Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Dead Inside - Das Leben von Mia Walker

GeschichteKrimi, Thriller / P16
Detective Woodrow "Woody" Hoyt Dr. Garret Macy Dr. Jordan Cavanaugh Dr. Mahesh "Bug" Vijayaraghavensatyanaryanamurthy Dr. Nigel Townsend Lily Lebowski
04.10.2012
09.11.2012
5
8.411
 
Alle Kapitel
3 Reviews
Dieses Kapitel
noch keine Reviews
 
04.10.2012 1.579
 
Es hieß immer, der erste Tatort sei der schlimmste. Ich konnte diese Ansicht leider nicht teilen. Jeder Tatort war schlimm… doch dieser Tatort, nicht mein erster, aber mein erster als Gerichtsmedizinerin und Forensikerin, übertraf alle Tatorte der folgenden Fälle, abgesehen von einem einzigen…. Ich kann noch heute nicht verstehen, warum jemand jemanden umbringen könnte… doch gewisse Situationen, die dieses Handeln legitimieren wurden mir erst in diesem Fall deutlich. Die Opfer dieses Falles waren die ersten des sogenannten ‚Lyric Killers‘, doch diesen Titel erhielt dieser erst nach der Aufklärung des Falls.
Genau zwei Stunden nach meiner Einstellung war ich über meinen ersten Leichnam gebeugt und begutachtete die Wunden und das Umfeld, in dem das Ehepaar Jane und John Doe gefunden wurden. Als ob es nicht schlimm genug gewesen wäre, dass er wohl durch das Aufschneiden seines Brustkorbes gestorben war und sie durch das Herausreißen ihrer Gebärmutter den Tod fand, lag neben dem Ehepaar ein zwölfjähriger Junge. Wie sich später herausstellte war er der Sohn des Paares. Er verstarb durch Ertrinken. Es war ein grausames Bild. Die Haare aller drei Leichen waren verfilzt, die Kleidung zerrissen und mit Blut getränkt, die Gesichter waren fast bis zur Unkenntlichkeit zerkratzt. Auch war die Umgebung nicht gerade die, die man sich für seinen Tod wünschte. Der Boden war blutgetränkt. Die Betonwände wiesen Kratzer auf. Der Keller war modrig, faulig. Zwei kleine Matratzen lagen auf dem Boden. Drei Kartons daneben. Es war kalt. Ich konnte meinen Atem anhand kleiner Wölkchen sehen. In meiner Kleidung fühlte ich mich unwohl. Alle Forensiker trugen normale Kleidung… nur ich nicht. Ein wenig deprimiert nahm ich ein Thermometer und stach dieses in die Leber von Jane Doe. Sie war etwa seit zwei Stunden tot. Ein wenig irritiert wandte ich mich zu Jordan um, „Dr. Cavanaugh, wann sagten Sie, wurde die Polizei kontaktiert?“
Doch anstatt einer Antwort sah sie zu einem Polizisten, der neben ihr stand. Freundlich reichte er mir seine Hand, „Detective Woody Hoyt.“, ich schlug mit einem leichten Lächeln ein, „Mia Walker.“
„Angenehm. Wir bekamen vor etwa einer Stunde einen Anruf.“
Verdutzt sah ich ihn an, „Anonym?“
Er nickte.
„Dann… war wohl der Anrufer auch der Mörder.“
„Wie kommen Sie denn da drauf?“, dieses Mal war es Jordan. Irritiert beugte sie sich über das immer noch in der Leber steckende Thermometer, „Der Todeszeitpunkt war vor zwei Stunden.“, beantwortete sie ihre Frage selbst.
„Doch das muss nicht heißen, dass der Anrufer der Mörder war.“, meinte Woody und musterte mich gründlich, „Vielleicht war einfach ein Zeuge anwesend, der unerkannt bleiben wollte.“
„Wenn dieser Zeuge vom Mörder bedroht werden würde, dann hätte er bestimmt nicht angerufen.“, ich war mir meiner Sache ziemlich sicher, aber beweisen konnte ich meine Hypothese allerdings nicht… doch dann kam mir ein Geistesblitz: Nachdem ich das Thermometer aus der Leiche gezogen und desinfiziert hatte zog ich mein Handy aus der Hosentasche. Ich hatte Empfang. Dann wandte ich mich wieder dem Detective zu, der gerade mit Jordan sprach. Mein natürlicher Instinkt sagte mir, dass die zwei eine Art Beziehung führten. Eine intime Beziehung, „Detective Hoyt?“
Beide sahen mich ein wenig verwirrt an.
„Was hatte die Person am Telefon gesagt?“
Er überlegte kurz, „Den genauen Wortlaut habe ich nicht im Kopf. Da müsste ich das Band anfordern.“
„Bitte tun Sie das.“, dann drehte ich mich um und begutachtete noch einmal den Tatort. Der Erste Eindruck war der wichtigste… aber beim Zweiten Mal hinschauen fielen gemeinerhand mehr Details auf. Ich hatte diesen Raum noch nie zuvor gesehen… aber dennoch schien er mir so vertraut… ich kannte diesen Aufbau von irgendwo her. Es war nicht zu verleugnen, dass die Familie hier gelebt hatte… aber wie lange schon?
Langsam ging ich auf einen der Kartons zu. Die Öffnung ragte zur Wand. Kein normaler Mensch hätte so einen Karton aufgestellt. Genau das machte mich stutzig. Vorsichtig näherte ich mich dem Kasten. Man konnte ja nie wissen. Glücklicherweise trug ich meine Latexhandschuhe… Ich war mir dennoch unsicher, ob ich ihn öffnen, oder nur jemanden darauf aufmerksam machen sollte… ich beschloss ihn selbst zu öffnen… hätte ich das nicht getan… mein restliches Leben wäre wohl um einiges anders verlaufen. Es war mein Glück und Pech, dass ich die Erste Person war, die diesen Karton verschoben hatte, denn in dem Moment, in dem ich ihn ein wenig verschoben hatte hörte ich ein Geräusch aus dem Innern. Neugierig öffnete ich den kleinsten der Kästen und etwas Kleines sprang mich an. Reflexmäßig hob ich meine Hände und hielt es fest. Im ersten Moment war ich so verwirrt… ich wusste nicht, dass es sich um ein kleines Mädchen von acht Jahren handelte, das ich an den Armen gepackt hatte und das wie wild zappelte. Es begann zu schreien und zu beißen. Erst dann wurde ich aus meinem Schock gerissen. Ich hielt sie zwar noch immer fest, aber dieses Mal drehte ich sie sachte zu mir um. Sie stoppte, als sie mich aus Versehen im Gesicht kratzte und realisierte, dass ich ihr nichts tun würde. Sie starrte mich nur paralysiert an. Dann… nach und nach… füllten sich ihre großen braunen Augen mit Tränen. Sie umklammerte mich und begann zu weinen. Ich wusste nicht, was ich tun sollte… so schloss ich sie einfach in meine Arme, „Alles ist gut. Ich tu dir nichts. Ich beschütze dich.“
Erst jetzt hatten die anderen bemerkt, dass noch ein weiteres Opfer im Raum war. Besorgt kam Jordan auf mich zu, „Ist alles in Ordnung?“
Ich sah sie nur hilfesuchend an. Ich mochte Kinder. Schon immer. Ich hatte im Kindergottesdienst –bis zu meinem Studium- mitgewirkt. Aber in solch einer Situation hatte ich mich noch nie befunden. Ich war maßlos überfordert. Seit meinem Studium war jede Erinnerung an Kinder eine Qual für mich. Zu viel war geschehen, um zu vergessen, was mir damals wiederfuhr.
Ich merkte, wie der Griff um meine Hüfte enger wurde. Langsam hob sie ihren Kopf und sah mir in die Augen. Es war Dankbarkeit. Pure Dankbarkeit, die ich dort, in der Tiefe ihrer Seele fand. Die Haare des Kindes waren genauso verfilzt, wie die der anderen. Ihr Gesicht genauso verkratzt. Doch sie war am Leben. Ich merkte, wie sie fror. Ich löste meine Umarmung. Vorsichtig zog ich meine Weste aus und legte sie ihr um die Schultern. Sie sah mich einfach nur an. Auch sie hatte die Umarmung gelöst. Ich kniete mich zu ihr hinunter, „Ich bin Mia Walker. Wer bist du?“
„V… Victoria.“, sie ließ mich keine Sekunde aus den Augen.
„Geht es dir gut? Bist du verletzt?“
Sie schüttelte nur den Kopf.
„Kommst du mit mir?“, vorsichtig stand ich wieder auf.
Doch dieses Mal reagierte sie nicht auf mich. Ihr Blick hatte sich von mir ab- und den Leichen zugewandt. Behutsam nahm ich sie unter den Armen und hob sie hoch. Sie leistete keinen Wiederstand. Ich fühlte mich schuldig. Im innersten wusste ich, wie sie sich fühlte. Ich hätte auch nicht von meinen Eltern getrennt werden wollen… aber irgendwann würde sie verstehen, dass dies das Beste für sie war. Je weniger sie die Leichen anschauen konnte, desto weniger würde sie sich an die Details erinnern… Wenn die Polizisten dies auch vor zwanzig Jahren getan hätten…
Langsam trug ich sie die steile, modrige, bröcklige Steintreppe hinauf. Ich konnte die ganze Zeit nur ihr Schluchzen hören. Ich spürte die Wärme ihrer Tränen durch meine weiße Bluse. Der Korridor, der zu dem Keller führte gehörte zu einer Schule. Auch hier war alles verwittert. Mich hätte nicht gewundert, wenn die Schule wegen Asbest geschlossen wurde…
Je näher wir dem Eingang kamen, desto wärmer wurde es. Doch ich spürte die Wärme nicht. Ich wurde ganz von der Kälte eingenommen. Dies war keine normale Kälte. Dies war die Kälte des Todes… Die Kälte, von der ich dachte, ich hätte sie schon vor Jahren aus meinem Herzen vertrieben… dieses Mädchen… Victoria… im Nachhinein sage ich sie hatte mein ganzes, scheinbar geregeltes Leben auf den Kopf gestellt…
Es fühlte sich an wie eine Ewigkeit, bis wir den Ausgang erreicht hatten. Dort stand ein Krankenwagen. Und vor ihm Macy. Verwundert sah er mich an. Doch er sagte nichts. Gott sei Dank…
Sorgsam setzte ich sie auf die Bahre im Krankenwagen. Ich wollte sie untersuchen… aber ein Sanitäter wies mich an, mich zu trollen. Ich gab nach… doch in der Sekunde, in der ich den Wagen verließ, rief Victoria, „Warte! Mia!“
Irritiert drehte ich mich wieder zu ihr. Doch in dem Moment, in dem ich auf den Platz sah, an dem ich sie zurückgelassen hatte, hatte sie mich schon wieder umarmt, „Bitte Mia… geh nicht.“, sie begann wieder zu weinen. Ich wollte etwas sagen, doch in diesem Moment kam Macy zu uns.
„Mia… es ist in Ordnung. Bleiben Sie bei ihr.“, in diesem Moment fiel wohl sein Blick auf den Kratzer an meiner Wange. Ich wusste nicht, ob ich stark blutete, doch ich spürte nichts. Kein Schmerz. Er kam näher und sah sich die Wunde noch einmal genau an, „Das müsste genäht werden.“
„Ist schon okay. Das wäre nicht die erste Narbe…“, dann spürte ich, dass Victoria zitterte. Ich sah zu ihr herab, „Keine Angst. Das hier ist mein Chef.“
Er beugte sich zu ihr hinab und streckte ihr die Hand entgegen, „Ich bin Garrett.“
Doch statt eines Einschlags schob sie sich hinter mich.
Ein wenig Hilfe suchend sah ich ihn an, „Eigentlich müsste ich Dr. Cavenaugh assistieren…“
„Bleiben Sie hier. Lassen Sie die Kleine untersuchen. Dann wäre es das Beste, wenn sie wieder zurück fahren.“
Ich nickte und sah ihm mit schlechtem Gewissen nach, als er die Schule wieder betrat…
Review schreiben
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast