vergessen, dass sie noch ein Kind war? „Victoria… willst du, dass jemand anderem auch so etwas passiert?“
Dieses Mal reagierte sie. Langsam –immer noch mit diesem leeren, verweinten Blick- schüttelte sie den Kopf.
„Dann musst du mir sagen, was du gesehen hast! Jedes Detail ist wichtig. Versuch dich zu erinnern!“
Sie schüttelte heftig den Kopf. Ich konnte ihre Tränen auf meinem Arm spüren. Sie trug noch immer meinen Blazer.
„Menschen werden sterben, weil du uns nicht hilfst!“, er hatte kein einziges Mal seine Stimme erhoben. Die ganze Zeit sprach er ruhig auf sie ein.
JETZT reichte es! Ich konnte seine Argumente verstehen… aber das ging zu weit! „Detective! Sie ist noch ein Kind! Das reicht!“
„Tory… vielleicht werden noch mehr Kinder Waisen.“
„Hören Sie auf!“, ich war schockiert. Wie konnte jemand so taktlos sein??? Ich musste mit mir kämpfen, ihn nicht noch mehr anzuschreien und etwas zu sagen, dass ich bereuen könnte.
Er hob seinen Blick, sah mich mit seinen durchdringenden Augen an.
Ich atmete tief ein, versuchte meine Beherrschung wieder zu erlangen, „Könnte ich kurz mit Ihnen sprechen? Allein?“
Ohne ein weiteres Wort stand er auf. Gemeinsam gingen wir durch die Tür, in den Gang. Erst als die Tür geschlossen war verlor ich die Kontrolle über meine Geduld, „Wie können Sie nur?!? Sind Sie von allen guten Geistern verlassen?!?“
Er sah mich ernst an, „Sie ist eine Zeugin…“
„SIE ist ein KIND!!! Sie hat gerade ihre Eltern verloren! Vor ihren Augen wurden sie brutal ermordet!!! Ist es nicht verständlich, dass sie Ihnen nicht antwortet?!? Sie steht unter Schock!!! Wie würden Sie sich verhalten, wenn sie acht Jahre alt wären und ihre Eltern, vor Ihren Augen massakriert wurden?“, ich war außer Rand und Band. Ob ich es heute bereue, dass ich ihn –mitten auf dem Flur- angeschrien hatte? Ehrlich: Nein. Jemand musste ihm ja mal die Meinung geigen.
„Ich brauche Antworten.“, gab er nur zurück.
„Und die werden Sie bekommen!!! Sie braucht nur Zeit… bald wird Tory Ihnen Ihre Fragen beantworten können…“, versuchte ich ihn zu überzeugen. Doch ich war mir auch nicht so sicher über das, was ich gesagt hatte. Es gab Fälle, in denen die Zeugen einfach nur das Erlebte verdrängt und nie wieder darüber gesprochen hatten. Diesen Entschluss konnte ich nur zu gut verstehen…
„Woher wollen Sie das wissen?!? WER sind Sie überhaupt?!? Sind Sie die neue Seelsorge?!?“
In diesem Moment blieb mir die Sprache weg. Mir wurde gerade erst klar, dass ich – zumindest nicht für den Detective- keine hinreichende Erklärung oder Begründung für meine Vorwürfe hatte, „Äh… i… ich…“, kurz schluckte ich, genervt von meinem zweiten Stotteranfall dieses Tages. Ich holte tief Luft, „Ich hatte ein Semester Psychologie studiert… und ich kenne mich in solchen Fällen ein wenig aus… UND ich habe in Seelsorge ein wenig Erfahrung…“, dieser… in einem Moment hatte noch –mehr oder weniger- die Kontrolle über mich selbst und diese Unterhaltung und mit drei Fragen… war er der Herr des Gespräches.
„Also sind Sie NICHT die neue Seelsorgerin?“, er klang interessiert und ein wenig aggressiv.
„Nein… ich bin die neue Gerichtsmedizinerin… Heute ist mein erster Tag…“, ich wurde rot. Verdammt. Ich schaffte es nicht einmal einen Tag ohne Ärger auszukommen! Ich wollte noch etwas sagen, da stellte sich eine weitere Person zwischen uns. Sie hatte rotblonde Haare, trug roten Lippenstift, ein blumiges Hemd und einen Rock darunter. Sie hatte ein freundliches Lächeln. Erst sah sie zu meinem Gegenüber, „Hey Woody. Wie geht’s?“
„Dies ist gerade ein unpassender Moment, Lily.“, antwortete er gezwungen freundlich.
„Garrett wollte, dass ich ab hier übernehme. Ich werde ab jetzt auf die Kleine aufpassen.“
Mein Herz machte einen Aussetzer. Ich wusste nicht, ob ich mich freuen oder weinen sollte. Auf der einen Seite wollte ich anfangen zu arbeiten, auf der anderen weiterhin auf Tory aufpassen. Irritiert sah ich sie an und merkte im ersten Moment gar nicht, dass der Detective sich trollte.
Lily reichte mir ihre Hand, „Wir hatten –glaube ich- noch nicht das Vergnügen. Ich bin Lily Lebowski, die Trauerbegleiterin dieses Instituts.“
„Mia Walker… äh…die neue Gerichtsmedizinerin.“, ich schlug ein, wusste aber nicht, was ich von dieser Situation halten sollte.
„Sie haben die Kleine gefunden?“, mit einer Kopfbewegung wies sie auf den Raum, in dem Tory saß.
„Ja. Sie hatte sich in einem Pappkarton versteckt.“, wehmütig sah ich zu dem Mädchen.
„Verstehe. Sie haben alles richtig gemacht. Sie können wieder weiter arbeiten.“
Ich nickte etwas zögernd, wandte mich um, wollte gerade zu Dr. Macy gehen, da stoppte sie mich, „Warten Sie Mia… ich darf Sie doch Mia nennen, oder?“
Perplex sah ich sie an, „Äh… Klar…“
„Sie können mich auch Lily nennen…“, ihr Grinsen wurde nur noch breiter.
„Okay… bis bald.“, wieder wollte ich mich zum gehen aufmachen.
„Nein… was ich Ihnen sagen wollte: Garrett… Dr. Macy hatte mich gebeten, dass ich Ihnen ausrichte, dass Sie im Labor aushelfen sollen. Nigel kennen Sie bereits?“
In diesem Augenblick fühlte ich mich, als hätte mir jemand einen Balken vor den Kopf gestoßen. Ich wollte Gerichtsmedizinerin werden. Keine Laborantin. Und vor allem… mit Nigel? Ich hatte nichts gegen ihn… aber ich fand ihn süß… genau das war das Problem…
Ich sagte nichts. Stattdessen versuchte ich wieder Herrin meiner Selbst zu werden. Ich wurde ver-
„Ist alles in Ordnung?“, besorgt sah sie mich an.
„Ja. Ja.“, mein Blick fiel auf die Glastür hinter Lily, „Passen Sie bitte auf Tory auf…“
„Das werde ich.“
„Und wenn sie etwas braucht, lassen Sie es mich bitte wissen. Egal was es ist… ich werde es bezahlen…“
Verwundert sah sie mich an. Sie meinte wohl, ich mache einen schlechten Scherz.
„Ich meine es ernst. Die Kleine soll alle Möglichkeiten haben mit dem Erlebten klarzukommen… Sie hat so viel durchgemacht…“, auf einmal schien ich in einer anderen Welt zu sein. Mit dem Gedanken an Victorias letztem Wohnort kamen längst vergrabene Erinnerungen hoch. Ich hörte das Echo eines verzweifelten Schreis. Roch den feuchten Moder. Sah nichts als Dunkelheit. Fühlte warmes Blut, das an meinem Körper herunter rann. Die Angst war allgegenwärtig. Genauso wie der Tod. Die Freude war tot. Das Leben war tot. Sogar die Hoffnung… tot. Die kalte Klemme der Verzweiflung umschloss mein Herz. Es war sti-
„Ist alles in Ordnung?“, sachte legte Lily mir ihre Hand auf die Schulter.
Erst langsam wachte ich aus dem Tagtraum auf. Irritiert sah ich sie an, „Ach… ja… könnten Sie bitte das Licht anlassen? Auch wenn Tory eingeschlafen ist? Ich denke sie hatte genügend Dunkelheit gehabt. So wird sie vielleicht weniger Albträume haben.“
„Natürlich. Sie können kommen, wann immer Sie Zeit haben.“, sie nickte zum Abschied. Dann öffnete sie die Tür und betrat den Raum. Ich sah ihr noch ein paar Sekunden nach. Tory würde gut aufgehoben sein… da war ich mir sicher…
Langsam ging ich den Gang entlang. Mir wurde immer schwerer ums Herz, je weiter ich mich von der Kleinen entfernte. Sie erinnerte mich an jemanden. Eine Person, die ich sehr liebgewonnen hatte, die allerdings tot war. Eine Person, die der Grund war, warum ich Gerichtsmedizinerin wurde. Eine Person, die mir noch immer Tränen in die Augen jagt, wenn ich nur an sie denke…
Unsicher sah ich auf. Ich stand vor der Labortür. Ich sah auf den Schriftzug. Laboratory. Dann fiel mein Blick auf mein Spiegelbild. Das erste, was ich sah, waren die blau-grauen Augen. Doch sie waren tot. Matt. Stumpf. Sie standen im krassen Gegenteil zu meinem restlichen Körper. Die dunkelbraunen Haare hatte ich zusammengeknotet. Ich war zierlich… und blass… man sah mir mein Alter nicht im Entferntesten an. Ich sah jünger als neunundzwanzig aus. Viele denken, ich könnte zerbrechen, nur wenn sie etwas Schlimmes sagen, oder wenn sie mich nur sachte berühren…
Einer meiner Profs hatte mal gesagt, dass ich wie eine Porzellanpuppe aussah. Filigran. Fragil… doch das war ich nicht. Ich hatte viel zu viel erlebt um durch etwas Einfaches wie Worte zu zerbrechen…
Ich atmete tief ein. Dann klopfte ich.
Ein verwundertes, britisches „Herein“ tönte mir entgegen.
Ich trat ein. Nigel stand mit dem Rücken zu mir. Er machte gerade eine Blutanalyse. Nach einem Augenzwinkern wandte er sich zu mir um, „Ah… unser Neuzugang.“, lachte er.
„Ja… Doctor Macy wollte, dass ich Ihnen helfe...“, antwortete ich knapp. Ich merkte, dass ich stottern würde, wenn ich weiter sprechen würde… stattdessen lächelte ich ein wenig. Mein Herz begann zu rasen. Ich hatte Panik…
„Gut… ich analysiere das Blut des Mannes und vergleiche es mit dem des Jungen. Das Selbe gilt auch für die Frau. Somit können wir herausfinden, ob John und Jane seine Eltern sind. Danach jage ich die Proben durch die Datenbank. Vielleicht können wir ja so herausfinden, wer die Familie Doe wirklich ist.“
„Haben Sie das Band schon untersucht?“, fragte ich.
„Von der Anruferin?“
Ich nickte.
„Noch nicht. Das können Sie machen, wenn Sie wollen. Die Aufnahme ist digital. Ich habe sie schon auf diesem PC da drüben gespeichert.“, er zeigte mit seiner Linken auf einen Computer.
„Gut.“, ich ging darauf zu, nahm einen Stuhl und setzte mich hin. Obwohl es erst etwa 3p.m. war, war mir schon in diesem Augenblick klar: Dies würde eine lange Nacht werden…
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