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Das Ende vom Tag

Kurzbeschreibung
GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P16 / Gen
02.10.2012
15.10.2012
6
10.786
 
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Dieses Kapitel
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02.10.2012 2.034
 
Ich habe versucht, Jules mal wieder langsam aus ihrem passiv-verzweifelten Schneckenhaus zu holen und sie ein bisschen aktiver zu machen. Aber wirklich positiver wird’s trotzdem nicht…





Sam lässt das Handy sinken. Zum ersten Mal seit langem ist er es, der meinem Blick ausweicht. Also bin ich es, die irgendwann die endlos tiefe, eiskalte Stille durchbricht: „Was ist das Schlimmste, Wordy?“

Ich höre Wordy ausatmen, zum Sprechen ansetzen – es bleibt still. So lange, bis ich mir nicht mehr sicher bin, ob ich die Frage wirklich laut gestellt habe. Mit jeder Sekunde wächst meine Angst, füllt meine Lungen und mein Sichtfeld aus. Und trotzdem will ich keine Antwort hören, weil ich weiß, dass es noch schlimmer wird als alles andere. Es wird das Schlimmste.

„Wordy, bist du noch dran?“ Sams Stimme ist leise, seine Atmung völlig gleichmäßig. Für jeden anderen würde er sicher und gefasst wirken, aber ich kenne diese Art von erzwungener Ruhe. Jeder Scharfschütze hat denselben kontrollierten Atemrhythmus, kurz bevor er schießt – und es hat absolut nichts mit wirklicher Ruhe zu tun. Das weiß ich, weil ich genauso atme. Mein Herz schlägt so langsam, als würde ich an einem Samstagabend mit einem Bier in meiner Küche sitzen. Es ist beunruhigend, wie fremd einem der eigene Körper manchmal ist.

„Ja, ja ich bin noch da.“ Armer Wordy. Wir sollten jetzt eigentlich für ihn da sein, sollten  verhindern, dass er seine eigenen Probleme immer zur Seite schiebt. Jetzt mehr denn je.

Und jetzt mehr denn je können wir es nicht.

„Wordy“, sage ich, einfach nur, um irgendetwas zu sagen, „wenn du jemandem zum Reden brauchst, oder jemanden, der mit Shelley redet, ich meine…“ Ich weiß nicht, was ich sagen soll. Ich weiß nicht einmal genau, was ich meine. Aber meine Probleme kommen mir plötzlich sehr klein und lächerlich vor. Grau ist eben doch heller als schwarz.

Immer noch sieht Sam mich nicht an, aber als ich seine Hand nehme, erwidert er den Druck und nickt ganz leicht. Ich nicke auch, ungleich heftiger als er. Was auch immer jetzt noch auf uns zukommt, wir werden es zusammen durchstehen. Und überstehen, das muss ich mir noch einreden, damit die Angst mich nicht gleich verrückt macht.

Was soll das? Worauf warten wir hier? Was ist so schlimm, dass Wordys tödliche Krankheit sich daneben so einfach dahererzählen lässt?

Wordy scheint dasselbe zu denken, die Worte stolpern jetzt schnell durch den Lautprecher: „Dr. Toth hatte einen Autounfall. Er ist tot.“

Das war’s? Und was ist daran schlimmer? Verdammt, was denke ich? Ein Mensch ist tot!

„Okay…?“ Ich schaffe es, mir die Erleichterung nicht anmerken zu lassen, aber meine Irritation schwingt eindeutig mit. Natürlich ist es furchtbar, wenn jemand stirbt, auch, wenn es ein Ekel wie Toth ist. Abgesehen davon, dass wir jetzt wahrscheinlich das ganze Prozedere neu machen müssen, oder schlimmer, dass irgendein anderer Psychologe mit Toths Ergebnissen weiterarbeitet, hatte vielleicht sogar er Familie. Es tut mir leid, dass er tot ist. Wirklich. Aber Wordy hat eine Frau und drei kleine Töchter, die ihn lieben, die ihn brauchen, und er wird in den nächsten Jahren Stück für Stück an Kraft verlieren, er wird irgendwann schwächer und hilfloser sein als seine Jüngste. Er wird seinen Job  verlieren, seine Selbstständigkeit, und auch mit der großzügigen Abfindung weiß ich nicht, ob er sich die beste Therapie leisten kann. Oder will, wenn dafür seine Familie Abstriche machen muss.

Und Wordy weiß,  dass ich das so sehe. Dass wir das so sehen. Also muss es noch mehr geben.

Wieso spricht er es nicht endlich aus?

Komm schon, Wordy, sag es… oder lass es, lass es mich vergessen, alles vergessen…

Ich lehne mich wieder an Sam, ich will nicht mehr stark und kalt sein. Mein Atem wird schneller, als ich meinen Körper zwinge, aus dem Polizistenmodus auszusteigen. Aus dem SRU-Ich. Aus dem Ich, das mit Wordys Krankheit und Toths Tod und dem, was auch immer noch kommt, fertigwerden muss. Ich bin so zerrissen.

„Wordy, sag schon!“ Jetzt verliert auch Sam die Geduld, und dabei – ich sehe es am Display – dauert das Gespräch in Wahrheit noch keine sieben Minuten.

„Toth ist nicht selbst gefahren, ihr…ihr kommt am besten ins Krankenhaus. St. Simons, ich…Leute, ich kann euch das nicht am Telefon erzählen, ich…“

„Wer ist gefahren? Was ist passiert, zum Teufel?“ Ohne es zu merken, habe ich mich aufgerichtet und Sam das Handy aus der Hand gerissen, ich sehe fast, wie Wordy aufrgund der Laustärke zusammenzuckt.

„Jules, es tut mir so leid. Ich…“ Ich höre ihn schlucken, und dann trifft mein großer, starker, bisher unerschütterlicher Kollege eine Entscheidung.

„Toths Wagen wurde von einem Lastwagen gerammt, auf dem Weg zum Flughafen. Er war sofort tot, aber am Beifahrersitz…also am Beifahrersitz war der Chef“, seine Stimme wird klein und hilflos, gepresst und immer schneller, aber ich begreife nicht, warum, was ist denn passiert, „er hatte noch Puls, als sie ihn geborgen haben, aber im Krankenhaus wurde keine Hirnaktivität mehr festgestellt, und… sie sagen, er wird nicht mehr aufwachen, sie drehen die Maschinen ab, wir sollen uns verabschieden. Ich hole gleich Spike ab, Ed ist schon im Krankenhaus, Sophie geht’s soweit gut, das Baby ist noch nicht da, und ich glaube, Dean wurde auch schon informiert, aber…“

Ich weiß nicht, ob Wordy noch weiterredet. Ich höre nichts mehr, nichts außer einem Rauschen, wie vom Regen, aber der ist doch draußen, nicht hier drinnen, oder werde ich nass? Ich spüre nichts mehr. Gar nichts. Nur die Kälte, die mich jetzt endlich überwältigt hat, die jeden Gedanken abtötet, und dafür bin ich ihr dankbar, für diese ewigen Sekunden der Fassungslosigkeit. Ich weiß nichts, gar nichts mehr, was immer hier auch geschieht, ich gehöre nicht dazu zu dieser grausamen kalten Welt, und das ist schön, eigentlich…

„Jules, ist ja gut, ist ja gut! Ich bin hier!“ Das Rauschen vergeht ein bisschen, als Sam mich an sich zieht und umarmt, aber dafür höre ich jetzt ein Wimmern, eine jammernde kleine Sirene, und langsam beginne ich wieder zu fühlen, ich spüre Sams Arme um mich, die mich so festhalten, dass ich nicht auseinanderbreche, denn ich glaube, das tue ich gerade.

Es ist vorbei, es ist vorbei, und jetzt fällt mir langsam ein, warum, der Gedanke löst sich aus der Starre, und ich will ihn nicht denken, ich will nicht!

„Jules!“ Ich werde nass, aber es ist nicht der Regen, es sind Sams Tränen, die auf mein Gesicht fallen, und sie schmelzen das Eis völlig, und plötzlich weiß ich es. Ich weiß, dass das Wimmern aus meinem Mund kommt. Ich weiß, dass Parker tot ist.

Sergeant Gregory Parker ist tot.

Mein Mentor, mein Freund, mein Chef, der Mann, der für mich wie ein Vater war, dem ich immer vertraut habe, und den ich so sehr gehasst habe in den letzten Stunden. Er ist tot.

Ich löse mich aus Sams Armen, und er lässt mich gehen, ich stolpere zum Fenster, reiße es auf und sehe immer noch den Himmel weinen, und endlich, endlich weine ich auch.

Jetzt endlich hört das Wimmern auf, weil die Tränen alles in mir auslöschen, ich weine, wie ich noch nie geweint habe, und trotzdem hilft es nicht, die Verzweiflung, die sich in meine Kehle gesetzt hat wie vorher das Eis, lässt sich nicht wegwaschen, ich kann nicht mehr, ich will nicht mehr, es war zu viel, warum Parker? Mein Gott, warum der Serge?

Reicht es nicht, dass Toth in ruiniert hat? Reicht es nicht, dass sein Team zerstreut und aufgemischt ist, war er nicht bestraft genug? Und ich habe ihm die Schuld gegeben. Gott, ich habe ihm die Schuld an allem gegeben, er wollte uns nur helfen, er hatte seine dummen, dummen Selbstzweifel, nur deshalb, nur weil er immer für uns stark sein will! Und ich habe ihm die Schuld für alles gegeben, ein schlechter Tag und ich habe an ihm gezweifelt, und er hat alles nur für uns getan!

Was war das letzte, was ich zu ihm gesagt habe?

Neues Eis tief in mir, ich taumele vom Fenster zurück, das Zimmer verschwimmt vor meinen Augen, aber die eine Frage bohrt sich scharf in die Irrealität um mich herum: Was war das letzte, was ich dem Serge gesagt habe?

Was war das letzte, was ich diesem Mann jemals gesagt habe? Ich weiß es nicht mehr.

Weiß er, wie sehr ich zu ihm aufschaue? Weiß er, wie stolz ich bin, in seinem Team zu sein, weiß er, wie sehr ich ihn liebe, wie sehr wir alle ihn lieben? Gott, warum? Warum musstest du ihn nehmen? Warum er? Das hat er nicht verdient! Warum?

„Jules, wir müssen fahren!“ Ich kann Sam kaum verstehen, so erstickt von Tränen ist seine Stimme, kraftlos drehe ich mich zu ihm um, falle in seine Arme, und er hält mich wieder, aber zum ersten Mal an diesem Tag kann er mir keine Trost geben, und ich merke es, ich halte es nicht mehr aus, ich ertrage die Nähe nicht mehr, es war verboten, es ist verboten, wir haben dem Serge so viel Ärger gemacht mit unserer Beziehung, nur, weil ich so egoistisch war, nur, weil ich dachte, wir wären zerstört. Jetzt sind wir es, aber jetzt kann ich nicht mehr weg. Jetzt muss ich stark sein, ich muss stark sein für den Serge, ich muss für das Team sorgen, und ich werde es tun, egal, was ich dafür aufgeben muss, ich werde nicht weggehen, ich kann nicht.

„Ich kann nicht“, flüstere ich und hoffe, dass Sam es versteht.

Er antwortet nicht, gibt mir nur meine Kleider, und ich ziehe mich an, fast so schnell, wie ich mich vor einer halben Stunde wieder ausgezogen habe. „Ich kann nicht“, wiederhole ich, und ein paar Minuten lang hören die Tränen auf, damit ich Sam ins Gesicht schauen kann. Da ist nichts, nur Traurigkeit.

Er hat den Serge nie gehasst. Er hat es begriffen, was ich nicht sehen wollte, er hat es gewusst, die ganze Zeit gewusst, dass der Serge alles, was er je getan hat, für uns getan hat, er war loyal, er war so, wie ich hätte sein müssen, er wusste, dass ich im Unrecht war, er liebt ihn, wir lieben ihn alle, er kann doch nicht tot sein!

Und jetzt muss ich ihm noch einen Schlag versetzen. Ich würde lieber sterben, wirklich, ich würde lieber tot sein, als jetzt hier zu sein mit all dem schrecklichen Wissen. Er sieht mich immer noch an, und ich streiche ihm über das Gesicht, küsse ihn, versuche, alle Liebe und alle Verzweiflung in diesen Kuss zu legen, und er zieht mich an sich, ganz fest, bis wir wieder eins werden, und ich weiß, dass er es weiß, dass da ein Abschied ist in diesem Kuss, ein Abschied, der so ewig sein muss wie der Abschied vom Serge.

Nach einem endlosen Wimpernschlag lässt Sam mich los. Sein Blick geht direkt in mein Herz, und ich kann nur hoffen, dass er alles darin sieht, was ich fühle.

Dass ich ihn liebe, mehr als alles andere auf dieser Welt. Dass er mein Leben gerettet hat in jeder Hinsicht. Dass er mich heute gerettet hat, dass er mir die Kraft gibt, jetzt das Richtige zu tun, obwohl ich es gar nicht tun wollte, dass er der beste Mann war, den dieses Team und der Chef jemals bekommen konnten. Dass ich ihn liebe, und dass es nie jemanden anderen in meinem Leben geben wird, aber dass es vorbei ist.

Ich hoffe, dass er es sieht, aber ich darf es ihm nicht sagen, denn sonst werde ich schwach.

„Ich kann das Team nicht im Stich lassen“, flüstere ich, und er schenkt mir sein Lächeln, sein trauriges, treues, liebevolles Sam-Lächeln. „Natürlich kannst du das nicht, Lianna. Und ich kann es auch nicht.“ Er nimmt mein Gesicht in seine Hände, als würde er es für immer im Gedächtnis festhalten wollen, dann umarmt er mich noch einmal, so fest, dass mir die Luft wegbleibt, und ich vergrabe mein Gesicht an seinem Hals.

Er lässt mich los, zieht sein T-Shirt gerade und geht zur Tür. „Wir müssen los, Jules.“

Die Tränen sind wieder da. Greg Parker ist tot, und kein Opfer meinerseits kann das je wieder ändern. Nichts, was wir tun oder lassen, kann ihn zurückbringen.

„Fahren wir.“
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