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Buch 2: Auf Messers schneide

von Orla
GeschichteAllgemein / P12 / Gen
Angus - Mystischer Ritter der Erde Cathbad Deirdre - Mystischer Ritter der Luft Ivar - Mystischer Ritter des Wassers König Conchobar Rohan - Mystischer Ritter des Feuers
02.10.2012
22.10.2020
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02.10.2012 1.313
 
In den ersten Minuten konnte Rohan nur dasitzen und auf das Bett starren. Er konnte es einfach nicht begreifen. Deidre, seine langjährige Freundin, seine Kampfgefährtin, die Frau die er liebte, seine Frau, war tot. Er hatte sie nach all den langen Kämpfen, den Versteckspielen, den gestohlenen Momenten, für immer verloren.
Als er sich soweit beruhigt hatte, dass er wieder gleichmäßig atmen konnte, sah er in das gefasste Gesicht des Königs.
„Ist Euch überhaupt klar, was geschehen ist? Wie könnt Ihr dabei so ruhig bleiben?!“
„Ihr Zustand hat sich seit zwei Tagen nicht verändert. Als ihr bewusstlos hergebracht wurdet, hatte ihr Körper bereits aufgegeben. Ich habe sie an diesem Tag verloren.“
„Nein! Verloren habt Ihr sie bereits zu dem Zeitpunkt, als Euch diese Frau wichtiger wurde, als Eure eigene Tochter! Seht Ihr das hier?“ Vorsichtig hob er ihre Schulter an. Noch immer war der rote Streifen gut zu erkennen. „Das stammt von einer Peitsche!“
„Ein Peitschenabdruck? Wie ist das möglich? Woher hat sie so etwas?“
Wütend ballte Rohan die Fäuste.
„Für zwei so weise Männer, seid Ihr erstaunlich dumm!“
„Rohan! Wie kannst du nur?“, fragte Cathbad.
„Ich kann und ich werde. Sie hat versucht, Euch zu warnen. Sie hat alles erdenkliche versucht, um Euch nicht das Herz brechen zu müssen. Sie hat stillschweigend dieses Martyrium ertragen und Ihr habt nicht einmal gemerkt, wie es wirklich um sie stand. Für mich seid Ihr,“ wütend deutete er erst auf Conchobar, dann auf Cathbad, „und Ihr die größten Narren, die hier herum laufen.“, brüllte er.
„Rohan! Weißt du überhaupt, was du da sagst?“
„Ja und welche Strafe steht darauf? Der Tod? Gut!“
„Rohan, was soll das Theater?“, versuchte Cathbad seinen ehemaligen Lehrling zu beschwichtigen.
„Ich habe sie gesehen. Ich habe mit ihr geredet, noch vor wenigen Augenblicken. Und jetzt? Wenn sie nicht hier ist, warum sollte ich dann … warum habe ich überlebt? Wenn Ihr mich bestrafen wollt, dann tut es. Das macht jetzt keinen Unterschied mehr.“
„Cathbad bereitet schon alles vor. Der nächste Vollmond ist bereits in wenigen Tagen. Bis dahin müssen die Vorbereitungen abgeschlossen sein.“
„Nein!“, schrie Rohan.
„Rohan beruhige dich.“, bat Cathbad.
„Es ist meine Angelegenheit. Ich werde das Ritual abhalten.“
„Rohan, du weißt, dass dies die Aufgabe des nächsten männlichen Verwandten ist.“
„Genau deshalb, es ist meine Pflicht. Ich… muss das tun.“
In diesen Worten fand Conchobar Bestätigung. Die Bestätigung einer Vermutung, welche er schon einige Zeit hegte. Doch als endgültigen Beweis seiner Theorie sah er den Ring an Rohans linker Hand.
„Habt ihr es beendet?“, fragte der König rund heraus.
„Was beendet?“
„Habt ihr oder habt ihr nicht?“
„Warum ist das jetzt noch wichtig? Es ändert nichts!“
„Das gehört nicht zu den Dingen, die man als Vater über seine Tochter wissen will, also lass mich nicht noch mal fragen. Habt ihr die Ehe vollzogen, ja oder nein? “
„Wenn ihr wissen wollt, ob wir miteinander geschlafen haben, dann ja. Aber nicht an diesem Abend. Da ist uns etwas anderes dazwischen gekommen.“ Rohan begriff noch immer nicht, wie Conchobar nur so kühl sein konnte. Er hatte immer gedacht, der König würde seine Tochter über alles lieben, aber im Moment schien es ihn gar nicht zu interessieren.
„Davon muss niemand etwas erfahren.“
„Wovon muss niemand etwas erfahren? Was ist hier los? Habt ihr überhaupt mitbekommen, was da gerade geschehen ist?“ Fassungslos verließ Rohan das Zimmer. Wütend stürmte er in den Hof des Schlosses und zum Tor hinaus.

Die Sonne schien noch immer in warmen Strahlen und schenkte der Insel einen ruhigen Spätsommertag. Angus und Nemed waren im Boyne Valley spazieren. Es war Angus Vorschlag gewesen, denn nach den Ereignissen des Tages brauchte er eine ruhige Umgebung, um seinen Kopf wieder frei zu kriegen. Die meiste Zeit über hatten sie in Schweigen zugebracht, doch als sich vor ihnen eine große Höhle auftat, hielt Nemed die Stille nicht länger aus. Sie musste ihn einfach fragen.
„Was machen wir hier?“
„Du wirst es gleich sehen. Es ist eine Überraschung.“
„Du willst doch nicht etwa in dieses Loch steigen? Da drin gibt es bestimmt Ratten.“
„Da drin gibt es so einiges, aber keine Ratten. Die wären nicht mal eine Zwischenmahlzeit.“
„Was? Zwischenmahlzeit für wen?“
„Das wirst du gleich sehen.“, grinste er.
„Vergiss es. Da steig ich nicht hinab. Wenn es hier wilde Tiere gibt, ist das Wahnsinn.“
Sicher reichte Angus ihr die Hand und sah ihr fest in die Augen.
„Da drin ist nichts, wovor du dich fürchten musst. Ich beschütze dich, versprochen.“
Angus´ Ausstrahlung und sein sicheres Auftreten ließen sie ihre Zweifel vergessen. Sie reichte ihm ihre Hand und gemeinsam betraten sie den Eingang der Höhle.
Im Inneren war es finster und im spärlichen Licht konnte man Tierknochen ausmachen, die vereinzelt über den Boden verteilt waren.
„Angus, ich finde wir sollten … beim großen Lugh, was ist das für eine Kreatur?“
„Da ist er.“, grinste Angus.
Als das Monstrum die beiden bemerkte, reckte es sein riesiges Haupt und ließ kleine Rauchwolken aus seinen Nüstern strömen.
„Ist das ein echter Drache?“
„Das ist Pyren. Bist du schon mal geflogen?“
„Du willst auf einem Drachen fliegen?“
Gemächlich richtete sich Pyren auf die Hinterbeine auf und stieß dabei eine gewaltige Feuerfontäne aus.
„Ja klar, das macht Spaß. Pyren, das ist Nemed.“
Langsam reckte der Drache seinen Kopf in ihre Richtung, kniff die Augen zusammen und knurrte sie wütend an.
„Pyren, was sollen diese Spielchen. Sie ist eine Freundin. Benimm dich.“
Verächtlich schnaufte das Ungeheuer und wandte sich desinteressiert ab.
„Nimm es ihm nicht übel. Er hat einen guten Sinn, was Menschen angeht. Vermutlich hat ihn die ganze Sache mit Rohan und Deidre genauso mitgenommen wie uns.“ "Ja ,es ist wirklich furchtbar. Die beiden Schützen haben ihre Arbeit zu gut gemacht."
"Woher willst du wissen, dass es zwei Angreifer waren?"
Seufzend ließ Nemed Angus' Hand los und trat einige Schritte zurück.
„Angus, ich hab einen Fehler gemacht.“

Kopfschüttelnd verließ Cathbad das Zimmer, um mit den Vorbereitungen für das Ritual zu beginnen. Es dauerte einige Stunden, ehe er den inneren Kampf überwunden hatte und wieder zu Deidres Kammer zurückkehren konnte. An der Tür überkamen ihn erneut Zweifel, doch durfte er jetzt keinerlei Gefühle zeigen. Würde er auch nur die kleinste Regung von sich geben, würde die arme Seele nicht ins Reich der Ahnen aufsteigen können. Sie würde hier bleiben, um die Trauernden zu trösten und anschließend in einer Zwischenwelt auszuharren.
Langsam verließ Cathbad seinen Platz an der Tür und ging auf das Bett zu. Schweren Herzens ergriff er die Decke und zog sie ihr über den Kopf.
„Ich bitte euch, nehmt diese arme Seele auf und heißt sie bei euch willkommen. Und nun finde deinen Weg ins Reich der Ahnen.“
Verständnislos über die Entwicklung der letzten Tage seufzte er.
„Deine Zeit, war noch nicht gekommen.“
Er nahm ihre Hand, um sie ebenfalls unter dem Laken zu platzieren. Fast dachte er, er würde träumen, als er sah, wie sich ihre Finger langsam bewegten. Doch schon im nächsten Moment waren sie wieder völlig leblos. Die kleine Flamme der Hoffnung erstarb wieder. Doch ein Geräusch, das eines tiefen Atemzuges, ließ Cathbad von einer Sekunde auf die nächste hellwach werden. Mit zitternden Händen griff er nach der Decke. Als er sah, wie sich ihr Brustkorb langsam hob und wieder senkte, zog er das Laken zurück und konnte einen Aufschrei nicht unterdrücken. Langsam öffnete Deidre die Augen.
„Willkommen zu Hause.“
Etwas desorientiert sah Deidre den alten Druiden an.
„Cathbad? Was ist passiert? Wo bin ich?“
„Es ist alles in bester Ordnung.“
„Wo ist Rohan? Ah!“ Als sie versuchte, sich aufzurichten, durchfuhr sie der Schmerz wie ein Blitz und sie wurde von Cathbad wieder in die Kissen gedrückt.
„Du bist verletzt worden und solltest dich jetzt nicht bewegen.“
„Was ist mit Rohan? Wir waren doch …“
„Rohan geht es bestens. Es ist alles in Ordnung.“
„Das ist schön.“ Beruhigt schloss sie die Augen und fiel in tiefen Schlaf.
„Schlaf jetzt, damit du wieder zu Kräften kommst.“
 
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